Zwischen Leichtigkeit und Schwere, zwischen Kontrolle und Loslassen – BON JOUR bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld und formen daraus einen Sound, der gleichzeitig roh und getragen wirkt. Ihre Songs fühlen sich weniger wie klare Aussagen an, sondern eher wie Momentaufnahmen von Intensität, die sich erst mit der Zeit vollständig entfalten. Die neue EP von DOMINIC MUHRER, MARIO FARTACEK, GIOVANNA FARTACEK, AMELIE SCHMID, JULIAN PIEBER „How Long Is Forever“ (VÖ: 17.4.) ist eine Platte, die genau diese Ambivalenz einfängt und dabei bewusst Raum für Interpretation lässt. Im Mica-Interview mit Ania Gleich sprechen DOMINIC MUHRER und MARIO FARTACEK unter anderem über die Entstehung der Platte, das Zusammenspiel in der Band und die Frage gesprochen, wie sich Zeit eigentlich anfühlt und warum manche Antworten erst viel später kommen.
Ihr habt ja alle eure separaten Projekte, teilweise auch miteinander. Wie entsteht da die Stimmigkeit? Und was ist Bon Jour in diesem ganzen Gefüge?
Mario Fartacek: Also, das Projekt haben wir zu zweit gegründet. Und über die mittlerweile zwei, drei Jahre haben wir das Ganze dann auch auf die Bühne gebracht. Unser Wunsch war immer, eine größere Live-Band zu haben, aber eine, die wir wirklich aus unseren besten Freund:innen zusammenstellen. Uns war wichtig, dass es Spaß macht und dass ein guter Vibe da ist. Man sitzt ja auch den ganzen Tag zusammen im Auto. Wir wollten einfach die bestmögliche Crew haben. Mit dieser Platte hat sich das jetzt auch noch einmal mehr herauskristallisiert: Durch das viele Live-Spielen sind wir immer mehr zur Band geworden. Jede Person leistet ihren Beitrag. Das Songwriting liegt zwar nach wie vor viel bei uns beiden und oft auch bei Dodo, gerade was die initialen Ideen betrifft, aber wir arbeiten alles gemeinsam aus und bringen es dann als Band auf die Bühne.
Dominic Muhrer: Ich kann dem nur beipflichten. Wir machen das ja alle schon seit vielen Jahren und haben in unterschiedlichen Projekten gespielt. Irgendwann merkt man, wie wichtig das Menschliche ist. Wenn man die Wahl hat zwischen jemandem, der vielleicht ein paar Klassen besser am Instrument ist, und jemandem, mit dem man einfach gerne im Tourbus sitzt und wo der persönliche Vibe stimmt, dann entscheiden wir uns auf jeden Fall für Letzteres.
Mario Fartacek: Was nicht heißt, dass die anderen bei uns nicht drei Klassen besser sind.
Dominic Muhrer: Natürlich, fünf Klassen!
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Was war die ursprüngliche Idee von Bon Jour? Gab es etwas, das ihr hier umsetzen wolltet, was in anderen Projekten keinen Platz hatte? Und wie hat sich das inzwischen entwickelt?
Dominic Muhrer: Ich glaube, das Wichtigste – oder das Früheste – an dem Projekt war, dass wir uns genau diese Fragen nie gestellt haben. Also nicht: Wie soll es klingen? Was muss es werden? Wir haben uns einfach eine gewisse Freiheit gegeben. Und gerade dadurch hat sich mit der Zeit ein eigener Sound entwickelt. Dadurch, dass es jetzt immer mehr zum Bandprojekt wird, fließen auch die Stärken aller Musiker:innen stärker ein. Zum Beispiel die Stimmen von Amelie (Anm. Schmid) und Giovi (Anm. Giovanna Fartacek), die unseren Sound stark prägen. Das ist uns eher passiert, als dass wir es bewusst geplant hätten.
Mario Fartacek: Die ersten Songs sind sogar entstanden, ohne dass klar war, ob daraus überhaupt ein Projekt wird. Es ging einfach um Austausch und darum, gemeinsam etwas zu machen. Bei der Platte war dann schon die Frage: Wie bringen wir das, was im Studio entsteht, auf die Bühne? Wir haben uns im Studio bewusst einen Rahmen gesetzt, der live umsetzbar ist. Der Fokus lag darauf, dass es live Spaß macht und diese Energie auch beim Publikum ankommt.
