mica-Interview mit Neonstream

Neonstream setzt erst auf Zufall und dann auf Kontrolle. Der freien Improvisation folgen Nachhören, Analyse und Abstimmung. So entstehen jene Tracks, entsteht jene Musik, die Neonstream auf ihrem neuen Album bündelt und in diesem Jahr veröffentlicht. Die fünf Musiker erkunden nicht nur in der Produktion neue Wege, sondern suchen auch im Finanzierungsmodell nach Alternativen. Dass sich diese Formation basisdemokratisch gibt, verwundert ebenso wenig, wie es sich in der respektvollen und aufmerksamen Gesprächskultur spiegelt, die als ideale Basis für das Interview mit Lucia Laggner dient.

Wie und wann ist das Projekt Neonstream entstanden?

Mike: Das Urprojekt bestand aus Gabriel und Tobi, die Nachbarn waren und in ihrer Garage gemeinsam Garagerock gespielt haben. Ich kannte die beiden vom Fußballverein. Als wir 2006 am Novarock waren, haben wir beschlossen, gemeinsam eine Band zu gründen und damit irgendwann beim Novarock zu spielen (lacht). Ab diesem Zeitpunkt hat eines zum nächsten geführt. Zunächst haben wir einen Bassisten gesucht und den Clemens gefunden. Dann ist eine Sängerin in unsere Band gekommen mit der wir nicht zusammengefunden haben. Und schließlich ist der Matthias in unsere Band gekommen. In dieser Konstellation haben wir fast drei Jahre lang unter dem Namen The Vagitamins gespielt und 2010 eine etwa einjährige Übergangsphase gehabt, in der wir viel improvisiert haben und sich auch das gesamte Projekt gewandelt hat. Ein neuer Name war fast eine logische Konsequenz. Seit damals spielen wir unter Neonstream.

Matthias:
Aus dem Willen heraus besser zusammen zu spielen, haben sich klarere Strukturen ergeben. Wenn man wirklich frei improvisiert on Stage, dann können Ungereimtheiten entstehen. Um das zu umgehen, haben wir Strukturen gebraucht. Das Songwriting basiert zwar weiterhin auf Improvisation, aber live improvisieren wir nur im kleineren Rahmen.

Jede Band setzt sich aus mehreren Protagonisten zusammen. Die Wünsche dieser müssen durch Kompromisse vereint werden. Wo kommt jeder von euch musikalisch her? Wie lassen sich eure individuellen Vorstellungen in dieses Projekt einfügen und welche Wünsche bleiben unerfüllt?

Tobi: Generell ist es so, dass unsere Songs aus Improvisationen entstehen. Dadurch kann jeder seinen Teil beitragen und muss gleichzeitig auf die anderen Rücksicht nehmen. In jedem Fall gewährleistet dieser Prozess, dass jeder seine individuellen Wünsche in den Schaffensprozess einfließen lassen kann.

Clemens: Das interessante dabei ist, dass wir basisdemokratisch organisiert sind. Wenn wir an neuem Material arbeiten, dann bringt jeder seine Ideen ein und wir schneiden das Ganze mit. Im gemeinsamen Anhören werden dann Entscheidungen getroffen.

Gabriel: Dann muss man sich eben damit abfinden, wenn etwas anders läuft, als man selbst es wollte. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, finde ich, weil am Ende meistens das rauskommt, was sich alle gewünscht haben.

Mike: Unsere Art Songs zu schreiben, basiert darauf, dass jeder seinen Input einbringen kann. Das macht es allerdings noch schwieriger, Kompromisse einzugehen, als etwa bei einem Singer Songwriter Konzept. Ich glaube auch, dass die Art und Weise, wie wir als Band funktionieren gar nicht möglich wäre, wenn wir uns als Menschen nicht sehr gut verstehen würden. Sonst kannst du Kompromisse nicht mit einer derartigen Bereitschaft eingehen.

Matthias: Das heißt natürlich auch, dass jeder emotional stark verankert ist und schon mal hitzigere Auseinandersetzungen bezüglich einzelner Bausteine einer Nummer entstehen können.

