Bruno Strobl (c) Günter Jagoutz

„Jetzt bin ich in der angenehmen Lage, an die Dinge geruhsamer herangehen und die Projekte freier planen zu können“ – BRUNO STROBL im mica-Interview

Mit „Ensemble NeuRaum (2 CDs)“ und „Bruno Strobl: Electroacoustic Music“ erschienen vor wenigen Wochen zwei neue Alben von BRUNO STROBL bei „Austrian Gramophone“. Ende März gelangt das neue abendfüllende Werk „Sphäre der Wandlungen“ des vielseitigen Komponisten, Ensembleleiters und Elektronikmusikers in Salzburg zur Uraufführung. Jakob Lajta führe ein Interview mit BRUNO STROBL über die Ausrichtung seines – neu benannten – ENSEMBLES NEURAUM, den Reiz, den elektronische Musik auf ihn ausübt, und seine aktuellen Projekte und Vorhaben als Ensembleleiter und Komponist.

Vor Kurzem ist eine CD Ihres Ensembles NeuRaum mit Werken der Composers in Residence 2011 bis 2018 erschienen. Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Welche Entwicklung hat das Ensemble in dieser Zeit genommen?

Bruno Strobl: Das Ensemble wurde von mir 2005 gegründet – unter dem Namen MusikFabrikSüd. Der Name sollte offen sein für eine Erweiterung mit Musikerinnen und Musikern aus dem südlichen Alpen-Adria-Raum, zu denen ich gute Kontakte hatte und immer noch habe. Die Idee war, Musikerinnen und Musiker aus Ljubljana und Udine einzubinden. Das hätte allerdings eine entsprechende Unterstützung des Landes Kärnten gebraucht, was zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich war.

Die Besetzung des Ensembles kristallisierte sich erst nach und nach heraus. Die Grundidee war, Instrumente, die zum damaligen Zeitpunkt im Konzertbetrieb der Neuen Musik nicht so üblich waren, in das Ensemble aufzunehmen: Zither, Hackbrett, Akkordeon. Zuerst hatten wir zwei Hackbretter, zwei Harfen, Zither, Akkordeon, Flöte und Viola. Allmählich wurde daraus eine fixe Grundbesetzung mit ein oder mehreren Flöten, einer oder mehreren Klarinetten, mit Zither, Hackbrett, Akkordeon, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass. Bei verschiedenen Konzerten kamen noch weitere Holz- und Blechblasinstrumente dazu – je nach Bedarf.

Welchen Einfluss hatten die Composers in Residence auf diese Entwicklung?

Bruno Strobl: Ein Hintergedanke, Komponierende als Composers in Residence einzuladen, war zunächst einmal, zu neuen Stücken zu kommen, da es für die Besetzung kein Repertoire gab. Weiters sollte das Ensemble an möglichst unterschiedlichen Ästhetiken und Instrumentaltechniken arbeiten können. Darauf hat die Jury bei der Auswahl der Komponierenden geachtet. Insofern war es klar, dass die Composers in Residence einen von uns gewollten beträchtlichen Einfluss auf das Ensemble hatten, indem die Musikerinnen und Musiker mit den verschiedensten Herausforderungen wie z. B. der Klangerzeugung konfrontiert wurden.

„Wir sind als Ensemble dabei, immer wieder neue Räume mit jeweils anderen ästhetischen Ansätzen für uns aufzumachen […].“

Weshalb haben Sie Ihr Ensemble in Ensemble NeuRaum umbenannt?

Bruno Strobl: Die Umbenennung erfolgte, weil es eine Kollision mit der Musikfabrik NÖ gab. Wir sind mit dem Geschäftsführer der Musikfabrik NÖ übereingekommen, dass es bei Antragsstellungen besser ist, wenn wir nicht den gleichen Namen haben. Seit Herbst 2018 hat das Ensemble auch jemanden für den Managementbereich – den  Komponisten Peter Jakober. Er hat auch den neuen Namen gefunden und weiters die Produktion der Doppel-CD und die Entwicklung der Website vorangetrieben. Außerdem hat er schon das Konzert „Tempopolyphonie“ im vergangenen November kuratiert.

Und wie kam es zu diesem Namen? Wofür steht „NeuRaum“, was assoziieren Sie damit?

Bruno Strobl: Wir sind ja als Ensemble dabei, immer wieder neue Räume mit jeweils anderen ästhetischen Ansätzen für uns aufzumachen – z. B. durch die Composers in Residence. Und durch Programme mit thematischen Schwerpunkten, z. B. „Spektralton – Oberton – Mikroton“, „Tempopolyphonie“ und Ähnliches.

Sie haben ja vorhin gemeint, dass der Name eine Idee von Peter Jakober war. Als er Ihnen den Vorschlag präsentiert hat, haben Sie da sofort für sich gewusst, dass das der neue Name ist, oder haben Sie sich erst mit dem Namen anfreunden müssen?

Bruno Strobl: Ich musste mich zuerst an den Gedanken gewöhnen. Aber nach ein paar Tagen der Resonanz stellte ich fest, dass der Name wunderbar zu uns passt und auch das signalisiert, wofür wir stehen. Wir haben dann auch ein Ensemblefoto in einem für uns ganz neuen Raum aufgenommen: im Lauster Steinbruch im Krastal.