Dominic Muhrer: Deshalb ist es auch unsere roughste Platte geworden und die am wenigsten überproduzierte. Natürlich haben wir viel am Sound gefeilt, aber gerade dadurch ist etwas Eigenes entstanden. Ich finde auch, dass wir auf dieser Platte viel Zeit hatten, unseren Sound zu finden. Und der wird sich sicher weiterentwickeln.
„ES GIBT AUF JEDEN FALL VIEL RAUM FÜR INTUITION”
Und wie macht ihr das konkret im Studio, um dieses Rohe herauszukitzeln? Wie geht ihr da in der Produktion vor?
Mario Fartacek: Es gibt ja immer unendlich viele Möglichkeiten. Wenn der Song steht, kann man unzählige Sounds und Layer hinzufügen. Wir haben aber versucht, Overdubs so reduziert wie möglich zu halten. Wir haben darauf geachtet, dass jede Spur einer Person aus der Band entspricht – also etwas, das man auch live umsetzen kann. Wir sind ja zu sechst auf der Bühne, da geht ohnehin schon viel.
Dominic Muhrer: Außerdem haben wir wieder Dinge gemacht, die früher ganz normal waren: Songs von Anfang bis Ende durchspielen, anstatt mit Loops zu arbeiten. Heute ist man schnell versucht, einen guten Loop einfach durchlaufen zu lassen – sei es beim Schlagzeug oder bei Gitarren. Bei uns wurde aber alles durchgespielt. Das bedeutet, dass es auch mal etwas schneller oder langsamer wird, ein bisschen vor oder hinter dem Beat liegt. Aber genau das gibt dem Ganzen Leben. Man fragt sich ja oft, warum alte Platten so lebendig klingen. Und ich glaube, genau das ist der Grund. Das ist uns ganz gut gelungen, dass wir das trotzdem in ein modernes Gewand verpackt haben.
Und wie funktioniert das Zusammenspiel bei euch? Gibt es klare Rollen in der Band oder viel Raum für Intuition – auch auf der Bühne?
Dominic Muhrer: Ja, es gibt auf jeden Fall viel Raum für Intuition. Oft komme ich mit Ideen, genauso wie Mario. Man kann auch schon ein bisschen remote vorarbeiten, aber wir lassen uns bewusst viel Spielraum für die Studio-Sessions. Die finden meistens bei Mario im Studio statt oder manchmal bei mir in Salzburg. Dort schauen wir dann, wohin sich der Song entwickelt. Meistens kristallisiert sich relativ schnell eine Form heraus, oft auch schon eine Topline. Bei der Platte haben die Mädels dann auch viel zu Texten und Vocals beigetragen. Es kommen also nach und nach immer mehr Leute dazu, bis sich das Gesamtbild ergibt. Und spätestens beim gemeinsamen Proben merkt man dann, ob ein Song wirklich funktioniert oder ob noch etwas fehlt.
Mario Fartacek: Gerade bei einer größeren Band ist es ja die Herausforderung, dass sich am Ende alle damit identifizieren können. Das war definitiv ein Prozess, weil es am Anfang eher „unsere“ Songs waren. Mittlerweile fühlt es sich so an, als wären es wirklich Songs von allen. Was wir auch oft machen: Vor Writing-Sessions setzen wir uns zusammen und sprechen darüber, was uns gerade beschäftigt. Das fließt dann auch in die Musik ein.
Wenn ihr die Platte nicht erklären, sondern als Gefühl beschreiben müsstet: Wie fühlt sich „How long is forever“ für euch an?
Dominic Muhrer: Für mich hat die Platte viel mit Freiheit zu tun, mit einem Ausbruch aus der Zeit, in der wir gerade leben – sei es gesellschaftlich oder musikalisch. Es ist ein Versuch, sich davon ein Stück weit zu lösen.
Mario Fartacek: Und gleichzeitig auch ein Umgang mit Zeit. Sie macht ja etwas mit uns, und man versucht, das irgendwie zu verarbeiten, auch wenn das nie ganz gelingt. Für mich ist die Platte so etwas wie eine kurze Auszeit von dieser Schwere.

Der Titel wirkt für mich weniger wie ein Zeitbegriff als wie ein Gefühl von Intensität. Bin ich da auf der richtigen Spur?
Dominic Muhrer: Auf jeden Fall.
Mario Fartacek: Ich glaube, jede Platte ist auch immer die Konservierung eines bestimmten Moments. Für uns ist diese Zeit damit festgehalten. Und gerade diese Relativität von Zeit – wie schnell oder langsam sie sich anfühlen kann, je nach Situation – steckt da auch drin. „How long is forever“ kann sich extrem kurz oder unendlich lang anfühlen. Es ist fast wie eine Frage ans Universum. Also ich finde auch, dass es mehr ein Intensitätsbegriff ist.
