„Melancholie ist ein roter Faden in unserer Musik“ – SATUO im mica-Interview

Satuo 1Die Band SATUO wurde 2011 vom klassischen Gitarristen ARON SARINGER und der finnischen Jazz-Sängerin LAURA KORHONEN in Wien gegründet. Der Gitarrist und Banjo-Spieler FABIAN BAUMGARTNER ist seit 2014 mit dabei, inzwischen ist die Band auf fünf MusikerInnen angewachsen – jetzt legen SATUO ihr gleichnamiges Debütalbum vor. Im mica-Interview mit Jürgen Plank erzählt die Band von finnischer Volksmusik und davon, warum sie Lieder wie „Chocolate Jesus“ von TOM WAITS covert.

Was hat Satuo zu Anfang gemacht?

Laura Korhonen: Ich habe alle meine Lieblingslieder zu den ersten Proben mitgebracht und gesagt: „Die möchte ich spielen.“ Da war auch viel finnische Musik dabei, weil ich damals starkes Heimweh hatte. Aron hat auch seine Lieblingslieder eingebracht und wir haben dann viele verschiedene Musikstile ausprobiert.

Was sind Ihre Lieblingslieder?

Laura Korhonen: Finnische Traditionals und einige Tangos, etwa „Volver“ von Carlos Gardel aus Argentinien. Wir haben auch Pop-Songs wie „Hallelujah“ neu arrangiert und Lieder von Tom Waits und Norah Jones gespielt.

Auf der CD finden sich fünf Coverversionen, zum Beispiel von Tom Waits.

Aron Saringer: Das Stück „Chocolate Jesus“ reicht in unsere Anfangsphase zurück und es ist live immer gut angekommen. Ich habe das Gesamtwerk von Tom Waits inhaliert, das ist ein eindrucksvoller Mensch. Die Songs von Tom Waits sind nicht immer brav durch vier zu teilen, da sind nicht immer acht Takte oder sechzehn, sondern auch mal elf Takte oder sieben Takte – und da gibt es eine Parallele zu den Takten in der finnischen Musik. Zweitens gefällt mir sein Humor gut. Tom Waits klingt immer wie Tom Waits, und das interessiert mich.

„Die Musik atmet, das macht auch viel aus.“

Wie ist das bei Satuo, woran erkennt man ein Stück von Satuo?

Fabian Baumgartner: Wahrscheinlich zunächst an der Instrumentierung, weil es nicht so üblich ist, dass man Banjo, Melodika oder eine singende Säge hört. Die Texte sind tiefgründig, die Stimme von Laura sticht für mich heraus. Sie klingt natürlich, trotzdem merkt man ihre feste Sattelung im Jazz.

Aron Saringer: Durch die klassische Ausbildung von Fabian und mir haben wir beinahe kammermusikalische Elemente. Die Musik atmet, das macht auch viel aus.

Wie kam es zu den eigenen Stücken?

Aron Saringer: Eigene Stücke zu schreiben war von Anfang an das Ziel, aber wir mussten uns erst finden, bis wir gewusst haben, welcher Sound für uns speziell ist und was uns ausmacht. Es hat sich gezeigt, dass die finnischen Stücke etwas Besonderes sind. Das haben wir weiterverfolgt, ich bin ja auch mit Folk aufgewachsen.

Sie stammen aus dem Waldviertel und nicht aus Finnland, wie nähert man sich der Volksmusik eines anderen Landes?

Aron Saringer: Ich bin ziemlich respektlos damit umgegangen, und das ist vielleicht gut. Ich habe keine großen Recherchen bezüglich der in Finnland gängigen Aufführungspraxis solcher Musik gemacht, sondern mich stilistisch selbst eingebracht. Und der Wechselbass, den ich manchmal spiele, kommt eher aus Mississippi als aus Helsinki. Egal wie authentisch das sein mag, ich spiele grundsätzlich Musik so, wie ich sie möchte, und versuche dabei, mich nicht zu sehr einzuschränken.

Was ist das Besondere an finnischer Volksmusik?

Aron Saringer: Die ungewöhnlichen Rhythmen sind zum Teil schwierig, etwa ein 9/4-Takt. Aber wenn man nicht krampfhaft zählt, fällt ein komplizierter Rhythmus gar nicht auf, und so sollte es sein. Wenn man das Gefühl hat, die Band strengt sich an, dann ist das Zuhören nicht mehr so schön.

„Bei SATUO vermischen wir Pop, Jazz, Blues und Singer-Songwriting.“

Haben Sie sich in Finnland schon mit Volksmusik befasst oder erst „im Exil“?

Satuo 2Laura Korhonen: In der Schule haben wir finnische Musik gesungen und ich habe erst in Österreich wieder damit begonnen. Durch die Distanz und durch das Heimweh. Früher habe ich wirklich fast nur Jazz-Standards gesungen und selbst Pop-Lieder in finnischer Sprache geschrieben. Ich habe sonst noch ein Jazz-Projekt, da spielen wir auch finnische Musik und Eigenkompositionen. Aber man könnte sagen: Bei Satuo vermischen wir Pop, Jazz, Blues und Singer-Songwriting.

