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Little Element (c) Stephan Mader

„INNSBRUCK HALTE ICH DREI, VIER MONATE AM STÜCK AUS” – LITTLE ELEMENT IM MICA-INTERVIEW

„I lost my heart by the ocean” – mit diesem Satz beginnt das Debütalbum „Fire“ von LITTLE ELEMENT, das gerade bei FUTURESFUTURE erschienen ist. Die Tirolerin LISA AUMAIR gießt südamerikanische Beats und Gitarrenriffs, die an- und abschwellen wie Flut und Ebbe in zehn Tracks über das Meer und das Feuer. Ihre Songs entstehen zwischen dem Sehnsuchtsland Portugal und der Alpenstadt Innsbruck. Sie schwelgen in der Erinnerung an Roadtrips, in Bildern von Buchten und der Melancholie der Ferne. Wie schreibt man ernste Songs übers Wellenreiten, warum wirken Berge manchmal wie Grenzen und wie kann Paul McCartneys Rührei beim Songschreiben helfen? – darüber haben Christoph Benkeser und Benjamin Stolz mit LISA AUMAIR gesprochen.

Du bist in Innsbruck aufgewachsen, hast mit 17 die Schule abgebrochen, um ans Meer nach Frankreich zu fahren und Musik zu machen. Was wäre anders gelaufen, wenn du damals nicht ausgebrochen wärst?

Lisa Aumair: Ich glaube, es hat genauso sein müssen. Viele Dinge sind durch das Schicksal, durch diese Entscheidung passiert. Aber klar, ich hätte es mir einfacher machen können. Als ich später draufgekommen bin, dass ich auf die Uni gehen möchte, musste ich die Matura nachmachen. Das war ein Struggle, den ich niemandem empfehle. Für mich war es aber richtig. Damit ich ausziehen konnte, musste ich die Schule abbrechen. So konnte ich untertags ‚skilehrern‘. Es war aber nicht so, dass ich mit 17 gesagt habe: „Ich will Musikerin werden“ – überhaupt nicht. Das ist erst im Laufe der Zeit gekommen, als ich mehr von dem erfuhr, was ich musikalisch in mir habe.

„ES WAR NICHT SO, DASS ICH MIT 17 GESAGT HABE: ‚ICH WILL MUSIKERIN WERDEN‘ – ÜBERHAUPT NICHT.“

Lisa Aumair: Es war schwieriger, aber es hat mich gelehrt, eine Überlebenskünstlerin zu werden. Ich hätte wohl direkt zu studieren begonnen. Das wäre im damaligen Moment nicht richtig gewesen. Ich bereue die Entscheidung nicht, weil ich viele schöne Sachen erlebt habe – außergewöhnlich schöne Sachen. Es gab Situationen, die ich nie vergessen werde, weil sie so inspirierend waren. Das hätte ich auf dem normalen Weg nicht erlebt.

2017 erschien deine Debüt-EP „Water“. Du hast dich in einem Interview mit FM4 als „Meeresmenschen“ bezeichnet. Dein erstes Album wird „Fire“ heißen. Welchen Bezug hast du zum Feuer?

Lisa Aumair: Bei „Water“ ging es für mich um Bewegung und um Loslassen, um das Auf und Ab. Es hatte vor allem mit meiner Leidenschaft fürs Surfen und das Meer zu tun. Bei „Fire“ geht es mehr ums Ankommen und um die Wärme. Ein Album ist auch eine Reise, in der man sich selber besser kennenlernt. Die Leidenschaft präsentiert das Element Feuer ganz gut.

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Little Element (c) Lukas Pixner

Weil du vom Konzept des Albums sprichst – willst du dabei eher eine Geschichte erzählen, oder geht es dir mehr um deine Eindrücke, deine Impressionen, die du auf Reisen machst?

