Manu Delago: alles außer gewöhnlich.

Zwei außergewöhnliche Musiker und Komponisten haben nun ein gemeinsames Album mit dem Titel „Deuce“ am Start. Manu Delago an der Handpan und Max ZT am Hackbrett haben dieses Album an einem ebenso außergewöhnlichen Ort – einem alten Kloster – aufgenommen. Petra Ortner sprach mit Manu Delago in einem Wiener Kaffeehaus über das neue Album, aber auch über seine Musik und Projekte im Allgemeinen.

Du hast unterschiedliche Instrumente wie Akkordeon, Klavier oder Marimbaphon erlernt. 2003 hast du dann die Handpan entdeckt. Wie bist du darauf gestoßen und was ist das Besondere an der Handpan?

Manu Delago: Mir hat damals mein Vater davon erzählt. Der hat das Instrument bei einem Festival in der Schweiz gesehen. 2003 gab es noch kein YouTube. An diese Zeit erinnern sich nur noch wenige (lachen). Damals war es wirklich nur die Erzählung von dem Instrument und auf der Webseite des Festivals gab es ein Foto. Anhand dieses Fotos haben wir uns dann eine Handpan bestellt.

Ich habe dann gleich einmal beschlossen, dass ich das mehr spielen möchte und mir gleich noch ein eigenes Instrument gekauft. Und dann noch eines. Mich hat einerseits dieser neue Klang fasziniert. Dass man damit Neuland betreten kann. Aber auch, dass hier Percussion und Melodien sehr eng beieinander liegen. Ich habe zu dem Zeitpunkt Schlagzeug gespielt, was perkussiv ist, und ein bisschen Klavier und Marimba, was melodisch ist. Bei der Handpan war es sofort spannend für mich, wie nahe das alles beieinander war. Das hat mich fasziniert.

Die Handpan war aber nicht von heute auf morgen mein Hauptinstrument. Sie ist langsam in mein Repertoire gekommen und immer wichtiger geworden. Mittlerweile ist sie eines meiner zwei Hauptinstrumente – neben dem Schlagzeug.

Wie viele Handpans besitzt du inzwischen?

Manu Delago: Mittlerweile besitze ich etwas mehr als damals (lachen). Und auch von verschiedenen Handpan-Herstellern. Ich kann dir da jetzt gar keine genaue Zahl nennen, aber es sind jetzt mehr, unterschiedlichere und neuere Modelle dabei. Früher gab es die ersten nur in der Schweiz, inzwischen gibt es sie auf der ganzen Welt.

Wie groß ist der Unterschied in der Klangfarbe bei den unterschiedlichen Herstellern und Bauweisen?

Manu Delago: Da hat sich schon einiges getan, vor allem haben die neueren Pans teilweise mehr Noten drauf, teilweise einen größeren Tonumfang, also mehr tiefe Töne. Zum Teil haben sie einen längeren Nachhall, Sustain. Also es ist ein Instrument, wo noch sehr viel Entwicklung passiert, weil es das erst seit rund 25 Jahren gibt. Es ist spannend, Teil von dieser Entwicklung zu sein.

Als du und Max ZT sich zum ersten Mal begegnet seid, wie lange hat es gedauert, bis ihr über eure Instrumente gesprochen habt?

Manu Delago: Wir haben, bevor wir uns begegnet sind, schon voneinander gehört. Mir wurde von ihm erzählt und umgekehrt. Wir haben uns dann 2016 in New York zum ersten Mal bei einem Konzert von Anoushka Shankar, wo ich mitgespielt habe, getroffen. Da war er im Publikum. Im Folgejahr habe ich dann wieder ein Konzert in New York gespielt und da wurden mir verschiedene Support Acts vorgeschlagen worden und da war er dabei. Und da ich ihn eh auch einmal hören wollte, meinte ich, dass er spielen soll. So haben wir hintereinander unsere Auftritte gehabt. Und da haben wir dann entschieden, dass wir einmal etwas Gemeinsames machen müssen. 2019 war ich dann mit Björk einen Monat lang in New York und da haben Max und ich begonnen zusammen zu improvisieren und haben ein erstes kleines Konzert gespielt. Da haben wir dann auch beschlossen, dass aus diesem Duo noch mehr werden muss.

