Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von mica – music austria widmeten wir uns im Jahr 2024 intensiver auch einem der ersten mica-Projekte, dem „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ (mica-Lexikon). Zunächst wurden alle 422 Komponist:innen, die im Lexikon im Jahr 1997 vorgestellt wurden, in der Musikdatenbank von mica – music austria in einem eigenen Bereich sichtbar und zugänglich gemacht (vgl. https://db.musicaustria.at/bernhard-guenther-lexikon-zeitgenoessischer-musik-aus-oesterreich-1997).Teil 1 dieser Serie findet sich hier und Teil 2 hier.
Im Zuge der Aktualisierungen der Musikdatenbank von mica – music austria haben wir all jene 29 Komponistinnen, die bereits im „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ aus dem Jahr 1997 (mica-Lexikon) vorgestellt wurden, u. a. um Interviews gebeten. Wir wollten mit persönlichen Geschichten beleuchten, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, Komponistin zu werden. Welche Vorbilder gab es? Wie gestaltete sich die Ausbildung? Welche Hürden oder Brücken gab es? Wie begann der Weg mit dem Beruf „Komponistin”?
Insgesamt drei Komponistinnen erklärten sich zu einem persönlichen Gespräch bereit. Neben Gabriele Proy und Mayako Kubo war dies ELFI AICHINGER, die sich mit Nicola Benz im Besprechungsraum von mica – music austria zu einem Interview traf und interessante sowie individuelle Einblicke in ihren künstlerischen Werdegang gab. Im Anschluss des Interviews wird die Komponistin kurz vorgestellt.
Wir haben im Zuge dieser Arbeit festgestellt, wie bezeichnend das Zahlenverhältnis im Jahr 1997 im mica-Lexikon noch war. Ende des 20. Jahrhunderts waren Komponistinnen noch deutlich unterrepräsentiert. Es ist offensichtlich, dass dieser Beruf für Frauen damals keineswegs selbstverständlich war. Was denken Sie darüber in der Retrospektive?
Elfi Aichinger: Dass ich in bestimmten Nachschlagewerken und auf Samplern vertreten bin, war mir bewusst, und es hat mich sehr gefreut. Gerade weil dort vergleichsweise wenige Frauen präsent sind, bedeutet mir das viel.
Es gab Kolleginnen wie Olga Neuwirth, die von Anfang an ausschließlich Komponistin waren und nie performt haben. Bei mir war es anders: Ich war zunächst eine sehr eigenwillige Vokalistin.
Im Jahr 2024 habe ich ein großes Werk für das Janus Ensemble geschrieben. Einige Studierende aus Linz haben darin gespielt. Einer von ihnen sagte erstaunt zu mir: „Ich wusste gar nicht, dass du so komponierst.“
Viele kannten mich vor allem als Performerin mit meinen eigenen Bands. Dabei habe ich zahlreiche Auftragswerke geschrieben – sogar eine Festwochenproduktion, was nicht einmal allen großen männlichen Kollegen gelungen ist. Ich habe für das Klangforum Wien komponiert und viele weitere Aufträge erhalten. Gleichzeitig stand für mich immer auch das Performen im Mittelpunkt. Und dazu kam, dass ich alleinerziehend war. Das ist eine ganz eigene Herausforderung, die viele nicht nachvollziehen können.
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„Über den Jazz habe ich eine neue Kraft und eigene Ausdrucksformen entwickelt“
Wie kamen Sie zum Komponieren? Welche Vorbilder, welche Schlüsselmomente waren ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, Komponistin zu werden?
Elfi Aichinger: Ich komme ursprünglich aus der Klassik, und zwar aus der strengen klassischen Ausbildung. Man wollte aus mir eine Pianistin und eine große klassische Sängerin machen. Ich sollte bei berühmten Lehrern studieren und Mozart spielen – und das schon mit elf Jahren. Ich studierte im Konzertfach. Es war alles sehr hart. Ich war so etwas wie ein halbes Wunderkind, allerdings vom Land. Ich konnte zwar unglaublich gut Klavier spielen, aber ich konnte keinen einzigen Ton improvisieren.
