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Toby Whyle (c) Irina Gavrich

„MAN KANN DIE MAGIE NICHT ERZWINGEN“ – TOBY WHYLE IM MICA-INTERVIEW

TOBY WHYLE ist im österreichischen Musikkosmos seit langer Zeit ein bekanntes Gesicht. Mittlerweile auf Solo-Pfaden unterwegs, hat er nun neue Songs geschrieben, die Menschen in verschiedensten Lebenslagen abholen und inspirieren sollen. Clemens Engert sprach mit dem Songwriter, Sänger und Gitarristen über Schreibblockaden, die Macht der Bilder und den Hang zum Upbeat. 

Auf der ersten Single der EP, „No One Moves“, beschreibst du eine Schreibblockade. Hast du bestimmte Mittel oder Techniken, um „kreative Löcher“ zu überwinden? 

Toby Whyle: Das Schreiben der Texte hat mir eine Zeit lang ziemliche Sorgen gemacht – bis ich dann begonnen habe, es so zu handhaben wie bei der Musik. Bei der Musik gab es nämlich immer schon einen Ordner am Laptop, wo ich von skizzenhaften Handymemos bis zu ausgereifteren Ideen alles sammelte. Bei den Texten hatte ich das irgendwie nie so gemacht. Seit Längerem notiere ich aber jetzt jegliche Wörter und Sätze, die mir so in den Sinn kommen bzw. die ich wo aufschnappe und interessant finde. Immer, wenn mir gerade nichts einfällt, lese ich da drüber, greife Schnipsel auf und jongliere damit. Das funktioniert mal besser und mal schlechter, aber ich habe nun weniger Angst vor dem leeren Blatt Papier. Wichtig ist für mich auch, dass ich regelmäßig schreibe. Da reichen auch schon täglich wenige Worte. Am besten ist es aber, wenn man ganz bewusst gleich in der Früh ein paar Notizen macht – dadurch regt man quasi schon die Sinne für neue Ideen an, wenn man dann durch den Tag geht. 

Auffällig am Stil deiner EP ist, dass sie im Vergleich zu The Beth Edges doch wesentlich mehr elektronische Einflüsse aufweist. Hat sich dein Musikgeschmack im Laufe der Zeit geändert oder wolltest du schon immer etwas in diese Richtung machen? 

Toby Whyle: Elektronische Musik habe ich früher nur sehr sporadisch gehört. Ich bin dann aber immer mehr reingekippt – durch Freunde und durch die Musik, die in Clubs und bei Partys lief. Die Ästhetik und die Energie, die schon ein einziger Sound transportieren kann, haben mich mit der Zeit immer mehr fasziniert. Ich habe dann hin und wieder bei elektronischen Projekten mitgewirkt – anfangs vorwiegend als Sänger, später dann auch beim Produzieren. Vor allem die Art, wie man an Songs und Arrangements herangehen kann, hat meine Kreativität total beflügelt und mir beim Komponieren und Schreiben neue Türen geöffnet. Schließlich habe ich dann angefangen, auch bei meinen eigenen Songs mit elektronischeren Sounds zu experimentieren. Mittlerweile habe ich ganz viele neue Farben für meine Palette entdeckt, die ich mit einbringen kann. 

Welche Acts haben dich beim Schreiben des EP-Materials besonders beeinflusst?

Toby Whyle:  Das ist gar nicht so leicht festzumachen, weil die Songs zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind. Aber angefangen von sehr verträumten, melancholischen, Gitarren-lastigen Sachen wie Cigarettes After Sex über sphärischere, elektronische Musik wie London Grammar bis hin zu Songs von Bob Moses, haben mich unterschiedlichste Künstlerinnen und Künstler beeinflusst – auch zum Beispiel sehr viele Sachen von Balthazar und Django Django, oder soulige und funky Musik von Jungle oder Parcels. Produzent Maximilian Walch, der in sehr vielen verschiedenen Genres unterwegs ist, hat mir auch immer wieder Sachen vorgespielt, an denen er gerade gearbeitet hat oder die ihn prinzipiell beeinflussen. So flossen viele Inputs aus Musikstilen ein, mit denen ich vorher eher weniger Berührungspunkte hatte.

Hat sich dein Zugang zum Songwriting geändert seit du als Solo-Künstler Musik machst?