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Das hat dann aber gedauert, weil Covid kam und beide sind wir Väter geworden in der Zwischenzeit. Außerdem leben wir auf verschiedenen Kontinenten. Wir haben uns einmal 2021 und einmal 2023 getroffen. Vor einem Jahr hat es dann letztendlich geklappt. Da waren wir beide 40 und das war ein außergewöhnlicher Moment. Da hat es einfach Sinn gemacht, das Duo, dann ist mir das Wort „Deuce“ eingefallen, das im Tennis für 40:40 steht. Und „deuce“ bedeutet zwei auf Französisch. Ein Duo, wo beide 40 sind, und wir sitzen uns gegenüber beim Spielen – das kann man auch ein wenig mit Tennis vergleichen.

Ich meinte nur „Das ist jetzt die Deadline. Wir müssen jetzt was machen.“ Darum haben wir uns letztes Jahr, 2025, getroffen, haben das Album fertiggeschrieben, aufgenommen und die Videos gemacht.

Habt ihr davor schon Ideen hin- und hergeschickt oder erst beim Zusammentreffen alles komponiert?

Manu Delago: Das mit den Kompositionen ist sehr interessant, denn immer, wenn wir uns getroffen haben, haben wir auch gemeinsam improvisiert und das dann immer aufgenommen. Von 2019 bis 2023 hat sich da ein Archiv ergeben von sechs bis sieben Stunden improvisierter Musik. Diese Aufnahmen haben wir angehört und analysiert und aus vielen Elementen dann die Musik entwickelt. Es ist also fast alles aus gemeinsamen Improvisationen entstanden. Wir haben das Ganze nur noch verfeinert und gemeinsam ausgearbeitet.

Und dann auch alles niedergeschrieben?

Manu Delago: Jaaa. Also zum Teil. Keine finalen Details. Es ist immer noch viel Improvisation. Ich habe aber schon Strukturen aufgeschrieben. Die Essenzen der Stücke habe ich aufgeschrieben.

Wie lange hat alles mit Aufnahmen und dem Rundherum gedauert?

Manu Delago: Max war eine Woche bei mir in Tirol und da haben wir dann alles gemeinsam fertiggestellt.

Euer Album habt ihr in einem Klosterraum aufgenommen. Hat das eure Spielweise beeinflusst?

Manu Delago: Aus akustischen Gründen, ja. Es gibt keine spirituellen oder religiösen Gründe dafür. Der Raum war sehr bewusst gewählt, da er sehr viel Nachhall hat. Es ist ein sehr alter Raum, aus dem 18. Jahrhundert. Das Kloster ist aus dem 13. Jahrhundert. Das war für Max als Amerikaner natürlich sehr beeindruckend, denn die haben keine solch alten Gebäude. Aber der Raum war bewusst gewählt wegen dem Nachhall für die Aufnahme für die zwei Instrumente.

Und wir wollten auch gleich mitfilmen und dafür wollten wir auch einen Raum mit Charakter haben und nicht in einem toten Studio oder vor einer schwarzen oder weißen Wand spielen. Wir wollten schon Leben darin haben. Das ganze Album-Artwork, wie auch die Videos sind geprägt von diesem Aufnahmeort.

Was war die größte Herausforderung bei den Aufnahmen?

Manu Delago: Die Kirchenglocken. Es ist ein relativ leises Duo und man hört halt jedes Detail. Die Musik auf dem Album ist sehr menschlich und sehr exponiert. Es gibt fast keine Postproductions und keine Overdubs. Es ist einfach live zu zweit eingespielt. Das war für mich auch wieder einmal schön, weil die letzten Alben, die ich gemacht habe, waren alle elektronischer. Da wurde jeder Musiker einzeln aufgenommen. Bei dem neuen Album waren wir gemeinsam live und da muss man schon sehr konzentriert sein. Wie früher, wenn jemand einen Fehler macht, dann ist gleich der ganze Take für beide zerstört. Aber es war schön. Und die Kirchenglocken hat man im viertelstunden-Takt gehört. Wenn man genau hinhört, sind sie auf dem Album teilweise im Hintergrund leise zu hören.