Vorbilder im klassischen Sinn hatte ich nicht. Ich bin immer meinem eigenen inneren Kompass gefolgt. Schon als Kind war ich eigenwillig. Ich war freundlich, aber sehr eigenständig. In der Schule nahm ich mir Freiheiten, ging meinen eigenen Rhythmus und wusste genau, was ich tat. Der klassische Betrieb passte deshalb irgendwann nicht mehr zu mir, und ich stieg aus.
Von meinen Eltern habe ich kein einengendes Frauenbild mitbekommen. Im Gegenteil, ich komme aus einer sehr emanzipierten Ehe. Mein Vater, Jahrgang 1924, hat selbstverständlich gekocht, und ich bin damit aufgewachsen, dass Aufgaben geteilt wurden. Umso mehr wunderte ich mich später über mich selbst, dass ich in meiner eigenen Ehe plötzlich vieles allein übernahm.
Über den Jazz habe ich eine neue Kraft und eigene Ausdrucksformen entwickelt, allerdings nicht über traditionellen Jazz. Der Begriff Jazz ist ohnehin sehr weit gefasst, doch dieses Etikett haftet einem schnell an. Ich erinnere mich an ein Konzert in Saalfelden. Ich hörte, glaube ich, Nouvelle Cuisine von Christoph Cech und ich dachte mir: ich will jetzt einen anderen Unterricht haben!
Schließlich nahm ich bei Cech und Fritz Pauer, einem großen Pianisten, Privatunterricht, und das war eine ganz andere Welt. Es war witzig und irritierend zugleich. Pauer engagierte mich sofort für eines seiner Werk, ohne mich je singen gehört zu haben.
Christoph Cech, Mecky Pilecky und ich gründeten dann ein Trio, eher zufällig. Ich war zu Beginn unsicher, weil ich eine klassische Stimme hatte und dachte, das passe nicht. Cech begann zu schreiben, und ich fing ebenfalls an, für dieses Trio Jubilo Elf eigene Stücke zu komponieren. Mir wurde klar, dass wir keinen traditionellen Jazz machen wollten. Ich entwickelte eine Verbindung zwischen klassischem Gesang und freien Formen. Das war erfolgreich, aber organisatorisch sehr fordernd.
So begann ich zu komponieren – aus der Arbeit mit der Band heraus und aus dem Vertrauen, das wir einander schenkten. Wir waren zu dritt und trafen uns zweimal pro Woche, was ein unglaublicher Luxus war. Wir waren wirklich stark und spielten auf großen Festivals. Dort brachte ich meine eigenen Stücke ein. Auf diese Weise bin ich zum Komponieren gekommen, und das war für mich entscheidend. Es gab kein konkretes Vorbild, dem ich nacheiferte.
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„Viele Vokalistinnen hatten es damals schwer, ernst genommen zu werden. Für mich kam das nicht infrage.“
Wie sehen Sie persönlich Ihren Werdegang, ihren Weg in dieser Szene? Welche Begegnungen waren wichtig? Welche Hürden mussten Sie nehmen, welche Erfolge konnten Sie feiern, um zu der Komponistin zu werden, die Sie heute sind?
Elfi Aichinger: Nach dem Trio Jubilo Elf dachte ich mir, dass ich meine eigene Band gründen muss. Also gründete ich AMES. Dort schuf ich eine Verbindung von Jazz-Musikern mit den klassischen Sängerinnen Renate Burtscher, Sarah Barrett und Maria Bayer. Ich komponierte sämtliche Stücke selbst, und das Projekt war äußerst erfolgreich.
Für AMES schrieb ich auch in Amerika. Ich war lange in New York und überlegte sogar, dort zu bleiben. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. So bin ich Schritt für Schritt in andere Bands oder Projekte hineingewachsen. Viele Vokalistinnen hatten es damals schwer, ernst genommen zu werden. Für mich kam das nicht infrage. Am Anfang war ich zwar innerlich unglaublich nervös, doch nach außen wirkte das anders. Einen Satz habe ich mir immer gemerkt: „Your mirror will be your enemy.“ Daran habe ich mich gehalten. Ich habe nie etwas Operatives oder Berechnendes getan, um etwas ins Rollen zu bringen.
