mica-Interview mit Harri Stojka

Harri Stojka gastiert am 22. Februar mit seinem Projekt India Express im Gasometer und geht auf Österreich-Tournee. Im Gespräch mit Sebastian Fasthuber spricht der Ausnahmegitarrist über diese Herzensangelegenheit und zieht Zwischenbilanz über seine Musikerlaufbahn, die schon über 40 Jahre andauert und in der er von Jazz bis Punkrock so ziemlich alles abgedeckt hat. Auch an die Zukunft denkt Stojka. Er möchte weiterhin überraschen: sein Publikum und sich selbst.

Ihre Tante Ceija Stojka ist gerade gestorben.
Ja, mein Vater hat alle überlebt. Er ist der letzte von den sechs Geschwistern, der noch lebt.

Und der Vater hat Sie zur Musik gebracht?
Er hat mir irgendwann vom Jahrmarkt eine Plastikgitarre mitgebracht. Da war ich ungefähr sechs Jahre alt. Er war mit seinen Teppichen viel auf Jahrmärkten, weil da parallel dazu auch Teppichausstellungen gelaufen sind. Anscheinend hat mich diese Plastikgitarre so interessiert, dass er mir meinem Alter entsprechend immer größere Gitarren gekauft hat. Den ersten Gitarrenunterricht habe ich übrigens von meiner Schwester gekriegt. Die wäre eine große Gitarristin geworden.

Wenn man zurückschaut, verwundert es, dass Sie erst Mitte 50 sind. Immerhin sind Sie schon seit mehr als 40 Jahren aktiv.
Seit 1970 bin ich dabei. Ich habe immer geglaubt, ich mach’ nichts. Aber wenn ich zurückschaue, dann hat sich schon irrsinnig viel angesammelt. Eigentlich war ich damals ein Mitbegründer der Wiener Szene. Da waren ich, mein Cousin Karl Ratzer und mein Cousin Jano Stojka, der damals Schlagzeug gespielt hat. Dann habe ich gespielt mit Novaks Kapelle, mit der Hallucination Company, mit Richard Schönherz, mit André Heller, mit der Erika Pluhar. Und das waren nur die 70er Jahre. Inzwischen habe ich auch fünf Welttourneen gemacht. Da ist schon einiges zusammengekommen, wenn ich so Bilanz ziehe. Hoffentlich ist es nur eine Zwischenbilanz.

Die erste Band war aber Gypsy Love?
Nein, vor Gypsy Love habe ich mit meinem Cousin gemeinsam die Band Jano + Harri gehabt. Das war damals die jüngste Band in Österreich. Ich war 13 und der Jano 14. Einen Bassisten haben wir auch dabei gehabt, das war stellenweise der Kurti Hauenstein, der spätere Supermax. Später habe ich dann den Kurti bei Gypsy Love ersetzt. Mein erstes Konzert habe ich mit Jano + Harri in der Arena 70 beim Südbahnhof gespielt.

Sie haben damals Rock gespielt, sind in den 70ern aber immer mehr Richtung Jazz gegangen. Was ist Ihre musikalische Ursuppe?
Ich komme eigentlich vom Rock. Aber ich komme von so vielen Dingen. Mein Vater war ein totaler Jazz- und Swingfan, bei uns daheim ist immer Frank Sinatra und Nat King Cole gelaufen. Parallel dazu haben wir aber immer auch Elvis Presley gehört, meine Mutter war ein Riesenfan von ihm. Und meine Schwestern und ich waren totale Beatles-Fans. Mit diesen drei Elementen bin ich aufgewachsen. Komischerweise hat mein Herz immer schon dem Jazz gehört. Ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht liegt es daran, dass mir der Gitarrensound im Jazz schon als Kind am besten gefallen hat.

Novaks Kapelle war da ein richtiger Ausreißer.
Das war Punkrock. Ich habe parallel dazu aber immer Jazz gespielt. Auch wenn ich bei noch so einer harten Rockband war, zu Hause habe ich immer Jazz geübt. Bei den Novaks habe ich halt den jungen Wilden raushängen lassen. Deswegen sagen ja viele Journalisten, ich bin einer der vielseitigsten Gitarristen, die sie kennen. Ich fühle mich beim Rock wie beim Free Jazz total wohl. Nur Klassik kann ich nicht spielen. Ich kann nicht nur die Noten spielen, die einer vor 300 Jahren geschrieben hat. Ich brauche meinen Freiraum.