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Wird es mit der Zeit einfacher oder schwieriger neue Musik zu komponieren?

Manu Delago: Gute Frage. Wahrscheinlich, irgendwie beides. Glaube ich. Von den Ideen her wird es schwieriger, dass man sich nicht wiederholt. Am Anfang konnte ich einfach machen, auch weil das Instrument noch so neu war. Da war alles noch neu. Es wird jetzt schwieriger für mich auf der Handpan etwas Neues zu finden, weil ich es schon so lange mache. Andererseits glaube ich, dass ich ein besseres Verständnis für Musik im Allgemeinen und ein besseres Wissen über andere Instrumente und Orchestrierung und so. Mit der Zeit lernt man viele Tools und jetzt hatte ich gerade das Projekt mit dem Tonkünstler Orchester Niederösterreich in Wien und St.Pölten.  Dafür habe ich jetzt viel Orchestermusik geschrieben und damit tu ich mich viel leichter als vor 20 Jahren, weil ich einfach schon mehr Erfahrung gesammelt habe.

Aber ganz was Neues zu schreiben ist eher schwerer geworden, weil ich es einfach schon so lange mache.

Um für ein Orchester zu schreiben, da musst du ja viele Instrumente verstehen. Sonst wird das wohl nichts?

Manu Delago: Ja, genau. Das muss man einfach über die Jahre lernen. Und das Lernen wird, glaube ich, nie aufhören. Denn, wie du sagst, es sind so viele verschiedene Instrumente und da spielen rund siebzig Leute zusammen. Manche Instrumente kenne ich besser, andere weniger gut. Damit habe ich schon mich viel auseinandergesetzt. Man kann einfach immer etwas lernen.

Du hast mit zahlreichen Musiker:innen und Produzent:innen zusammengearbeitet. Welche Besetzung war dabei die für dich ungewöhnlichste bisher? Gemeinsam mit Hackbrett ist ja auch sehr außergewöhnlich. Hört man nicht jeden Tag.

Manu Delago: Ja. Bei meinen eigenen Projekten habe ich bis jetzt bei jeder Tour irgendwelche musikalischen Veränderungen vorgenommen. 2015 hatte ich ein Fagott in der Band, 2017 eine Pauke, 2019 war es ein großes Ensemble mit drei Klarinetten. 2021 war sehr viel mit Visuals und Electronics. 2024, meine letzte Tour, war mit drei Sängerinnen. Also ich versuche immer wieder etwas Neues zu machen. Mich inspirieren auch Besetzungswechsel. Und ja, jetzt ist es eben das Hackbrett. Es ist schwer zu sagen, was das Ungewöhnlichste ist. Ich glaube, keine der Besetzungen ist Standard. Das liegt jetzt vielleicht aber auch am Handpan, dass jetzt auch kein Standard ist. Es gibt kein klassisches Handpan-Trio oder das klassische Handpan-Quartett.

Ich hatte auch das Glück als Sideman – weil du jetzt auch andere Leute angesprochen hast – in sehr interessanten Besetzungen zu spielen. Mit Anoushka Shankar war es Sitar. Mit Björk gibt es auch immer coole Projekte. Da waren bei der letzten Tour sieben Flötenspielerinnen dabei, was man auch sehr sehr selten erlebt. Oder ein 24-köpfiger Frauenchor. Da habe ich schon sehr viel erleben dürfen, sowohl als Sideman als auch mit eigenen Liedern.

Für „Parasol Peak“ hast du mit deinen Musiker:innen verschneite Berge erklommen. Die „ReCycling Tour“ hast du mit der Band auf dem Fahrrad absolviert. Auf welche Strapazen darf sich Max ZT freuen?

