Bis vor drei Jahren hat SEBASTIAN SPERL noch nie ein Mikrofon in der Hand gehalten. Dann kommt Corona. Der Oberösterreicher verpasst sich den Namen FLONKY CHONKS und beginnt zu schreiben. Über Alltagsstress neben Straßenpanzern, die Cops und Sobotkas Scheißhaufen. SPERL, damals noch Radlkurier, landet im Finale des Protestsongcontests. Der Standard bezeichnet ihn als „Sprechgesangkünstler”. Sein Album „Bastard” erscheint. Dass FLONKY darauf sprachliche Faust-Watschen verteilt, hat nicht nur mit einem Faible für schräge Vögel zu tun. Der ausgebildete Ornithologe und Parkranger sieht Ungerechtigkeiten und kann sie benennen. Ohne Cringe, dafür mit Mundartschmäh. Ein Gespräch über Mehrzweckstreifen, Eminem und Cornflakespackungen.
Du bist Biologe, Parkranger und Ornithologe. Wie kommt so jemand zum Rappen?
Sebastian Sperl: Das war immer mein geheimer Traum. Nicht nur zu rappen, sondern auf der Bühne zu stehen. Früher war ich in Steyr im Musikverein. Zu Beginn meiner Studienzeit hab ich sogar eine Band gehabt und E-Bass gespielt. Nach drei Auftritten war aber Schluss. Das heißt: Ich hab bis vor zielich genau drei Jahren noch nie ein Mikrofon in der Hand gehalten, geschweige denn einen Text geschrieben.
Mit 30 hast du dir gedacht: jetzt Rap!
Sebastian Sperl: Tatsächlich war das ein klassisches Lockdown-Ding. Viel Zeit, wenig soziale Kontakte, dafür eine neue Wohnung, in die ich mit meinem Mitbewohner ein paar Wochen davor gezogen bin. Am Abend sind wir zusammengesessen, er mit seinem Keyboard, ich mit dem Stift. Irgendwann haben wir gesagt: Probieren wir’s.
Du hast angefangen, Texte zu schreiben.
Sebastian Sperl: Am Anfang hab ich mir gar nichts dabei gedacht. Die erste Nummer hab ich im Freundeskreis geteilt, die Rückmeldungen waren recht gut. Daraufhin hab ich mir gedacht: Vielleicht geht sich ein Album aus, weil: Ich bin ein Freund der …
Challenge?
Sebastian Sperl: Einerseits das, aber auch: des Oldschool-Hip-Hop. Mir ist es zu fad, wenn ein Lied wie heute keine zwei Minuten dauert. Das klingt vielleicht ein wenig komisch, aber: Ich wollt schon eine richtige Geschichte erzählen. Daraufhin hab ich weiter geschrieben, wieder geteilt, die Rückmeldungen gesammelt. Und dann kam der Moment, in dem ich mich gefragt hab: Ist das cool oder cringe?
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Weil man über Verkehrspolitik- und Klimathemen keine gscheiden Texte schreiben kann?
Sebastian Sperl: Ja, eh. Ich hab dann „Flächendeckend 30” geschrieben und das war super – auch weil da viele wahre Erlebnisse mit eingeflossen sind.
Du warst Radlkurier in Wien.
Sebastian Sperl: Ich bin während meines Studiums für Rita bringt’s, einem vegetarischen Lieferdienst, durch Wien geradelt. Allein deswegen bin ich schon viel auf dem Radl gesessen. Nachdem ich zu alt fürs Semesterticket war, bin ich zu einem Ganzjahres-Radler geworden. Das ist schon ein hartes Pflaster, vor allem wenn man nicht ständig zurückstecken will. Deshalb steckt in den Texten eine Wut, die ich aus meinen Erfahrungen abgeleitet hab.
Welche Situationen fallen dir da ein?
Sebastian Sperl: Weniger Situationen, sondern diese Mehrzweckstreifen, wo du entweder in der Dooring-Zone fahren musst und dort das Risiko hast, dass unerwartet eine Autotür aufgeht, oder mitten auf der Straße, dass sich die Autofahrer sofort denken, der gschissene Radlfahrer! Ich würd mich als selbstbewussten Radlfahrer bezeichnen, aber manchmal kommt man in Situationen, die richtig ungut sind. Kein Wunder, dass der Anteil der Radlfahrer stagniert. Manche Leute wollen sich das einfach nicht antun.
Und dadurch bist du zum Hip-Hop gekommen?