Macht es die große Bandbreite schwieriger, sich selbst zu vermarkten?
Klar bin ich kein Megaseller wie der George Benson, aber das muss ich auch nicht sein. Ich kann leben von meiner Musik und ich kann auf Urlaub fahren, wann ich will. Das reicht mir und mehr kann man sich eh nicht erhoffen. Am erfolgreichsten bin ich weltweit als Roma-Musiker, weil die Leute merken, dass das nichts Angeeignetes ist, sondern meine Identität. Das ist aus meiner Kultur gewachsen.

Sie hätten sicher eine größere Karriere machen, wenn Sie sich an einem Punkt auf einen gewissen Stil festgelegt hätten.
Vielleicht. Es gibt aber auch andere Dynamiken. Es kann sein, dass mich ein Veranstalter anruft, der zum Beispiel das Stadtfest macht. Der sagt: Harri, ich will, dass du bei uns auftrittst – aber mit einem neuen Projekt, weil du mit dem alten schon bei uns gespielt hast. Also setze ich mich gemeinsam mit meiner Frau hin und denke mir etwas Neues aus. Dadurch entstehen irrsinnig verschiedene Geschichten. Es ist auch besser, vielseitig zu sein, weil man in verschiedensten Locations spielen kann. Viele Musiker, die ich kenne, sind fixiert auf ihr Ding und können nicht um einen Grad abweichen von ihrer Linie. Die haben sich selber die Hände gefesselt. Wenn ich nur Gypsy Swing machen würde, könnte ich nur in einer gewissen Szene agieren. Mit meinem Projekt mit den Indern spiele ich sogar im Gasometer.

Ist India Express ein Herzensprojekt?
Es hat sich zu einem meiner Hauptdinger entwickelt und ist ein Höhepunkt für mich. Es vermischen sich da vier Elemente: Rajasthan-Musik, New-Delhi-Musik, Balkan-Musik und Gypsy-Musik. Vieles hat sich daraus ergeben, dass wir auf unserer ersten Tournee hier einen freien Tag hatten. Ich bin zur Marianne Mendt gegangen und habe sie gefragt, ob wir ihr Studio für diesen Tag mieten können. An dem Tag haben wir das ganze Album aufgenommen. Das sind unglaubliche Musiker.

Soll das Projekt weitergehen?
Das ist eine Frage der Logistik und der Kohle. Wir kriegen keine Förderung dafür, die Tournee zahlen wir. Vor allem ist es ein irrer organisatorischer Aufwand. Es wär auch interessant, dieses Projekt einmal in Indien vorzustellen. Da gibt’s irre Locations. Mitten im Dschungel tut sich auf einmal eine Konzerthalle für 1.500 Leute auf.

Wie oft waren Sie in Indien?
Ich war zwei Mal dort. Ich habe schon einmal auf Jazzfestivals dort Gypsy-Swing gespielt. Das ist super angekommen, mit Standing Ovations. Aber da haben wir keine Zeit gehabt, uns etwas vom Land anzuschauen. Als wir dann den Film gedreht haben, waren wir fünf Wochen drüben. Das war schon was Anderes.

Wie haben Sie Indien wahrgenommen?
Ich habe einen totalen Kulturschock gehabt. Das Nebeneinander von Arm und Reich, wie man es dort sieht, kennen wir hier nicht. Da fahren welche in Prunkautos durch die Slums und daneben verhungern die Leute. Die Reichen steigen einfach über die Armen drüber, die dort auf der Straße schlafen. Keiner schaut mehr. Und dann die bettelnden Kinder, da kommen Trauben auf einen zu. Interessant war, dass ich nach drei, vier Tagen selber schon weggeschaut habe. Es geht nicht anders, du kannst nichts machen.

Wie war es musikalisch?
Das war das Positive. Es ist unglaublich, wie die Leute an ihren Instrumenten hängen. Da gibt’s ein Instrument, so eine Art indische Kastagnetten. Der Musiker, der die auf der Platte spielt, übt permanent. Der hat sonst nix, kein Geld, kein Auto, keinen Fernseher. Nur ein Handy hat er, das haben alle. Der spielt den ganzen Tag. Da habe ich auch wieder Lust bekommen aufs Üben. Nach 40 Jahren hat man ja irgendwann nicht mehr so viel Bock, sein Instrument anzugreifen.

Sie waren immer Berufsmusiker, haben nie etwas anderes gemacht. Da gibt es auch kreativ weniger gute Zeiten. Wie haben Sie die überbrückt?
Mit „Raumschiff Enterprise“.