Lisa Aumair: Bis jetzt war es so, dass ich mich lieber über Geschichten ausgedrückt habe. Eine Phase oder ein Song knüpft an einen anderen an – so ist auch das Album gestaltet. Ungefähr in der Mitte kommt ein Instrumental-Part, danach wird man eingeleitet in eine neue Geschichte. Es sind zwei verschiedene Begegnungen, es geht um zwei verschiedene Phasen. Das war bei der „Water“-EP ähnlich.

Feuer assoziiert man auch mit einer bestimmte Symbolik: Es verbrennt und dabei kommt etwas Neues raus.

Lisa Aumair: Das hast du schön auf den Punkt gebracht. Es ist eine Wiedergeburt und das ist Feuer auch. Es verbrennt, aber dadurch wird etwas wieder neu geboren.

Was hat sich seit der „Water“-EP vor drei Jahren verändert? Was hat dich, nicht nur in deiner Geschichte, sondern auch musikalisch, geprägt?

Lisa Aumair: Der lateinamerikanische Einfluss. Der Sound ist immer noch verträumt und chillig, live aber tanzbarer und rockiger. Ich habe wieder alles selber aufgenommen und produziert. Zum Ende hin habe ich gemerkt, dass ich aus diesem Prozess viel mitgenommen habe. Am Anfang hat sich musikalisch etwas verändert und am Schluss habe ich festgestellt, dass ich einfach auf andere Sachen geachtet habe: Ich bin besser geworden im Produzieren.

„DIE BERGE SIND FÜR MICH WIE GRENZEN.“

Du warst unter anderem in Israel, Spanien und Portugal unterwegs. Was nimmst du aus deinen Reisen mit, welchen Einfluss hat das Reisen auf die Musik, die du machst?

Lisa Aumair: Wenn ich in Spanien und Portugal mit dem Bus unterwegs bin, sind wir viel in der Natur und campen an den Stränden. Vor zwei Jahren hatten wir einen besonderen Roadtrip. Da habe ich angefangen, für die Platte zu schreiben. Das Album ging schon in eine Richtung, aber der Roadtrip hat wieder ein neues Kapitel aufgemacht. Der Blick aufs Meer, die Weite und der Horizont – das gibt mir extrem viel. Innsbruck mit den Bergen rundherum halte ich drei, vier Monate am Stück aus, denn die Berge sind für mich wie Grenzen. Am Meer hat die Weite keine Grenzen. Das ordnet meine Gedanken und Gefühle. Ich brauche das zum Schreiben.

Inwiefern brauchst du den Kontrast zwischen Bergen und Meer für dich selbst und für deine Musik?

Lisa Aumair: Vielleicht ist es ein Hauch von Melancholie, der immer mitschwingt in meiner Musik. Die Berge tragen auf jeden Fall zur Traurigkeit bei. Der Winter ist cool hier, aber sobald der Frühling kommt, durchlebe ich ein Tief. Ich habe dann das Bedürfnis, den Bergen zu entfliehen. Diese Sehnsucht macht mich traurig, weil ich mir oft denke, dass es cooler wäre, in Portugal am Meer zu sein. Ich mag die Menschen dort. Das Warmherzige, Offene fehlt mir hier oft, das ist auch die Tiroler Mentalität.

Assoziationen für das Ferne entstehen auch mit den Songtiteln – „Queen of The Waves“, „Tel Aviv“, „Vinho Português“ – man ist sofort irgendwo anders. Ist das eine Reise, die man gedanklich macht, bevor man die Musik überhaupt hört?

Lisa: Ich möchte, dass sich die Leute wegträumen können, dass man spürt, wo die Energie entstanden ist. Mir ist auch wichtig, dass die ganze Gestaltung rundherum passt. Das Coverbild ist das gemalte Bild einer Bucht, mit der ich viel verbinde. Ich finde es wichtig, dass das Ganze ein Konzept ist, weil sich so mehr Energie aufbaut. Ich will, dass es ein Lebensgefühl auslöst.

