Im April Jahr 2022 stirbt WILLI RESETARITS, der damals als Frontman der Formation STUBNBLUES auf Tour war. Nach der Verarbeitung des Schocks, hat STUBNBLUES-Mitglied STEFAN SCHUBERT die Band neu formiert. Jürgen Plank hat mit ihm und mit Schlagzeuger CAMILLO JENNY über das neue Album „Wesenheiten“ und über die Lücke gesprochen, die Resetarits hinterlassen hat. Und die beiden erzählen, inwiefern STUBNBLUES 2PUNKT0 inzwischen als Band zusammengewachsen ist. Trotz aller Veränderungen wird eine Tradition fortgesetzt: wie die ursprüngliche Gruppe, vertont auch die neue Formation einen Text von H.C. ARTMANN: „waunn i schdeam soit“.
Das neue Album heißt „Wesenheiten“ – wie würdet ihr euer erstes mit dem zweiten Album vergleichen?
Stefan Schubert: Ich würde sagen, das erste Album „Wo da Rauch hiziagt“ist natürlich noch stark unter dem Eindruck von Willis Tod gestanden. Inhaltlich auf jeden Fall, musikalisch auch. Ich weiß nicht, ob das für die Hörer:innen nachvollziehbar ist, aber für mich schwingt eine große Traurigkeit beim ersten Album mit. Das ist beim neuen Album nicht mehr so stark. Ich finde, das neue Album „Wesenheiten“ ist politischer, aufbrechender. Das erste Album hat viel verarbeitet und jetzt geht es mehr um den Aufbruch. Ich glaube, man kann grundsätzlich sagen: es geht los und es geht weiter.
Inwiefern seid ihr als Band inzwischen zusammengewachsen?
Camillo Jenny: Ja, wir sind schon zusammengewachsen als Band. Beim ersten Album hat man schon gemerkt: man hat die Strukturen überhaupt erst einmal aufbauen müssen, weil wir einfach lauter neue Leute waren. Es war speziell für uns Neue, muss ich gestehen, nicht ganz selbstverständlich oder nicht leicht zu wissen, wie das Projekt überhaupt ankommt. Wir sind an sehr viele Orte gefahren, an denen sehr viele Fans des Stubnblues da waren, die uns zu Recht am Anfang mal mit einer gewissen Zurückhaltung beobachtet haben und geschaut haben: taugt das etwas? Passt das überhaupt, was die da machen? Ich glaube aber schon, dass wir mit dem nötigen Respekt und mit der nötigen Qualität und Freude an das Ganze herangegangen sind. Jetzt müssen wir uns nicht mehr beweisen. Und deshalb ist dieses zweite Album ein bisschen wie eine Befreiung: okay, wir sind da und wir haben jetzt ein Album gemeinsam gemacht.
Die Band Stubnblues – mit Willi Resetarits– hat es rund 20 Jahre lang gegeben. Welche Lücken hat er hinterlassen?
Stefan Schubert: Die Katastrophe war natürlich völlig überraschend. Wir waren gerade im Präsentationsprozess von einem Album und dann stirbt der Willi auf einmal. Weil du Lücke sagst: erst war da die Katastrophe, das Unverständliche, aber die Musik muss weitergehen. Das wäre auch in Willis Sinne gewesen. Ich kann das nur für mich persönlich sagen: es ist so, dass ich ihn ja mit habe. Über 20 Jahre lang war da dieser Austausch mit einem guten Freund, aber auch mit einer starken Instanz: musikalisch, textlich und menschlich. Das ist etwas, was bleibt. Das geht nicht weg und schwingt in meiner Arbeit mit. Automatisch überträgt sich da etwas bei einer Zusammenarbeit. Das passiert gar nicht bewusst, aber für mich ist es so, dass ich den Willi mit habe. So gut ich kann. Tatsächlich ist es so, dass ich mir manchmal denke: was würde er sagen? Wie würde er das sehen? Auch bei vielen politischen Fragen. Obwohl sich das Projekt musikalisch stark verändert hat. Das darf es auch, es soll ja neu werden.
Resetarits war der Frontman der ursprünglichen Formation. Inwiefern hat sich deine Position in der Band nunmehr geändert?
Stefan Schubert: Ich war vorher der Kapellmeister, aber nie die letzte Instanz, sondern immer nur der Vorschlagende. Und der Willi hat abgesegnet und gesagt: so passiert es und natürlich hat er auch die Verantwortung getragen. Jetzt bin ich in dieser Position und ich bin jetzt außerdem der Älteste. Das ist auch komisch, man wird endlicher. So wie wenn in einer Familie die Eltern sterben. Natürlich ist für mich die Verantwortung größer und es ist eine neue Position. Die ist auch gar nicht so einfach auszufüllen, denn man muss mehr nachdenken. Camillo ist eine große Hilfe, aber letztlich bin ich jetzt die Spitze der Pyramide.
