„Ich warte, bis ein Text zu mir kommt“ – ENA (VERENA PRUKA und EMILY SMEJKAL) im mica-Interview

Eben ist die zweite CD von ENA erschienen: Sie trägt den Titel „Rouge“ und das Cover ist ganz in Rot gehalten. Jürgen Plank sprach mit den beiden Musikerinnen VERENA PRUKA und EMILY SMEJKAL über Inspirationen beim Liederschreiben, das Hinterlassen von Spuren und nicht geöffnete CDs.

 

(c) Jürgen Plank

Was macht Ihr gemeinsames Musikmachen aus?

Emily Smejkal: Wir haben einander vor etwa zehn Jahren kennengelernt und seitdem machen wir miteinander Musik. Verena, kurz Ena, schreibt Songs, komponiert und spielt Gitarre und ich spiele Bass. Miteinander haben wir immer im Duo gespielt, ab und zu mit Gästen. Unser erstes Album ist 2010 erschienen. Es gab immer mal längere Pausen, ich war auch mal zwei Jahre weg. Zuerst haben wir „Ena’s Duo“ geheißen und mit dem ersten Album haben wir entschieden, dass Ena besser klingt. Ena ist Verenas Name als Künstlerin und „Ena’s Duo“ hatte zu viele Buchstaben.

Wie sehen Sie das gemeinsame Duo-Projekt Ena?

Verena Pruka: Das Kennenlernen war ein sehr entscheidender Moment für mich: Ich habe Emily am Internationalen Jazzworkshop in Salzburg kennengelernt. Sie war damals 16 Jahre alt und ist mir mit ihrer zierlichen Gestalt aufgefallen, weil sie da mit so einem riesigen Instrument stand und gespielt hat. Und sie hat mir dann auch erzählt, dass sie noch gar nicht lange Bass spielt. Aber sie hat schon ziemlich gegroovt, und das hat mich beeindruckt. Danach haben wir einander nicht mehr aus den Augen verloren.

„[…] wir sind inzwischen so eine Art Familie geworden.“

Wie ging es dann weiter, wie war der Moment der Bandgründung?

Verena Pruka: Irgendwann haben wir beschlossen, miteinander Musik zu machen, und wir sind inzwischen so eine Art Familie geworden. Im Jahr 2008 haben wir uns bei mir getroffen und haben einfach gejammt. Es war ziemlich schnell klar, welche Rolle jede von uns einnimmt und wie das Projekt klingen wird.

Gibt es weitere Projekte, im Rahmen derer Sie tätig sind?

Emily Smejkal: Ich habe klassische Gitarre studiert und habe das Studium abgeschlossen. Früher habe ich hauptsächlich Jazz gespielt, das mache ich jetzt kaum mehr. Ich habe zwei Jahre in Barcelona gelebt, da habe ich mit der Sängerin Rosa Sánchez gespielt und da haben wir auch eine CD aufgenommen. Das ist eines meiner Lieblingsprojekte neben Ena. Ich habe fast immer mit Sängerinnen und Sängern gespielt, ich habe rasch herausgefunden, dass es mir lieber ist, wenn jemand singt, und dass ich leichter einen Bezug zur Musik finde, wenn es auch eine Stimme gibt.

„Ich stehe schon sehr gerne auf der Bühne, aber ich könnte nicht in der ersten Reihe stehen.“

Wie ist es für Sie als Bassistin, eher in der zweiten Reihe zu stehen, ist das in Ordnung für Sie?

Emily Smejkal: Ja, nur das ist okay. Anders geht es gar nicht. Ich habe mir das größte Instrument ausgesucht, ich stehe eigentlich sogar in dritter Reihe, denn der Bass steht in der zweiten Reihe. Das entspricht zu einhundert Prozent meinem Wohlfühlpunkt auf der Bühne. Ich stehe schon sehr gerne auf der Bühne, aber ich könnte nicht in der ersten Reihe stehen.

Warum gibt es auf der aktuellen CD sowohl deutschsprachige als auch englischsprachige Texte?

Verena Pruka: Weil ich eine Zeit lang in England gelebt habe und in dieser Zeit vorwiegend in englischer Sprache geschrieben habe, weil ich diese Sprache damals gelebt habe. Ich habe dann aber sukzessive gemerkt, dass meine Muttersprache einfach die deutsche Sprache ist und dass es zwar viel schwieriger, aber auch viel spannender ist, in deutscher Sprache zu schreiben und sich darauf einzulassen. Deshalb ist dieses Album sprachlich gemischt.

Machen Sie die Musik miteinander?

Verena Pruka: Die Texte sind von mir und die Gitarrenharmonien sind auch von mir. Ich stelle das Lied Emily vor, sie hört sich das an und bringt sich dann ein. Ich zeige ihr also kein Lied-Sheet und sage: „So, ich möchte, dass du diese Basslinie spielst.“ Sie bringt sich damit ein, wie sie meine Musik spürt.

„Mein Anteil ist klein, aber wichtig.“

Wenn man die aktuelle Ena-CD „Rouge“ anhört, woran erkennt man Ihren Anteil?

Emily Smejkal: Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, einen 50-Prozent-Beitrag zu leisten, aber mein Anteil ist, das Ganze zu füllen. Ena schreibt die Musik und singt und es ist eigentlich schon alles da und ich genieße es mitzuspielen. Ich denke, es ist gut, wenn ein Bass dabei ist, aber man muss auch nicht übertreiben. Ich spiele oft sehr reduziert, weil ich mir denke, dass das so passt. Mein Anteil ist klein, aber wichtig.

Gibt es auch Lieder, mit denen Sie in der Phase des Probens nichts anfangen konnten?

