Chantal Dorn (c) Dietmar Mathis

„MANCHMAL MUSS MAN INS KALTE WASSER SPRINGEN“ – CHANTAL DORN IM MICA-INTERVIEW

Eben hat die aus Vorarlberg stammende Sängerin CHANTAL DORN ihr zweites Album herausgebracht. Auf „Feuerfest“ erzählt sie persönliche Geschichten, die auch – im Lied „Schlafwandler“ – den Tod ihrer Tochter ansprechen. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt DORN, von ihrem Produzenten, der bereits mit HELENE FISCHER und UNHEILIG gearbeitet hat, wie die Teilnahme an einer Casting-Show war und warum es mit ihrem neuen Album so lange gedauert hat. 

Wie war dein Weg zur Musik und bis zum neuen Album?

Chantal Dorn: Ich bin über das Schauspiel zur Musik gekommen. Für einige Jahre war ich Teil eines Show-Ensemble und da hieß es dann einmal: „Wir brauchen einen neuen Programmpunkt!“ Und weil ich ohnehin auch ein Jazz-Swing-Programm hatte, hat sich die Entwicklung hin zur Musik ergeben und ich bekam das Gefühl, dass mir das total taugt. 

Wie hat sich dein Musikmachen davor entwickelt?

Chantal Dorn: Ich habe früher schon Musik gemacht. Aber eher projektbezogen. Ich spielte so vor mich hin, mal da und mal dort vor einem kleinen Publikum. Aber man entwickelt sich ja weiter. Und wie es halt so ist: Da ist am Ende des Geldes noch so viel Musik und das Musikmachen kommt nicht so recht in die Gänge. Es hat sich dann ergeben, dass ich in Berlin den Produzenten Oliver Pinelli kennengelernt habe. Er hat gesagt: „Lass uns doch mal etwas miteinander machen.“ Aber aus beruflichen und zeitlichen Gründen ist sich das nie ausgegangen. 

Weil du mit der Schauspielerei stark im Einsatz warst?

Chantal Dorn: Ja, oder Oliver war in Projekte eingebunden und es ist sich bei ihm nicht ausgegangen. Er hat ja dann für Unheilig, Peter Heppner und Yvonne Catterfeld gearbeitet. Später kam auch noch Helene Fischer und Reamonn dazu. Das war also ein Fulltime-Job. Irgendwann war der Gedanke dann da, dass die Zeit jetzt für die Zusammenarbeit reif ist, das war nach „The Voice of Germany“.

„Ich bin kein Fan von Casting-Shows, weil das ein blödes Vorführen von Menschen ist“

Wie kam es, dass du bei „The Voice“ dabei warst und was hast du dabei gelernt?

Chantal Dorn: Ich bin kein Fan von Casting-Shows, weil das ein blödes Vorführen von Menschen ist. Letztlich geht es da nur um die Quote und ich würde es nicht wollen, dass jemand sagt: „Du bist eine Runde weiter, du hast schöne Brüste.“ Für so einen Schas ist man irgendwann auch zu alt. Mich hat ein bulgarischer Sänger über Facebook angeschrieben, weil er eine Duett-Partnerin gesucht hat. Er war in Bulgarien schon sehr erfolgreich und wollte zu „The Voice“. Ich habe ihm abgesagt, weil er schlecht Englisch gesprochen hat und ich es mir gedacht habe, dass sich das nicht ausgeht bei „The Voice“. Gleichzeitig habe ich mir aber gedacht: die Teilnehmer und Teilnehmerinnen bei solchen Shows sind so selbstbewusst, das ist auch wieder schön. Eines Nachts habe ich mich dann doch gefragt: „Warum melde ich mich nicht an?“ Ich habe ja einen Drang nach Aufmerksamkeit und ich möchte diesen Sterntaler haben und dieser Kindheitstraum soll in Erfüllung gehen. Da sagte ich mir: „Manchmal muss man ins kalte Wasser springen.“ 

Bild Chantal Dorn
Chantal Dorn (c) Dietmar Mathis

Und wie war die Teilnahme an der Casting-Show?

Chantal Dorn: Das ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Casting-Show hin oder her: Plötzlich ist man da in dieser Blase drinnen und man entwickelt sich weiter und lernt tolle Menschen kennen. Du lernst, mit Situationen umzugehen und dass auch Optik nicht alles ist. Du musst also schon liefern. Man lernt Kollegialität kennen und dass man nicht der Nabel der Welt ist. Man muss so eine Zeit nutzen und nicht denken: „Hey, ich bin jetzt schon jemand!“ 

Hat dir die Teilnahme karriere-technisch etwas gebracht oder ging es mehr um den Lernprozess, den du eben beschrieben hast?

Chantal Dorn: Karriere-technisch hat mir die Teilnahme an der Casting-Show das gebracht, dass die Presse wieder da war. Du bist ja über Monate präsent, dein Name fällt wieder und man wird neugierig auf dich. Wenn man etwas macht, dann heißt es: „Das ist ja die von The Voice“. Das treibt einen weiter. Man lernt immer etwas. Insgesamt war es in jedem Fall positiv für mich. 

Damit kommen wir konkret zu deinem neuen Album. Welche Frage wird dir häufig dazu gestellt?

