TINA HEINE ist die neue künstlerische Leiterin von JAZZ & THE CITY SALZBURG. Die Hamburgerin wuchs mit Jazz auf und jobbte schon als Teenager bei Jazzkonzerten. Irgendwann machte sie den Bock dann zum Gärtner und begann, in ihrer Bar Jazzkonzerte zu veranstalten. Genau dort hob sie das Hamburger Jazzfestival ELBJAZZ aus der Taufe, dem sie sechs Jahre lang vorstand. Mit Markus Deisenberger sprach sie über die große Freiheit des Jazz, das neue Publikum, das es zu gewinnen gilt, und darüber, wie der Funke überspringt.
Wieso Salzburg? Was reizt Sie an der Aufgabe?
Tina Heine: Ich bin grundsätzlich sehr neugierig. In der eigenen Stadt kennt man ja bald viele Haltungen, weiß, was gut und was nicht so gut läuft. In einer anderen Stadt in einem sehr ähnlichen Themenbereich zu wirken und zu schauen, wie es dort funktionieren kann, reizt mich enorm.
Hamburg ist von klassischer Musik und Pop geprägt. Dafür, dass auch im Jazz ein Profil entwickelt wurde, waren Sie mit ELBJAZZ verantwortlich. Salzburg wiederum ist eine Stadt, die zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung sehr stark von der Verwaltung des klassischen Kulturerbes geprägt ist. Aber auch hier hat man im letzten Jahrzehnt im Jazz stark aufgeholt. Sehen Sie Parallelen?
Tina Heine: Viele. So unterschiedlich die Städte auch sind, was die örtlichen Gegebenheiten und die Strukturen anbelangt, ist der Ansatz, den Jazz & The City in den letzten Jahren verfolgt hat, durchaus vergleichbar mit dem, was wir bei ELBJAZZ gemacht haben: raus aus den klassischen Konzertsälen zu gehen, unterschiedliche Spielstätten zu etablieren und zu versuchen, ein anderes Publikum anzusprechen als die typischen Jazzhörerinnen und Jazzhörer. Eine Unbefangenheit im Umgang mit dieser Musik auszuleben, die sich in einer programmatischen Freiheit niederschlägt und das Festival zu einem gesamtstädtischen Ereignis machen zu wollen.
Ich habe das Salzburger Programm schon in den vergangenen Jahren mitverfolgt – man schaut ja immer auch, was die Kolleginnen und Kollegen so machen – und es hat mich sehr gefreut, dass da ein offener Zugang gepflegt wird.
“In Deutschland ist das Bild des Jazz – ich schätze mal, das ist in Österreich nicht unähnlich – ein wenig angestaubt.”
Wie erreicht man ein neues Publikum für den Jazz? Wo setzt man an?
Tina Heine: In Deutschland ist das Bild des Jazz – ich schätze mal, das ist in Österreich nicht unähnlich – ein wenig angestaubt: Die Jazzfans seien eher ältere Leute, heißt es, die sehr gebildet seien und genau wüssten, wie Jazz klingen müsse. Ernst und verkopft. So erlebe ich die Musik aber gar nicht. Ganz im Gegenteil: Der zeitgenössische Jazz ist extrem aufgeschlossen, experimentierfreudig und jung.
Die Frage ist: Wie erreicht man das Publikum? Indem man auf ein Plakat einen Namen draufschreibt, den kaum einer kennt? Da kommt wahrscheinlich niemand. Unsere Idee in Hamburg war damals – und in Salzburg hat man das ganz ähnlich gemacht –, die Leute erst mal dorthin zu locken, wo sie ohnedies gerne sind, und die Geschichte einfach anders zu erzählen, auch mit einer anderen Bildersprache.
