Kultursommer Wien – gelebte dezentrale Kulturpolitik

Gegründet wurde der Kultursommer Wien aus der Not heraus – Corona hatte die Kulturszene besonders schwer getroffen und so wurden Auftrittsmöglichkeiten gesucht. Der Kultursommer hat weiterhin Bestand. Nicht nur, aber vor allem auch in dezentralen Stadtteilen mit niedrigerem Durchschnittseinkommen, die ansonsten über wenig Kulturprogramm verfügen. Wer also besucht die Veranstaltungen, wie kommen sie an und welchen Einfluss haben sie auf die Kulturszene? Paula Duschek begab sich auf Spurensuche.

„Ich komme zu jedem Auftritt – sonst ist es im Sommer so langweilig“, erzählt eine etwa 65-jährige Besucherin des Kultursommer Wien. Sie wohnt gleich um die Ecke der im Sommer 2025 neu hinzugekommenen Bühne bei einem Fußballverein in Floridsdorf. In der Gegend gebe es sonst kein weiteres kulturelles Angebot, bis auf einen kleinen Kulturverein, der im Sommer jedoch pausiere, sagt sie. Ihr selbst würden nicht alle Performances gefallen, vieles sei ihr zu ausgefallen und zu modern, sie sei aber trotzdem sehr dankbar für das Angebot. Auf dem heutigen Programm stehen zwei 30-minütige Comedy-Auftritte, gefolgt von einem 60-minütigen Wiener-Lied-Konzert mit Global-Jazz-Einflüssen.

Ein Festival für alle: das Konzept des Kultursommer Wien

So vielfältig wie an diesem Abend lässt sich auch das restliche Programm des Wiener Kultursommers beschreiben. So wurden seit 2020 von Anfang Juli bis Mitte August insgesamt 57 Spielstätten (jährlich etwa neun bis dreizehn wechselnde Bühnen meist in Wiener Randbezirken und etwa fünfzehn in Altersheimen) von Donnerstag bis Sonntag bespielt. Der Kultursommer ist ein Green Event, daher gibt es keine Drucksorten und Give-Aways. Der Eintritt ist frei, eine Reservierung für das Publikum ist nicht erforderlich. Zu sehen sind Auftritte im Bereich Musik, Kabarett, Tanz & Performance, Literatur, Zirkus, Theater, Club sowie ein Kinderprogramm und Tanz-Workshops. Jährlich bewerben sich im Vorfeld etwa 3.000 bis 3.500 Künstler:innen (Tendenz steigend) auf etwa 500 Slots über ein Online-Portal; über die Auswahl entscheidet dann ein alle zwei Jahre wechselndes künstlerisches Board. Die Bezahlung richtet sich so gut wie möglich nach den Fair-Pay-Honorarempfehlungen. 2025 erhielt jede auftretende Person 530 Euro, eine zusätzliche Deckung von Reise-, Hotel- oder Produktionskosten gibt es nicht, Licht- und Tontechnik werden zur Verfügung gestellt. So viel zum Konzept. Doch wie ist es zu diesem umfassenden kulturellen Angebot gekommen und für wen wird dieses eigentlich veranstaltet?

Vom Schnellstart zum Fixpunkt: die Entwicklung des Kultursommers Wien

Der Kultursommer in Wien entstand aus einer Notsituation heraus – so beschreibt es Veronica Kaup-Hasler in einem Interview1; seit 2018 ist sie Kulturstadträtin der Stadt Wien. Während der ersten COVID-19-Lockdowns in Österreich suchte man nach einer Strategie, um in der Kultur beschäftigten Menschen zu helfen. Es folgten zwei Veranstaltungen mit dem Ziel, in Kunst und Kultur tätige Personen über Sicherheitsmaßnahmen und Arbeitsbedingungen während einer Pandemie zu informieren. Der Mediziner Hans-Peter-Hutter entwickelte daraufhin einen Leitfaden für sicheres Veranstalten, der weltweit verwendet wurde. Von dieser Verbindung innerhalb des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens in Wien profitierte die Organisation des ersten Kultursommers. Denn als Bürgermeister Michael Ludwig im Mai 2020 Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler damit beauftragte, den in Wien lebenden Menschen trotz der COVID-19-Einschränkungen im Sommer ein kulturelles Angebot zu ermöglichen, musste alles sehr schnell gehen. Innerhalb von zwei Wochen wurde ein 13-köpfiges Team aus Expert:innen verschiedener künstlerischer Bereiche zusammengestellt, das ein vielfältiges Programm mit hoher künstlerischer Exzellenz kuratieren sollte. Siglind Güttler und Caro Madl übernahmen die Produktionsleitung und kümmerten sich um die Suche nach den passenden Orten für die verschiedenen Freiluftbühnen.