Gabriel: Unser Produzent hat das ganz nett ausgedrückt. Er meinte, er kenne keine Band, die so viel über ihre Songs diskutiert. Wenn irgendwas auch nur einem Mitglied nicht gefällt, dann wird das sofort diskutiert und das macht die Band letztlich auch aus. Es ist lustig und super, aber kann natürlich auch am Nerv gehen.

Tobi:
So eine Art Songs zu schreiben funktioniert tatsächlich, wie schon Mike gesagt hat, nur deshalb, weil wir uns alle lange und gut kennen.



Ihr habt beschlossen dem wenig lukrativen Musikbusiness ein Bein zu stellen und auf Crowdfunding Jagd zu gehen. Etwas mehr als ein Monat habt ihr gesammelt. Wie zufrieden seid ihr mit dem Ergebnis und was werdet ihr mit diesem Geld finanzieren können?

Matthias: Wir haben bewusst einen niedrigeren Betrag gewählt, als unsere Gesamtkosten. Trotzdem ist mehr rausgesprungen als wir uns erwartet hätten. Wir sind bei 150% Prozent des zu erreichenden Zielbetrags gelandet. Von diesem Betrag, und das ist natürlich ein Haufen Geld, müssen wir Kosten decken. Durch ein derartiges Konzept dreht man den Spieß um. Man lässt sich vorfinanzieren, aber das Geld, das wir reinbekommen wird gleich wieder gefressen. Die Alben, die wir jetzt schon als “Goodies” im Crowdfunding Projekt verkauft haben, müssen produziert werden, sind aber bereits bezahlt und vergeben. Man darf sich davon nicht täuschen lassen.

Clemens:
Man muss auch sagen, dass es für uns eine Verantwortung ist, die wir nun zu tragen haben. Wir haben ein Projekt vorgeschlagen und die Menschen, die gespendet haben, sollen auch das erhalten, was wir angekündigt haben. Das Prinzip des Crowdfunding besagt, dass man damit nur einen Teil des Projekts finanzieren sollte. Man muss ehrlich sein und genau erklären, was konkret unterstützt werden soll. Einfach nur um Geld zu bitten, ist mit Sicherheit zu wenig.

Matthias:
Es wird auch oft gesagt, das Crowdfunding nicht die einzige Einnahmequelle darstellen kann, muss, soll. Man sollte sich nicht nur vom Crowdfunding abhängig machen, sondern mehrere Quellen haben. Wir werden etwa auch von “Cash for Culture” unterstützt, die als Kulturförderer der Stadt Wien auftreten. Dadurch ist schon ein recht großer Teil gesichert. Vor dem Hintergrund, dass Albumverkäufe nicht mehr wahnsinnig viel Geld einbringen, ist dieses Modell eine große Chance die Alben zu finanzieren. Selbst die Leute, die das Album normalerweise illegal runterladen, würden, wenn ihnen eine Band gefällt, diese im Vorhinein unterstützen, denn solange das Album nicht draussen ist, können sie es auch nicht hören. Natürlich will jeder, dem deine Musik gefällt, dass ein Tonträger erscheint. Letztlich wirst du so also mehr Unterstützung für dein Album finden, als wenn du es einfach nur produzierst und dann zum Verkauf anbietest. Ich sehe im Crowdfunding eine große Chance.

Ihr habt das Glück auch international auftreten zu können. Was sind in eurer Wahrnehmung die Unterschiede zum heimischen Publikum?

Gabriel: Wir haben viel in Tschechien gespielt, weil wir dort eine befreundete Band haben, die Matthias und Tobi über das Internet kennen gelernt haben. Aus dieser Bekanntschaft sind zwei Touren entstanden. Ich muss sagen, und ich denke für alle in der Band sprechen zu können, dass das Publikum in Tschechien enthusiastisch und offen ist. Auch in Ostdeutschland findet man dieses Phänomen. Die Menschen kommen zu den Auftritten, weil sie eine Band sehen wollen, ohne je was von ihr gehört zu haben. Das Vertrauen ist ein anderes.

Tobi: Dort ist es einfach eine Abendgestaltung, auf Konzerte zu gehen, auch wenn man die Band nicht wirklich kennt. Ich glaube, dass zum Teil natürlich auch der Ausländer- und Exotenbonus mitspielt.