„EINE BAND IST IM GRUNDE GENOMMEN WIE EINE SEHR KOMPLIZIERTE FAMILIE ZU MANAGEN“

Camillo, du hast auch Songs fürs neue Album geschrieben. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit?
Camillo Jenny: Also in erster Linie telefonieren wir sehr viel. Es ist immer so gewesen, dass ich organisatorische Sachen und Planungen übernehme. Vielleicht liegt das an meiner Großfamilie, in der ich auch immer probiert habe, die Dinge im Überblick zu behalten. Im Grunde genommen muss der Stefan Sachen entscheiden. Ich habe den Willi nicht gekannt, aber durch die Neuformierung wirft man schon immer einen Blick auf sich selbst und auf das Schaffen: passt das eh zur Band? Das ist eine sehr gesunde Haltung. Bevor ich sage: das bin jetzt ich und ich möchte etwas unbedingt, halte ich eher ein bisschen inne und reflektiere, ob es ins Format bzw. zur Band passt. Eine Band ist im Grunde genommen wie eine sehr komplizierte Familie zu managen.
Stefan, du hast vorhin schon die politische Ausrichtung der Songs angesprochen. Welche Lieder würdest du in diese Richtung verorten?
Stefan Schubert: Grundsätzlich versuche ich beim Liederschreiben das Genre des politischen Liebesliedes zu etablieren. Jedes Lied sollte eine gewisse politische oder gesellschaftliche Relevanz haben. Es gibt auf dem Album das Lied „es is zeit“, das politisch ist und konkrete Namen nennt. Es ist auf die aktuelle Zeit bezogen ist. Der Versuch ist eigentlich, eine allgemeine politische Haltung in jedem Lied zu vermitteln und dem Hörer oder der Hörerin die Möglichkeit anzubieten, ein Stück mitzugehen und in eine gewisse Richtung zu folgen. Zum Beispiel: dass Empathie etwas Gutes ist.
Das Lied „ois ob mi kaana kennt“ befasst sich in Form einer Ballade mit dem Hamsterrad der Lohnarbeit und erinnert dadurch ein wenig an den Ostbahn-Kurti-Song „Arbeit“. Ich habe es als trauriges Lied über geplatzte Lebensträume gehört, Zitat: „nach 5 Tagen in der Arbeit möchte ich nur nach Hause kommen, als ob mich keiner kennt“. Was ist der Hintergrund zum Song?
Camillo Jenny: Für mich selbst, muss ich ehrlich gestehen, ist der Song ein bisschen eine Paradoxie. Ich wollte eben genau, wie du sagst, dieses Hamsterrad darstellen. Weil es für mich eine Absurdität ist. Was nicht heißt, dass ich Arbeit und Leistung irgendwie kleinreden möchte, aber für mich war dieses Hamsterrades immer ein absolutes Grauen. Ich habe schon diverse Jobs gemacht und ich bin jemand, der wie viele Selbstständige auch, viel zu viel arbeitet. Für mich ist es ganz wichtig einen Blick darauf zu haben, was wir mit unserer Zeit überhaupt tun. Und dieses ewige Aufschieben einer Erwartung: dass sich dann alles irgendwann einmal rentiert und irgendwann einmal die große Verheißung wahr wird, wenn dann alles passt. Für ein großes Versprechen, das aber nie kommt. Das ist für mich wirklich absurd und banal. Ich mache manchmal mit meiner Partnerin ein Gedankenspiel, bei dem wir einem extraterrestrischen Wesen, einem Alien, erklären, was wir Menschen überhaupt so machen. Und ganz viele Dinge, die bei uns als ganz normal gelten und selbstverständlich wirken, sind von einer anderen Perspektive aus betrachtet sehr absurd. Das Lied ist auch ein bisschen pathetisch. Ich bin ein großer Fan von Schnulzen und schweren, melancholischen Liedern. Solche Lieder haben mich als Hörer immer schon gefesselt und gefangen und mir passiert diese Richtung beim Komponieren auch gerne selbst.
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Musikalisch gibt es zum einen Balladen wie „kumm zruck“ bzw. „ois ob mi kaana kennt“ und zum anderen Uptempo-Stücke, die zwischen Folk, Austropop und Akustik-Rock angesiedelt sind. Bewegt ihr euch – insbesondere mit der sehr präsenten Mundharmonika – tatsächlich in Richtung Blues, siehe Bandname?
Stefan Schubert: Wir haben ja den Hubert Hofherrin der Band, er ist ein Virtuose und war vor zwei Jahren sogar als bester Mundharmonikaspieler in Deutschland nominiert. Er hat den Preis zwar nicht gewonnen, aber er war nominiert, das muss man erst Mal schaffen. Er spielt eine dominante Rolle, das soll er auch. Das ist cool, weil ich finde, er holt den Blues wieder zurück in die Band. Aber: ein reines Blues-Album würde uns zu sehr einschränken und würde uns auch nicht entsprechen. Musikalisch war beim Stubnblues immer alles erlaubt: es muss durch die strenge Zensur innerhalb der Band, aber es ist alles willkommen. Und wenn es Blues ist, umso mehr.
