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Nnella (c) Alexander Au Yeong

„Ich wollte, dass dieser Song gehört wird und vielleicht sogar mehr Bewusstsein für sexuelle Grenzüberschreitung, Respekt und Konsens geschaffen wird“ – NNELLA im mica-Interview

„Dear Beloved Asshole“ heißt das Debütalbum, das NNELLA im Juni 2020 releast hat. Monate später nimmt die Vorarlbergerin noch einmal einen speziellen Song hervor, um ihm und seiner Message eine Plattform zu bieten. Dazu drehte NNELLA mit Filmemacher ALEXANDER AU YEONG ein emotionales, berührendes und auch schockierendes Musikvideo, das im April 2021 erschien. Itta Francesca Ivellio-Vellin hat mit NADJA BODLAK aka NNELLA über das Lied „I accept“ gesprochen.

Wann habt ihr das Video zu „I accept“ gedreht?

Nadja Bodlak: Im Februar dieses Jahr. Die Idee dazu entstand allerdings im Februar 2020 und ist seitdem immer in meinem Kopf herumgeschwirrt. Eigentlich wollte ich nichts mehr zu dem alten Album machen, sondern mich auf die Zukunft fokussieren, aber die Idee war einfach zu präsent. Die Themen sexuelle Grenzüberschreitung, Respekt und Konsens haben mich auch persönlich betroffen, und ich kenne viele, denen diese Themen wichtig sind, auch weil sie Erfahrungen in dieser Richtung hatten. Ich wollte auch, dass dieser Song gehört wird und vielleicht sogar mehr Bewusstsein geschaffen wird. Als das Album dann letztes Jahr rauskam, hatte ich das Gefühl, dass der Song etwas untergegangen ist. Deshalb wollte ich den Song auch noch einmal rauspicken, weil er mir eben so viel bedeutet.

„Es hätte sich verkehrt angefühlt, wenn ich diese Songs nicht veröffentliche […]”

Die Doppel-EP heißt ja „Dear Beloved Asshole“ – ist es an eine bestimmte Person gerichtet?

Nadja Bodlak: Die Songs damals mussten einfach aus mir heraus. Die Songs sind aus den Emotionen heraus entstanden. Es war eher so, dass ich einen Brief an mich selber geschrieben hab. So, wie man eben etwas aufschreibt, was unbedingt herausmuss, aber mit der Intention, es nicht abzuschicken. Als die ganzen Songs dann geschrieben waren, habe ich auch überlegt, ob ich sie wirklich veröffentlichen soll. Dass ich es schlussendlich gemacht habe, liegt an drei Gründen. Auf der einen Seite bin ich natürlich stolz auf die Songs und wollte sie auch mit meiner Band spielen, und auf der anderen Seite machen meine Vorbilder auch extrem emotionale Musik. Es hätte sich verkehrt angefühlt, wenn ich diese Songs nicht veröffentliche, wenn es genau solche emotionalen Lieder sind, die ich an anderen Künstlerinnen und Künstlern so schätze. So wie Jeff Buckley, Amy Winehouse und Lianne La Havas. Der dritte Grund war, dass ich mir wünsche, dass bei den Themen sexuelle Grenzverletzung, Konsens und Respekt einfach etwas vorwärts geht.

Du hast jetzt Jeff Buckley, Amy Winehouse und Lianne La Havas genannt – sind das deine größten Einflüsse?

Nadja Bodlak: Diese und noch mehr. Auf jeden Fall Künstlerinnen und Künstler, die extrem emotionale Musik machen. Ich wollte eben, dass Leute vielleicht das, was ich in deren Musik finde, auch in meinen Songs finden.

Deine Musik ist auf jeden Fall sehr emotional. Du schaffst es auch, einen gewissen Weltschmerz zu transportieren. Kannst du erklären, wie es zum Konzept des Videos zu „I accept“ kam? Es ist ja auch ein One-Take-Video – was kannst zu dem Prozess erzählen?

Nadja Bodlak: Die Inspiration habe ich bei einer Tanzaufführung meiner Uni, von der Anton-Bruckner-Universität, bekommen. Da hat die Tänzerin eine Drehung gemacht, und ist dann mit der Hand so von hinten auf ihrem Kopf gelandet, und das fand ich super. Dann habe ich zuhause herumprobiert. Am Anfang ging es bei dieser Pose auch nur um das Albumcover. Dann habe ich eben meinen Fotografen in Vorarlberg getroffen. Während des Fotoshootings haben wir probiert, diese Posen bewegt aufzunehmen. Da ist so ein Film-Schnipsel von 50 Sekunden entstanden, und das sah so weird aus, dass mir das einfach im Kopf geblieben ist. Im Zusammenhang mit „I accept“ schien das einfach zu passen. Die Hände stellen da für mich die verschiedenen Gedanken dar, die immer wieder kommen, und man schließt dann teilweise die Augen, weil man sich gerade nicht damit auseinandersetzen kann. Schlussendlich macht man dann allerdings die Augen auf und konfrontiert diese Gedanken. Denn dann kommt heraus, dass es sich um die eigene Hand, um die eigenen Gedanken handelt. E spielt sich alles im eigenen Kopf ab, aber trotzdem kommen noch die anderen Hände hinzu, also das, was von außen hinzuko

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Nnella (c) Alexander Au Yeong

Im Sinne von gesellschaftlichen Erwartungen?