Gabriel: Es erwartet auch keiner, dass so eine Musik aus Österreich kommt, weil die heimische Szene doch vor Kurzem noch sehr klein und im Ausland kaum bekannt war.

Clemens: Das Spannende ist, dass in Tschechien an Orten, wo wir es nicht erwartet hätten, unsere Musik irrsinnig gut angekommen ist. Einmal etwa haben wir auf einem Bierfest in einem Bierzelt performt. Das Publikum war jenseits der 50 oder unter 10 Jahre alt. Die sind zu unserer Überraschung geblieben. Da war ein Publikum, das uns in Österreich, überspitzt formuliert, mit einer Heugabel aus dem Zelt gescheucht hätte. In diesem Fall war es so, dass ein älterer Mann, der Koch aus dem Nebenzelt, zu uns gekommen ist und sich bedankt hat.

Matthias:
Wir waren gerade erst in Dresden und die lokale Band mit der wir aufgetreten wären, ist kurzfristig ausgefallen. Da haben wir kurzerhand mit einer tschechischen Band gesprochen, die dann auch eingesprungen ist. Letztlich war dann trotz Schneesturm, Eiseskälte und “geändertem” Lineup die Location voll. In Wien war es kurz danach so, dass Gabriel krank geworden ist und wir auf Facebook geschrieben haben, dass unser Auftritt nicht 100%ig fix ist. Der Gig hat dann nicht statt gefunden und es waren trotz Ersatzband nur 35 Leute da. Ich glaube, dass es in Dresden auch an der Größe liegt. Die Stadt ist kleiner, es gibt nicht so viele Clubs – diese haben aber ein viel aktiveres (Stamm-)publikum. In Wien sind die Leute auf Grund der größeren Auswahl auch oft träge.

Die österreichische Musiklandschaft ist ausgesprochen vielfältig. In Wien passieren zur Zeit gerade im elektronischen Bereich sehr viele spannende Dinge. Fühlt ihr euch in dieser Umgebung als Band wohl?

Tobi: Teils, teils… Grundsätzlich sehen wir das nicht als bedrohliche Konkurrenz, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Wir haben schon mit sehr, sehr vielen Wiener Bands Konzerte veranstaltet und wir werden auch oft gefragt, ob wir andere Bands supporten wollen. Es ist ein sehr freundschaftliches Klima vorhanden. Andererseits gab es natürlich auch schon Tage, an denen neben einem Konzert von uns viele andere Konzerte stattfanden und wir uns dadurch das Publikum teilen mussten.

Matthias: Rein finanziell ist in der elektronischen Musik sehr viel Geld daheim. Meistens ist das personelle Setup reduziert, es steht nur einer alleine auf der Bühne und es kommt von der Arbeit, die reingesteckt wird im Vergleich zu dem, was eine Band reinstecken muss, viel mehr raus.

Gabriel: Du musst auf niemanden Rücksicht nehmen. Man macht das vielleicht alleine oder zu zweit und das an einem Computer.

Matthias: Michael, Gabriels Bruder, ist vor kurzem in der Schweiz aufgetreten. Vom Flug über das Hotel wurde alles gezahlt. Wenn in Clubs ein Dj spielt, dann gehen viele Menschen aus und wollen Party machen. Bei einem Konzert ist die Atmosphäre eine andere. Elektro Guzzi schlagen eine gute Brücke, weil sie auch ihr eigenes Zeug spielen. Als sie in der Pratersauna gespielt haben, war ersichtlich, dass es extrem gut funktioniert.

Gabriel: Mike und ich sind beide sehr von House und Techno beeinflusst und das bringen wir sicher auch zum Teil in die Band ein.

Mike: Es kommt auch einfach gut an. Elektronische Musik ist extrem im Vormarsch. Four to the floor funktioniert. Sei es im Pop oder im Techno, wo auch immer. In dieser Umgebung fühle ich mich sehr wohl. Und wir merken das live auch. Zwei Lieder auf unserem neuen Album spiegeln diese Entwicklung wider und machen uns allen sehr viel Spaß. Und wie gesagt, es kommt einfach total gut an.

