Klaus Gesing im Porgy & Bess

Seine Musik fließt virtuos und rund, und aller scheinbaren kammermusikalischen Leichtigkeit zum Trotz schlummern da unter der Oberfläche strukturelle Vertracktheiten, vielfältige, oft verdeckte Bezüge, die, so die Eigendiagnose, durchaus auch Ausdruck persönlicher Zerrissenheit sind. Der Sopransaxofonist und Bassklarinettist Klaus Gesing gastiert am 19. Februar im Porgy & Bess.

Der aus Düsseldorf stammende Sopransaxofonist und Bassklarinettist, der in Den Haag ausgebildet wurde, viel Zeit in Oberitalien verbringt und nichtsdestotrotz seit 1998 in Wien lebt, ist ein Klang-Ästhet, dessen tiefschürfende, immer wieder hitzig aufkochende Lyrismen sich als komplexere, vielschichtigere musikalische Gedanken erweisen, als es beim ersten Hördurchgang scheinen mag.
Süffig, sublim, selbstverständlich: Auf diesen Nenner könnte man die Musik Klaus Gesings bringen. Eine Musik, die sich bei aller Virtuosität durch eine Aura kammermusikalischer Transparenz auszeichnet, durch kontinuierliche, nuancenreiche Fließbewegung, formsichere organische Bögen. Die nicht die Weiten des Experiments, sondern die Tiefen emotionalen Ausdrucks erkundet, lyrische Grundhaltung und expressive Intensität miteinander versöhnt und in hörenswerter Weise in einen ästhetisierenden klanglichen Kontext stellt. Es ist Musik aus einem Guss, von Gesing sowohl in freiem als auch in gebundenem Improvisationsrahmen in architektonischer Stringenz und apollinischer Ausgewogenheit choreografiert. So scheint es. “Mein Grundanliegen ist Kommunikation”, so Klaus Gesing, “allerdings ohne meine Integrität als Komponist in Frage zu stellen. Das macht es für mich spannend: Zu wissen, dass hier etwas sehr Schwieriges wie ein Stück Kuchen, wie ein Kinderlied klingt. Wodurch die Musik intellektuelle Tiefe bekommt, und man auf mehreren Ebenen kommunizieren kann: Mit Fachleuten ebenso wie mit Jazz-Neulingen.”

 

Da horcht man auf. Lässt ein Statement wie dieses doch vermuten, dass da noch eine andere Schicht, ein anderer Code in Klaus Gesings Musik verborgen ist, dass hinter der so entspannten Oberfläche mitunter schweißtreibende Diffizilität steckt. In der Tat eignet den Klängen des 1968 in Düsseldorf geborenen, ab 1990 am Königlichen Konservatorium Den Haag und in den Masterclasses Dave Liebmans in Stroudsburg, Pennsylvania, reifenden Musikers nicht zuletzt dank der mitunter diabolischen Komplexitäten, die da – oftmals unhörbar – im Untergrund schlummern, Raffinesse und Substanz. Es ist die spannungsvolle Ambivalenz zwischen eingängigem akustischem Erscheinungsbild und gefinkeltem kompositorischem Konzept, die die Arbeit des seit 1995 in Österreich ansässigen Aerofonisten auszeichnet. Sie prägt sowohl seine kompositorische Arbeit für die Jazz Big Band Graz als auch die bis dato wohl relevantesten Resultate unter eigenem Namen – das brillante, 2002 live aufgenommene Duo-Album “Play Songs” (ATS Records) mit dem Udineser Pianisten Glauco Venier sowie das Trio-Opus “Chamber Music” (Universal Music) von 2003 mit Venier und der britischen Vokalistinnen-Magnifizenz Norma Winstone (“Azimuth”).

Noch charakteristischer scheint diese Kunst des “komplexen Kinderlieds” für das neue, 2004 inaugurierte Quartett “Osterweiterung”. Gerade die Musik dieses Ensembles lebt vom inneren Kontrast von strukturell-technischem Hürdenreichtum und dessen scheinbar müheloser Umsetzung: Etwa in aus der bulgarischen Volksmusik bekannten 11er-Metren, die sich – in ersterem Fall in Gestalt einer folkloristischen Flöten-Trommel-Figur – durch “Dorothie’s Dance” und “Force on Fours” ziehen; oder im kontrapunktischen Zusammenwirken der instrumentalen Parts, den “rhythmischen Polyfonien” (Gesing), die in einem harmlos betitelten Stück wie “Heartluggage” für Spannung sorgen. Während das in choralartigem Gestus exponierte Hauptthema von “Take It To The Bridge” – der Titel zitiert James Brown – sogleich eine vertrackte, im 7/4-Takt notierte melodisch-rhythmische Variation erfährt, die auf einen steirischen Jodler-Kanon als Ideengeber verweist. Und Gesing seine Blasinstrumente auch in der Horizontalen per Overdub zu mitunter kühnen Stimm-Schichtungen übereinander legt, die im Falle von “Here And Now And You Forever” gar in ein Fugato münden.

