"Manchmal war es schon verbrecherisch, was wir abgeliefert haben" – Hertzinger im Interview

Hertzinger ist das verspielte Projekt dreier MusikerInnen, das eben mal so auf der Bühne das Licht der Welt erblickte. Ob die derartige Unmittelbarkeit ihres Produktionsprozesses verbrecherisch oder genial ist, wie sich die Querflöte ihrer klassischen Konnotation entledigt, wo sie Raum für ihre Musik finden und warum billiger Hedonismus wenig interessant ist, besprechen Dito Behr, Sara Zlanabitnig und Joachim Rigler in einer intensiven Unterredung, die von Verbundenheit und gegenseitigem Respekt zeugt.

Hertzinger ist ein junges, aber nicht ganz neues Projekt. Wo liegen die Wurzeln eurer Zusammenarbeit?  

Dito Behr: 2006 haben wir drei gemeinsam mit Christoph Mauer begonnen, an der Formation Zivatar Utca zu arbeiten. Da Christoph mittlerweile Vater geworden ist, hat er sich zurückgezogen. Im Ursprung haben wir, beeinflusst von unserer Freundin Maja-Iskra Vilotijevic mit ihr gemeinsam Lieder nachgespielt und aufgenommen, die sie uns gezeigt hat. Dieses Projekt war stark von Musik aus den Balkan-Ländern beeinflusst.

Sara Zlanabitnig: Jochen war damals noch nicht Teil der Formation. Mit Christoph Maurer und Maja-Iskra Vilotijevic sind wir zu Beginn als StraßenmusikerInnen getourt und haben großteils eigene Lieder, aber auch Covers gespielt. Zu dieser Zeit war Balkan dermaßen angesagt, dass wir schnell in Locations wie dem Ostclub spielen konnten.

Dito Behr: Außerdem gab es auch noch eine Menge autonomere Orte, die sich dieser Musikrichtung gewidmet haben, doch irgendwann waren wir dem Hype um das Genre überdrüssig.

Sara Zlanabitnig: Zusätzlich sind neue Einflüsse in unser Leben getreten, die ein Umdenken bedingt haben. Mit Christoph Maurer arbeiten wir trotz Hertzinger gerade am Abschluss eines dritten Albums, das allerdings auch Anleihen von Hertzinger enthält.

Dito Behr: Das Studio, in dem wir gerade aufgenommen haben, hat uns in unserem analogen Zugang zur Elektronischen Musik weiter beeinflusst. Namentlich “Goon Studios” in Linz, in dem unter anderem jener Tontechniker arbeitet, der Elektro Guzzi mischt.


Wie entstehen eure Nummern, haben sich in der Erschaffung derer, schon routinierte Abläufe entwickelt? Fast jede Band bedient sich einem System, um den Prozess auch steuern zu können. Wie sieht das bei euch aus?


Joachim Rigler:
Mit Hertzinger verfolgen wir seit Beginn den Approach, auf die Bühne zu gehen und zu spielen. Am Anfang haben wir noch kaum ein Programm gehabt. Dito und ich sind einfach aufgetreten. In der Livesitation waren wir gezwungen viel zu improvisieren, was wir auch zu Dritt weiter praktiziert haben.

Dito Behr: Das ist eine Stärke und Schwäche zugleich. Es gibt ja auch Formationen, die sich zunächst Jahre dem Produktionsprozess im Proberaum widmen und den Outcome erst spät präsentieren. Wir stellen das radikale Gegenteil dar. Manchmal war es schon verbrecherisch, was wir abgeliefert haben, aber es sind einfach mehrheitlich gute Dinge daraus entstanden. Die Unmittelbarkeit, die sich aus diesem spontanen Ansatz ergibt, ist für uns und, ich denke, auch für das Publikum sehr spannend.

Joachim Rigler:
Teilweise sind in der Livesituation Ideen entstanden.

Sara Zlanabitnig:
Mittlerweile haben wir ein Set zusammengestellt, das sich auf bis zu eine Stunde ausdehnen lässt. Das sind Ideen von Nummern, die konkret sind und live ausgebaut werden. Zusätzlich waren wir im Studio, um ein Demoset aufzunehmen, das unseren Sound präsentieren soll. Wenn wir jetzt ein Konzert spielen ist die Improvisation zwar ein Teil des Auftrittes, aber es verhält sich wesentlich kontrollierter. Schön ist, dass wir uns dabei auf die Reaktion des Publikums einlassen und uns von ihr leiten lassen können.

Dito Behr: Es gefällt mir einfach wahnsinnig gut, dass wir den musikschulartigen Zugang zum Musizieren abgelegt haben und uns nicht jahrelang zum Proben in den Keller sperren, sondern einfach rausgehen und eine im übertragenen Sinne Punk-Attitüde an den Tag legen.