Von der ursprünglichen Stubnblues-Band bist nur du in der neuen Formation. Wieso wollte sonst niemand mitmachen?
Stefan Schubert: Klaus Kircher, der Bassist vom ursprünglichen Stubnblues, spielt schon öfters mit und teilt sich mit Marlene Lacherstorfer den Job. Bei den anderen gab es zum Teil die Meinung, ohne Willi darf das nicht weitergehen. Manche haben gesagt, sie sind zu alt und wollen sich in die Pension verabschieden. Das waren eigentlich die beiden Gründe.
„ICH BIN MUSIKALISCH MIT CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG SOZIALISIERT WORDEN UND DESWEGEN FREUE MICH ÜBER JEDE DREISTIMMIGKEIT, DIE UNS GELINGT“
Der mehrstimmige Gesang ist auffällig – wie geht ihr bei den Arrangements vor?
Stefan Schubert: Die Chorsachen arrangiere ich. Ich bin musikalisch mit Crosby, Stills, Nash & Young sozialisiert worden und deswegen freue mich über jede Dreistimmigkeit, die uns gelingt. Wir proben die Chöre extra.
Ihr wart letztes Jahr für den Amadeus Award in der Kategorie Jazz/World/Blues nominiert – inwiefern hat sich dadurch Aufmerksamkeit ergeben und es haben sich neue Türen geöffnet?
Camillo Jenny: Stubnblues war natürlich vielen Leuten in der Branche vorher zu Recht ein Begriff. Im Zuge der Bandarbeit gibt es immer Zeiten, in denen man weniger motiviert ist. Für uns war die Nominierung zu diesem Zeitpunkt sehr erfreulich, um uns selbst wieder zu motivieren. Das war schon ein Signal, das gesagt hat: okay, das Projekt hat Hand und Fuß und es hat seine Berechtigung. Das war mir persönlich sehr wichtig.
Stefan Schubert: Es ist eine Anerkennung und insofern schiebt das ein bisschen an. In 20 Jahren davor haben wir es nicht geschafft eine Nominierung zu bekommen und so war das erstens sehr überraschend und zweitens war die Botschaft: okay, man nimmt wahr, dass die Band weiterarbeitet.
Bei der ursprünglichen Stubnblues-Band war ein Teil des Konzeptes Texte von H.C. Artmann zu vertonen.
Stefan Schubert: Auf der neuen Platte ist auch ein Artmann-Text drauf, nämlich „waunn i schdeam soit“ vom Otto Müller-Verlag, der verlegt „Med ana schwoazzn dintn“. Aus diesem Buch stammt der Text. Alle Texte, die wir früher schon vertont haben, sind aus „Med ana schwoazzn dintn“ von H.C. Artmann. Es sind nicht alle Texte von ihm leicht vertonbar, aber wir wollten diese Tradition fortführen.
Kommen auch andere Dichter bzw. Dichterinnen als Textlieferant:innen in Frage?
Stefan Schubert: Artmann war immer unsere Messlatte, die wir natürlich nicht erreichen können. Aber wir wollten auch beim alten Stubnblues möglichst nahe an diesen großartigen Dichter heranreichen und haben viele Texte auch wieder verworfen, weil sie einfach nicht genügt haben. Willi hat immer Hl. Artmann gesagt, weil das Kürzel H.C. damals leider anderweitig belegt war. Der heilige Artmann war unser Textvorbild.
Bleibt dir noch Zeit für andere Projekte?
Stefan Schubert: Ich bin gerade an einem großen Projekt dran, ich habe einen Kompositionswettbewerb für die Ausstellung „Musik in Bayern“ gewonnen. Ich habe drei Quartette geschrieben und eine große Komposition. Die muss ich dort gerade soundmäßig installieren, damit das alles läuft. Dort sitzen die Zuhörer:innen auf einer runden Drehscheibe, auf der können rund 20 Leute sitzen. Und in jeder Himmelsrichtung ist ein lebensgroßer Bildschirm mit erster Geige, zweiter Geige, Bratsche und Cello installiert. Man dreht sich quasi herum und hört je nach Position immer ein Instrument deutlicher. Das heißt, man hört bei einem Quartett genau: was spielt eigentlich die Bratsche oder die zweite Geige? Man hört die anderen zwar noch, aber leiser. Darum kümmere ich mich gerade stark, abgesehen davon, dass wir vor der Stubnblues-Premiere stehen.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
14.4.2026: Stadtsaal, Wien
15.4.2026: Komödie, Graz
23.4.2026: Komma, Wörgl
24.4.2026: Spielboden, Dornbirn
25.4.2026: Bruckmühle, Pregarten
30.4.2026: ArgeKultur, Salzburg
01.5.2026: Bühne im Hof, St. Pölten
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Links:
Stubnblues 2punkt0
Stubnblues 2punkt0 (Instagram)
Nachruf Willi Resetarits auf musicaustria