Na ja, eigentlich nicht. Ich hab früher Eminem gehört – vor allem die ersten drei Alben leg ich manchmal immer noch auf. Eigentlich war ich aber eher der Indie-Typ. Tomte war lange Zeit meine Lieblingsband. Irgendwann dann Muse. Hip-Hop ist erst während meiner Studienzeit zur dominierenden Musikrichtung geworden. Das war 2009. Jetzt bin ich 14 Jahre in Wien.
„DIE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN IN DER MUSIKBRANCHE KÖNNTEN SICH FRAGEN, OB ES NÖTIG IST, IN MUSIKVIDEOS MIT FETTEN AUTOS HERUMZUFAHREN.”
Und du brauchst noch immer kein Auto.
Sebastian Sperl: Nein, ich denk mir in letzter Zeit aber öfter, dass sich die Kolleginnen und Kollegen in der Musikbranche fragen könnten, ob es heutzutage noch nötig ist, in Musikvideos mit fetten Autos herumzufahren. Sogar auf FM4 geht es in jedem fünften Lied ums Auto. Das kommt mir peinlich vor. Dabei könnte man gerade in Wien die mobile Qualität ohne Auto genießen. Die Momente, wenn du im Sommer über die Reichsbrücke radelst oder spätnachts noch im Leiberl rumfährst, das hat doch was!
Trotzdem hört man dein Album und weiß: Es läuft vieles falsch. Nicht nur auf der Straße.

Sebastian Sperl: Ja, ich hab eine klare Meinung und mein Wunsch war immer, dass ich sie äußern kann. Das hat mir das Texteschreiben gegeben, weil ich mir sicher bin, dass man manche Dinge ansprechen muss. Gleichzeitig will ich nicht oberlehrerhaft rüberkommen. In „NACABBM” geht’s um die Polizei. Das war einem meiner Freunde zu viel, weil er politische Sachen im Hip-Hop nicht gut findet. Für mich hat die Musik aber immer eine Message gehabt. Deshalb muss ich trotzdem nicht verallgemeinernd „ACAB” sagen – auch wenn man oft genug dazu verleitet ist.
Du sagst es: oft genug!
Sebastian Sperl: Wenn man die Augen offen hat, sieht man das häufig, klar!
Fritz Ostermayer sagt gern, sein Sohn sei der einzige linke Polizist in Ottakring.
Sebastian Sperl: Ich würd mir wünschen, dass es mehrere wären – überall. Ich hab aber eher ein Misstrauen gegenüber der Polizei. Bei einer der letzten Critical-Mass-Veranstaltungen, bei denen ich mich unter anderem ums Rahmenprogramm kümmere, waren wir oben beim Schuhmeierplatz. Eine Freundin hat eine selbstgedrehte Zigarette geraucht. Weil’s in der Nähe nach Gras gerochen hat, hat sie die Polizei gleich aufgeschrieben. Da fragt man sich schon …
Wie oft haben sie dich am Radl aufgehalten?
Sebastian Sperl: Ich hab sehr wenig Strafen in meinem Leben bekommen. Vor zwei Monaten haben sie mich aber bei der Ampel neben dem rhiz erwischt. Anderes Beispiel: Bei Institutsgebäude der Uni gibt es aktuell eine Baustellensituation, bei der die Ampelsituation uneinsichtig und auch nicht StVO-konform ist. Die Polizisten müssen sich gar nicht verstecken. Die Leute fahren vor ihren Augen bei Rot drüber. Anstatt sich für eine Klärung einzusetzen, nutzt die Polizei es aus. Das macht mich aggressiv.
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Hast du durch das Texten persönlichen Frieden gefunden?
Sebastian Sperl: Bei mir hat sich viel aufgestaut, ich seh noch mehr Ungerechtigkeit. Es geht gar nicht anders, wenn man so wie ich der Meinung ist, dass in der Stadt ganz pauschal gesagt Autoverkehr falsch und Radverkehr richtig ist. Wenn Autofahrer dann noch absichtlich gefährden, also reinschneiden und so weiter, tu ich mir schwer, ruhig zu bleiben.
Das ist dann nicht nur der Kampf mit Worten, nehm ich an.
Sebastian Sperl: Na ja, wenn es mir mental möglich ist, versuch ich die Autofahrer sachlich anzureden: Schau, du hast mich gefährlich überholt, jetzt stehst erst recht wieder an der roten Ampel. Das hat aber vielleicht bei zehn Erlebnissen zur Einsicht geführt. Der Rest geht in die Richtung: Schleich dich, du Gschissener! Oder: Männer steigen aus und wollen sich dreschen. Das versteh ich nicht.
Fragile Männlichkeit in 50 Meter Vollgas zwischen zwei Ampeln.
