„Ich wollte diesmal viele der Ideen in einer einfacheren Form belassen […]“ – VINCENT PONGRACZ (SYNESTHETIC4) im mica-Interview

Das Wiener Quartett Synesthetic4 ist für musikalische Überraschungen bekannt. Mit einem eigenwilligen Mix aus Jazz, Funk, Hip-Hop, Elektronik und Neuer Musik kreieren Vincent Pongracz (Klarinette, Gesang), Peter Rom (Gitarre), Manu Mayr (Bass) und Andreas Lettner (Schlagzeug) seit Jahren einen ebenso komplexen wie groovebetonten Sound, der ganz eigene Akzente setzt. Mit Bread (Jazzwerkstatt Records) ist soeben das neue Album der Band erschienen – und wie zu erwarten war, tanzt es musikalisch erneut aus der Reihe. Und das, obwohl sich diesmal eine gewisse Einfachheit ins Songwriting eingeschlichen hat. Im Interview mit Michael Ternai spricht Vincent Pongracz über seinen Wunsch, Songs auch einmal zugänglicher zu gestalten, über das stärkere Bandgefühl bei der neuen Produktion und die vielfältigen Einflüsse, die den Sound von Synesthetic4 so einzigartig machen.

Beim ersten Durchhören deiner neuen EP wirkt die Musik etwas reduzierter und grooviger als zuvor – hast du diesmal bewusst einen anderen musikalischen Akzent gesetzt?

Vincent Pongracz: Ich wollte diesmal viele der Ideen in einer einfacheren Form belassen und sehen, wie sie ohne zusätzliche Konstrukte – vor allem im rhythmischen Bereich – funktionieren. Rhythmisch sollte es insgesamt etwas weniger komplex sein als auf den vorherigen Alben. Bei einigen der einfacheren Stücke haben wir allerdings auch Alternativversionen gemacht, die ein bisschen näher an dem sind, was sie früher gewesen wären. Auf der EP fehlen aber auch nicht die Tracks, die eher im alten Stil gehalten sind.

„Bread“ ist gewissermaßen auch eine Reaktion auf „Ahwowha“, das letzte Album von Synesthetic4. Damals hatte ich das Gefühl, die zuvor entwickelte musikalische Sprache noch weiter vertiefen und kompromissloser gestalten zu müssen. Das Resultat war zwar ein sehr cooles Album, rückblickend aber auch ein komplexes und vielleicht auch zu verkopftes – nicht zuletzt, weil es auf einer konzeptionellen Idee beruhte. Dieses Mal wollte ich einfach hören, was passiert, und die Stücke größtenteils so lassen, wie sie entstanden sind.

Ich wollte in dieser Einfachheit bleiben und sehen, ob es auch dann noch etwas Eigenes und Persönliches ist – wenn es einfach nur das ist, was es ist: eine Melodie, ein bestimmter Groove, der jetzt zwar nicht besonders neuartig ist, aber dennoch Identität besitzt.

Wie schwer ist es dir gefallen, diesen Schritt zurück zu dieser Einfachheit zu machen und diese zuzulassen?

Vincent Pongracz: Das war von Nummer zu Nummer unterschiedlich. Manche Nummern sind ja weiterhin rhythmisch komplexer und passen auch noch in dieses alte System hinein. Andere dagegen sind schlichter gehalten. Die Frage, die sich stellte war einfach, ob beide Ansätze am Ende zusammenpassen und etwas Rundes ergeben. Ein Punkt war vielleicht, ein wenig hörbar zu machen, worin der Unterschied liegt – zwischen etwas Neuem und etwas Persönlichem. Und da gab es schon Dinge, die mich auf eine tiefere Weise berührt haben.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Spielte die Frage nach der Liveumsetzung der Musik vielleicht auch eine Rolle für di Entscheidung in diese Richtung zu gehen?

Vincent Pongracz: Ursprünglich war das natürlich auch ein Aspekt – ich wollte es auf der Bühne ein bisschen einfacher haben. Letztlich hat sich aber gezeigt, dass es gar keinen so großen Unterschied macht, ob wir komplexere oder einfachere Stücke spielen. Die komplexeren Sachen erfordern von uns als Musiker nicht unbedingt mehr Kapazität. Wir spielen ja schon sehr lange zusammen und sind es gewohnt, auch schwieriges Material umzusetzen. Das stellt für uns keine große Herausforderung mehr dar.