Sara Zlanabitnig: Dito ist unser Punkrock Verfechter (lacht).

Euer Sound mutet in der Rezeption auffallend repetitiv an. Was ist das besondere an eurer Musik, wo ist das Alleinstellungsmerkmal verankert?

Joachim Rigler: Zunächst empfinde ich die Besetzung als herausstechend und in diesem Zusammenhang insbesondere die Flöte als auffällig. Man kennt eigentlich kaum Flötistinnen, die in derartigen Formationen auf diese Weise mit Effekten arbeiten.

Sara Zlanabitnig:
Es ist mir ein Anliegen die klassische Konnotation der Querflöte, wie sie hierzulande existiert, zu verändern. Diese Vision lässt sich in unserem Projekt verwirklichen und das ist natürlich sehr schön für mich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich Menschen im Zuge eines Konzertes wirklich von der Idee begeistern kann, sich diesem Instrument auf andere Weisen zu bedienen.

Dito Behr: Wir sind auch dabei den Raum auszuloten, der uns soundmäßig möglich ist. Prinzipiell ist Wien im Bezug auf den Sound, den wir machen, gerade sehr interessant und die Flöte ist in diesen Kreisen kaum zu hören. Das birgt die Möglichkeit in sich, hervorstechen zu können.

Mit welcher Regelmäßigkeit probt und spielt ihr gemeinsam? Wie oft tauscht ihr euch aus?

Dito Behr: Da wir eigentlich sehr enge FreundInnen sind, sehen wir uns nicht nur zum Musik machen. Wir haben die Idee, auch zusammen zu ziehen. Wir gestalten gemeinsam ganze Probewochenenden, um uns zurückzuziehen und auszutauschen.

Sara Zlanabitnig:
Im Schnitt proben wir momentan einmal in der Woche.

Joachim Rigler: Zwischendurch gibt es natürlich auch administrative Themen, die besprochen werden müssen.

mica – music austria feiert dieses Jahr 20-jähriges Bestehen. Im Zuge dessen, setzen wir uns mit dem Thema “Musik braucht Raum” auseinander, indem wir mit Musikern, Veranstaltern, Interessenvertretern usw. über vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Raum in der österreichischen Musiklandschaft sprechen. Gibt es genug Raum für euch, eure Musik, die Szene, in der ihr euch zu Hause fühlt?

Dito Behr: Der Raum ist begrenzt. Der Bedarf wäre allerdings in großem Ausmaß vorhanden. Die Locations, in denen wir spielen, lassen sich an zwei Händen abzählen und zwei Drittel davon befinden sich im selbstverwalteten Bereich. Sie sind eine wichtige Stütze von unten. Mit Berlin kann man es aber trotzdem nicht vergleichen.

Sara Zlanabitnig:
Ich bin mir da nicht so sicher. Man hört doch immer wieder, dass es gerade in Berlin schwer ist, zu Auftritten zu kommen. Ich finde, dass Wien Raum für Austausch bietet, wenn man ihn sucht. Möglicherweise sind die Szenen in Wien sehr stark in sich verschachtelt und verschlossen. Ich fände es cool, wenn szeneübergreifend mehr kommuniziert würde. Ich denke, dass es nicht an Initiativen von Organisationen und engagierten Menschen mangelt. Der Nähborden ist in Wien schon da.

Dito Behr: Ich habe das Gefühl, dass es ohne die Do-It-Yourself Stütze von unten kaum möglich wäre, zu Auftritten zu kommen. Selbstorganisierte Kulturstätten halten die Szene am Leben.

Joachim Rigler: “Tanz durch den Tag” zähle ich da auch dazu.

Sara Zlanabitnig:
Aber es gibt doch auch das “Popfest” oder das “Donaukanaltreiben”. Die Frage ist, wie man in diese Szene hineinkommt.

Wie vernetzt ihr euch, wie präsentiert ihr euch? Welche Wege der Werbung und Vermarktung nutzt ihr bzw. spielt die Refinanzierung eurer Investition in dieses Projekt überhaupt eine Rolle?

Sara Zlabanitnig: Es spielt definitiv eine Rolle. Wir setzen es uns zum Ziel, einen Teil unseres Einkommens durch die Musik zu beziehen. Das funktioniert streckenweise und wird auch noch besser werden.

Joachim Rigler: Wir sind ein junges Projekt und gerade dabei uns zu professionalisieren. Wir haben eine Homepage in Auftrag gegeben, die ersten Aufnahmen werden gerade gemastert und es existieren bereits Youtube Videos, die einen Liveeindruck vermitteln sollen. Grundsätzlich versuchen wir eher, uns über direkte Kontakte zu vernetzen.

