mica-Interview mit Dizzy Womack

Dizzy Womack gilt als neuer alter Ego des wohlbekannten Grazer Dj Dizzy. Die Erfolgskurve zeigt steil nach oben, was nicht zuletzt an einem erfolgreichen Release auf Top Billin und dem breiten medialen Feedback liegt. In einem Gespräch mit Lucia Laggner bekennt er sich als Demütiger in seiner Leidenschaft zur Musik, spricht von der Unlogik des Lebens, der er im Studio entkommt, skizziert seinen Hang zur unbeschränkten Eigenständigkeit und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Musik machen einem Lebenskonzept gleicht, das er bis zum letzten Blutstropfen leben und für das er keinen Plan B ersinnen will.

Woher kam eigentlich der Einfall für Dizzy Womack? Dj Dizzy war ja schon vorher da. Womack ist neu und nabelt den Dizzy vom Dj ab. Hat das einen Hintergrund?

Dizzy Womack: Hinter dem Namen Dizzy Womack verbirgt sich eine Geschicht. Den Namen hatte ich schon ewig in meinem Kopf. Eigentlich seit ich in Wien gemeinsam mit einem Freund in einer WG gewohnt habe, der auch ein großer HipHop Fan war und ist. Eines Tages bin ich nach Hause gekommen und er hat mir zugerufen: “He, Dizzy Womack!”. Der Name war so flüssig und als ich ihn gefragt habe wie er auf den Namen kommt, hat sich herausgestellt, dass er sich auf Fizzy Womack von M.O.P. bezogen hat. Der Name war ab dem Zeitpunkt immer in meinem Kopf, aber ich wollte ihn nicht verschwenden, weil ich während meiner Zeit als Dj Dizzy gemerkt habe, dass ich noch lange nicht den Sound gefunden habe, den ich gerne mit Dizzy Womack untermalen würde. Ich wollte warten bis ich am Ziel angekommen – das ist vermutlich falsch, weil am Ziel ist man ja nie – aber zumindest mich eingegrenzt habe und mich anhand meines Sounds definieren kann und will. Mit Dj Dizzy habe ich viel ausprobiert und mich immer wieder unterschiedlicher Genre bedient. Ich war auch immer zufrieden mit dem Output, aber es war für mich immer klar, dass das nichts ist, was ich über längere Zeit machen und womit ich mal vielleicht eine LP veröffentlichen will. Dizzy Womack war der Startpunkt. Auf meiner ersten EP unter diesem Namen erinnert die B Seite noch sehr an Dj Dizzy. Die A Seite bereitet schön langsam auf meinen neuen Sound vor. Das war ein Weg, den ich gewählt habe, um einen zu harten Schnitt zu vermeiden.

Woher kommt deine persönliche Leidenschaft für Musik und Musikproduktion? Denkst du, dass Leidenschaft ein notwendiger Faktor ist bzw. an erster Stelle zu stehen hat? Gibt es so etwas wie einen klaren Arbeitsalltag in deinem Leben als Musikschaffender? Wie siehst du diese mögliche Diskrepanz zwischen Leidenschaft und Arbeitsalltag?

Dizzy Womack:
Das mit dem Musikmachen und der Leidenschaft ist so eine Sache. Ich denke schon, dass sie aus folgendem Grund unbedingt notwendig ist: Damit man die Konsequenz beibehält. Wenn man sich mit dem Musikerschaffen beschäftigt, dann dauert das seine Zeit, denn es ist noch kein Topproduzent vom Himmel gefallen. Es ist eine hochwissenschaftliche Materie mit der man sich auseinander setzen muss. Um ein Endprodukt zu erschaffen mit dem man zufrieden ist und das auch mit internationalem Standard mithalten kann, muss man immer wieder stark an sich arbeiten und Durststrecken durchtauchen. Es gibt Tiefpunkte und Höhepunkte, aber letztlich muss man die Leidenschaft haben, denn dann stellt sich die Frage nicht, ob man Lust und Energie hat etwas zu machen, sondern man macht es einfach. Deswegen glaube ich, dass die Leidenschaft vorhanden sein muss. Sonst kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo in der heutigen schnelllebigen Welt die Energie fehlt und man hört auf. Man sieht selten Leute, die wirklich für das Musikmachen brennen und alles daran setzen, um es machen zu können. Sei es, dass man sich eine kleinere Wohnung sucht, um weniger Fixkosten zu haben, sprich alles daran zu setzen, mehr Zeit zu haben. Ich wüsste auch nicht, wie Musik klingt, die von einem Menschen produziert wird, der ohne Leidenschaft arbeitet. Es kann schon mal vorkommen, dass jemand durch Zufall die richtigen Sounds wählt und einen Hit landet, aber wenn man sein Dasein darüber definiert Musik zu machen, dann versucht man etwas Großes zu machen und das ist ohne Leidenschaft kaum möglich.