Und zu dieser Zeit war es als Frau durchaus noch so, dass man als Sängerin vorne steht, nichts komponiert, nicht improvisiert und schon gar keine Band leitet. Mit diesem Bild habe ich komplett gebrochen. Die Reaktionen waren stark, aber überwiegend positiv. Viele waren regelrecht hingerissen. Es gab allerdings auch Frauen, die dadurch unter Druck gerieten, vielleicht wegen meiner Energie und Präsenz.
Ich trat selbstbewusst auf, auch feminin und sexy im Minirock, aber ich war unangreifbar. Ich hatte den Schutz durch meine Bandkollegen, mit denen ich eng befreundet war und bis heute bin. Sie haben mich unterstützt und selbstverständlich akzeptiert, dass ich die Bandleaderin war. Meine männlichen Kollegen hatten damit kein Problem. Manchmal reagierten eher Männer im Publikum irritiert, besonders wenn sie mit der Intensität und Emotionalität meiner Auftritte nicht umgehen konnten. Ich habe mit meiner Stimme viel Schmerz ausgedrückt und war immer auf der Suche. Ich war nie angepasst oder gefällig, sondern wild und nie Mainstream.
Durch meine erste Heirat wollte ich dann plötzlich in Richtung Pop gehen, 4/4-Takt zum Beispiel, um markttauglicher zu werden. Das entsprach aber letztendlich nicht meiner künstlerischen Natur, die dadurch eingeengt war. In dieser Zeit bekam ich überraschenderweise schlechtere Kritiken, was ich sehr eigenartig fand. Viele Männer hatten zuvor Interesse an mir gezeigt, und in späteren Jahren trug ich sogar einen Ehering, manchmal auch einen unechten, um mich zu schützen und klare Grenzen zu setzen.

Wie wurde Ihre energetische, emanzipierte Mehrfachrolle außerhalb Ihrer Band in Ihrem künstlerischen Umfeld akzeptiert und welche Auswirkungen hatte diese Akzeptanz auf Ihre Karriere?
Elfi Aichinger: Ich war früh und für längere Zeit in Amerika. Auf Festivals begegnete ich fast ausschließlich männlichen Musikern, denn auch dort waren Frauen noch deutlich in der Minderheit. Es gab einzelne Ausnahmen, Künstlerinnen, die ich bewunderte. Einige amerikanische Bandleaderinnen und Komponistinnen haben mich beeindruckt, und in New York lernte ich Meredith Monk kennen, die für mich eine ausgesprochen starke Persönlichkeit war. Insgesamt jedoch war die Szene stark männlich geprägt. Dennoch wurde ich akzeptiert, das muss ich klar sagen.
Um Geld zu verdienen, sang ich im ORF-Chor. Die Leitung war mir zu autoritär, daher verließ ich den Chor. Ich erhielt dennoch große Auftrittsmöglichkeiten, unter anderem ein Konzert im Sendesaal mit meiner großen Band AMES, das ausverkauft war, sowie eine Festivaleröffnung in einem Kloster im Weinviertel. Die Reaktionen waren extrem unterschiedlich: Wer es mochte, war begeistert, andere lehnten es ab. Diese Ambivalenz tat mir gut, denn zuvor hatte ich fast nur euphorische Zustimmung erlebt. Das alles geschah noch vor meiner Ehe. Vor meiner Heirat hatte ich häufig mit Eifersucht zu tun. Männer, mit denen ich liiert war, reagierten oft empfindlich auf meinen Erfolg. Es gab viel Konkurrenzdenken und Unsicherheit.