Ich habe mich von Anfang an auch stark im Freundeskreis der Kunsthallen und Theater vernetzt. Wer gerne ins Thalia Theater geht, geht vielleicht auch gerne zu Jazzkonzerten, weiß es nur noch nicht. Einerseits gingen wir also sehr in die Breite, andererseits kommunizierten wir sehr direkt. Gerade durch Vernetzung ist unheimlich viel zu schaffen: indem man nicht mehr für sich selbst kämpft, sondern sich gegenseitig bewirbt und fördert.
Das Programm von Jazz & The City sei breit, haben Sie lobend erwähnt. Nun ist aber die Frage, was denn das alles noch mit Jazz zu tun habe, so alt wie das Jazzfestival selbst.
Tina Heine [lacht]: Zumindest für die Festivals, die sich nicht als die „Hüter des wahren Jazz“ verstehen, trifft das, was Sie sagen, sicherlich zu.
Manche Veranstalterinnen und Veranstalter gehen mehr in Richtung Pop, andere versuchen, die Clubkultur für sich zu nutzen. Wie weit muss man sich neuen Musikrichtungen öffnen?
Tina Heine: Letztlich geht es darum, ein neues Publikum anzusprechen, ohne das alte zu verlieren. Wir kennen die Extreme: das Produzentenparadigma, wonach man frei und völlig unbehelligt davon, ob jemand kommt oder nicht, einfach mal macht. Und das in den letzten Jahren immer stärker gewordene Nachfrageorientierte, das sich ganz klar dem Publikum und dessen Neigungen andient. Mein Ansatz liegt irgendwo dazwischen. Das Letzte aber, was ich möchte, ist, dass sich die Kunst der Nachfrage beugen muss.
Das eine kann ja auch neben dem anderen existieren. Die unterschiedlichen Ansätze bringen uns weiter. Dass ich mich auf ein und demselben Festival von einer Mainstreamveranstaltung auf der Hauptbühne zu einem brachialen Free-Jazz-Konzert auf einer Nebenbühne hanteln kann, ist ja eine große Qualität. Ich bin plötzlich in einer anderen Welt, aber beides ist Jazz. Das ist doch großartig. Wo sonst kann ich so eine Bandbreite erleben?
Denken Sie, dass es Ihnen bei der Vermittlung zugutekommt, das Geschäft von der Pike auf gelernt und in Ihrer Bar im Kleinen miterlebt zu haben, dass der Funke auch bei einem weniger jazzaffinen Publikum überspringen kann?
Tina Heine: Absolut. Ich habe in Hamburg damals mit dem Programmieren angefangen, weil ich selbst diese Musik höre – und zwar seit Ewigkeiten. Ich mag auch die Aura, die den Jazz umgibt: die Musikerinnen und Musiker, das Freie, das Innovative. In meiner Bar [Café Hadley‘s; Anm.], die ich seit zwanzig Jahren betreibe und in der üblicherweise kein Jazzpublikum zu Gast ist, habe ich irgendwann begonnen, montags Jazz veranstalten. Ich habe schnell gemerkt, dass, wenn man es schafft, das Publikum dorthin zu bekommen, auch der Funke überspringt.
Meine Bar ist ein atmosphärisch schöner Ort, wo man sich gerade deshalb auch auf Musik einlässt, die schräger ist. Wenn das Drumherum stimmt, lässt man sich auch gerne auf Komplexeres ein. Da stimmen die Bedingungen auch in Salzburg.
Das mag jetzt vielleicht vordergründig klingen, aber der Ort, die Getränke, das Catering – das alles ist Teil eines Gesamterlebnisses. Auch die Zeit, die man hinterher verbringt, ist wichtig. Das lädt das ganze Erlebnis positiv auf. Bei ELBJAZZ gaben nur 30 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher an, Jazzfans zu sein.
“Ein neues Publikum erreicht man auch nicht, indem man der Musik die Kanten abschneidet.”
Ist das Verhältnis zwischen Kennern und Neulingen in Salzburg ähnlich?