Ensemble NeuRaum (c) Hannes Jurkowitsch

Welche Ausrichtung hat das Ensemble nun? Hat sich mit der Umbenennung auch sonst noch etwas geändert?

Bruno Strobl: Die bereits erwähnte Grundbesetzung soll auf jeden Fall beibehalten werden – auch aus praktischen und finanziellen Gründen, besonders bei auswärtigen Konzerten. Es gibt aber ca. 20 Musikerinnen und Musiker, die alle schon mehrmals mit uns gespielt haben und auf die wir bei größeren Besetzungen zugreifen können.

Ein besonderes Anliegen ist, die Werke, die wir im Programm haben und die oft nur einmal aufgeführt wurden, mehrmals zu spielen – das geht vor allem in Konzerten außerhalb von Kärnten. Es gibt die Aussicht, dass das Land Kärnten das Ensemble dabei unterstützen wird.

Welche Projekte stehen mit dem Ensemble in nächster Zeit an?

Bruno Strobl: Wir haben am 17. Februar 2020 im Konzerthaus Klagenfurt ein Konzert mit Werken von Manuela Kerer, die heuer Composer in Residence ist.

Ein spannendes Ereignis wird sicher auch ein Projekt mit Komponisten, die zwar in Österreich leben, aber aufgrund ihrer Herkunft einen speziellen musikalischen Hintergrund haben, und zwar Roozbeh Nafisi aus dem Iran bzw. den USA, Hossam Machmoud aus Ägypten und Rafael Nasif aus Brasilien.

„Der Reiz elektronischer Musik liegt im Produktionsvorgang: Man arbeitet direkt am Klang, kann jede Veränderung und Entwicklung direkt hören und steuern.“

Ebenfalls neu erhältlich ist Ihr Album „Elektronische Werke“ mit Kompositionen, die über den langen Zeitraum von 1987 bis 2018 entstanden sind. Welche Rolle spielt elektronische Musik in Ihrem Schaffen?

Bruno Strobl: Ich hatte schon in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts – wie das klingt [lacht] – ein privates analoges Studio, in dem ich mit den gegebenen Möglichkeiten experimentierte. Aus der Zeit gibt es auch ein Stück auf der CD: „Hiatus“. Auch danach gab es immer wieder Anlässe, elektronische Musik zu kreieren – z. B. für Theaterproduktionen und eigene Musiktheater-Werke. Es kamen auch Anfragen und Aufträge für spezielle Aufführungsmöglichkeiten wie für ein Floß in der Stadt Salzburg oder für sogenannte Klangräder des oesterreichischen ensembles für neue musik.

Im Vorjahr wurde ich 70 und ich dachte mir, dass es so viele Stücke von mir auf Tonträgern gibt, aber keine elektronische Musik. Das war für mich der Anlass, einmal ausgewählte elektronische Stücke auf einer CD herauszubringen.

Welchen Reiz üben elektroakustische Klänge auf Sie aus? Und welche kompositorischen Möglichkeiten haben Ihnen diese eröffnet?

Bruno Strobl: Der Reiz liegt einerseits im Produktionsvorgang: Man arbeitet direkt am Klang, kann jede Veränderung und Entwicklung direkt hören und steuern. Andererseits gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten klanglicher und kompositorischer Art, die über Instrumente so kaum erreichbar sind.

Das übliche Komponieren, also das Notenschreiben, beeinflusst dabei das kompositorische Denken im Studio, und umgekehrt beeinflusst die Arbeit mit den elektronischen Möglichkeiten das Notenschreiben.

Ich stelle fest, dass mich auch meine Tätigkeit als Improvisator, d. h. Elektroniker, beeinflusst – sowohl beim Komponieren elektronischer Werke als auch von z. B. Instrumentalwerken.

Sie sind vor ein paar Jahren als Lehrer in Pension gegangen, Ihre Aufgaben als Präsident der IGNM-Sektion Österreich haben Sie 2018 übergeben. Wie geht es Ihnen nun mit dem Komponieren?

Bruno Strobl: Ich habe sowohl als Lehrer als auch in der Zeit als Präsident der IGNM-Sektion Österreich [Internationale Gesellschaft für Neue Musik; Anm.] das Komponieren nicht vernachlässigt – wenn man von der Zeit der World Music Days 2013 absieht, wo ich ein Jahr nicht zum Komponieren kam.

Neben meinem Beruf als Lehrer bzw. in der Zeit der Präsidentschaft war es sicher manchmal stressiger, auch das Komponieren unterzubringen. Jetzt bin ich in der angenehmen Lage, an die Dinge geruhsamer herangehen und die Projekte freier planen zu können.

Was ist Ihr aktuelles Projekt?

Bruno Strobl: Ich habe gerade mein neues abendfüllendes Werk „Sphäre der Wandlungen“ [zum Element Luft; Anm.] fertiggestellt. Es entstand im Auftrag der Internationalen Hofhaymer Gesellschaft Salzburg und wird am 30. März in Salzburg uraufgeführt. Es ist dies das vierte einer Reihe von Werken zum Thema Elemente: Den ersten Auftrag gab es 2002 für „Wasser.Leben“, danach folgten „Erde, du liebe ich will“ und „Feuer.Leben“.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jakob Lajta

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