Der Bandname ist von „Satu“ abgeleitet, dem finnischen Wort für „Märchen“. Ist Ihre Musik märchenhaft?

Laura Korhonen: Die Volkslieder kann man als Märchen sehen, auch die finnischen Kinderlieder, die wir spielen. Auch die eigenen Stücke sind keine gewöhnlichen Liebeslieder, wir möchten immer etwas tiefer gehen, wenn wir Lieder schreiben.

Wie würden Sie Ihre Musik insgesamt beschreiben?

Aron Saringer: Wir bemühen uns, – im ersten Moment– nicht kompliziert zu klingen. Einfache Geschichten zu erzählen. In den Liedern steckt hoffentlich mehr drinnen, als man zunächst hört. Mich interessiert dieser Zugang, den auch die großen Künstlerinnen und Künstler haben, die ich gut finde: Die spielen auch nur drei Akkorde wie in einem schlechten Pop-Song. Und mich interessiert die Frage: „Warum gefällt mir das eine und das andere nicht, obwohl beides eigentlich ‚einfach’ ist?“

„Wichtig ist, dass die Musik gut ist, und nicht, dass sie exotisch ist.“

Satuo ist eine internationale Band, die Mitglieder kommen aus Österreich, Finnland und Italien. Ergibt sich der Weltmusik-Zugang automatisch?

Aron Saringer: Wichtig ist, dass die Musik gut ist, und nicht, dass sie exotisch ist. Natürlich bringt jede und jeder das mit, was sie beziehungsweise er mitbringt. Aber das wäre bei fünf Österreicherinnen und Österreichern auch so. Was schon eine Rolle spielt: In Finnland kümmert man sich besser um die Volksmusik als in Österreich.

Laura Korhonen: Ich bringe schon die finnischen Elemente ein, unbewusst oder bewusst.

Aron Saringer: Und es fließt natürlich die Emotion mit ein. Melancholie ist ein roter Faden in unserer Musik. Das ist in der finnischen Volksmusik auch so.

Auf der aktuellen CD ist eine Version von „Die Moorsoldaten“, das in einem Konzentrationslager komponiert wurde. Wie nähert man sich einem solchen Stück?

Satuo 3Laura Korhonen: Ich finde, dass es nicht nur historisch ist. Es gibt in der Welt noch immer Arbeitslager und vielleicht ist es deshalb auch nicht schwierig, das Lied wirklich zu verstehen. Es ist ein Thema, das nicht alt wird. Vielleicht finden die Leute das Lied auch deshalb so berührend. Ich habe das Gefühl, dass immer jemand weint, wenn wir das Lied spielen, oder es will jemand nach dem Konzert mit uns sprechen und sagt uns dann, dass es sehr berührend war.

Aron Saringer:
Heute sind mehr Menschen auf der Flucht als je zuvor. Da sollte man sich als Musikerin beziehungsweise Musiker nicht ruhig halten, egal welches Genre man spielt.

Inwiefern sind Sie eine politische Band?

Fabian Baumgartner: Ich sehe uns nicht in erster Linie als politische Band. Vielleicht auf einer zweiten Ebene, denn es gibt einige Texte, die sehr wohl politisch oder sozialkritisch sind. Da ist aber schon ein Unterschied zu einer politischen Band, die sich so präsentiert und ihr Publikum auch dadurch generiert.

„Man kann an Bob Dylan und Leonard Cohen nicht vorbei.“

Welche musikalischen Einflüsse sehen Sie für Satuo?

Aron Saringer: Für mich sind viele Liedermacherinnen und Liedermacher aus den 1960er- und 1970er-Jahren unausweichlich. Man kann an Bob Dylan und Leonard Cohen nicht vorbei. Sehr geprägt hat mich auch „Der Rattenfänger“ von Hannes Wader, aber auch neuere Songs, etwa von Funny van Dannen oder Hans Söllner.

Fabian Baumgartner: Ich versuche beim Proben nie, etwas nachzuahmen. Das merkt man glaube ich auch an meiner Art, Banjo zu spielen. Insofern bringe ich wahrscheinlich unbewusst alles mit, was mich selbst als Musiker berührt hat.

Wie waren die Reaktionen, als Sie in Finnland lokale Traditionals gespielt haben?

Laura Korhonen: Wir spielen natürlich nicht so traditionell, wie man dort spielt. Aber die Lieder sind schön und die Leute finden das immer berührend.

Aron Saringer: Oder sie finden es lustig, wenn wir ein langsames Lied siebenmal so schnell und im Balkanstil spielen.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

Satuo live
13.08.2015: WUK, Wien, (CD-Präsentation)
19.08.2015: Smaragd, Linz
20.08.2015: Black Horse Inn, Wels
21.08.2015: SUB, Salzburg
29.08.2015: Weberknecht, Gürtelnightwalk / Wien

Fotos Satuo: Archiv Band

http://www.satuo.at