Auf jeden Fall klingen auch die vermeintlich einfacheren Sachen eindeutig nach Synesthetic4 … 

Vincent Pongracz: … (lacht) das ist gut …

Ihr habt über die Jahre eine wirklich einzigartige Klangsprache entwickelt.

Vincent Pongracz: Es war schon auch ein Bedürfnis von mir, dass wir mehr als Band funktionieren. Es sollte nicht einfach so ablaufen, dass ich mit einem Konzept komme und die anderen Musiker es nur umsetzen. Zwar stammt immer noch vieles von mir, aber ich denke, dass diesmal mehr Freiräume für die anderen da waren – unter anderem, weil nicht alle Grooves ausnotiert waren. In einigen Teilen waren meine Mitmusiker dadurch stärker eingebunden als zuvor. Aber es hätte ruhig noch ein bisschen mehr sein können.
Wir haben inzwischen aber bereits mit Material für eine nächste EP begonnen – und das basiert auf Improvisationen. Das ist ein weiterer Schritt in diese Richtung: Wir haben gemeinsam improvisiert, und ich bin nun im Nachhinein dabei, daraus die Stücke zu arrangieren.

Ein durchaus großer Unterschied zu den letzten Alben war auch, dass diese sehr ausproduziert waren – mit vielen Overdubs –, während wir „Bread“ an einem einzigen Nachmittag, ganz ohne Kopfhörer, gemeinsam in einem Raum eingespielt haben.

Bild der gruppe Synesthetic4
Synestetic4 © Astrid Knie

Das hast du von deiner letzten Octet-Produktion mitgenommen?

Vincent Pongrácz: Ja, wobei das damals noch extremer war. Auch da gab es den Wunsch, beim Spielen eine Situation zu schaffen, die nicht für die Aufnahme optimiert ist, um sofort einen bestimmten Klang zu erzielen – sondern eine, in der man wirklich das Gefühl hat, gemeinsam im selben Raum zu spielen.

In den Stücken der EP fließen viele verschiedene Elemente aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen zusammen, sodass sie sich nur schwer einer einzigen Kategorie zuordnen lassen. Welche Einflüsse haben bei „Bread“ eine Rolle gespielt?

Vincent Pongrácz: Ich glaube, dass viele Einflüsse wie Fragmente aus früheren Zeiten sind. Einer, der mir besonders bewusst geworden ist, ist die Balkanmusik. Vor etwa zwanzig Jahren gab es ja diesen Balkan-Hype mit Acts wie Shantel. So etwas habe ich damals viel gehört, habe es aber während meines Jazzstudiums irgendwie verdrängt, weil es als nicht besonders cool galt.

In den neuen Stücken habe ich nun das Gefühl, dass dieser Einfluss an manchen Stellen wieder zum Vorschein kommt – natürlich in veränderter Form, aber er ist spürbar.

Und dann gibt es einfach Klänge, die ich persönlich sehr mag und die mich beeinflussen. Zum Beispiel diese Tremolo-Gitarren und Basslinien, die ein bisschen nach Surfmusik klingen – die habe ich früher schon gern gehört und cool gefunden. Generell sind es oft Elemente mit einer starken klanglichen Eigenheit, die mich besonders ansprechen.

Etwas, das ich in meiner Musik sehr gerne mache, ist, viel mit Rhythmik zu experimentieren – insbesondere mit der Idee, Vocal- und Rap-Passagen innerhalb der Band zu gestalten, die sich in Tempo und Gefühl verändern, also schneller oder langsamer werden.

Dabei habe ich diesmal zwei Ansätze verfolgt: Der eine bestand darin, ein mathematisches Schema zu entwickeln, das gezielt Tempoveränderungen vorgibt. Der andere war, den Prozess organisch entstehen zu lassen – wie zum Beispiel bei der Titelnummer der EP „Bread“.

Ein Einfluss, der sich besonders in diesem Stück zeigt, ist die amerikanische Post-Punk-Band Show Me the Body, die ich in letzter Zeit sehr viel gehört habe. Ich wollte den Vibe dieser Band in meiner eigenen Musik einfangen.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Was an der Band Synesthetic4 auch besonders ist: Ihr spielt schon sehr lange in derselben Besetzung. Das ist im Jazz eher selten. Inwieweit ist das vielleicht auch eine Stärke von Synesthetic4?

Vincent Pongrácz: Wir wurden im letzten Jahr mit dem Österreichischen Jazzpreis als bester Live-Act ausgezeichnet. Ausgezeichnet wurde also das Zusammenspiel der Band – nicht einfach meine ästhetischen Ideen. Und das sagt schon einiges.