Für mich war Musik immer sehr wichtig. Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, die nicht an Musik gekoppelt war. Allerdings kam der Gedanke selbst Musik machen zu müssen erst später. Mit meiner Begeisterung für HipHop ist auch das Djing in mein Leben getreten. Das hat einfach irrsinnigen Spaß gemacht und trotzdem war es irgendwann so, dass ich im Club gestanden bin und plötzlich eigene Ideen gehört habe, wenn ich eine Nummer aufgelegt habe. Das waren noch keine Gedankengänge, die komplette eigene Tracks beinhaltet hätten, sondern ich habe die vorhandenen Tracks weitergedacht. Dieser Gedanke ist mehr und mehr gereift und schließlich war ich an einem Punkt, da ich selbst Musik machen wollte. Damals habe ich dann mit einem Freund zusammengearbeitet, er hat damals die Beats produziert und ich habe einfach nur dazu gescratcht. Der Spaß am Musik machen war auch damals im Vordergrund. Mit Ableton habe ich mir dann langsam alles selbst beigebracht.

Was beeinflusst deine Arbeit und wer beeinflusst dich in deiner Arbeit? Bist du ein intuitiv Geleiteter oder kannst du nachvollziehen was dich gerade antreibt oder beeinflusst, wenn du an einem Track arbeitest?

Dizzy Womack: Ich höre irrsinnig viel Musik aus allen möglich Genres. Bei Musik, die einem ähnlichen Bereich entspringt wie die Sachen, die ich als Dizzy Womack erarbeite, höre ich natürlich nochmal genauer hin und versuche mich auch inspirieren zu lassen. Allerdings kommen diese Inspirationen oft auch aus anderen Richtungen. Bei Aplot (Anm. releaste gerade auf Tiefparterre) waren zum Beispiel auch Sachen dabei, wo ich mir gedacht habe, das ist interessant.
Während des Arbeitsprozesses ist es der Groove, der mich antreibt und ich lasse nicht locker bis ich den richtigen Weg gefunden habe. Ich würde nie mit Drumloops arbeiten. Das ist für mich ein Gräuel, weil es schade ist, wenn man sich aus diesem Prozess des Drums kreieren davonstiehlt. In Wahrheit ist es doch sehr schön, denn je mehr man sich mit der Musik auseinandersetzt, umso mehr bekommt man von ihr zurück. Ich fange meistens mit den Drums an und sitze so lange an ihnen bis ich das Gefühl habe, es passt. Wenn der Groove da ist, habe ich eine genaue Ahnung vom Track. Bevor ich beginne einen Track zu bauen, weiß ich selten was ich genau machen will. Ich arbeite sehr stark Sample basiert, obwohl ich bestimmte Synthesizer immer wieder verwende und auch selbst Instrumente baue, aber mir ist einfach der Charme, der entsteht, wenn man viel mit Samples arbeitet, sehr wichtig. Ich genieße diesen Prozess auf der Suche nach dem richtigen Sample. Ebenso wie ich es genieße nach den passenden Drums zu suchen und auch mal vier verschiedenen Claps zu layern, um dann diese vier noch siebzehn mal auszutauschen, um schließlich an einen Punkt zu kommen, wo ich mir sicher bin, dass alles so klingt, wie es in meinem Kopf ist.

Denkst du, Musik machen ist dein Leben, deine Berufung, wenn man es so pathetisch ausdrücken will oder kommt dir auch manchmal – vielleicht im Urlaub, wenn man sich zurücklehnt – der Gedanke, dass du einer völlig anderen Tätigkeit nachgehen könntest?