„MITTLERWEILE STEHT DIE MUSIK AN ERSTER STELLE.“

Deine Lieder handeln von der Sehnsucht nach fremden Ländern. In der Popmusik wird oft versucht, aus diesem Gefühl Kapital zu schlagen. Wie bringst du das so ehrlich rüber?

Lisa: Es ist mir wichtig, dass ich authentisch bleibe. Ich kann mir die Stilmittelgestaltung der Musik nicht aussuchen – es passiert einfach. Ich verfolge nicht eine Richtung, sondern mache das, was aus mir rauskommt. So bin ich aufgewachsen: zuerst war das Snowboarden, mit 17 ist das Surfen dazugekommen und dann die Musik. Mittlerweile steht die Musik an erster Stelle.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit dem Label Futuresfuture gekommen?

Lisa: Meine Musik lief auf FM4, aber ich hatte keine Ahnung, wie das Musikbusiness abläuft oder wie ich zu Auftritten komme. Ich hab nicht mal gewusst, dass man ein halbes Jahr vor dem geplanten Termin die Clubs anschreiben muss, um live spielen zu können. Ich bin also nach Wien zu mica gefahren, um mich beraten zu lassen. Sie haben mir zwei Labels empfohlen, ich hab beiden geschrieben – und von einem gleich eine Antwort bekommen. Ich hab mir trotzdem drei Monate Zeit gelassen, auch um den Vertrag von mica abchecken zu lassen, und dann hat sich das ergeben.

Welche Künstler*innen inspirieren dich? Welche Musik hat dich während der Albumproduktion inspiriert?

Lisa: Vor zwei Jahren hab ich in Luxemburg auf einem Festival gespielt und dort einen Musiker kennengelernt, der das südamerikanische Instrument Charango mit Elektronischem verbunden hat. Das hat für mich eine neue musikalische Welt aufgestoßen. Meine jetzige Freundin hört auch viel Sound aus Südamerika, durch sie habe ich die Musik des argentinischen Produzenten Chancha Vía Circuito kennengelernt, der klassische Cumbia-Musik mit elektronischen Sounds verschmilzt. Das hatte auf den südamerikanischen Touch in meiner Musik großen Einfluss. Und natürlich höre ich Musik, die Seele hat. Ich hab von einer Freundin aus Portugal Sprachfetzen aufgenommen, bei „Querida“ hört man Hebräisch. Das sind Originalaufnahmen von Menschen, mit denen ich in den jeweiligen Ländern Kontakt gehabt habe und mit denen ich etwas verbinde.

Wie entstehen bei dir die Songs?

Lisa Aumair: Oft fange ich mit der Gitarre an. Manchmal schwirren auch Gesangsmelodien oder Sätze in meinem Kopf, wenn ich unterwegs bin. Ich sing die dann schnell in mein Handy ein, und probier später, das Ganze mit der Gitarre zu spielen. Ich singe aber oft einfach irgendetwas dazu – ohne Text, nur die Melodie. Dann schreibe ich den Text.

ICH REIME NICHT DRAUFLOS, ICH HALT THEMEN FEST.“

Da gibt es die Anekdote von Paul McCartney, der bei „Yesterday“ noch keinen Text hatte und dann einfach „Scrambled Eggs“ gesungen hat.

Lisa Aumair: Manchmal schreibe ich auch einfach, was mich im Moment bewegt. Da ist keine Form von einem Text da, nur eine Art Thema. Ich reime nicht drauflos, ich halte Themen fest. Oft spüre ich, dass ein Feuer da ist, dass ich inspiriert bin. Dann geht es ganz schnell, dann bastel ich am Computer rum, bis es fertig ist. Wenn ich einmal im Flow bin, dann bin ich im Flow. Ich hatte viele Demos, die ich verworfen habe. Demos, die auch das Label schon gehört hat. Demos, die eigentlich das Album ausgemacht hätten. Aber ich hab gemerkt, dass es in eine andere Richtung gehen muss. Auf einmal war ein Dub-Vibe da, fernöstliche Einflüsse kamen dazu, ich hab Instrumental-Tapes aufgenommen.