Toby Whyle: Ja, aber ich denke gar nicht so sehr wegen der Arbeit als Solokünstler. Ich habe mich längere Zeit sehr intensiv mit Songwriting-Techniken befasst, bis ich dann fast schon zu analytisch wurde. Ich musste dann wieder lernen, Dinge einfach auch mal so zu lassen, wie sie im ersten Take gemeint waren und mich daran erinnern, den impulsiven Entscheidungen und spontanen Ideen mehr Aufmerksamkeit und Raum zu schenken. Man kann natürlich alles mit Formeln abbilden – und das ist auch wichtig und gut, um ein besseres Verständnis zu entwickeln – aber die gewisse Magie, dieser Funke, ist wohl schwer zu beschreiben oder gar zu erzwingen. Das muss bei mir einfach passieren und je weniger ich darüber nachdenke, wie dieses gewisse Etwas entsteht, desto einfacher entsteht es. Ich konnte mir jedoch definitiv durch das Analysieren und Recherchieren gute Methoden zurechtlegen, um laufend Output produzieren zu können — auf eine gute Idee kommen nämlich recht viele Ideen, die nicht so wahnsinnig spannend sind. Das ist mir mittlerweile auch viel bewusster und ich halte nicht mehr so stark an einzelnen Ideen fest. Ich bin auch nicht gleich frustriert, wenn ich mal eine Weile nichts so recht zustande bringe. Das gehört einfach dazu.

Die visuelle Komponente scheint dir auch sehr wichtig zu sein. Siehst du Toby Whyle als eine Art „Gesamtkunstwerk“?

Toby Whyle: Ich habe beim Schreiben immer ein Bild vor mir. Oft komponiere ich auch zu Musikvideos oder Filmsequenzen. Das hilft mir, besser zu verstehen, was die Musik in Kombination mit Bildern auslöst. Mich hat dieses Zusammenspiel schon immer fasziniert und deshalb versuche ich auch, der visuellen Komponente genau so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Außerdem liebe ich es zu filmen und zu fotografieren und mich in diesem Bereich auszutoben. Das ist auch sehr hilfreich, um anderen die eigenen Vorstellungen näherbringen zu können.

„Auf eine gute Idee kommen recht viele Ideen, die nicht so wahnsinnig spannend sind.“

In dem Song „How it feels“ singst du: I’m afraid we no longer know how it feels to feel good” – kann man diese Zeile auch im Kontext der Corona-Krise verstehen?

Toby Whyle: Der Text ist schon vor der Corona-Krise entstanden. Ich wollte damit das erdrückende Gefühl beschreiben, dass ich Vieles um mich herum so unglaublich „getaktet“ wahrgenommen habe – und gleichzeitig wie einen surrealen “Brei” aus viel zu vielen Reizen. Das hat mich sehr beschäftigt und tut es nach wie vor oft. Aber ich weiß auch, dass es immer irgendetwas oder irgendjemanden gibt, der einen aus diesem Trott herausreißen kann. Das kann eine Person, ein Lied, eine Begegnung oder ein schöner Moment sein, der einem wieder zeigt, was „echt“ ist. Die Corona-Krise hat wohl ähnlich chaotische Gefühlslagen zu Tage gebracht und verstärkt und ich hoffe, dass Menschen trotz dieser Umstände etwas finden, dass ihnen das Gute zeigt und sie aufbaut.

Wenn du drei Eigenschaften aussuchen müsstest, um deine Musik zu beschreiben, welche wären diese?

Toby Whyle:  Bewegt, immer auch ein wenig melancholisch, und hoffentlich inspirierend.

Man kann sich deine neuen Songs auch sehr gut auf der Tanzfläche vorstellen. Wolltest du bewusst Musik schaffen, zu der man sich bewegen kann oder ist das eher einfach so passiert?

Toby Whyle: So sehr ich auch auf langsame, verträumte Musik stehe, haben meine Songs wohl wirklich einen Hang zum Upbeat. Tanzbarkeit finde ich eigentlich immer gut, aber es war kein Plan dahinter, dass die Musik tanzbar sein muss. Für mich ist es wichtig, dass meine Songs auf irgendeine Art bewegen — in welcher Form das dann auch sein mag.

Nächstes Jahr wird dein Debüt-Album erscheinen. Gibt es schon eine fertige Tracklist?

Toby Whyle: Ich bin derzeit laufend im Studio, um am Album weiterzuarbeiten. Und ja, es gibt auch schon eine Tracklist. Das mit “tanzbar” passt auf jeden Fall auch gut für das ganze Album. Es würde sich aber auch noch ein ruhigerer, ganz reduzierter Song gut machen. Wir werden sehen, ob da noch einer entstehen mag.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Clemens Engert

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