Tina Heine: Jazz & The City ist ein eintrittsfreies Festival. Da ist die Schwelle schon einmal niedriger. Es gibt so viele Orte, ein großer Teil der Stadt wird bespielt. Das ist ein Fest der Salzburgerinnen und Salzburger. Und da lassen sich viele Leute dann auch gerne auf neue Musik ein. Ein neues Publikum erreicht man auch nicht, indem man der Musik die Kanten abschneidet. Die Musik erklärt man nur, indem man sie in ihrer Gänze präsentiert. Das Publikum kann das. Zu glauben, man muss eine bestimmte Vorbildung haben, um sich komplexer Musik stellen zu können, finde ich überheblich. Man muss eine Aura schaffen, in der man der Musik unbefangen begegnen kann und die Angespanntheit verloren geht. Und so erleben das auch viele. Aber natürlich ist es auch okay, wenn manche rausgehen und sagen: „Das ertrage ich jetzt nicht.“
Sie haben die Notwendigkeit einer Gesamtinszenierung angesprochen. Bei ELBJAZZ haben Sie nicht nur den Hamburger Hafen mit Jazz bespielt, sondern mit Beleuchtung inszeniert, was weit über eine bloße Programmierung hinausging. Schwebt Ihnen für Salzburg etwas Ähnliches vor?

Tina Heine: Das wäre noch zu früh. Ich habe Salzburg Jazz bis dato nur auf dem Programmblatt erlebt. Und ich glaube, dass man sehr vorsichtig sein muss, im ersten Jahr mit großen Veränderungen zu kommen, ohne dass man es bereits selbst erlebt hat. Man muss eine Stadt spüren. Ich werde in nächster Zeit jedenfalls viel nach Salzburg kommen, werde dort abends unterwegs sein, mir die Orte angucken, Leute kennenlernen. Wichtig ist auch, sich anzuschauen, wie sonst Kultur erlebt wird, was die anderen Festivals machen, mit welchen Akteurinnen und Akteuren man genreübergreifend arbeiten kann. Das reizt mich immer sehr. Was mir nur in der Kommunikation aufgefallen ist: Man kann noch viel mehr erzählen, wie man diese Stadt, wie man die dort gespielte Musik erleben kann. Mein Ziel ist auch, dass das Festival noch mehr in den internationalen Kontext kommt. Dass man eine Handschrift entwickelt, die auch für andere inspirierend sein kann.
Werden Sie den Österreich-Schwerpunkt ähnlich intensiv wie bisher weiterbetreiben?
Tina Heine: Auf jeden Fall. Ich finde nichts schlimmer, als auf einem französischen Festival nur US-amerikanische Künstlerinnen und Künstler zu erleben. Deshalb ist es eine große Herausforderung für mich, tiefer in die österreichische Szene einzusteigen.
Sie sind bei ELBJAZZ mittlerweile ausgestiegen. Überwiegen beim Blick zurück die positiven Erinnerungen oder überwiegt die Wehmut?
Tina Heine: Hauptsächlich die positiven Erinnerungen. Mit ELBJAZZ ging ein Traum in Erfüllung. Man redet abends beim Bier in der Kneipe über eine Idee, und auf einmal ist das Wirklichkeit. Mir hat die Arbeit enormen Spaß gemacht. Ich habe mir einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt geschaffen. Natürlich tut es mir weh, zu sehen, dass die Stadt jetzt, wo ich nicht mehr dabei bin, ihre Förderung verdoppelt hat. Das Geld, um das ich seit Jahren gebeten habe – jetzt ist es also da. Aber, wie gesagt, das Positive überwiegt: Wir haben in der Stadt viel bewegt und auch weit über die Stadt hinaus eine neue Öffentlichkeit geschaffen.
Was macht Sie sicher, dass man nicht auch in Salzburg irgendwann einmal ins Minus läuft?
