Kommentare zum Haydn-Jahr – Sechs Uraufführungen in der Alten Schmiede

Zugegeben, die Idee war nicht neu: 1909 beauftragte die Zeitschrift „S. I. M. Revue musicale mensuelle“ sechs französische Komponisten Klavierminiaturen anlässlich des damaligen 100. Todestages Joseph Haydns anzufertigen. Dana Cristina Probst griff nunmehr diese Idee auf und lud zum 200. Todestag sechs österreichische Komponisten ein, ebenso kurze Stückchen zu verfassen. Diese wurden nun gewissermaßen als „Nachklang“ zum Haydn-Jahr durch Karl Barth und Otto Probst in der Alten Schmiede in Wien erstmals öffentlich präsentiert und dabei sowohl einigen Originalwerken Haydns als auch den sechs Beiträgen von 1909 gegenüber gestellt.

Grundlage für alle zwölf „Hommage“-Kompositionen bildete die „sur le nom de haydn“-Idee, welche auch eingangs von Gerald Resch humorvoll erläutert wurde: Aufgrund gewisser Spielereien mit dem Alphabet war es demnach seinerzeit gelungen den Namen Haydn auf eine Tonfolge h-a-d-d-g umzulegen (Die Erklärung, wie man vom „y“ auf den Ton d bzw. vom „n“ auf das g gelangte, würde den Rahmen dieser Zeilen sprengen). Mit diesem Motiv arbeiteten nun die Zwölf, wobei einleuchtender Weise die 1909er-Partie vergleichsweise sklavisch hierin die Themengrundlage sah, während die 2009er naturgemäß allerlei darein- und dazwischenzauberten, was den 100 Jahren mittlerweile verflossener Musikgeschichte ausgiebig Rechnung trug: motivische Zerlegungen, Verfremdungen, perkussive Elemente und vieles mehr.

Man mochte (und sollte wohl auch) keine rechten Hommagen erkennen, vielmehr schufen die gegenwärtigen Sechs eher kleine persönliche Haydn-„Aufarbeitungen“ oder ließen sich bestenfalls vom Urmotiv zu einer freien Assoziation jenseits aller weiteren Haydn-Gedanken animieren. Am deutlichsten dem Ur-Meister verpflichtete sich noch Dietmar Schermann, indem er in seinem „Kommentar zu Joseph H.“ wohl alles aus seinem Ideenfüllhorn schüttete, was ihm an unauslöschlichen Haydn-Themen in den Sinn kam (vom „Gott erhalte“ angefangen) und dergestalt eine Art Konfrontation des simplen Mottos mit der musikalischen Überfrachtung unserer Tage in den Raum stellte. Dieter Kaufmann („Haydn-Rondeau 09“ op. 118) und Zdzislaw Wysocki („Capriccio per J. Haydn“ op. 70/2) nutzten insbesondere das heutige spieltechnische Spektrum in einer Art, wie es vielleicht gar Haydn selbst schon seinerzeit gerne getan hätte, hätte man zu seiner Zeit die schlagzeugerische Nutzung des Klaviers nicht sicher als allzu ketzerisch empfunden. Dana Cristina Probst („colind – sur le nom de ha(y)d(n)“) hielt sich zwar enger an das eigentliche Thema, fand aber zu einer reizvollen Verknüpfung mit Volksrhythmik ihrer rumänischen Heimat. Die beiden Jüngsten im Bunde, Christoph W. Breidler („gestaubt“) und Michael Amann („Scherzo“), schließlich nahmen die Motivik zum Ausgang für technisch anspruchsvolle Klavierminiaturen, die auch das Zeug zu eigenständigen Repertoirestückchen haben könnten.

Was nun in der Gegenüberstellung auffiel, war, dass ein so eingeschränktes (einschränkendes) Motiv durchaus respektablen Meistern der Vergangenheit (Widor, d’Indy) eher Belangloses abrang, während andere (Ravel, Debussy, Dukas) teils wirklich hübsche Arbeiten kreierten, die jedoch für sich genommen auch nicht unter ihre Meisterwerke zu reihen sind. Vielmehr verblüffte, wie stark in fast jedem Fall der jeweilige Personalstil durchschlug, man also etwa beim „Menuet sur le Nom d’Haydn“ sehr rasch auf den Namen Ravels gekommen wäre, wohl kaum hingegen auf jenen Haydns. Und dies nun umgelegt auf das Neue? –  Da bleibt vermutlich noch abzuwarten, ob man einmal auch in den 2009er-Stücken die Handschrift ihrer Schöpfer so deutlich herauszuhören vermag. Spätestens 2109 böte sich aber sicher eine gute Gelegenheit dafür.
Christian Heindl

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