In den Songs habe ich oft ein Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen wahrgenommen. Könnt ihr das greifen?
Mario Fartacek: Ich glaube, man kann nur etwas loslassen, wenn man es vorher annimmt. Wenn wir die Dinge – auch die schwierigen – nicht akzeptieren, können wir sie auch nicht gehen lassen. Und vielleicht entsteht genau daraus dieses Spannungsfeld. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, um überhaupt Leichtigkeit zulassen zu können.
Ich habe mich in letzter Zeit oft gefragt, wie man in schwierigen Zeiten überhaupt „leichte“ oder positive Musik machen kann. Deswegen interessiert mich euer Zugang dazu.
Mario Fartacek: Es geht, glaube ich, viel um dieses „trotzdem“. Dinge, die früher selbstverständlich waren – wie durch mehrere Länder zu reisen und Konzerte zu spielen – fühlen sich plötzlich besonders an. Das weiß man wieder mehr zu schätzen.
Dominic Muhrer: Genau, dieses Bewusstsein, dass es einem eigentlich gut geht, auch wenn die Welt insgesamt schwierig ist.
Ihr habt am Anfang gesagt, dass ihr bewusst eine größere Band für das Live-Spielen wolltet. Was macht dieses gemeinsame Spielen für euch aus, auch im Vergleich zu anderen Projekten?
Dominic Muhrer: Für mich ist das Schönste am Musizieren generell das Zusammenspiel mit anderen. Dieses Aufeinander-Hören und das, was dabei im Raum entsteht. Gerade bei uns mit den mehrstimmigen Vocals – alle singen – bekommt das fast etwas Feierliches. Man kann natürlich auch alleine spielen oder mit Backing-Tracks arbeiten, aber wenn alle gemeinsam auf der Bühne stehen und singen, hat das eine ganz andere Energie. Auch rhythmisch – mit zusätzlicher Percussion – entsteht ein Groove, der einfach lebt. Das macht riesig Spaß.
Mario Fartacek: Man wird auch gegenseitig getragen auf der Bühne. Wenn alle gleichzeitig Verantwortung übernehmen, kann wirklich etwas passieren und das spürt man.
„MAN IST SICH SELBST MANCHMAL VORAUS”
Wann merkt ihr für euch selbst, dass ihr euch musikalisch weiterentwickelt habt?
Dominic Muhrer: Ich glaube, man ist in der Musik nie „fertig“. Entwicklung passiert ständig.
Mario Fartacek: Oft merkt man es erst im Nachhinein. Man hört eine Platte lange nicht und entdeckt sie dann wieder neu. Direkt nach der Fertigstellung bin ich meistens erst einmal durch damit. Erst mit Abstand kann ich das einordnen.
Dominic Muhrer: Gerade bei Texten ist es manchmal so, dass man sie erst später wirklich versteht. Man schreibt oft aus einem Gefühl heraus und begreift erst mit der Zeit, was man eigentlich gesagt hat.
Mario Fartacek: Genau, man ist sich selbst manchmal voraus. Der Verstand kommt erst später hinterher.
Ich habe erst vor Kurzem mit einer anderen Band gesprochen, die etwas Ähnliches gesagt hat – dass die Bedeutung von Songs oft erst im Nachhinein entsteht. Wie ist das bei euch? Ist das schon vorher da oder entwickelt sich das erst im Prozess?
Mario Fartacek: Ich glaube, es ist wirklich so, wie du es gesagt hast: es ist relativ. Wir setzen uns nicht hin und sagen: Wir schreiben jetzt über dieses konkrete Thema. Es entsteht eher aus einem Gefühl heraus. Der Song ist oft schon da, läuft im Hintergrund, und dann taucht etwas auf, während wir die Lyrics entwickeln.
Dominic Muhrer: Lustigerweise passiert das oft schon beim Lautmalen. Meistens haben wir zuerst die Topline und dann erst den Text. Aber beim Ausprobieren kommen schon einzelne Wörter, die dann eine Richtung vorgeben.
Mario Fartacek: Und dann gibt es ja noch eine andere Ebene: Was bedeutet der Song für die Menschen, die ihn hören? Wir geben ihn in die Welt und für uns hat er eine Bedeutung, aber vielleicht verstehen wir selbst erst Jahre später, was er uns wirklich bedeutet hat. Gleichzeitig ist es total spannend, was die Songs für andere Menschen bedeuten. Wenn jemand sagt: „Zu dem Song habe ich meinen Partner kennengelernt“ oder „Ich habe ihn meiner Mama vorgespielt“, dann entstehen ganz eigene Geschichten. Das ist fast die spannendste Ebene, weil wir sie gar nicht beeinflussen können.
