„In der Musik gibt es keine Grenzen, nur Gemeinsames“ – Der Musiker und Pädagoge AYDIN BALLI im Porträt

Der in Hard lebende Musiker und Pädagoge Aydin Balli bereichert die Vorarlberger Musiklandschaft mit einem besonderen Instrument. Er spielt die Saz, das türkische Nationalinstrument, das dort in etwa dieselbe Beliebtheit genießt wie hierzulande die Gitarre. AYDIN BALLI stammt aus Burdur (Kargali), seine ganze Familie spielt Saz und sein Großvater, bei dem er aufgewachsen ist, war als Tischler und Instrumentenbauer tätig. So wurden ihm das Spiel mit diesem Instrument sowie die türkische Volksmusik und Sufilieder in die Wiege gelegt.

Mitte der siebziger Jahre, nach der Volksschulzeit, übersiedelte der damals Zehnjährige mit seiner Familie nach Vorarlberg. Fortan wurde der Kontakt zu den Großeltern mittels Tonband-Cassetten gepflegt. Auf diese sangen und sprachen die Ausgewanderten und sendeten Grüße in die Türkei. „Die erste Zeit war sehr schwer“, erinnert sich der in Vorarlberg allseits geschätzte Musiker, der oft und gerne angefragt wird und in vielen Bands mitwirkt. „Ich hatte immer Interesse an anderen, mich hat immer interessiert, was die Nachbarkinder tun, wie sie sprechen und wie sie leben“, sagt Aydin Balli und das Interesse für seine Mitmenschen und deren Lebenswelten ist ihm heute noch Lebensmotto.

Aydin Balli hat in seiner Familie keine Fixierung auf eine bestimmte Musikrichtung erfahren. „Ich bin sehr frei aufgewachsen“, ist Aydin Balli heute noch froh über diese Erfahrung. „Es gibt keine Grenzen, es gibt nur Gemeinsames und es ist immer schön, wenn man etwas Gemeinsames hat“, lautet deshalb auch ein wichtiger Leitspruch des Musikers.

Saz in der Musikschule lernen

Seit Jahren unterrichtet Aydin Balli an den Musikschulen Dornbirn und Lustenau das Instrument Saz und die Ud. Etwa dreißig Schüler lernen derzeit dieses Instrument. Es gibt sogar eine Warteliste, weil nicht alle aufgenommen werden konnten. Alle Sazschüler stammen aus türkischen Familien. Doch Aydin Balli erzählt mit Freude, dass er auch schon Vorarlberger Schüler unterrichtet hat. Eine ehemalige Schülerin steht kurz vor dem Abschluss des Studienfaches „altorientalische Musik“ in Krems.

Die Saz ist eine mit sieben Saiten bespannte Langhalslaute. Sie hat Bünde und wird meistens mit einem Plektrum gespielt. Ähnlich wie die Gitarre hierzulande kommt die Saz sowohl in der Volksmusik als auch im Pop und in der Kunstmusik oder im Jazz zum Einsatz. In der kommenden Zeit plant Aydin Balli ein Spielbuch für Saz in deutscher und türkischer Sprache zu publizieren. „Ich unterrichte hier in Österreich. Für mich ist es wichtig, dass ich nicht nur türkische Schüler habe, sondern ich möchte mehr Interesse für dieses Instrument wecken und die Spieltechnik weiter geben“, erklärt er seine Motivation.

Ein vielseitiger Musiker

Aydin Balli ist sehr vielseitig tätig. Er leitete den „Yunus Emre Chor“ und realisierte gemeinsam mit dem Spielbodenchor Dornbirn das Chorprojekt „West Östlicher Divan“. Im Rahmen einer Kulturreise in die Türkei, die Stefan Bochun auf DVD aufgezeichnet hat, nahm der Chor dort bei einem Chorfestival teil. Im Jahr 2011 war Istanbul Kulturhauptstadt. Als österreichischer Beitrag ist damals das Theaterstück „Cihangir insomnia“ mit Aydin Balli als Musiker und Schauspieler entstanden. Beim großen Chorevent „Wandern“ am Dornbirner Marktplatz war Aydin Balli ebenfalls mit einem Arrangement eines türkischen Liedes vertreten. Öfters spielte er auch mit unterschiedlichen Musikern in Kirchen, deren Akustik er sehr schätzt. Gemeinsam mit dem Psychotherapeuten und Geschichtenerzähler Aron Saltiel war er in allen größeren Städten Österreichs unterwegs, wo sie sich erzählerisch und musikalisch den Geschichten des unberechenbaren Helden „Nassredin“ widmeten. Im Frühjahr gab Aydin Balli am Landeskonservatorium in Feldkirch einen Workshop und trat anschließend mit den Studenten auf. Darüber hinaus musiziert er in der eigenen Band „Grup Armoni“.

Vielen ist Aydin Balli auch als Mitglied der „heimatshuttle band“ bekannt, wo er gemeinsam mit Ulrich Gabriel, Rolf Aberer und Isabella Fink musiziert. „Bei den sogenannten ‚heimat.abenden’ spielen wir türkische, österreichische, italienische und serbisch-kroatische Lieder“, erzählt Aydin Balli. „Aber nicht wir singen, sondern das Publikum. Es werden Texte verteilt, Gaul erklärt die Geschichte der Lieder und dann singen und spielen wir gemeinsam. Das ist ein super Projekt!“

Das Verbindende zählt

Aydin Balli ist bewundernswert aktiv, doch es gilt auch, die Energien auf das Wesentliche zu bündelt. „Früher habe ich so oft gespielt wie ich angefragt worden bin. Jetzt möchte ich Vorbild sein für die nächste Generation. Wir dürfen unsere Menschlichkeit nicht vergessen und wir müssen mit beiden Beinen auf dem Boden haften bleiben. Deswegen müssen die Projekte, bei denen ich mitwirke, etwas Verbindendes haben, denn das taugt mir am meisten“, betont der sympathische Künstler.

„La Paloma Mysterium“ – das aktuelle Projekt

Neben der Pflege der Volksmusik improvisiert Aydin Balli sehr viel, denn „ich kann mich besser mit Musik ausdrücken als mit Reden“, lacht er. Ein paar Lieder hat er bereits komponiert, „doch die sind noch in meiner Schublade“, gibt er sich bescheiden. Berührungspunkte zwischen der türkischen und europäischen Musik sieht er zahlreiche. Genau ein derartiges Projekt starteten der Fußacher Gitarrist Gerry Zukol und Aydin Balli gemeinsam mit fünf weiteren Bandmitgliedern aus der Schweiz und Vorarlberg. Unter dem Titel „the sea – Gerry Zucol & La Paloma Mysterium“ setzen sie dem Welthit „La Paloma“ auf ihre Art und Weise ein Denkmal. Das ursprünglich aus Spanien stammende Lied „La Paloma“ diente Gerry Zukol als musikalisches Symbol für die grenzenlose Weite des Meeres, einem Ort „mit harten aber klaren Gesetzen“, wie es der französische Segler Bernard Moitessier zum Ausdruck brachte. „Niemals wird dort etwas versprochen, was nicht gehalten werden kann“.

Mit seinem Spiel auf der Ud und der Saz sowie mit seinem Gesang bereichert Aydin Balli die Musik von Gerry Zukol. Musikalisch gehen die Bandmitglieder eine Verbindung zwischen Orient und Okzident ein, indem die einen Instrumente europäisch und Aydin Ballis Saz und Ud türkisch gestimmt sind.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, im November 2014 erschienen.

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