Bei der „Fire“-Releaseshow im Treibhaus hat man dich zum ersten Mal mit Band gehört. Bleibt Little Element fürs erste ein Solo-Projekt oder war der Auftritt zukunftsweisend?

Lisa Aumair: Die Band ist die Zukunft. Ich wollte früher immer eine Band gründen, hab es probiert, aber irgendwann aufgegeben. Mit Medina Rekic [licky Nerves, Ex-White Miles; Anm.] hat sich das gut ergeben. Sie hat mir Josef Schmiderer [Lea Santee, Slicky Nerves, Anm.] vorgestellt. Das hat sofort gepasst. Für mich ist es wichtig, dass die Band auch mit einer Freundschaft einhergeht. Ich hatte davor Erfahrungen mit super Musikern, mit denen ich nicht auf der gleichen Wellenlänge war. So will ich nicht Musik machen, da spiel ich lieber allein. Josef und Medina haben zwar ihre Projekte, wir ergänzen uns aber perfekt und sie begleiten mich live. Das bekommt auf der Bühne eine ganz neue Energie. Die echten Drums, die Bongos, der Bass – verbunden mit meiner Elektronik. Diese musikalische Energie brauche ich.

Deine Produktionen schaffen die Möglichkeit, sie live noch einmal auszubauen.

Lisa Aumair: Genau, ich hätte am liebsten noch mehr Musiker*innen auf der Bühne. Das geht momentan noch nicht. Aber der Sound lebt von der Live-Performance. Es ist schön, wenn man sich auf der Bühne anlachen kann – weil man einen Fehler macht oder es gerade geil ist. Dieses “all eyes on me” war mir zu viel. Außerdem musste ich mich solo entscheiden, ob ich mit Backing Tracks arbeiten will oder alles loope. Ich wollte aber nicht nur zu meinen Liedern singen. Das bin ich nicht – auch wenn ich die Wohnzimmerkonzerte mit Backing Tracks und Gitarre gespielt habe. Sollte ich wieder mal solo mit Ableton Live arbeiten, werde ich mehr ins Instrumentale gehen. Das wird ein anderes Projekt.

Du hast angesprochen, dass du schon länger eine Band gründen wolltest, aber gescheitert bist. Ist ein Bandprojekt, gerade auch mit deiner Musik, in Innsbruck schwierig umzusetzen?

Lisa Aumair: Für mich war es schwierig. Mir kommt vor, dass Innsbruck auf Hard Rock fokussiert ist. Wenn man auf Bandsuche in Tirol geht, suchen viele Musiker für Metal Bands. In Wien ist das sicher breiter gestreut.

In Innsbruck gibt es wenige Szenen, weil es wenige Lokale für Szenen gibt. Weekender und Hafen sind längst zu, auch die Bäckerei hat immer wieder monetäre Schwierigkeiten. Wie lange hältst du im Westen durch?

Lisa Aumair: habe mein Studium auf Eis gelegt, weil ich nicht drei weitere Jahre in Innsbruck verbringen will. Als nächster Lebensort wäre Wien ein guter Ort. Später möchte ich nach Portugal. Die Entscheidung fällt mir trotzdem schwer, weil ich gerade in einer coolen WG wohne und mir ein Studio einrichten konnte. Es ist gemütlich und leistbar, meine Freunde leben hier – das hält mich in Tirol. Außerdem bemüht sich gerade auch die Bäckerei, etwas aus der Kunstszene in Innsbruck zu machen. Aber ich würde es bereuen, würde ich nicht den Schritt nach Wien machen, um es zu probieren; um in die Szene einzutauchen und mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Ich habe dort Kontakt mit Musiker*innen und meinem Label. Es wäre schön, sie nicht nur alle drei Monate über einen Videochat zu sehen. Der Umzug nach Wien steht also auf meiner To Do-Liste.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Benjamin Stolz, Christoph Benkeser

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