Wie?
Na, ich hab viel ferng’schaut. (Lacht) Was willst du sonst machen? Erzwingen kann man es nicht. 80 Prozent der Zeit geht mir das Spielen leicht von der Hand, in allen Geschwindigkeiten. Aber manchmal kommen auch Phasen daher, wo überhaupt nichts geht. Da strengt mich jeder Ton an. Ein Pech hat man, wenn man genau dann eine Tournee hat.

Fällt es den Konzertbesuchern auf, wenn Sie nicht so gut drauf sind?

Nein, dafür gibt es ja die Technik und die Routine. Wahrscheinlich merkt es meine Frau, wenn ich einen etwas schwächeren Tag habe, aber sonst merkt das niemand. Die Technik ist einerseits dazu da, deine innere Befindlichkeit als Musiker auszudrücken, auf der anderen Seite ist sie ein Hilfsmitteln, trotzdem gut zu spielen, wenn du dich einmal beschissen fühlst.

Sie sind immer in Wien geblieben. Haben Sie das je bereut?

Ich rede da oft mit meiner Frau darüber. Jeder Musiker will ins Ausland. Auch ich wär gern nach Amerika gegangen, ich denke immer noch darüber nach. Aber nachdem ich gesehen habe, wie hart es dort ist und dass großartige Musiker für einen Gig oft nur 20 Dollar bekommen, habe ich das nie durchgezogen. Wenn ich in New York so bekannt wäre, wie in Wien auf der Straße, wäre es kein Problem. Aber um den Status zu erreichen, müsste ich noch einmal auf die Welt kommen. Oder von Österreich aus einen Nummer-1-Hit schreiben wie der Falco.

Sie sind jetzt nicht unbedingt der Typ für den Nummer-1-Hit.
Wieso? Ich bin unberechenbar. Du brauchst nur eine gute Idee haben und einen guten Produzenten – schon kann es passieren. Ich stehe auch auf gute Popmusik, kein Problem. Wenn ich zum Beispiel „Say What You Want“ von Texas höre, haut es mich um. Das ist ein Traumlied. So was müsste mir einmal einfallen, das würde ich sofort machen. „Gangnam Style“ hätte ich nicht gemacht, aber sogar das gefällt mir.

Gibt es eigentlich Stojka-Fans, die alle Ihre Facetten und Projekte schätzen?

Ein guter Freund, der alles von mir mag, ist der Ulli Bäer. Zumindest sagt er das. (Lacht) Vielen gefällt, dass ich sie immer wieder überrasche. Wenn ich seit 1970 immer nur Django Reinhardt-Style spielen würde, wäre es jetzt schon fad. Ich stehe in der Musik sehr auf einen Überraschungseffekt und ich überrasche mich auch gerne selber. Darauf lege ich großen Wert.

Was geht musikalisch gar nicht?
Langweilig darf die Musik nie sein. Das ist für mich das vernichtendste Urteil, das man fällen kann. Mir ist es lieber, jemand sagt: Die Musik ist oarsch, ich kann das nicht hören. Ich selber fühle mich überall wohl, wo ich mich verwirklichen kann und ab und zu ein Solo habe. Ich muss mich finden in der Musik.

Sie waren immer der Typ mit der Gitarre. Sind Sie dadurch weniger angefeindet worden als andere Roma?

Der Schuss kann auch nicht hinten losgehen, weil man als Gitarrist mehr im Mittelpunkt steht. Ich habe auf der Bühne aber immer mehr Sympathien geerntet als im normalen Leben. Da ist der Alltagsfaschismus nicht so spürbar. Was anderes war es, als ich kürzlich die Fotokampagne „Wir sind gegen das Wort Zigeuner“ gemacht habe. Ich habe unglaublich viele Anfeindungen bekommen, da war es auf einmal vorbei. Ich habe zwar noch mehr Solidarität gespürt, aber ich habe plötzlich auch blöde Meldungen von Leuten gekriegt, die ich für meine Freunde gehalten habe. Deshalb ist es auch notwendig, diese Aktion weiterzumachen. Ich selber werde es leider nicht mehr erleben, dass das Wort Zigeuner verschwindet.

Was sind noch Ziele?
Wir arbeiten daran, dass ich bald wieder in Amerika spielen kann. Und Asien steht auch an. Abgesehen davon möchte ich natürlich auf der Gitarre besser werden. Ich darf mich nicht hinsetzen und sagen: So, das war’s. Irgendwann werde ich wahrscheinlich langsamer werden und gemütlicher spielen müssen. Aber das hat noch Zeit.

Foto Harri Stojka 1: Sabine Hauswirth
Foto Harri Stojka 2: Manfred Werner (cc-by-sa3.0)