Ich habe durchaus unter Männern gelitten, vor allem bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr. Danach glaubte ich, es würde ruhiger werden. Gleichzeitig stellte ich mir die Frage, ob künstlerische Kraft auch aus Leid entsteht. Viele große Karrieren sind aus schwierigen Umständen gewachsen. Mir wurde nichts geschenkt, im Gegenteil. Ich fragte mich, ob Zufriedenheit vielleicht auch Kreativität dämpfen kann.
Ich glaube nicht, dass bloßes Wohlbefinden automatisch weiterbringt. Man braucht einen Hunger, einen inneren Antrieb. Den hatte ich immer, auch wenn es Phasen gab, in denen ich vielleicht zu zufrieden war. Trotzdem habe ich kontinuierlich weitergearbeitet. In dieser Zeit entstanden neue Werke, etwa ein Stück für das Klangform Wien und eines für das Wiener Saxophon-Quartett. Ich bin meinen Weg weitergegangen, trotz aller Brüche und Fragen.
In dieser stark männerdominierten Umgebung bin ich zwar sehr schnell zu einer bekannten und ernstzunehmenden Person geworden, aber das bedeutete nicht automatisch, dass alles reibungslos verlief. Ich war nicht dieses dekorative Sternchen vorne auf der Bühne, das ein bisschen singt, sondern stand für Kraft und Eigenständigkeit. Man konnte mich nicht einfach antasten oder auf eine Rolle reduzieren.
Die Akzeptanz durch männliche Kollegen war nicht immer so selbstverständlich, wie es vielleicht von außen gewirkt hat. In Linz am Brucknerkonservatorium bzw. an der Bruckner Universität habe ich über Jahrzehnte ein außergewöhnliches Ensemble geleitet, das New Vocal Music Ensemble. Wir haben unzählige Uraufführungen von Studierenden realisiert, permanent neue Werke erarbeitet. Ich habe jedes Semester ein großes Ensemblekonzert mit rund fünfzehn Mitwirkenden realisiert. Das war organisatorisch und künstlerisch anspruchsvoll. Das war enorm viel Arbeit, aber auch inhaltlich sehr erfüllend. An der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien wollte ich diese zusätzliche Belastung zunächst nicht übernehmen, weil es mir insgesamt zu viel wurde. Schließlich habe ich die Reihe SPACES kuratiert.
Ich erinnere mich noch an die Anfänge. Als ich in den Proberaum kam, saßen dort viele Studierende, die überwiegend aus Klassen männlicher Kollegen kamen. Als Frau muss man sich auch vor Studierenden immer wieder neu beweisen, besonders in Fragen von Timing, Dirigat und Autorität. Ich wusste jedoch, dass ich das beherrsche. In den ersten Minuten habe ich gemerkt, dass eine gewisse Skepsis im Raum lag. Doch nachdem wir begonnen hatten zu arbeiten, veränderte sich die Atmosphäre innerhalb kürzester Zeit. Sie erkannten meine Klarheit, meine Stringenz und mein präzises Timing. Es ging nicht um Härte oder Strenge, sondern um Konsequenz und Präsenz. Danach war die Situation eine völlig andere.
Diese positive Autorität entsteht nicht von selbst, sie ist das Ergebnis harter Arbeit. Ich war immer vorbereitet, immer pünktlich und immer präsent. Ich war nie krankgeschrieben, sondern bin in jedem Zustand hingefahren und habe meine Energie eingebracht. Diese Haltung bekommt man auch zurück. Ich gehöre nicht zu denen, die endlos proben. Normalerweise arbeite ich sehr effizient.
Welche Personen oder Institutionen haben Ihnen auf dem Weg geholfen?
Elfi Aichinger: Bei Beat Furrer habe ich wenig, aber guten Input erhalten, genauso wie bei mehreren anderen Männern. Einer sagte mir jedoch sehr offen, er habe selbst erst ein paar Takte komponiert und könne mir deshalb nichts beibringen. Er steckte noch mitten im eigenen Kompositionsprozess und war ganz mit sich beschäftigt.
