
Wenn man sich die Charakteristika vor Augen hält, die Jochen Summer auszeichnen, bringt das ein gewisses Maß an vermeintlich nur schwer zu vereinbaren Obskuritäten ins Spiel: Er kommt von einem Bauernhof irgendwo in der Steiermark, hat lange Zeit vom Fahrradfahren gelebt, hat die wahrscheinlich weltweit größte Sammlung an Melvins-Tonträgern, -Puppen und -Fleischdosen sowie sein eigenes Weirdo-Label namens Rock Is Hell. Dessen Prinzip scheint „von Sammler, für Sammler“ und „mit Liebe gepresst“ zu lauten: Veröffentlicht werden kleine Auflagen in verschiedenen Editionen auf ungewöhnlichen Formaten, etwa altmodische Musikkassetten oder 2×5“ und 8×12“-Vinyl-Boxen – ohne die Intention, Profit zu machen. Heute lebt Summer mit seiner Frau Iris in Judenburg.
Wie bist du grundsätzlich in die Musik, ins Hören und Sammeln reingeschlittert?
Jochen Summer: Das fing an vor gut 15 Jahren, von da an hat sich alles langsam entwickelt: am Anfang hab ich Metal Richtung Iron Maiden gehört, aber nebenbei schon Queen. Ich bin ja mitten am Land aufgewachsen und hab wenig Bezug zu dem Ganzen gehabt, aber irgendwann dann „Nevermind“ von Nirvana gekauft und begonnen, mich für die Geschichten, die im Hintergrund passieren, zu interessieren, was für Bands wen beeinflusst haben – und da ist dann mein Interesse immer größer geworden.
Wie und wann kam es zum eigenen Mini-Label?
Jochen Summer: Der Anfang ist nicht ganz definierbar, weil ich da zwei Melvins-Bootlegs rausgebracht und die entweder verschenkt oder zum Selbstkostenpreis hergegeben habe – das war 2002. Das erste offizielle RIH-Release war die Bulbul – „Rosl“ 2004.
Gab es spezielle Beweggründe, um das Label aus der Taufe zu heben?
Jochen Summer: Eigentlich nur aus Spaß und weil mich das interessiert hat. Ich spiele leider selbst kein Instrument, wollte aber etwas mit Musik machen, und da ich ein Vinyl-Liebhaber bin, ging ich dann in die Richtung. Es ist nicht das Ziel von Rock is Hell, Gewinne zu machen, da müsste ich eine andere Herangehensweise und andere Formate wählen und das Ganze weniger aufwändig gestalten. Mein Hauptziel ist, dass ich schöne, besondere Sachen mache.
Dazu musst du Beruf und Hobby streng trennen. Professionelles Radfahren war ja lange Zeit deine Verdienstquelle und du konntest dir Rock is Hell dadurch leisten. Jahrelang war das Label ein Einmannbetrieb – doch im Oktober 2012 kam es zur Vereinsgründung. Warum das?
Jochen Summer: Erstens, damit das Finanzielle endlich weg ist von mir als Person und zweitens das Label endlich einen vernünftigen rechtlichen Status hat. Der Obmann bleibe ich; Vizeobmann ist Peter Pfister, mein Beistand und Vinyl-Nerd; Kassiererin ist meine Frau Iris; Schriftführer David Reumüller, der sonst u. a. bei Reflector spielt.
Wer hilft dir generell so beim Label?
Jochen Summer: Iris hilft sehr viel mit bei den Produktionen. Und der Richie (Herbst, Interstellar Records) ist inzwischen zum zweitwichtigsten Helfer bei Rock is Hell geworden, dafür helfe ich inzwischen bei Interstellar Records mit. Seit der Richie in Graz ist ergänzen wir uns da sehr gut. Und es gibt dann noch die „Vinylnutten“ die immer wieder mal Cover kleben oder verpacken helfen kommen für eine gratis Platte, das sind der Peter Pfister, der Meier May und der Andi Heller (u. a. Reflector), alle aus Graz und sehr gute Freunde…
Wie bist du am Anfang zu so viel versprechenden Künstlern gekommen, die ja eigentlich labeltechnisch schon wo anders zu Hause sind? Etwa Bulbul, Reflector,…?
Jochen Summer: Bulbul habe ich schon vorher gekannt. Da bin ich extra von einem Radrennen nach Graz auf ein Konzert von ihnen gefahren und auf einmal ist Ratti [Anm. d. Verf.: Bassist von Bulbul] zu mir gekommen und hat gesagt „Hey, du bist doch Jochen, oder? Wir kennen dich vom Radlfahren.“ Das ging dann so weiter und irgendwann sind wir auf Rock is Hell zu sprechen gekommen, und anfangs war der Tenor „Ja, wieder einer der viel redet, aber im Endeffekt nichts macht.“ – und das ist dann bei mir hängen geblieben und ich habe mir gedacht, das kannst du nicht auf dir sitzen lassen!

