Kollektives Engagement und Strukturen neu denken. Green-Events im Musik- und Veranstaltungsbereich

Musikveranstaltungen wird oft eine hohe Umweltschädlichkeit nachgesagt: internationale Flüge, große Mengen Müll, hoher Stromverbrauch, Einweggeschirr. Doch auf verschiedenen Ebenen des Veranstaltens wird von kleinen Events bis hin zu großen Festivals an Ideen gearbeitet, diese ökologisch nachhaltiger zu gestalten. Dass neue Zugangsweisen und Konzepte, mit der Unterstützung und dem Willen des Publikums, ökologisch nachhaltigere Veranstaltungen ermöglichen können, demonstrieren in Österreich und international verschiedene Akteur:innen. Die Kraft von Musikveranstaltungen liegt in der Fähigkeit, in einem örtlich und zeitlich befristeten Umfeld neue nachhaltige Umgangsweisen mit der Welt zu skizzieren, auszuprobieren und zu normalisieren.

Die Situation in Bezug auf Nachhaltigkeit ist oft sehr unterschiedlich – deshalb ist es wichtig, Veranstaltungen individuell zu betrachten. Um zu verstehen, wo bei der Einsparung von Ressourcen, dem Erreichen von Klimaneutralität, Strom und Wasserverbrauch und Organisations- und Kommunikationsstrukturen angesetzt werden kann, ist es wichtig herauszufinden, in welchen Bereichen bei einer spezifischen Veranstaltung am wenigsten nachhaltig gehandelt wird. Daher gibt es verschieden Angebote für Nachhaltigkeitsanalysen und Beratungen. Organisationen wie Music Declares Emergency, Green Music Initiative, A Greener Future oder Future Festival Tools helfen dabei. Prinzipiell gibt es diverse Räder, an denen gedreht werden kann: Mehrweggebinde, Müllvermeidung, konsequentes Recycling, lokale vegetarische oder gar vegane Verpflegung, klimafreundliche Anreise, Stromsparen (bzw. Ökostrom) und eine generelle Transport- bzw. Fahrtenreduktion sind die Kernelemente ökologisch nachhaltiger Veranstaltungen und werden mit unterschiedlicher Fokussierung von allen vorgestellten Veranstaltungen verfolgt.

Team Music Declares Emergency Austria
Team Music Declares Emergency Austria (c) Andreas Jantsch / Music Declares Emergency Austria

Von den größeren Veranstaltungen sticht das Øya Festival in Oslo hervor, das bereits seit 2002 an Nachhaltigkeitskonzepten arbeitet und diese dadurch immer weiter präzisiert werden konnten, denn Nachhaltigkeit ist ein Prozess. Seit 2009 verwendet das Festival nur Ökostrom und bespielt verschiedene Orte in der Stadt, was 98 % der Besucher:innen die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr ermöglicht. Zudem arbeitet die gesamte Verpflegungsinfrastruktur durch die ausschließliche Verwendung lokaler Produkte gänzlich plastikfrei.

Mehrere österreichische Firmen haben in den letzten Jahren Angebote entwickelt, die spezifisch beim nachhaltigeren Veranstalten unterstützen. Diese werden sowohl bei kleineren Festivals, die bereits eher für nachhaltige Konzepte bekannt sind, als auch bei größeren, kommerzielleren Veranstaltungen eingesetzt. Für die Zukunft einer autofreien Stadt etwa arbeitet VeloConcerts in Wien bereits vor: Dabei handelt es sich um ein spezialisiertes Lastenrad, das sich in eine Bühne und PA verwandeln kann und von Akkus bzw. Solarenergie gespeist wird. Das System kann dadurch überall aufgestellt werden und kommt beim Transport und der Benutzung ohne die sonst oft verwendeten Dieselgeneratoren aus.

