Kammermusikfestival „Fürstensaal Classix“

In Kempten, im benachbarten Allgäu, hat sich in den vergangenen Jahren das Kammermusikfestival „Fürstensaal Classix“ etabliert und findet bis weit über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung. Der Pianist Oliver Triendl hat das Festival im Jahr 2006 initiiert. Ein Hauptaugenmerk legt der künstlerische Leiter auf selten gespielte und zu Unrecht vernachlässigte Kompositionen. Aus welcher Zeit diese stammen, ist weniger von Belang, denn zu entdecken gibt es vieles – sowohl aus vergangenen Jahrhunderten als auch in der Gegenwart. Im Mittelpunkt des einwöchigen Festivals steht ein Composer in Residence mit seinen Werken. Dieses Jahr ist der Vorarlberger Komponist Richard Dünser eingeladen, mit den in Kempten auftretenden MusikerInnen einige seiner Werke einzustudieren und zu präsentieren. Oliver Triendl berichtet im Gespräch mit Silvia Thurner von seinen Intentionen, den Qualitäten und der besonderen Atmosphäre, die diese Konzertreihe auszeichnen.

Sie sind international als Pianist tätig. Wollten Sie mit dem Festival „Fürstensaal Classix“ auch so etwas wie einen Treffpunkt für MusikerkollegInnen und Freunde etablieren?

Ich habe viele Freunde und Kollegen auf der ganzen Welt, mit denen ich gerne zusammen musiziere, einige davon lade ich immer wieder gerne nach Kempten ein. Die Basis des Festivals bildet eine Schar von Musikern, die immer wieder gerne kommen, weil sie das Programm und das Publikum schätzen und die Atmosphäre hier genießen. Aber der Kreis wird stets erweitert. Allerdings überlege ich genau, welche Musiker ich einlade. Sie müssen neugierige, aufgeschlossene, lernbereite Kollegen sein. Werke, die ich auf das Programm setze, kennen sie oft nicht und müssen sie neu einstudieren.

Stehen Sie während der Festivalwoche auch selbst auf der Bühne?

Wie das bei den meisten Kammermusikfestivals der Fall ist, die von Musikern geführt werden, bin ich sehr viel in das Konzertgeschehen eingebunden. Ich bin für das Programm zuständig, lade die Künstler ein und spiele auch selbst mit. Aber auch Gastpianisten werden engagiert, weil ich ja nicht alles selbst bewältigen kann. Ich freue mich auch immer, Werkdeutungen von Kollegen zu hören.

Ist die Repertoiresuche ein großes Hobby von Ihnen?

Die Suche nach selten gespielten Kompositionen durchzieht mein ganzes musikalisches Tun. Ich habe viele CDs aufgenommen, hauptsächlich mit unbekannten Werken. Die Vielfältigkeit unserer Tradition muss jeden Tag auf’s Neue bewiesen werden, davon bin ich überzeugt. Und außerdem ist es einfach eine Freude, wenn man ein tolles Stück entdeckt.

Welchen Überlegungen liegen dem diesjährigen Festivalmotto „tonal, atonal, total egal“ zugrunde?

Grundsätzlich spielt es für mich persönlich keine Rolle, aus welcher Epoche gute Musik stammt. Wenn ich etwas Interessantes aus dem 19. Jahrhunderts entdecke, hat das genau denselben Stellenwert wie eine Uraufführung eines neuen Stückes.

In diesem Jahr richten wir unseren Blick auf die Kompositionsgeschichte in Österreich, den Schwerpunkt legen wir auf den Schönberg-Kreis und die Entwicklungen danach. Unsere Konzertreihe hat keinen musikwissenschaftlichen Anspruch. Exemplarisch wollen wir aufzeigen, was damals vor sich ging. Wir wollen Neugier wecken, anstoßen und zum Weiterdenken anregen.

In diesem Jahr steht Richard Dünser als Composer in Residence im Mittelpunkt. Was schätzen Sie an seiner Kompositionsart besonders?

Ich freue mich sehr, dass Richard Dünser eine Woche lang nach Kempten kommt, um mit uns seine Werke einzustudieren. Richard Dünser schätze ich als Komponisten, Bearbeiter und Instrumentator. Seine Musik kommt aus einer Tradition, die auf Alban Berg zurückgeht, sie hat Größe, Seele und Tiefe. Das sind für mich persönlich die Hauptkriterien, wenn ich mich mit Musik beschäftige.

Haben Sie eine gute Unterstützung von Seiten der Geldgeber?

Ja, bald nach der Festivalgründung wurde ein Verein gegründet mit Franz Tröger als organisatorischem Chef an der Spitze. Es gab eine Initiative eines privaten Mäzens und örtliche Sponsoren unterstützen uns. Hilfreich war überdies die relativ schnell eintretende überregionale Akzeptanz. Fachzeitschriften haben berichtet, der Bayerische Rundfunk und Deutschlandradio Kultur in Berlin interessieren sich für unsere Konzerte, senden Live-Übertragungen und Aufzeichnungen.

Wie viele Menschen können Sie für Ihre Konzerte ansprechen und wie reagiert das Publikum auf die Werkauswahl und die zeitgenössischen Kompositionen?

Wir haben ein Stammpublikum von etwa 200 Personen. Viele Konzertveranstalter haben Angst davor, dem Publikum unbekannte Dinge zuzumuten. Ich teile diese Bedenken nicht, weil das Publikum oft neugieriger ist, als man denkt. Es gibt Veranstaltungen genug, wo die Zuhörer beliebte Meisterwerke hören können, wir wollen etwas anderes. Unser Ziel war es von Anfang an, ein Festival der anderen Art zu sein. Wir bringen viele Werke zu Gehör, die andernorts nicht gespielt werden.

Bieten Sie öffentliche Proben an, um das Publikum besser Anteil nehmen zu lassen und mehr Kontaktmöglichkeiten zu schaffen?

Die Überzeugungsarbeit ist sehr wichtig. In den öffentlichen Proben können Interessierte nachvollziehen, wie eine gemeinsame Interpretation wächst. Wir wollen nicht mit dem Abstand von der Bühne zum Publikumraum agieren, sondern mir sind bodenständige und menschennahe Begegnungen wichtig.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im September 2013 erschienen.

Foto Richard Dünser: Fritz Hempel

http://www.fuerstensaal-classix.de
http://www.richard-duenser.at/