Dominic Muhrer: Genau, deshalb ist es auch schön, wenn man beim Schreiben nicht alles zu sehr festlegt. Wenn man Raum lässt, können Menschen ihre eigene Bedeutung darin finden.
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Ist es für euch manchmal komisch, wenn Leute etwas ganz anderes in eure Songs hineininterpretieren – vielleicht sogar etwas Negatives oder Ambivalentes?
Dominic Muhrer: Komisch würde ich nicht sagen. Jede Person darf ihr eigenes Gefühl dazu haben.
Mario Fartacek: Ich finde es eher interessant. So wie bei Kunstkritiken, wo manchmal Dinge in ein Werk hineininterpretiert werden, an die die Künstler:innen selbst gar nicht gedacht haben. Genau das ist spannend. Und es gibt ja auch Leute, die weniger auf den Text achten und mehr auf das Musikalische und daraus etwas für sich ziehen. Hauptsache, es findet eine Auseinandersetzung statt.
Ihr seid ja mit dem, was ihr macht, ziemlich erfolgreich. Warum, glaubt ihr, kommt eure Musik so gut an?
Dominic Muhrer: Ich hoffe, dass sie gut ankommt. Aber ich glaube, gerade die aktuelle Platte und unser Gesamtauftritt sind sehr nahbar geworden. Wir versuchen nicht, etwas zu sein. Es ist einfach ehrlich – so wie wir als Menschen und als Musiker sind. Und ich glaube, Authentizität ist am Ende das, was am meisten ankommt. Wenn man nichts darstellt, sondern einfach ist.
Viele Künstler:innen wollen in ihren Zwanzigern noch unbedingt Konzeptalben machen und später merkt man, dass das gar nicht so wichtig ist.
Dominic Muhrer: Ja, es bringt nichts, etwas darzustellen, was man nicht ist. Außer man ist ein extrem guter Schauspieler oder hat einfach Glück. Aber langfristig funktioniert es, wenn man wirklich man selbst ist.
Fühlt ihr euch denn erfolgreich?
Dominic Muhrer: Monetär eher nicht – das ist in der Musik meistens schwierig.
Mario Fartacek: Ich denke gar nicht so sehr in Erfolg oder in großen Zielen. Es gibt eher unmittelbare Ziele, zum Beispiel, dass wir unsere aktuelle Tour so gut wie möglich ausverkaufen. Und wenn wir das schaffen, freuen wir uns extrem, aber selbst dann würde ich nicht sagen, dass wir „erfolgreich“ sind. Unser Ziel ist eigentlich, so viele und so gute Konzerte wie möglich zu spielen. Live zu spielen ist der Grund, warum wir das machen. Nach Konzerten merkt man immer wieder, wofür das Ganze da ist. Genau – dass die Shows größer werden und wir mehr spielen können.
Dominic Muhrer: Und vielleicht irgendwann, dass wir uns ein halbes Orchester leisten können. Wir hätten nämlich gerne noch viel mehr Leute auf der Bühne. Wenn wir das irgendwann umsetzen können, ohne ständig aufs Budget schauen zu müssen, dann sind wir auf einem guten Weg.
Gibt es etwas, das ihr als Band erst lernen musstet – etwas, das ihr vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hattet?
Mario Fartacek: Ich glaube, das Wichtigste ist Kommunikation. Eine Band bedeutet für jede Person etwas anderes, und das darf auch so sein. Aber man muss immer darüber sprechen: Wo steht jede:r gerade, wie fühlt sich die Dynamik an?
Dominic Muhrer: Das ist eigentlich wie in einer Beziehung.
Mario Fartacek: Also im Grunde: viel Kommunikation und möglichst wenig Ego.
Dominic Muhrer: Ja, „low ego“.
Worauf freut ihr euch gerade am meisten – so zum Abschluss?
Mario Fartacek: Auf die Tour. Dass die Platte draußen ist und hoffentlich viele Leute zu den Konzerten kommen.
Dominic Muhrer: Und wir spielen auch einige Festivals, die noch nicht angekündigt sind. Darauf freuen wir uns sehr.
Danke euch auf jeden Fall für eure Zeit.
Mario Fartacek & Dominic Muhrer: Danke dir!
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Ania Gleich
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