Bild Markus Geiselhart Orchestra
Markus Geiselhart Orchestra (c) Alexander Miksch

MARKUS GEISELHART ORCHESTRA – „My instrument is the orchestra“

Am Cover seines bei Jive music erschienen Debütalbums schaut der gezeichnete MARKUS GEISELHART mit Pferdeschwanz und tiefen Wangenfalten aus wie ein schwäbischer Mozart. Da fragt man sich: Wie viel Salzburger steckt im Stuttgarter Big Band-Leader?

Wer von Österreichs Hauptstadt, also Wien, in Niederösterreichs Hauptstadt, also St. Pölten, fahren möchte, braucht mit dem Auto ungefähr solange, wie das Album von Markus Geiselhart und seinem Orchester an Spielzeit offeriert. Das ist die Gelegenheit für ein kleines Experiment: Bitten Sie beim nächsten Ausflug von hier nach da einen musikalisch Unparteiischen auf den Beifahrersitz, legen Sie dann „My instrument is the orchestra“ in den CD-Player und pegeln Sie die Lautstärke auf gepflegtes Hintergrundniveau ein, das eine ungestörte Unterhaltung zwischen Fahrer und Co-Pilot zulässt. Am Ziel angekommen fragen Sie, welchem Genre die Platte zuzuordnen wäre: Filmmusik, Rock oder Jazz? Dann lösen Sie auf, indem Sie inbrünstig proklamieren: „Big Band-Musik“. Der Zweifel des Passagiers wird daraufhin so grundehrlich sein, dass ein sofortiges Umkehren gen Wien unvermeidbar ist, um die neun Stücke umfassende Sammlung ein zweites Mal zu hören, jetzt aber in voller Lautstärke und ohne störende Konversation. Doch schieben wie die leidige Genre-Diskussion nach hinten.

„Was ich wirklich will“: ein Album als Ergebnis der Selbstfindung

Cover My instrument is the orchestra
Cover “My instrument is the orchestra”

Ein Jahr noch und er ist 40. Solange wollte der aus Stuttgart stammende und gelernte Jazz-Posaunist Geiselhart nicht warten, um mit einem Album der Welt zu sagen, was seine ureigentliche Bestimmung ist und dass er sie gefunden hat. Deshalb hat er bereits im vergangenen Jahr 2015 die Erfahrungsmaische vor allem der vergangenen Dekade in Wien aufgekocht und den Dampf in der konzentrierten Essenz „My instrument is the orchestra“ sowohl musikalisch als auch verbal kondensieren lassen. Denn seine Berufung ist weniger das Interpretieren von Musik am Instrument, sondern vielmehr das Interpretieren und das Selbstschaffen von Musik vom Schreibtisch aus – die Klänge im Kopf, die Musiker vor Augen, aber die Instrumente noch im Koffer. Damit hat sich Geiselhart, der von Peter Herbolzheimer, Bob Brookmeyer und Mathias Rüegg persönlich lernen durfte, einen Namen machen können.

Big Band-Rock? Zumindest Musik ohne Grenzzäune

Wie diese Herren kennt er dabei keine verschlossenen Türen, zelebriert Genre-Sakrilegien. Womit wir wieder beim Thema Einordnung wären. Begriffe wie ‚Crossover‘ und ‚Fusion‘ sind so schal wie ausgelutschter Kaugummi, aber nach Basie-Big Band klingt das Geiselhart-Orchester auf keinen Fall, auch wenn die Besetzung klassischer nicht sein könnte. Vielmehr ist es ein biegsamer Klangkörper, den auf der einen Seite die sphärische E-Gitarre kennzeichnet und auf der anderen das solistische und wie eine Panflöte aus Messing daherpfeifende Flügelhorn. Dazwischen bekommt man es auch einem Sound wie von Prince und den Red Hot Chili Peppers zu tun. Was aber bei diesen Turnübungen niemals auf der Strecke bleibt: die Hör- und Zumutbarkeit der Eigenkompositionen. Diese sind weder endlos gedehnt noch Zeugnisse künstlerischer Verrenkung.

Stuttgart, Salzburg, Wien – eben fast eine Achse.

Peter Mußler

Links:
Markus Geiselhart
Jive Music