Sebastian Sperl: Ja, weil die Leute in ihren Autos einen Dauerstress haben. Die Radlfahrer sind wie ein Ventil, bei denen sie ihren Ärger rauslassen. Wie auch immer: Frieden hab ich definitiv keinen gefunden. Zuspruch in der Rad-Community aber schon!
Sorry für die Frage, aber: Warum Flonky Chonks?
Sebastian Sperl: Am Anfang hab ich auf YouTube Funk-Playlists rausgesucht, geloopt und dazu meine Texte geschrieben. So wie es sich in gscheidem Hip-Hop gehört, wollt ich in den ersten Zeilen gleich meinen Namen droppen. Das Ding ist: Ich hab keinen gehabt. Also hab ich überlegt. Vor zehn Jahren gab es irgendwann mal eine Geschichte, wo ich gemeint habe, dass Flonky Chonks ein guter Name für Cornflakes wäre. Irgendwie hat das gepasst, also ich hab ihn genommen, weil ich weiterschreiben wollte. Außerdem kann man ihn so schön abkürzen und einfach Flonky sagen.
Sag, du hast …
Sebastian Sperl: Tschuldige, überhitzt dein Aufnahmegerät eh nicht, wenn’s so in der Sonne liegt?
Nein, das Ding ist so alt wie ein Tastenhandy.
Sebastian Sperl: So eins hab ich noch.
Sebastian zieht ein Nokia-Handy aus seiner Hosentasche.
Oldschool! Eine bewusste Entscheidung?
Sebastian Sperl: Definitv! Solange ich damit sinnvoll am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, möchte ich aufs Smartphone verzichten. Ich häng eh schon so viel am Computer, außerdem hab ich jetzt ein Tablett, um unterwegs für meine Arbeit Daten einzugeben. Ich möcht das aber nicht mehr nutzen als nötig, weil ich der ganzen Dauerbespaßung kritisch gegenüber stehe. Fadesse ist die Quelle der Kreativität, hab ich mir mal gemerkt. Das versuch ich zu leben – auch wenn ich mit Flonky mittlerweile sogar Instagram bespiele.
„ICH MUSS AKTIV VERBREITEN, DASS ICH KEIN SMARTPHONE HAB.”
Kein Smartphone als Selbstschutz.
Sebastian Sperl: Genau, ich muss deswegen aktiv verbreiten, dass ich kein Smartphone hab. Die Leute rechnen nämlich gar nicht mehr damit, dass man nicht ständig am Handy hängt, um seine E-Mails oder Nachrichten zu checken.

Oldschool ist auch dein Sound. Kein Trap, kein Gucci. Sondern Boom bap und Geschichte.
Sebastian Sperl: Das ist anstrengender, als ständig nur die Hook zu rappen, aber ich will was Zusammenhängendes erzählen. Das zieht sich durch die ganze Sache, ich hab Intros und Outros, dazwischen Skits und damit – das größte Lob bisher – ein Album aufgenommen, das man von vorne bis hinten durchhören kann, weil es als Ganzes Sinn macht.
Du hast das Album einmal bei einem Soundride von Conny Zenk gespielt.
Sebastian Sperl: Auf dem Lastenrad, beim Floridsdorfer Markt. Ich bin das Ding gefahren, Raphi (Raphael Rameis, Schlagzeuger u.a. bei Catastrophe & Cure und Flonky Chonks) war hinten drauf und hat gespielt. Danach hat er gemeint: Nie wieder! Auch weil es stressig war. Wir sind eine Runde um den Markt, sofort hat jemand aus dem Fenster geschrien: Schleichts euch, ihr Oaschlöcher! Ich find trotzdem, das war eine coole Sache.
Du arbeitest aktuell im Nationalpark Neusiedler See. Hip-Hop ist ein Hobby. Wo verbinden sich Natur und Straße?
Sebastian Sperl: Ich steh manchmal stundenlang in der Natur und beobachte Vögel. Da bleibt viel Zeit zu denken. Oder um an den Texten zu feilen.
Preisfrage zur Ornithologie: Bei welchem Vogel-Fund wird Flonky besonders heiter?
Sebastian Sperl: Kennst du zufällig einen Bienenfresser?
Leider nein.
Sebastian Sperl: Einer der wunderschönsten Vögel, die bei uns leben – wie ein Paradiesvogel. Schau dir unbedingt ein Foto an!
Werd ich, vielen Dank für deine Zeit!
Christoph Benkeser
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Links:
Flonky Chonks (Facebook)
Flonky Chonks (Instagram)
Flonky Chonks (Soundcloud)