Weil für den ersten Kultursommer kaum Zeit für medienwirksame Ankündigungen blieb, fanden die meisten Besucher:innen über Mundpropaganda zu den Performances – und sie kamen. So entschloss man sich, den Kultursommer zu wiederholen. Anfangs angesiedelt bei der Stadt Wien Marketing GmbH, firmiert der Kultursommer seit 2022 als eigene GmbH unter dem Dach der Basis.Kultur.Wien. Die Geschäftsführung übernahmen jene, die schon von Anfang an in der Produktionsleitung tätig waren: Siglind Güttler und Caro Madl.

Ein soziales Signal für Wien

Laut Veronica Kaup-Hasler ist der Kultursommer Wien ein soziales Signal – sowohl für jene Menschen, die außerhalb des Kultursommers nur über geringe Möglichkeiten verfügen, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, als auch für die Künstler:innen der Stadt. Er eröffne den Menschen niederschwellige Teilhabe an künstlerisch hochwertigen Beiträgen, unabhängig von Einkommen oder Wohnort, und verschaffe den Künstler:innen faire Bezahlung sowie Sichtbarkeit, unabhängig von ihrem Bekanntheitsgrad. Das sei ein wichtiges Thema, auch über die Corona-Krise hinaus. Gleichzeitig biete der Kultursommer ein authentisches Bild der aktuellen Kulturlandschaft, fernab eines touristisch geprägten Fokus auf einzelne Künstler der Vergangenheit. Ergänzend dazu betonen die zwei Geschäftsführerinnen Siglind Güttler und Caro Madl das Bestreben des Kultursommers, möglichst viele verschiedene Communities miteinzubinden, so dass beispielsweise 2024 die erste Performance speziell für hörbeeinträchtigte Besucher:innen auf die Bühne kam.

Ein Blick in die vom Kultursommer in Auftrag gegebenen Publikumsbefragungen zeigt, ob dieses Signal bei der Wiener Bevölkerung angekommen ist – insbesondere bei jenen, die sonst nur selten Veranstaltungen aus dem Bereich Kunst und Kultur besuchen. Folgend ein paar Zahlen aus diesen Erhebungen2:  

  • 2021: 59 % gaben an, der Kultursommer sei für sie das einzige kulturelle Erlebnis im Sommer. 
  • 2021: Zwei Drittel der Besucher:innen weisen ein Haushaltseinkommen von unter 2500€ auf.
  • 2022: 54 % gaben als Hauptgrund für den Besuch den freien Eintritt an, 42 % waren wegen des Acts gekommen und 40 % wohnten in der Nähe.
  • 2023: 63 % identifizierte sich als weiblich.
  • 2023: Rund 86 % gaben an, mit dem von ihnen besuchten Event sehr zufrieden zu sein
  • 2023: 49 % waren zwischen 40 und 65 Jahre, 37 % zwischen 20 und 39 und 9 % zwischen 66 und 79 Jahre.
  • 2024: 56 % waren Wiederbesucher:innen.

Der Kultursommer zählt über die fünf Jahre seines Bestehens 381.000 Besucher:innen. Beim Betrachten der oben genannten Zahlen scheint das Ziel „Kultur für alle“ aufgegangen zu sein. Besonders auffällig ist der hohe Frauenanteil im Publikum. Ob dieser mit der in Österreich weitverbreiteten Altersarmut von Frauen zusammenhängt, bleibt jedoch offen. Der Kultursommer könnte für Frauen eine willkommene Möglichkeit bieten, trotz der niedrigen Pension am kulturellen Geschehen Wiens teilzuhaben. 49 % der Besucher:innen sind jedenfalls zwischen 40 und 65 Jahre alt – das Pensionsalter in Österreich betrug im Jahr der Erhebung 60 Jahre. Da jedoch keine konkreten Altersdaten der Besucherinnen vorliegen, lässt sich dieser Zusammenhang nicht eindeutig belegen. Auch ein Zusammenhang damit, dass die Veranstaltungen einfach mit Kindern zu besuchen sind, könnte ein Grund für den hohen Frauenanteil sein.

Kultursommer Wien im Reithofferpark im 15. Bezirk: Gawdesque, Iris, Tay, Yielu, Kweku, Munira
Kultursommer Wien im Reithofferpark im 15. Bezirk: Gawdesque, Iris, Tay, Yielu, Kweku, Munira © Judith Stehlik