Dito Behr: Um kurz auf das Popfest zurückzukommen. Es ist tatsächlich wahnsinnig schwer in das Scheinwerferlicht der kuratierenden Personen zu geraten. Um wirklich spielen und sich von unten heraus entwickeln zu können, ist etwas anderes notwendig. Die Locations, in denen wir jetzt gespielt haben, stellen sich als wesentlich niederschwelliger dar als ein Popfest und sind gerade deshalb auch so wichtig für uns. Denn auch dort kann man irrsinnig schnell Kontakte knüpfen und neue Aufträge an Land ziehen.

Sara Zlanabitnig:
Wenn ich einen Locationwunsch äußern könnte, dann würde die Wahl auf den großen Saal vom Brut fallen. Prinzipiell geht es aber auch darum, herumzukommen und national wie international auftreten zu können.

Joachim Rigler: Daher ist es uns auch wichtig, für Festivals gebucht zu werden.

Dito Behr: Es ist einfach naheliegend miteinander zu reisen, wenn man sich so gut versteht, wie wir. Ich glaube uns beschäftigt die Frage, was wir wollen und was wir nicht wollen, sehr. Nur mehr auf Flughäfen abzuhängen, entspräche, glaube ich, auch einem tristen Dasein. Bei manchen Anlässen ist uns nicht mehr ganz klar, worum es eigentlich gerade geht. Die Musikszene kann sich schon zu einem relativ billigen Hedonismus zusammenstutzen.

Sara Zlanabitnig: Der uns nicht interessiert.

Dito Behr: Klar ist es lustig sich die Szene anzusehen und Einblicke zu erhaschen, aber auf Dauer, weiß ich auch nicht, ob ich Teil davon sein will. Ein positives Beispiel stellt das “Fusion Festival” in Deutschland dar. Es richtet sich an Menschen, die feiern und Spaß haben wollen, ist aber aus einer nicht-kommerziellen Idee heraus entstanden und die VeranstalterInnen legen großen Wert auf die zugrunde liegenden Prinzipien. Das ist mir wahnsinnig sympathisch.

Ihr macht Musik, ihr präsentiert sie auf Bühnen und teilt sie mit Menschen. Ist Erfolg, wie etwa jener das Publikum von sich zu überzeugen, vor ausverkauftem Haus zu spielen, essentieller Bestandteil eures Antriebs? Ist er notwendiger Motor oder schmückendes Beiwerk, wenn er sich einstellt?  

Sara Zlanabitnig: Ich denke, es kann sowohl als auch sein. Den Anspruch unser Publikum zum Tanzen zu bringen, erheben wir allemal.

Joachim Rigler: Ich würde schon auch sagen, dass Erfolg ein Motor ist, aber nicht um jeden Preis. Wenn Menschen tanzen, weil es ihnen gefällt, dann ziehen wir daraus Motivation. Keine Frage.

Dito Behr: Ich will durch meine antikommerziellen Ansätze auch nicht sagen, dass wir am liebsten Musik nur zu unserem eigenen Vergnügen im Proberaum fabrizieren. Es macht uns natürlich Spaß, aber wir wollen, dass der Sound von vielen Leuten gehört und auch gemocht wird. Für Erfolg oder Geld würden wir allerdings sicher nicht auf einem ÖVP Stadtfest spielen.

Was sind die Zukunftsvisionen für Hertzinger? Wo soll die Reise hin gehen?

Sara Zlanabitnig: Wir sind dabei den Sommer fertig zu planen.

Joachim Rigler:
Wir werden auf einigen Festivals auftreten und der Fokus ist darauf gerichtet, diese Anlässe zu nutzen, um unseren Sound unter die Leute zu bringen. Ich schätze, das werden wir in diesem Jahr sicher schaffen. Unsere Präsenz soll auch im Web aufgebaut werden, damit wir einfach bekannter werden. Die musikalische Arbeit kommt natürlich auch nicht zu kurz. Wir wollen uns weiterentwickeln und dazulernen.

Sara Zlanabitnig: Wir werden uns musikalische Herausforderungen suchen und würden gerne Ende des Jahres ein Album in Angriff nehmen.

Dito Behr: Mittelfristig wollen wir viel spielen, unterwegs sein und interessante Orte und Menschen kennen lernen.

Sara Zlanabitnig: Ja, ich will auch interessante Menschen, Projekte und Initiativen kennen lernen und diese vielleicht sogar durch unsere Musik unterstützen oder eine Synergie eingehen.
Upcoming:

30.05. kapu / linz
31.05. wirr / wien
06.06. tree of life / kautzen
07.06. tontauben / böllerbauer
18.07. home is where the art is / greifenstein

 

Text: Lucia Laggner

Fotocredits: Richard Lürzer & Hertzinger

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