Bild der beiden Musiker Manu Delago & Max ZT
Manu Delago & Max ZT © Simon Reithofer

Manu Delago: (lachen) Ja, ich glaube, das muss ich ein wenig sachte angehen. Es ist witzig, dass du diese zwei Projekte ansprichst, denn für „Parasol Peak“ und „ReCycling Tour“ habe ich die Musiker:innen sehr gezielt nach dem Projekt ausgewählt. Für „Parasol Peak“ waren wirklich das Bergsteigen und die Fitness wichtig und bei der „ReCycling Tour“ das Radfahren und ebenso die Fitness. Da waren wirklich viele Strapazen. Aber so ist es nicht immer. Bei der letzten Tour, gemeinsam mit den Sängerinnen, sind wir mit dem Tourbus gefahren. Da war nichts Außergewöhnliches im sportlichen Sinne oder irgendwelche Strapazen, ausgenommen vielleicht die langen Autofahrten. Das kann auch anstrengend werden. Lange Autofahrten wird es auch mit Max geben. Aber ich habe jetzt nicht vor, ihn extremer Kälte oder mehrstündigen Radtouren auszusetzen. Vielleicht zwischendurch einmal eine kleine Bergwanderung.

Ihr seid beide Grammy-nominiert, was eine große Ehre und Auszeichnung ist. Macht das aber auch Druck – zum Beispiel noch Besseres abzuliefern?

Manu Delago: Druck macht es nicht. Ich versuche immer mein Bestes zu geben, egal ob es jetzt große Hallen sind oder kleine Jazz-Clubs. Ja, so eine Nominierung freut einen natürlich. Es ist immer schön eine Wertschätzung zu bekommen. Aber es ändert dann nicht wirklich viel, was meine Motivation betrifft oder meine Attitude. Ich versuche trotzdem immer alles zu geben.

Im März sprichst du im Wiener Musikverein unter anderem über „nachhaltige Tourneen“, „Klimaschutz“ und „Wege der Kulturproduktion“. Wo siehst du da große Veränderungen und wo kann man sonst so beginnen umzubauen?

Manu Delago: Bei der „ReCycle Tour“ war das Thema Mobilität sehr wichtig, das ist aber bei vielen Produktionen natürlich fragwürdig, ob man so etwas zum Beispiel umsetzen kann.

Es gibt ja auch „Green Festivals“.

Manu Delago: Ja, da tut sich viel, was jetzt Müllreduktion betrifft oder Ernährung. Es gibt immer mehr Venues, die auf vegetarisch umstellen. Da ist schon was am Laufen. Kann man aber auch immer noch verbessern. Das mit dem Pfandsystem wird auch immer mehr. Aber besonders in Österreich ist es immer noch so, dass wir Einweggebinde mit stillem Wasser bekommen, was einfach sehr unnötig ist. Veranstalter:innen argumentieren das dann oft so, dass sie das für die internationalen Acts machen müssen. Weil zum Beispiel die amerikanischen Musiker:innen nur Wasser aus der Flasche trinken, weil sie denken, dass Wasser aus der Leitung nicht trinkbar ist. Ja, da muss einfach noch ein wenig was passieren, bis da alle mitmachen. Aber es ist ein Bereich, wo schon was geht. Bei der Mobilität ist es dann schon schwierig. Mit dem Fahrrad zu reisen ist da halt auch begrenzt, aber es geht Hybrid mit Zug und Fahrrad. Das versuchen wir mehr und mehr, wenn es geht, zu machen.

Mit Tourbussen wird es dann schwierig. Ich habe eben erst mit einem Nightliner-Busbetreiber gesprochen, da ist Elektro zum Beispiel in der Praxis sehr schwer umzusetzen. Einerseits wegen der langen Strecken und der Größe der Akkus. Da ist schon noch Aufholbedarf in der Mobilität. Bei ganz großen Acts, die alles mit Privatjets machen, kann man sowieso nicht viel machen. Eigentlich müsste es jedem klar sein, dass das nicht förderlich ist für das Klima, wenn die Superstars mit Privatjet und eigenem Tourbus durch die Gegend fliegen und fahren.

Vielen Dank für das Interview.

Petra Ortner

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