Stimmen aus dem Publikum: Kultur vor der Haustür und darüber hinaus

Lokalaugenscheine bei zwei dezentral gelegenen Bühnen des Kultursommers und dort stichprobenartig durchgeführte Interviews mit dem Publikum bekräftigen das zuvor gezeichnete Bild weiter. Die meisten wohnen in der Nähe der Bühne und seien wiederkehrende Gäste, der Kultursommer sei für sie eine willkommene Abwechslung zur sonst kulturell eher tristen Umgebung. Unter den Gästen fand sich aber auch ein Vater mit Kleinkind, der zufällig an der Bühne vorbeikam und sich entschloss zu bleiben. Doch auch längere Anreisen werden in Kauf genommen, wie die folgenden Beispiele zeigen: Ein Pärchen gibt an, sie gehen fast ausschließlich zu Kabarett-Vorstellungen. An diesem Abend hatten sie spontan Kinderbetreuung gefunden, der Kultursommer habe aus der Recherche nach Kabarettprogramm in Wien letztendlich überzeugt; die Anreise betrug 45 Minuten. Auch eine etwa 30-jährige Frau gibt an, sie sei trotz 50-minütiger Anreise gekommen, da sie den Act persönlich kenne. Ein anderes Paar mit Baby erzählt, dass sie weiter entfernt wohnen, es aber außerhalb des Kultursommers kaum Möglichkeiten gebe, gemeinsam mit ihrem Kind kulturelle Veranstaltungen zu besuchen.

Der Kultursommer als Türöffner

Der Kultursommer zieht also ein sehr heterogenes Publikum an, das aus den verschiedensten Gründen kommt. Gleichzeitig regt sich jedoch immer wieder Kritik, der kostenlose Eintritt könne anderen Veranstalter:innen Besucher:innen abspenstig machen. Auf diese Bedenken antworten Siglind Güttler und Caro Madl mit dem Verweis auf die kurze Auftrittsdauer zwischen 30 und 60 Minuten. Der Kultursommer versteht sich vielmehr als Türöffner für weitere kostenpflichtige Veranstaltungen der auftretenden Künstler:innen – die Auftritte können als Teaser für das Publikum gesehen werden, die so Lust auf mehr bekommen sollen. Auf ein gutes Verhältnis mit anderen Veranstalter:innen wird dabei großer Wert gelegt: So werden in den Moderationen weitere Auftritte angekündigt, während im Laufe des Jahres über den Newsletter Kulturtipps verschickt und Eintrittskarten für Veranstaltungen verlost werden. Beim Kultursommer geht es nicht um eine Verschiebung des Publikums hin zu anderen Veranstaltungen, sondern um die Demokratisierung von Kunst und Kultur. Denn vor allem Stadtteile, die viele Menschen mit niedrigem Einkommen, geringer formaler Bildung und hoher Arbeitslosigkeit beherbergen, benötigen seitens der Politik besondere Unterstützung – hier in Form von kostenlosem kulturellem Angebot.

Wie geht es weiter? – ein Festival zwischen Wachstum und Unsicherheit

Fixer Bestandteil des Sommers in Wien – mit mehr Auftretenden auf mehr Bühnen mit weniger Barrieren – so würden Siglind Güttler und Caro Madl diese Frage beantworten. Die beiden Geschäftsführerinnen haben noch einige Ideen, wie sich der Kultursommer sich weiterentwickeln könnte. Wichtig ist ihnen, die Mischung verschiedener Genres beizubehalten; so könnte sich Siglind Güttler vorstellen, auch die geteilten Slots von 30 Minuten genreübergreifend zu programmieren. „Ich möchte auch in zehn Jahren wegen eines Acts hingehen und dann vom zweiten Act überrascht werden“, sagt sie in einem Interview mit Martin Thomas Pesl. Außerdem sollen das Kinderprogramm und die Mehrsprachigkeit erweitert werden, die Auftritte in den Altersheimen eventuell auch für Bewohner:innen aus anderen Häusern geöffnet werden und der Kultursommer allgemein noch nachhaltiger gestaltet werden.

Obwohl der Kultursommer als wichtiger Schritt in Richtung dezentraler Kulturpolitik – das als explizites Ziel der Wiener Stadtregierung genannt wird3 – und sozialer Gerechtigkeit angesehen werden kann, muss jährlich neu um das Budget angesucht werden. Das erschwert die Planungssicherheit und Anpassung an die Fair-Pay-Honorarempfehlungen. Damit Wien zu einem Ort des intensiven sozialen Austauschs zwischen den Bewohner:innen verschiedener Stadtteile werden kann, muss dieser Weg konsequent fortgesetzt und durch eine verlässliche finanzielle Absicherung seitens der Stadt gewährleistet werden.

Paula Duschek

Link:
Kultursommer Wien

Quellen:

  1. Kultursommer Wien (2024). 5x Kultursommer Wien, 5 Sommer voller Kultur (Stadt Wien Hrsg.) ↩︎
  2. Stadt Wien (Hrsg.): Kultursommer Wien (2024). 5x Kultursommer Wien, 5 Sommer voller Kultur  und Riedl G. & Draxler M. (2021): Kultursommer Wien 2021, hg v. Stadt Wien Marketing GmbH ↩︎
  3. Vgl. Regierungsprogramm, 2025, https://www.wien.gv.at/politik-verwaltung/pdf/regierungsprogramm-2025.pdf ↩︎