Emily Smejkal: Es passiert eigentlich bei allen Gruppen, dass man mit einem Stück nichts anfangen kann, aber in dieser nicht.

 

 

Erzählen Sie bitte etwas über das Eröffnungsstück „Der Mantel“.

Verena Pruka: Das Lied ist von der gleichnamigen Novelle von Nikolai Gogol inspiriert, es beinhaltet im Grunde genommen zwei Geschichten, wobei die zweite Geschichte erst ganz zum Schluss herauskommt. „Der Mantel“ bezeichnet die Möglichkeit, in eine Identität hineinzuschlüpfen. So wie Gogol in seinem Text sinngemäß geschrieben hat: „Ich ziehe mir meine Identität über.“ Das Lied handelt einerseits davon, in eine Identität zu schlüpfen, und andererseits davon, sich zu verstecken.

„Meine Lebenserfahrungen und Begegnungen mit Menschen inspirieren mich.“

Was inspiriert Sie noch beim Schreiben eines Liedes?

Verena Pruka: Verschiedenes. Meine Lebenserfahrungen und Begegnungen mit Menschen inspirieren mich. Auch der Zeitgeist inspiriert mich. Ich bin jemand, der Texte auf sich zukommen lässt. Ich kann mich nicht hinsetzen und einen Text kreieren. Ich warte, bis ein Text zu mir kommt.

Welche Begegnung hat zu welchem Lied geführt?

Verena Pruka: Zum Beispiel handelt „Im Angesicht des Alten“ davon, wie es ist, in Räume einzutreten, die schon von anderen Menschen bewohnt wurden, die Spuren hinterlassen haben. Es geht um das Finden von Spuren, die andere Menschen hinterlassen haben, und darum, was das mit einem selbst macht. Und es geht auch darum, wie man selbst Räume prägt und dort auch Energien hinterlässt.

Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Verena Pruka: Ich habe in einer Wohnung gewohnt, in der es am Parkettboden ganz viele Einkerbungen gegeben hat. Zufällig hat mir mein Vormieter erzählt, dass das die Spuren von Stöckelschuhen sind, die eine Frau hinterlassen hat, die früher hier gewohnt hat.

„Mein Ziel ist immer, etwas zu finden, was möglichst logisch, aber trotzdem anders ist.“

(c) Jürgen Plank

Was inspiriert Sie beim Musikmachen?

Emily Smejkal: Ich versuche auch das, was Ena sagt: etwas kommen lassen. Mein Ziel ist immer, etwas zu finden, was möglichst logisch, aber trotzdem anders ist. Inspirierend finde ich schöne Musik. Ich nehme viele CDs auf, die immer verpackt bleiben: Die mache ich nie auf.

CDs, auf denen Sie mitspielen?

Emily Smejkal: Ja, da gibt es CDs, die ich nie angehört habe. Aber dieses Album und auch unsere erste CD „Courage“ höre ich gerne.

Warum bleiben die anderen Alben verpackt? Weil Sie die Musik schon zu oft gehört haben?

Emily Smejkal: Es gibt oft komplizierte Musik, verkopfte Musik. Jeder will heute eine CD aufnehmen, aber es werden nicht alle CDs angehört – und bei solchen CDs habe ich auch schon mitgespielt. Da muss man der Wahrheit ins Auge schauen. Jede Musikerin und jeder Musiker muss heute eine CD machen, aber viele CDs werden verschenkt und bleiben liegen. Die CDs, bei denen niemand mitsingt, bleiben eher verpackt.

Insgesamt stelle ich mir Ihre Arbeitsweise nun ziemlich entspannt vor: Sie treffen sich, jammen und warten, bis die Inspiration kommt. Ist das so?

Emily Smejkal: So entspannt ist es gar nicht. Wir sind schon effektive Menschen.

Verena Pruka: Jede von uns bringt ein Handwerkszeug mit und von dem gehen wir jeweils aus. Darüber hinaus wird dann in der Situation das zugelassen, was gerade kommt. Und es kommt immer etwas. Es ist noch nicht passiert, dass nichts kam. Wir schreien nicht „Heureka“. Wenn wir proben, ist das wie die Begegnung mit einem Menschen. Das ist das Schöne. Ich komme mit dem Material, das ich entwickelt habe, setze mich mit Emily zusammen und begegne ihr in diesem Moment. Und das macht Emily genauso, sie kommt mit dem, was sie kann, und lässt sich auf mich ein. Das ist doch eigentlich das, was sich alle von einer Begegnung wünschen: dass man einander zuhört und sich aufeinander einlässt. Ganz egal ob das nun die Musik ist oder ein Gespräch. Im Grunde genommen sprechen wir miteinander.

Gibt es dadurch live auch Improvisationen oder ist das zu weit gedacht?

Emily Smejkal: Wir improvisieren nicht so viel, weil wir nicht so oft spielen. Würden wir jede Woche spielen, würde sich das Improvisieren eher ergeben. Wir schauen, dass wir die Songs zusammenhalten, und das ist ziemlich konkret. Da ist nicht so viel Improvisationsspielraum gegeben.

Wie war Ihr erstes Konzert?

Verena Pruka: Das war vermutlich im Pickwick’s, das ist ein englisches Café in Wien. Das ist ein Ort, an dem man sich ausprobieren kann. Das ist ein Café, da gibt es ein Kommen und Gehen – und so war dieser Ort für uns wie ein experimentelles Labor. Bis wir an dem Punkt gelangt sind, wo wir sagten: „Wir brauchen konzertante Situationen, wir brauchen Leute, die uns zuhören.“

 

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

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