 

“Ich habe viel Volksmusik gehört und das hat sich in meinen Gehirnwindungen einfach festgesetzt”, so Gesing, der als Sopransaxofonist mit Faible für hohe Lagen noch dort mühelos intoniert, wo andere nur mehr Geräuschklänge hervorbringen. “Das kommt an allen Ecken und Enden wieder heraus, ob ich will oder nicht. Oft auf sehr versteckte Art und Weise. Der volksmusikalische Anteil ist eine Art Geheimcode, der so tief in mir drin ist, dass ich mich als Komponist niemals bewusst dafür oder dagegen entscheide. Das bin einfach ich.” Was hinter diesem Interesse an musikalischer Tradition steht?

 

“Volksmusik hat für mich mit Heimat zu tun. Vielleicht ist meine Sehnsucht danach vor dem Hintergrund zu sehen, dass ich aus Deutschland stamme, viele Jahre in Holland verbracht habe, jetzt in Österreich lebe, aber auch viel in Italien unterwegs bin. Meine Musik ist auch ein Spiegel meiner eigenen Zerrissenheit, weil ich manchmal nicht mehr weiß, wo ich mich zuhause fühlen soll. Und dann muss man darauf zurückgreifen, sich bei sich selbst zuhause zu fühlen, anstatt an einem topografisch benennbaren Ort.” Weshalb die naheliegende Vermutung, hinter einem Quartett namens “Osterweiterung” stehe eine paneuropäische Programmatik, einerseits ins Schwarze trifft, andrerseits gleichzeitig zu kurz greift. Zwar ist es kein Zufall, dass Gesing auf ein internationales, junges Sideman-Team setzt: So auf den virtuosen Moskauer Bassisten Yuri Goloubev, der schon für Michel Portal und Adam Nussbaum tiefe Töne gezupft und als Mitglied diverser klassischer Orchester auch Barbara Hendricks, Thomas Quasthoff, Kim Kashkashian und anderen prominenten Solisten sekundiert hat; von seinem technischen Können zeugt der Umstand, dass er etwa Mozarts Klarinettenkonzert oder Beethovens dritte Cello-Sonate für Kontrabass und Klavier transkribiert und ediert hat. In wechselnden Bandkontexten hat Goloubev dabei eine mittlerweile beinahe intuitive musikalische Beziehung zum israelischen Schlagzeuger Asaf Sirkis aufgebaut, der seit 1999 in London lebt und hier sowohl als Sideman – etwa im “Orient House Ensemble” von Landsmann Gilad Atzmon oder in der Formation um Saxofonist Tim Garland – , aber auch als Leader seiner eigenen Formation “The Inner Noise” – auf sich aufmerksam gemacht hat. Jüngster im Bunde ist der erst 24-jährige, walisisch-stämmige Pianist Gwilym Simcock, zurzeit vielleicht DER Shootingstar der englischen Szene, der auch als Komponist und Waldhorn-Spieler in Jazz- und Klassikbereich tätig ist und u. a. auf Kenny Wheeler, Dave Holland, Evan Parker, Norma Winstone und Lee Konitz als Referenzen verweisen kann.

 

Trotz dieser Einflussvielfalt, für die also einerseits die Person Klaus Gesings steht, die andrerseits in Gestalt der unterschiedlichen Backgrounds seiner Mitstreiter mitklingt, ist nicht eine möglichst facettenreiche Demonstration der Ergiebigkeit europäischer Volksmusik-Traditionen das Anliegen des Quartetts. Die Themen, die Klaus Gesing als Inspiration dienen und in seiner Musik verhandelt werden, sind nicht politischer, sondern höchst persönlicher Natur: Sie reichen von den ersten Krabbelversuchen seines heute vierjährigen Sohnes (“Force on Fours”) zum Liebesgedicht (“An meiner Küsten Strände”, ehemals für das Kammermusikensemble “Ambitus” geschrieben) und zum Abschiednehmen (“To The Missing”). Klaus Gesing verleibt die Bestandteile seiner musikalischen Sozialisation der eigenen Ausdruckswelt ein, um daraus im Grunde nichts anderes als Klaus-Gesing-Musik zu destillieren. Weshalb sich auch ein volksliedhafter gregorianischer Choral und ein vielgespieltes Jazz-Thema darin finden können, ohne den Eindruck der Geschlossenheit, eines höchst individuelle.

 

Text: Porgy & Bess
Foto Klaus Gesing Portrait: B. Frenzel
Fotos Klaus Gesing live: Rainer Rygalyk

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