Clemens: Unsere Sets sind auch immer mehr in diese Richtung aufgebaut. Zu Beginn spielen wir rockig, dann wird es elektronischer und zum Schluss folgen unsere “technoiden” Nummern. Das hat ganz gut funktioniert, weil das Publikum auf diesen konzertcharakteristischen Anfang einsteigt und das Ganze in einem Clubfeeling endet.

Matthias: Wir haben auch überlegt, ob wir das umdrehen sollen, aber das haben wir noch jedes Mal verworfen.

Was sind eure Pläne für 2014?

Tobi: Wir haben viele Pläne. Von Frühjahr bis Sommer werden wir einige auch internationale Konzerte spielen. Unter anderem wieder in Dresden. Dann bereiten wir uns auf den Albumrelease im Herbst vor. Unser zweites Werk, das ist definitiv die große Ankündigung, wird auf “Noise Appeal Records” erscheinen. Nach diesem Release folgt eine weitere zwei- bis drei-wöchige Tour durch Österreich und Europa.

Matthias: Ein Video ist auch noch im Entstehen.

Clemens: Natürlich ist es so, dass wir Musik machen und gerne viel Zeit dafür aufwenden, aber wir müssen auch alles darum herum selbst organisieren und umsetzen. Das Crowdfunding war sehr intensiv, die Konzerte und Touren kosten viel Zeit und unterm Strich muss man wirklich sagen, dass das auch anstrengend und kräfteraubend sein kann.

Matthias: Gerade eine gute Planungsphase und das Kontakteknüpfen zählen zu den wichtigsten Dingen. Das Netzwerken kann man nicht auslassen. Das ist enorm wichtig.

Was werden die kommenden Generationen für Musik hören? Wer wird sie machen und wie wird sie sich finanzieren lassen?

Matthias: Die Playbutton Dj-Szene auf der einen und die Liveszene auf der anderen Seite werden sich immer stärker auseinander entwickeln. Irgendwann wird eines von beiden zum Stehen kommen. Viele arbeiten daran beides zu verbinden. Das tun wir ja zum Teil auch, aber ich glaube, dass es sich aufsplitten wird. Der Konsum wird von Trägern wie Spotify usw. genutzt und die Produzierenden leiden darunter. Daher werden Mittel wie Crowdfunding immer wichtiger, um sich selbst finanzieren zu können. Die Indieszene ist immer mehr am Vormarsch. Auch große Künstler verabschieden sich von den Majorlabels. Das ist eine Tendenz, die sich weiter entwickeln wird.

Gabriel: Zunächst glaube ich, dass sich die Zukunft speziell für auftretende, kleinere Bands sehr rau gestalten wird. Mit Mike habe ich ein sehr geiles Beispiel für eine Band gesehen, die Elektronik und Live gut vermischt. Bei Rave on Snow haben “Karocel” live mit Sängerin, Dj, Saxophon usw. performt. Das war wirklich sehr cool. Ich denke, dass da die Zukunft liegt.

Tobi: Ich glaube, dass sich die Musik insofern verändern wird, als dass sich eine Vermischung zwischen Musik und Event vollzieht. Die Künstler und Künstlerinnen werden nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern Teil des Events sein, in dem Performance und Unterhaltung verschwimmen. Insofern wird das klassische Vermarktungskonzept zusammenbrechen, das Geld in diese Eventkonstrukte fließen, und dort auch für Bands zu holen sein.

Clemens: Die Entwicklung der Musikproduktion hin zu mehr Dynamik, wäre wünschenswert. Ich fände es gut, wenn man wieder Nummern hören könnte, deren Wellenform nicht die ganze Zeit am Amplitudenmaximum dahin schrammt. Gerade bei alten, guten Alben hört man, wie viel Dynamik ausmachen kann. Mit Stille und leiseren Passagen lässt sich ein völlig anderes Hörerlebnis erzeugen.

Mike: Die nächsten 100 Jahre hören die Menschen Neonstream. Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben (lacht). Nein, ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Zur Zeit geht es auf jeden Fall stark in die elektronische Richtung. Die CD wird als Tonträger aussterben. Aber was mich jetzt unterm Strich einfach am meisten interessiert ist, wie unser Album rezipiert werden wird.
Lucia Laggner

Photocredits: Thomas Unterberger

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