Dizzy Womack:
Nein, überhaupt nicht. Es lässt mich auch nicht los und wird immer intensiver. Das Musik machen ist für mich ein ganz inneres Bedürfnis. Ich bin einmal in den Urlaub gefahren und hatte zu Hause noch offenen Sessions, unfertige Projekte und ich konnte mich überhaupt nicht entspannen. Das mache ich nie wieder, weil ich den Urlaub auch einfach nicht genießen konnte und gedanklich ständig bei den Tracks war. Ich wache auch manchmal Nachts auf oder kann nicht einschlafen, weil ich bei einem Track nicht genau weiter weiß oder mich etwas wurmt. Da kann es auch passieren, dass ich in der Nacht ins Studio gehe und anfange weiterzuarbeiten. Diese Frage, ob ich mir etwas anderes vorstellen könnte ist leicht beantwortet. Wenn ich mir die Welt ansehe und beobachte, das bestimmte Dinge beständig unrund laufen und keiner Logik folgen, indem Menschen etwa ihre Energie für Sachen verschwenden, die nicht wichtig sind. Da denke ich mir immer, dass es besser wäre, wenn sie sich mehr mit sich selbst beschäftigen würden, denn dann lernt man ja auch aus sich selbst. Mit anderen Worten, war für mich vieles im Leben immer etwas fragwürdig. Auch während meines Studiums habe ich mir gedacht, dass sich das was ich tue nicht gut anfühlt und ich das nicht machen will. Wenn ich jetzt Probleme habe, egal ob privat oder sonstiges, und anfange Musik zu machen, dann ist das eine eigene Welt, in der sich alles gut anfühlt. Es bleiben keine Fragen offen und nichts erscheint mir unlogisch. Ganz im Gegenteil relativiert sich alles im Hirn und plötzlich fühle ich mich wieder gut. Wenn Leute sagen, heute ist Montag und in fünf Tagen ist endlich wieder Wochenende, dann kann ich nur sagen, dass es das bei mir nicht gibt. Natürlich ist das Business irrsinnig schwer, weil es viele gibt, die das machen, was ich tue und ich kann nicht von jedem erwarten, dass er das was ich mache gut findet. Mit dem muss man halt arbeiten. Mir ist jeder Schweiß recht und mehr wert, als wenn ich es auf die gemütliche Art machen und vierzehn Monatsgehälter kassieren würde. Für mich gibt es keinen Plan B. Ich denke auch, dass das gut ist, weil wenn es einen Plan B gibt, dann forciert man Plan A gar nicht so und steckt recht schnell den Kopf in den Sand. Es gehört eben auch dazu, das es mal rauf und mal runter geht. Das ist ein dynamischer Prozess und das finde ich gut. Daher kann ich nur sagen, dass ich mir nichts anderes vorstellen kann.

In jedem Bereich des Musikbusiness ist man mit Szenen und Szenemitgliedern konfrontiert. Mal arbeitet man in Teams, mal alleine. Begreifst du dich selbst als Szenemensch, ohne an einen Mitläufer zu denken, sondern in dem Sinne, dass Szene für dich auch soziales Umfeld und vielleicht sogar Familie ist? Oder stellt diese Szene für dich deinen großen, flexiblen Arbeitsplatz da?


Dizzy Womack:
Ich denke Zweiteres trifft zu. Ich war nie ein großer Fan davon, sich auf seine Crew zu versteifen. Natürlich bin ich ein freundlicher Mensch und jedem gut gesinnt, der an mich herantritt, aber ich wollte nie ein wirkliches Crewmitglied sein, weil ich gerne selbstständig arbeite. Ich habe eine genaue Vorstellung von dem, was ich will. Es hat sich letztlich auch einfach ergeben, dass ich nie wirklich bei einer Crew dabei sein wollte. Ich schätze vieles, was Freunde in meinem Umfeld machen, ob das Tiefparterre, Disko404 oder wer anderes ist. Ich gehe gerne auf ihre Parties und ich spiele auch gerne dort. Ich genieße den regen Austausch, weil ich die einzelnen Protagonisten sehr gern mag und sie in ihrem Tun sehr schätze, aber es war nie so, dass ich das Gefühl hatte, dazugehören zu müssen. Die damit einhergehende geografische Eingrenzung hat mich immer etwas irritiert, weil ich mir gedacht habe, dass ich es einfach für alle machen will. Ganz egal, wer  aus welchem Eck der Welt auf meine Musik stößt, erfreut mich. Daher ist es vielleicht auch manchmal besser sich alleine zu bewegen, weil man einfach flexibler ist. Die Flexibilität ist der ausschlaggebende Grund, warum ich nie bei einer Crew dabei sein wollte. Ich muss auch sagen, dass ich mich im Falle Top Billins sehr über den Release auf ihrem Label freue und es schätze dort immer willkommen zu sein und es war und ist einfach eine Pattform, der ich dankbar bin, aber ich muss mir jetzt nicht Top Billin Dj-Team auf die Fahnen heften. Darum geht es mir nicht. Ich wollte diese EP in den Fokus stellen. Ich verschließe mich nicht, aber ich brauch das große Crew-Ding nicht. Ich arbeite lieber Projektbezogen und mit so Vielen wie möglich. Ich will einfach nichts ausschließen müssen.

Wo befindet sich dein momentaner Lebensmittelpunkt? Fühlst du dich an einen Ort gebunden oder bist du jemand, der überall arbeiten, leben und navigieren kann?