Tina Heine: Das ist eine ganz andere Situation. In Hamburg hatten wir hohe Risikofaktoren. Wenn ein Hauptsponsor wie Audi plötzlich aussteigt, sind auf einmal hohe Summen weg, und das Ende Oktober, wo man mit dem Booking schon sehr weit fortgeschritten ist. In Salzburg ist das überschaubarer, man arbeitet in einem kleinen Team eng am Budget. Da habe ich keine Bedenken. Aber klar: In jeder Stadt hat man mit Herausforderungen und Vorstellungen darüber, was erhaltenswert ist und was nicht, zu kämpfen. Dem stelle ich mich gerne. Ich bin interessiert an anderen Menschen und ihren Motivationen.
Sie sind in Hamburg seit einigen Jahren im Vorstand des Tourismusverbandes Hamburg und im Kultur- und Wirtschaftsausschuss der Handelskammer. Wollen Sie auch in Salzburg Brücken zwischen den Kulturschaffenden und der Wirtschaft bauen, Themen wie Kultur und Tourismus noch stärker miteinander verschränken?
Tina Heine: Es ist in meinem eigenen Interesse und im Interesse des Festivals, mehr Leute einzubeziehen. Um Formate zu erhalten, braucht man Partner aus Wirtschaft und Politik. Bloß um Geld zu bitten reicht nicht. Man muss die Akteurinnen und Akteure in einer Region aktiv mit einbeziehen, um ihnen auch das Gefühl zu geben, dass es sie alle betrifft. Nicht einmal die Wirtschaft, dann die Kultur, dann Soziales, nein, wir bedingen einander, wir können viel voneinander lernen, wir haben einander viel zu erzählen. Geld gegen Logo – das reicht nicht, es braucht eine gemeinsame Arbeit an den Projekten. Von anderen Bereichen zu lernen, macht doch Spaß.
Wie sind Sie eigentlich zum Jazz gekommen?
Tina Heine: Mein Vater hörte immer Jazz, meine Mutter fand es nicht so toll. Deshalb hat er immer mich zu Konzerten mitgenommen, schon als ich zehn Jahre alt war. So fing alles an. Später, mit sechzehn, siebzehn, war ich im Förderverein, habe bei den Konzerten Tickets abgerissen und Schnittchen für die Musikerinnen und Musiker geschmiert.
Wäre in dem Alter nicht Pop oder Rock logischer gewesen?
Tina Heine: Logischer vielleicht, aber das hat mich nie so interessiert, fand ich alles nur so lala. Was mich an Jazz so fasziniert hat, war das Improvisieren. Und die Nahbarkeit der Musikerinnen und Musiker. Ich war auch immer lieber hinter als vor der Bühne, mochte das Drumherum. Vielleicht bin ich genau deshalb Gastronomin geworden. Ich produziere lieber als ich konsumiere.
Es gibt die ganz großen Festivals wie das Montreux Jazz Festival oder das North Sea Jazz, dann gibt es die mittelgroßen und die ganz kleinen. Wo wird sich Jazz & The City einreihen? Wo will man hin?
Tina Heine: Ein Ziel ist, dass Jazz & The City ein Festival wird, auf dem man als Künstlerin beziehungsweise Künstler gespielt haben will, weil das Umfeld stimmt, andere gute Künstlerinnen und Künstler da sind und Macherinnen und Macher von anderen Festivals, die man beeindrucken kann. Das wäre mir wichtiger, als zu sagen: „Wir haben 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, und Phil Collins und Sting spielen auch.“ Es geht nicht nur darum, gute Laune zu verbreiten, sondern auch darum, etwas für diese Musik zu bewegen, den Musikerinnen und Musikern eine Plattform zu geben und einen Austausch zwischen Kritikerinnen und Kritikern, Künstlerinnen und Künstlern, Kolleginnen und Kollegen zu ermöglichen.
Haben Sie persönliche Vorlieben?
Tina Heine: Ich mag es, wenn ich gefordert und überrascht werde.
Sie sind also jemand, der auch die Ränder mitdenkt?
Tina Heine: Absolut. Andere Meinungen einzuholen, ist mir unheimlich wichtig. Ich will auf keinen Fall ein „Tinas-Lieblingsbands-Festival“.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
Link:
Jazz & The City