Was die Langlebigkeit von Bands betrifft, sehe ich das größte Problem eher im Umfeld, in dem wir uns bewegen. Die Branche erwartet oft, dass man jedes Jahr mit einem neuen Projekt kommt – damit man etwas „Neues“ präsentieren und an denselben Orten erneut spielen kann. In Österreich ist die Infrastruktur einfach nicht darauf ausgelegt, dass man besonders oft auftreten kann. Wenn man in einem Jahr auf den paar relevanten Festivals spielt, ist es fast unmöglich, im nächsten Jahr dort wieder eingeladen zu werden – es sei denn, man hat ein neues Projekt. Diese Dynamik macht es schwer, kontinuierlich an einer Band oder einem Konzept zu arbeiten.

Das habe ich allerdings erst mit der Zeit wirklich verstanden. Mein Wunsch war und ist, langfristig an einem Projekt zu arbeiten – mit allem, was dazugehört: Höhen, Tiefen, Entwicklung. Denn das bringt auf Dauer sehr viel. Und in dieser Hinsicht bin ich wirklich froh, dass es mit Synesthetic4 so gut funktioniert.

Gleichzeitig habe ich aber auch das Bedürfnis, mit anderen Menschen zu spielen, mich auszutauschen und Teil einer Community zu sein. Dieser Wunsch ist definitiv da. Ich finde es spannend, mich in verschiedenen Konstellationen auszuprobieren – denn man spielt ja mit jeder Person, mit der man auf der Bühne steht, irgendwie anders. Das macht den Reiz aus.

Du hast dein Soloprogramm, dein Quartett und das Oktett und veröffentlichst auch sehr regelmäßig. Wie sehr lässt das Zeit, sich auch anderen Projekten zu widmen?

Vincent Pongracz: Es ist schon so, dass – egal welches Projekt ich auch mache – sie in der Außenwahrnehmung immer ich bin. Bei diesen Synesthetic-Projekten, geht es schon immer um meine Person.

Das ist auch eine persönliche Entwicklung bei mir. Ich bewege mich immer mehr in diese Richtung. Früher war das anders – da wollte ich ausschließlich meine eigenen Sachen machen. Heute merke ich, wie viel mir der Austausch mit anderen gibt.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Hat vielleicht der von dir veranstaltete Synesthetic Wednesday im Rhiz dazu beigetragen, dass du in dieser Hinsicht jetzt offener bist?

Vincent Pongrácz: Der Synesthetic Wednesday ist auf jeden Fall eine gewisse Plattform dafür. Die Reihe, die ich letztes Jahr gemeinsam mit Yvonne Moriel gestaltet habe, war auch sehr erfolgreich. Zum einen war die Zusammenarbeit mit ihr großartig, zum anderen auch die Projekte, die wir gemeinsam realisiert haben. Unter anderem haben wir mit Synesthetic4 und ihrem Yvonne Moriel Sweetlife Quartet ein Doppelquartett gespielt – das war wirklich extrem cool. Ich wünsche mir sehr, dass wir das noch einmal machen können. Die Reihe ist für mich schon eine schöne Gelegenheit, regelmäßig mit verschiedenen Leuten zu spielen.

Immer ganz besonders sind auch die Videos von Synesthetic4. Im Zuge von „Bread“ habt ihr wieder zwei veröffentlicht.

Vincent Pongrácz: Die Videos sind ein wichtiger Teil des gesamten Werks. Sie haben eine ganz eigene Charakteristik und sind rhythmisch genau auf die Musik abgestimmt. Wir spielen inzwischen auch live immer ein Set zu den Videos – also eine Performance mit live gespielter Musik, die exakt auf das Videomaterial abgestimmt ist. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Wir haben dieses Format bei der Verleihung des Jazzpreises zum ersten Mal ausprobiert.

Man fühlt sich dabei ein bisschen wie in einer Produktion. Man ist an das Video gebunden – beziehungsweise: das Video ist an uns gebunden. Es ist ein ganz anderes Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Man ist nicht mehr nur der Musiker, der frei agieren kann, sondern an einen präzisen Ablauf gebunden.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

++++

Synesthetic4 live
8.8.2025 Mühlenrauschen, St. Veit ad Glan
19.9.2025 Klangspuren, Innsbruck
20.9.2025 Alte Gerberei, St. Johann

++++

Links:
Synesthetic4
Synesthetic4 (Instagram)
Synesthetic4 (Facebook)
“Bread” (Jazzwerkstatt Records)
“Bread” (Spotify)