Wirklich etwas gezeigt hat mir HK Gruber, wenn auch in kleinen Schritten. Er war sehr offen und unterstützend. Durch ihn kam ich auch früh in Jurys, sowohl in der SKE als auch in St. Pölten. Dort saß ich viele Jahre gemeinsam mit Irene Suchy. Gruber hat mich in diesen Zusammenhängen immer klar unterstützt und meine Position gestärkt.
Eine Szene werde ich nie vergessen: Einmal traf ich ihn in der Nähe der Universität und erzählte ihm, dass ich schwanger sei. Er reagierte erschrocken und fragte mich, ob ich wahnsinnig sei, gerade jetzt, wo es für mich künstlerisch richtig losgehe. Diese Reaktion hat mich überrascht, denn ich selbst habe mich sehr über die Schwangerschaft gefreut. Ich wollte Kinder.
In der Komponistenszene habe ich insgesamt durchaus Akzeptanz erfahren. Viele wissen gar nicht, wie eng ich mit bestimmten Persönlichkeiten verbunden war, etwa durch die Arbeit im ORF-Chor. Ich erhielt auch den Auftrag, eine Messe zum hundertjährigen Bestehen des Instituts für Kirchenmusik zu schreiben.
Kannte man sich im Jahr 1997 unter den Kolleginnen?
Elfi Aichinger: Unter Komponistinnen würde ich nicht sagen, dass wir uns besonders gut kennen oder eng vernetzt sind. Eine von ihnen hat mir sogar einmal vorgeworfen, ich sei frauenfeindlich. Später habe ich sie bei einer Veranstaltung von musica femina wiedergetroffen, und da war die Atmosphäre dann eine ganz andere.
Was ich heute wahrnehme, ist ein stärkerer Zusammenhalt, zu dem auch Initiativen wie mica – music austria beitragen. Konkurrenz gibt es natürlich trotzdem. In meinem Unterricht habe ich immer darauf geachtet, Konkurrenz unter Vokalistinnen nicht zu fördern. Für mich ist die Stimme in erster Linie ein Instrument, ein Medium für die Komposition. Natürlich ist eine großartige Stimme ein Geschenk, aber sie allein macht noch keine künstlerische Aussage. In Aufnahmeprüfungen wird oft nur auf Klang und Virtuosität geachtet, während Textverständnis und inhaltliche Auseinandersetzung zu kurz kommen.
Bestimmte Stücke, die immer noch für Prüfungen verlangt werden, halte ich inhaltlich für problematisch. Ich habe mehrfach dafür plädiert, solche Texte aus dem Repertoire zu nehmen. Wenn ich einen Text nicht vertreten kann, singe ich ihn nicht unverändert. Ich nehme mir das Recht, Anpassungen vorzunehmen, wenn es anders nicht glaubwürdig wäre. Man kann nur überzeugend singen, wenn man hinter dem steht, was man vermittelt.
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Sie sind ja Mutter von zwei Kindern. Wie haben Sie den Spagat zwischen Unterrichten, Komponieren, selbst auf der Bühne stehen und Mutterschaft geschafft?
Elfi Aichinger: Das alles hatte viel mit Zeitmanagement und bewusster Planung zu tun. Es schaffen nicht viele Menschen, ihr Leben so exakt zu organisieren. Bei mir war es jedoch reine Notwendigkeit. Ohne diesen Druck hätte ich es nicht geschafft. Ich habe so gearbeitet, weil es anders nicht möglich gewesen wäre.
Schon als Jugendliche habe ich gelernt, meine Zeit konsequent zu nutzen. Während ich regelmäßig zum Unterricht ans Mozarteum fuhr, dauerte die Zugfahrt von meinem Heimatort nach Salzburg rund fünfzig Minuten. Diese Zeit habe ich intensiv genutzt. Im Zug lernte ich Vokabeln, bereitete Schularbeiten vor und erledigte alles, was zu erledigen war. Dadurch wurde ich sehr schnell und effizient.
Ob ich diese extreme Disziplin jemandem empfehlen würde, weiß ich nicht. Körperlich und nervlich hat mich das viel gekostet. Ich bin Profi und kann mich sehr gut zusammenreißen, aber es ist anstrengend. Fokus halte ich für essenziell, doch dieses Maß an Überanstrengung entstand aus der Situation heraus. Hätte ich es nicht so gemacht, gäbe es mich wahrscheinlich nicht mehr als Komponistin.
Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Karriere bereits vor der Geburt meiner Kinder aufgebaut hatte. Ich hatte mir als Vokalistin, Pianistin und Komponistin einen Namen gemacht, und die große Festwochenproduktion lag bereits hinter mir. Meine Tochter ist dreißig, mein Sohn wird neunundzwanzig. Sie kamen im Abstand von nur eineinhalb Jahren zur Welt. Das war einerseits ein Glück, andererseits eine enorme Herausforderung. Mit zwei kleinen Kindern gleichzeitig zu leben, war intensiv. Ich hatte gesundheitlich mit Schwindel zu kämpfen, spürte aber gleichzeitig eine enorme Energie. Entscheidend war, dass ich lernte, strikt zu trennen. Wenn ich bei meinen Kindern war, war ich ausschließlich Mutter. Ich habe nicht versucht, nebenbei zu komponieren, denn das führte nur zu Frustration. Man wird dann den Kindern gegenüber ungerecht und sich selbst ebenso. Also habe ich klare Räume geschaffen: Jetzt bin ich Mutter, jetzt komponiere ich.
Meine Kinder waren fröhlich und lebendig, und ich bekam viel von ihnen zurück. Das hat mir Kraft gegeben. Praktisch bedeutete das auch, dass ich mir gezielt Unterstützung organisiert habe. Für ein paar Stunden kam eine Betreuungsperson, während ich in einem anderen Raum arbeitete. Diese räumliche Trennung war wichtig. Es war kostspielig, aber das war es mir wert.
Enkelkinder haben für mich noch keine Priorität, das kann warten. Ich verspüre keinen Drang, in diese Rolle zu gehen. Manche in meinem Alter sehen das anders, aber ich habe meine eigenen Erfahrungen gemacht und weiß, wie fordernd es war. Heute bin ich froh, auch Zeit für mich zu haben. Wenn Kinder durch schwierige Phasen gehen, bleibt man als Mutter dennoch eine zentrale Bezugsperson, selbst wenn sie längst erwachsen sind.
Fokus ist entscheidend, aber das permanente Über-sich-Hinausgehen war extrem fordernd. Gleichzeitig wollte ich nie nur komponieren. Ich wollte auch auf die Bühne, auftreten, performen. Beides gehört zu mir. Heute trete ich immer noch gern auf, aber ich genieße es ebenso, bei Uraufführungen einfach im Publikum zu sitzen und zuzuhören. Dieses Gleichgewicht fühlt sich inzwischen richtig an.
Betrachten Sie sich selbst als Vorreiterin, als Vorbild?
Elfi Aichinger: Ob ich mich als Vorreiterin sehe, würde ich inzwischen bejahen. Viele meiner ehemaligen Studierenden spiegeln mir das zurück. Ich war in verschiedenen Gremien tätig und habe versucht, Perspektiven zu erweitern und Strukturen mitzugestalten. Vor allem durch meine Unterrichtstätigkeit an den Universitäten konnte ich sehr viel weitergeben.
Ich war weder an der Anton Bruckner Privatuniversität noch an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien am Institut für Komposition, sondern am Institut für Jazz und Improvisierte Musik an der Bruckner Uni und am ipop – Institut für Popularmusik an der mdw. Dort habe ich meinen Studierenden Mut zum Komponieren gemacht und auch die Möglichkeit gegeben ihre Werke öffentlich aufzuführen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Nicola Benz

Die Pianistin, Sängerin, Komponistin und Hochschullehrerin Elfi Aichinger wurde am 2. November 1961 in Wels in Oberösterreich geboren. Von 1972 bis 1982 studierte sie Konzertfach Klavier an der Universität Mozarteum Salzburg bei Peter Lang, das sie mit dem Diplom abschloss. Parallel dazu absolvierte sie von 1980 bis 1982 ein Studium im Fach Klassischer Gesang bei Wilma Lipp, ebenfalls am Mozarteum Salzburg. Anschließend studierte sie von 1984 bis 1987 Gesang an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien bei Wolfgang Bruneder und schloss auch dieses Studium mit dem Diplom ab.