Jochen Summer: Ich war da lang hartnäckig. Die Melvins sind schon vorsichtig geworden und haben rausgefunden, dass man im Musikbusiness nicht jedem vertrauen kann, besonders, wenn man – so wie sie – sein eigenes Ding machen will.
Und dann hast du doch diese unglaublich fette Box veröffentlicht, mit acht LPs!
Jochen Summer: Ja, das Ziel habe ich nach sieben Jahren langem Kontaktieren und immer wieder Nachfragen erreicht und die Zusammenarbeit war dann sehr einfach und entspannt.
Hast du was anderes mit den Melvins geplant bzw. was ist dein neues Ziel, nachdem du das ja geschafft hast?
Jochen Summer: Zurzeit ist mit ihnen nichts Weiteres geplant, da kann aber immer etwas kommen. In meinem Kopf gibt es bereits Pläne für ein anderes ultimatives Projekt – nicht mit den Melvins. Aber das ist noch nicht spruchreif, darüber will ich noch nichts sagen.
Wie bereits angesprochen ist es eine Besonderheit von Rock is Hell, dass es nicht nur darum geht, was, sondern auch wie etwas veröffentlicht wird. Nicht nur mit den eigenartigen Formaten, sondern es kommen auch Künstler wie Dennis Tyfus und Heimo Wallner als Layouter zum Einsatz. Wie wählst du Musiker und Künstler aus?
Jochen Summer: Solange ich das als Hobby mache, nur was mir gefällt und nur Musik, die ich mir auch selbst gern anhöre – alles andere macht keinen Sinn. Ich krieg auch immer wieder Promos von anderen Bands, aber denen muss ich leider oft zurück schreiben, wie meine Philosophie ist und dass sich die nicht mit ihrer Musik vereinbaren lässt. Doch wenn ich einmal zugesagt habe, dann lasse ich völlige Freiheit, jeder Musiker und jeder andere Künstler kann bei mir in völliger Eigenregie arbeiten – außer die Länge der Lieder und die Größe der Covers, die sind durch das Format gewissermaßen vorgeschrieben.
Wie ist für dich die vitale Steirer Szene mit all den anderen Bands und Labels, also u. a. Schnapsidee Records, Reflector, The Striggles, die Sisi Top Studios und die unzähligen Projekte, die da ein und ausgehen. Und du bist jetzt von Graz nach Judenburg gezogen – wird sich da was ändern?
Jochen Summer: Für das Label selber wird sich nichts ändern – außer dass ich jetzt meinen eigenen Siebdrucktisch habe! Früher hat mir da Heimo Wallner (u. a. Fugu and The Cosmic Mumu) immer geholfen. Aber ich habe zuvor mein eigenes Ding gemacht und das wird auch weiterhin so bleiben. Was mir jetzt aber schon abgeht ist der ständige Kontakt mit der Szene, die sich ja hauptsächlich in Graz abspielt. Der Austausch und die Kommunikation waren schon sehr wichtig und ist jetzt eben nicht mehr so gegeben.
Wie sieht der Vertrieb bei dir aus? Früher hast du ja alles selbst vertrieben, dir im Internet gute Plattenläden gesucht und gebrannte CDrs als Promomaterial verschickt.
Jochen Summer: Ich vertreibe nach wie vor alles selber. Geändert hat sich nur, dass ich inzwischen meine drei fixen Shops in den USA habe und die Promotion auf fast null reduziert habe. Wenn Rock is Hell eine Kooperation mit Interstellar oder Noise Appeal macht, dann übernehmen sie die Promotionsarbeit, ich mache dann meist die Organisation der Vinylproduktion. Die einzige Promo die ich mache läuft über Musikforen, bei denen ich die neuen Releases poste. Auf Zeit werden immer alle Platten verkauft und Stress hab ich ja keinen.
Und wo lässt du die Platten pressen?
Jochen Summer: Fast immer bei Records Industry in Holland. Aber jetzt feiere ich Geburtstag und es kommt das 50. Release. Den Vinylschnitt für die 50er LP habe ich bei SST machen lassen.
Wow! Wer ist da drauf zu hören und wann kommt die?
Jochen Summer: Geplant ist, dass sie auf Majas Musikmarkt Ende April erscheint. Da drauf sind sämtliche Künstler, die in den letzten Jahren bei mir veröffentlicht haben. Aaaalso Bulbul, Martin Zrost, Maja Osojnik, Hella Comet, Tumido, The Striggles, Heifetz, Reflector und noch einige mehr. Und NoOne – das bin ich mit meinem ersten musikalischen Zeichen.
OK, da bin ich schon gespannt. Die obligate letzte Frage: Hast du sonst noch was zu sagen?
Jochen Summer: Kauft’s Rock Is Hell!
Foto: Rock is Hell
http://rockishell.bigcartel.com/