„Mit VeloConcerts ist es unser Ziel, Kultur und Nachhaltigkeit zu verbinden. Das Angebot wird erfolgreich von kleinen bis großen Playern angenommen und ist in Österreich auf Festivals wie dem Frequency oder dem Nova Rock, aber auch international vertreten.“

Jonas Skielboe, VeloConcerts

Abfall und Energie

Die Öklos etwa sind bereits vielen ein Begriff, da sie auch abseits von Veranstaltungen im öffentlichen Raum immer öfter eingesetzt werden. Das Öklo ist eine mobile Toilette, die durch Kompost in der Benutzung kein Wasser braucht, keinen Abfall produziert und dessen Licht per Solarenergie betrieben wird. Abfallvermeidung und Recycling ist ebenfalls ein großer Fokus des Pohoda Festivals in der Slowakei. Das Festival hat es geschafft, mit einem großen Team an Mülltrennenden und viel Awareness-Arbeit den durchschnittlichen Abfallverbrauch während des Festivals auf 0,92 kg pro Besucher:in pro Tag zu drücken – was, je nach Studie, nur ungefähr dem durchschnittlichen täglichen Verbrauch in der Slowakei entspricht.

Bild Paradies Garten Festival
Bild (c) Paradies Garten Festival

Die langfristig komplette Vermeidung von fossilen Brennstoffen ist die Vision des Paradies Garten Festivals in Bruck an der Leitha: 2023 war es das erste österreichische Festival, das zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben wurde. Außerdem wird auf den Verkauf von Wasserflaschen aus Plastik verzichtet und bei der Bewerbung sowie während des Festivals ressourcenschonend mit Material umgegangen. Das Festival steht gänzlich im Zeichen des Klimaschutzes, worauf die Besucher:innen über mehrere Kanäle hingewiesen werden.

Bei jeder Paradies Garten Veranstaltung bemühen wir uns um einen minimalen ökologischen Fußabdruck, wofür wir vor allem drei Faktoren berücksichtigen: 1) Minimierung der CO₂-Emissionen, 2) Abfallvermeidung und eine möglichst effektive Abfallpolitik, 3) Schaffung eines allgemeinen Bewusstseins für das Klimaproblem.“

Paradies Garten Festival

Die Anreise der Besucher:innen zu den Veranstaltungen außerhalb von urbanen Räumen bleibt eines der größten Probleme, deshalb gehen Veranstaltungen abseits von der Schaffung eigener Infrastruktur wie lokalen Shuttlebusen auch Kooperationen mit öffentlichen Verkehrsbetrieben ein. Das Paradies Garten Festival bietet in Kooperation mit der ÖBB gratis Nachtzüge nach Wien an und diverse österreichische Festivals wie das Acoustic Lakeside in Kärnten haben Kooperationen, bei denen in Form von Gewinnspielen Klimatickets verlost werden. Beim Open Air St. Gallen in der Schweiz, wo die Lage in einem Naturschutzgebiet schon früh Nachhaltigkeitskonzepte inspirierte, gibt es in einer Kooperation mit der SBB, der Schweizer Bahn, 50 Prozent Rabatt auf die Anreisetickets. Der Transport ist bei überregional ausgerichteten Festivals zwangsläufig eine große Hürde, schließlich ist in diesen Fällen die Anreise des Publikums und der Musiker:innen unabdingbar. Deshalb berät das Green Touring Network Musikschaffende dabei, wie sie umweltschonender unterwegs sein können und hat dazu auch einen Leitfaden veröffentlicht: von dem Verzicht auf Fast-Fashion-Merchandise bis hin zu einer Verringerung des Reiseteams ist vieles möglich. Unbedingt notwendige PKW-Anreisen könnten auch positiver gestaltet werden: Das Lowlands Festival in den Niederlanden etwa hat den eigenen Parkplatz seit 2020 mit einer 3,5 Quadratkilometer großen Photovoltaikanlage überdacht, die über das ganze Jahr weit mehr als den Energiebedarf des Festivals deckt.

Das Schrammel.Klang.Festival in Niederösterreich zeigt, dass auch die Wahl der Sponsor:innen und lokaler Kooperationspartner:innen relevant für eine nachhaltige Veranstaltung sind: Wird die Gastronomie etwa von Firmen gesponsert, die umweltschädliche Produkte herstellen, entstehen auch so wieder Folgeschäden. Eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre war für das Schrammel.Klang.Festival der komplette Verzicht auf Einweggeschirr in der Gastronomie, was über den schrittweisen Übergang zu kompostierbarem und schlussendlich zu Porzellan- und Metallgeschirr, fast vollzogen ist. Das Schrammel.klang.Festival verzichtet außerdem auf Datumsangaben und Ähnlichem auf ihren Schildern, die aus lange wiederverwendbaren Materialien bestehen und somit über mehrere Jahre hinweg verwendet werden können.