Seit 1985 ist Elfi Aichinger als international tätige Komponistin, Pianistin und Sängerin aktiv und prägt die österreichische wie auch die internationale Musikszene mit einem eigenständigen künstlerischen Profil zwischen Komposition, Improvisation und Performance. Ihr künstlerisches Schaffen ist eng mit zahlreichen Ensembles verbunden, die sie teils gründete und über viele Jahre maßgeblich mitgestaltete wie u. a. Jubilo Elf (seit 1984 bis 1994 und 2009 bis heute), AMES (1987 bis 1990), EAQ (2014 bis 2016), Memorable Incident (2001 bis 2005) und CORE (seit 2017). Von 1990 bis 2020 leitete sie das New Vocal Music Ensemble an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz.
Parallel zu ihrer künstlerischen Laufbahn gab sie ihr Können und Wissen an zahlreiche Studierende weitert. Von 1987 bis 1989 unterrichtete sie an der Opernschule des Bruckner Konservatoriums Linz. Ab 1989 war sie Lehrbeauftragte für Jazzgesang an der heutigen Anton Bruckner Privatuniversität Linz, wo sie bis 2022 wirkte. Seit 1996 ist sie zudem am Institut für Popularmusik der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien als Lehrbeauftragte für Jazzgesang tätig.
Unter ihren zahlreichen Auftragswerken seien hier nur zwei hervorgehoben: 2024 schrieb sie für das Janus Ensemble „Dich muss ich sehen“ und 2025 für das Ensemble Reihe Zykan+ „Rechenaufgabe unter Tränen“ von Christine Nöstlinger (UA ist am 10. April 2026).
Mit ihren Werken betritt Elfi Aichinger kontinuierlich neues künstlerisches Terrain und entzieht sich damit konsequent jeder stilistischen Zuschreibung. Ihre Musik steht für radikale Eigenständigkeit und eine beeindruckende Vielfalt an Ausdrucksformen. In Verbindung mit ihrer unverwechselbaren Stimme entsteht eine Intensität, die das Publikum unmittelbar und nachhaltig berührt. Im Zentrum ihres Schaffens steht der Anspruch, unterschiedliche musikalische Welten miteinander in Beziehung zu setzen und produktiv zu verschränken.
Neben dem mica-Lexikon von 1997 konnte Elfi Aichinger in folgenden im Rahmen des Projekts „frauen/musiklexika“ eingesehenen Lexika und Publikationen aus dem 20. Jahrhundert gefunden werden:
- 1994 Goertz, Harald, Österreichischer Musikrat (Hg.): AICHINGER Elfi. In: Österreichische Komponisten unserer Zeit (= Beiträge der Österreichischen Gesellschaft für Musik. Band 9). Bärenreiter: Kassel u. a., S. 23.
- 1997 Günther, Bernhard (Hg.): AICHINGER Elfi. In: Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich: Komponisten und Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Wien: Music Information Center Austria, S. 233–234.
- 2009 Elfi Aichinger. In: Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (Hg.): frauen/musik – österreich. Wien: Brandstätter Verlag, S. 11.
- 2001 Haas, Gerlinde: Aichinger Elfi (Taufn. Elfriede Theresia, verh. Maaß). In: Marx, Eva / Haas, Gerlinde (Hg.): 210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Biographie, Werk und Bibliographie. Ein Lexikon. Salzburg, Wien: Residenz Verlag, S. 27–30.
- 2020 Harten, Uwe: Aichinger (verh. Maaß), Elfi (eig. Elfriede Theresia). In: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 8.10.2020, abgerufen am 10.3.2026), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001f679
Mehr Informationen über Elfi Aichinger findet man in der Musikdatenbank von mica – music austria: Biografie Elfi Aichinger. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/68394
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