Nadja Bodlak: Ja, genau. Auch Vorurteile. Teilweise weiß man dann nicht mehr, was die eigenen Gedanken sind und was die Erwartungen von außen. Bei so extrem emotionalen und kopflastigen Sachen geht das ineinander über. Das wollten wir – also das Team, Alexander Au Yeong, Melanie Matt und Johny Ritter, und ich – im Video darstellen. Alexander Au Yeong hat Regie geführt.

Und Melanie Matt und Johny Ritter waren die zusätzlichen Hände.

Nadja Bodlak: Ja, der Shoot selber dauerte nur einen Tag, aber wir haben insgesamt 4 Tage damit verbracht. Ich musste auch viel üben, damit das gut aussieht, die Bewegungen mit den Händen.

„Ich für mich kann meinen Weg weitergehen und kann versuchen, für die Dinge, die mir wichtig sind, aufzustehen.”

Sehr eindrücklich ist auch das Ende des Videos, wenn der Song vorbei ist und du einfach nur in die Kamera siehst. Kannst du das ein bisschen ausführen? Was wolltest du damit auslösen?

Nadja Bodlak: Mir war extrem wichtig, in die Emotion einzutauchen, die ich damals gefühlt habe. Also wirklich wiederzugeben, was ich damals in der Situation gefühlt habe. Am Schluss kommt auch der Satz „But you can’t take my right away to say what I need to say”, der für mich ein empowerndes Statement ist. Ich für mich kann meinen Weg weitergehen und kann versuchen, für die Dinge, die mir wichtig sind, aufzustehen.

Ich als Zuseherin fühle mich bei dem Ende auch sehr aufgefordert. Ich hatte das Gefühl, als würdest du mich damit fragen, wo denn mein Beitrag bleibt.

Nadja Bodlak: Das war zwar nicht die Intention, ist aber super!

Zum Text, du meinst ja das Thema ist sexuelle Grenzverletzung.

Nadja Bodlak: Ja, aber nur zum Teil. Der Song ist nicht nur diesem Thema gewidmet, er ist einfach ein Emotionswollknäuel. Auf der einen Seite geht es Enttäuschung in einer Beziehung, auf der anderen Seite vermisst man diese Person. Bis zum ersten Chorus ist es eigentlich ein Break-Up-Song, würde ich sagen. Ich habe den Song auch nicht in einem durch geschrieben, sondern über zwei Monate hinweg. Dadurch ändert sich auch die Bedeutung.

Musikalisch ist mir aufgefallen, dass die Violine langsam beginnt, passend zum Break-Up-Song, aber nach dem ersten Chorus gehen Musik und Text ziemlich auseinander. Während die Musik fast amüsant und erfrischend klingt, ist der Text natürlich sehr dramatisch. Dann bricht es komplett aus – textlich und musikalisch. Es ist eine sehr spannende Reise, auf jeden Fall. Wie ist da der Entstehungsprozess gewesen?

Nadja Bodlak: Es ist spannend zu hören, wie du es wahrnimmst. Es hört sich auf jeden Fall stimmig an. Bei mir ist es so, dass immer zuerst der Text kommt und da meistens auch schon eine Melodie dabei ist. Dann setze ich mich hin und schaue, welche Akkorde dazu passen. Dann gehe ich damit zu meiner Band und wir arrangieren den Song gemeinsam. Bei „I accept“ war es ein bisschen anders. Da habe ich zuerst ein Streicher-Arrangement geschrieben und bin dann erst zu meiner Band gegangen. Bei dem Punkt, wo alles ausbricht, wie du sagst, habe ich den Streichern und Streicherinnen im Studio gesagt, sie sollen alles geben, und die meinten, dass es dann nicht schön klingen würde, aber ich finde es so perfekt.

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Nnella (c) Yohana Papa Onyango

Was mir bei diesem und auch bei anderen deiner Songs aufgefallen ist, ist, dass du gerne eine poetische Wendung, quasi eine Volta, am Schluss hast.

Nadja Bodlak: Interessante Feststellung! Bei „I accept“ war das aber gar nicht der Plan. Ich gehe da nicht so strukturiert vor, muss ich sagen. Ich falle manchmal in eine Schreib-Trance, in der ich auch gerne die Zeit vergesse, und da kommen dann einfach irgendwelche Gedanken. Das ist aber nicht genau konstruiert. Viel entwickelt sich auch dann im Laufe der Zeit. Zum Beispiel auch die Pause in „I accept“, bei der meine Band auch ein wenig skeptisch war. Aber ich finde es stimmig, dass nach dem Satz „You don’t wanna talk. So we don’t talk“ einfach diese provokante Pause kommt.

Was darf man denn in Zukunft von dir und deiner Band erwarten?

Nadja Bodlak: Am 28. Mai kommt eine neue Single raus und im Sommer noch eine zweite. Ich bin auch schon am Planen für ein neues Album, schreibe auch gerade sehr viel, aber möchte mich noch nicht festlegen, in welche Richtung es geht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

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Geplante Konzerttermine:
01.06.2021 – Orpheum, Graz – My Ugly Clementine (Support: NNELLA (Band))
11.08.2021 – Musikpavillion, Linz – NNELLA (Band) & Little Element
13.10.2021 – B72, Wien – Clara Louise & Band (Support: NNELLA (Solo))

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