Ernst Molden und Walther Soyka 2023 beim Schrammel.Klang.Festival
Ernst Molden und Walther Soyka 2023 beim Schrammel.Klang.Festival (c) Stephan Mussil

„Jedes Team, sei es die Intendanz, Technik, Ausstattung oder Produktion, ist bestrebt, die Kriterien für das Umweltzeichen einzuhalten. Dieses kollektive Engagement und die Bereitschaft, eigene Ideen für nachhaltiges Handeln einzubringen, machen unser Festival besonders.“

Elina Stanek, Green-Event-Beauftragte beim Schrammel.Klang.Festival

Das Schrammel.Klang.Festival ist, wie auch die anderen hier genannten österreichischen Festivals, als „Green-Event“-zertifiziert. Green Events Austria, vom BMK, BMKÖS, BMEIA und den Bundesländern finanziert, berät Veranstaltungen beim ökologisch und sozial nachhaltigen Veranstalten und vergibt beim Erreichen gewisser Kriterien ein Zertifikat.

Einen anderen Zugang bietet das KLANGfestival, das schon länger mit Leerständen in Gallneukirchen arbeitet, seit 2022 in einem seit zehn Jahren leerstehenden Hallenbad. Die Nutzung eines Leerstands ist in vielerlei Hinsicht eine symbolische Geste, kann aber auch eine klimafreundliche sein, wenn etwa – wie im Fall des KLANGfestivals – bereits bestehende Infrastruktur wie etwa Wasseranschlüsse und Toiletten genutzt werden können, anstatt für wenige Tage neue Infrastruktur zu schaffen. Das KLANGfestival versucht außerdem die Anreise internationaler Künstler:innen mit dem öffentlichen Verkehr zu ermöglichen, indem eine möglichst attraktive Backline, also die von den Veranstaltenden zur Verfügung gestellte Bühnentechnik, vor Ort bereitsteht. Je weniger Equipment die Musiker:innen selbst mitnehmen müssen, desto einfacher lässt sich etwa auf einen Tourbus verzichten. An der Schnittstelle zu einem Element der sozialen Nachhaltigkeit hat sich ein Leerstand, der ursprünglich vom KLANGfestival bespielt wurde, mittlerweile zu einem dauerhaften Veranstaltungsort für die Region entwickelt.

„Die CO₂-Belastung bei einer schonenden Nachnutzung ist um ein Vielfaches geringer als bei einem Neubau. Kurzum: Vorhandene, alte Strukturen neu zu nutzen, ist ein zentraler Bestandteil nachhaltiger, kulturpolitischer Arbeit.“

Thomas Auer, KLANGfestival

Where do we go from here?

Future Festival Tools ist eine Plattform, die spezifisch für Festivals Nachhaltigkeitsberatung anbietet und zu unterschiedlichen Ansätzen umfangreiche Materialien anbietet. Mit Future Festival Tools kooperieren das bereits erwähnte Øya Festival, das Open Air St. Gallen und das Terraforma. Letzteres  versucht, über das ganze Jahr hinweg nachhaltig mit dem Veranstaltungsort zu arbeiten, indem es beispielsweise die Region rund um das Festivalgelände aufforstete.  

Wie an den unterschiedlichen Beispielen zu sehen, ist Nachhaltigkeit ein Prozess, an dem langfristig gearbeitet werden muss. Keine Veranstaltung hat eine einfache Checkliste, die irgendwann abgeschlossen ist. Verantwortung zu übernehmen und daran zu arbeiten, ist ein wichtiger erster Schritt. Ressourcenschonend zu arbeiten, bedeutet immer auch, viele Prozesse grundlegend zu hinterfragen und weiterführend auch über die Umverteilung von Ressourcen nachzudenken.

Samuel Obernosterer


Die Klimakrise ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Viele Akteur:innen der Kulturbranche haben ihre Rolle bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Transformation erkannt. Mit dem Schwerpunkt „Klima und Musikwollen wir Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Musikbranche möglichst breit und kontinuierlich zu kommunizieren.


Links:
Music Declares Emergency
Green Music Initiative
A Greener Future
Future Festival Tools
Øya Festival
VeloConcerts
Öklos
Pohoda Festival
Paradies Garten Festival
Acoustic Lakeside
Open Air St. Gallen
Green Touring Network
Lowlands Festival
Schrammel.Klang.Festival
Green-Event
KLANGfestival
Terraforma

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