Dizzy Womack:
Graz ist momentan mein Lebensmittelpunkt, den ich sehr genieße. Ich lebe gemeinsam mit meiner Freundin hier und das ist mir sehr wichtig, weil sie für mich den nötigen Ruhepol darstellt. Ich habe Ruhe auch einfach sehr gerne. Wenn ich mich an manchen Wochenenden außerhalb Österreichs in einer Metropole befinde, dann kann die Stadt gar nicht so groß sein, dass ich mich nicht wohl fühlen würde, aber ich erreiche immer wieder den Punkt, an dem ich mein Refugium brauche. Ein zweiter Punkt ist, dass ich mich in der Natur sehr wohl fühle. Da kann ich mich zurückziehen und es relativieren sich viele Dinge. Dafür muss man seinem Hirn gar keinen Befehl geben, sondern es passiert einfach. Graz ist einen Stadt, in der man sich fünfzehn Minuten auf das Rad setzt und schon ist man im Lechwald oder außerhalb. Ich genieße das Klima, die geografischen Gegebenheiten und ich habe die Leute hier sehr gerne, weil sie mir einfach angenehm sind.

Wenn man deine Soundcloud-Seite besucht, kann man an Zahlen ablesen, dass deine Nummern oft gehört, deine Person und deine Musik von vielen Menschen verfolgt werden. Wir leben in einem Zeitalter der Rankings und Zahlen, der virtuellen Verfolger, Fans und Freunde – wie man sie auch nennen will. Was für eine Rolle spielen diese Zahlen in deinem Leben? Hast du sie im Hinterkopf, pushen, belasten sie dich?

Dizzy Womack:
Es freut mich natürlich, wenn ein reger Verkehr besteht und meine EP oft angehört wurde. Es hat eine nötige Relevanz, weil es auch ein Feedback auf meine Arbeit darstellt, in die ich viel Herzblut und Zeit hineingesteckt habe. Man bekommt es ja nicht in Form von Geld vergütet. Das steht ja in keiner Relation zu der Arbeit, die man hineinsteckt. Das ist auch überhaupt kein Problem für mich. Trotzdem ist es natürlich Balsam für die Seele, wenn man merkt, das Menschen auf allen Kontinenten und große Medienplattformen auf einen aufmerksam werden, man das nötige Feedback bekommt und merkt, dass das Interesse kontinuierlich steigt. Es ist kein Druck für mich, sondern es freut mich. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass es die Schnelllebigkeit unserer Zeit den Musikern nicht immer leicht macht. Es gibt viel gute Musik, die nicht viel gespielt und gehört wird. Das finde ich oft sehr schade und ist auch ein Grund, warum ich dem Ganzen nicht so viel Wichtigkeit beimesse. Für mein Ego wäre es natürlich gelogen, wenn ich sagen würde, dass es mich nicht freut. Natürlich tut es das, aber es sollte nicht die größte Wichtigkeit besitzen.

Was sind deine Zukunftspläne für Dizzy Womack. Wo geht die Reise hin, die dir vorschwebt? Was wäre dein absoluter Traum?


Dizzy Womack:
In erster Linie, habe ich gelernt, dass es nicht wahnsinnig viel Sinn macht, sehr weit in die Zukunft zu planen, weil man immer wieder auf Sachen reagiert, die sich ergeben. Zwei bis drei Jahre kann man schon vorausplanen, aber auch das ist oft wage. Ich habe eine genaue Vorstellung, wie dieses Jahr aussehen soll und daraus ergeben sich auch die nächsten Pläne. Für dieses Jahr ist im nächsten Monat Freecontent geplant, den ich zur Verfügung stellen werde und im November kommt der nächste große Release, eine EP mit drei original Tracks. Auf ihr soll der klare Dizzy Womack Sound portraitiert werden. Darüber bin ich sehr froh, aber ich will noch nichts verraten, weil sie erst im November erscheint. Für die darauf folgende EP bin ich mit zwei Labels in Verhandlung. Ich habe genug zu tun und möchte mir auch offen lassen, wo ich mich weiter hin bewege. Mein großer Traum bzw. was ich mir wirklich wünsche, ist viel auf dieser Welt zu sehen. Es wäre wunderbar, wenn ich das in Kombination mit Musik erleben könnte und an Orte komme, um dort zu spielen. Ich würde gerne viele neue Leute auf diesem Weg kennen lernen, in neue Szenen eintauchen und mir Inspirationen holen. Ich halte mir alles offen und will an dieses Thema immer flexibel herangehen. Natürlich braucht es einen Grundstruktur und einen ungefähren Plan, aber das beschränkt sich eher auf die Arbeit im Studio und darauf wie die Musik klingen soll. Was daraus passiert, wie sie angenommen wird und welche Türen sich öffnen kann ich kaum beeinflussen. Ich kann nur flexibel darauf reagieren und auf meinen Entscheidungen aufbauen. Das hat sich bisher immer bewahrheitet.

Fotos: Thorsten Urschler / Heldentheater

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