Chantal Dorn: Oft kommt die Frage: Warum hat das so lange gedauert? Man könnte jetzt sagen, dass ich die älteste Newcomerin bin. Aber es ist eine Tatsache, dass verschiedene Faktoren dafür gesorgt haben, dass es nicht früher mit dem Album geklappt hat. Zum einen waren es die wirtschaftlichen und dann wieder die zeitlichen Umstände. 

Im Lied „Schlafwandler“ sprichst du den Tod deiner Tochter an. Ich habe „Feuerfest“ als melancholisches Album mit optimistischen Zwischentönen gehört. War das eine Stimmung, die du transportieren wolltest?

Chantal Dorn: Die Stimmung hat sich durch die Geschichten ergeben. Auch durch die Art, wie sie erzählt werden. Es ist ein sehr authentisches Album, mit Geschichten, die das Leben eben so spielt. Am Album ist mein Leben beschrieben, aber dieses Leben taugt natürlich auch für viele andere, die sich da das eine oder andere herausnehmen. Jeder kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, mit dem Tod konfrontiert zu werden. Oder wie er sich anfühlt, wenn etwas Tolles passiert ist. Diese Verstrickungen, dieses Potpourri an Emotionen, die sich im Laufe des Lebens ergeben, machen etwas mit dir. Wenn du es dann schaffst, in dieser Emotion, in der du gerade steckst, jemanden zu erfassen und zu begreifen und auf eine Reise mitzunehmen, dann hast du eh alles richtig gemacht. Bei mir war es tatsächlich so, dass ich das Lied „Schlafwandler“ zunächst nicht singen konnte. Mein Produzent Oliver Pinelli hat mir eine Flasche Rotwein hingestellt und gesagt: „So, jetzt trinkst du mal einen ordentlichen Schluck und dann probierst du nochmals das Lied zu singen, sei ein bisschen locker.“ Wir haben auch noch über das Thema des Liedes gesprochen und plötzlich konnte ich es singen. Es war trotzdem dieser Schmerz da, aber er war nicht mehr so übergreifend. 

Musikalisch zeigt dein Album eine Mischung aus Pop, Chanson, Folk und Schlager. Hat Pinelli diese Mischung eingebracht oder kam die musikalische Richtung von euch beiden?

Cover Feuerfest
Cover “Feuerfest” (c) Daniel Flax

Chantal Dorn: Das kam von uns beiden, denn die erste Frage, die wir uns zu stellen hatten, war: Wer bin ich? Wer ist die Frau, die in einem reifen Alter über ihr Leben singt. Die sich auf die Bühne stellt und etwas macht. Ist das eine Berufsjugendliche? Nein, natürlich nicht. Hat sie etwas zu sagen? Ja, das glaube ich schon. Wann ist man gut? Wenn man authentisch ist. Als Schauspielerin muss ich mich natürlich verstellen. Aber die richtige Chantal bin ich, mit diesem Schmerz und den Zwischentönen. Darüber muss man sich erst mal klar werden.

„Ich versuche schon meine Träume zu leben und so gut ich kann nach vorne zu streben” 

Mir scheint das Lied „Es ist immer jetzt“ ein Schlüssel zum Album zu sein. Von der deutschen Band Bosse gibt es eine ähnliche Nummer mit dem Titel „Alles ist jetzt“.

Chantal Dorn: „Es ist immer jetzt“ ist eine Art Schlüssel dafür, dass du sagst: „Okay, du kannst nur im Hier und Jetzt leben, lebe also den Moment. Du kannst das Leben zwar rückwärts verstehen und versuchen, vorwärts zu leben, aber du kannst nur das Hier und Jetzt haben.“ So ist es auch mit der Frage, warum es jetzt erst ein Album gibt. Die Zeit ist nicht immer reif, um Dinge zu tun, aber deswegen ist es wichtig, dass du immer auf dem Weg bist und eine Vision hast. Ich versuche schon, meine Träume zu leben, so gut ich kann nach vorne zu streben und nach den Sternen zu greifen.

„Die Zukunft habe ich überschätzt“ singst du im Lied „Es ist immer jetzt“. Wie geht es für dich musikalisch weiter?

Chantal Dorn: Ich bin schon am Experimentieren, schreibe Texte und denke mir Melodien aus. Bei neuen Liedern geht es um eine Weiterentwicklung und sie sollen an das aktuelle Album anschließen. In welcher Form kann ich jetzt noch nicht sagen. Eine Produktion braucht auch viel Zeit. Ich freue mich auf jeden Schritt, den ich in eine positive Richtung mache. 

Irgendwann wird es auch wieder Live-Konzerte geben.

Chantal Dorn: Ohne Konzerte zu existieren, ist für eine Künstlerin oder einen Künstler eine wahnsinnige Herausforderung. Wenn ich das Live-Konzert vom Freudenhaus in Lustenau anschaue, ohne Publikum, macht mich das trotzdem wahnsinnig glücklich. Das ist ein besonderer Moment, das ist Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Dieses Gefühl kannst du nicht toppen und es ist für mich Ansporn, mit Freude und Energie vorwärts zu gehen. 

Wirst du auf Tour sein?

Chantal Dorn: Zwei Konzerte sind für Herbst schon angesetzt, die anderen sind noch Wackelpartien. Aber es ist wichtig, dass du bereit bist. Ich bin hungrig, ich habe Lust auf Konzerte, meine Band auch. Was soll es Besseres geben! 

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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