„Ich möchte, dass Projekte wie Streichhölzer angezündet werden und pur klingen.“ – TOMASZ WABNIC (MORPHING CHAMBER ORCHESTRA) im mica-Interview

„Gemorpht“ nennt der Gründer und künstlerische Leiter des MORPHING CHAMBER ORCHESTRA, TOMASZ WABNIC, den speziellen Klang seines Orchesters. Anlässlich des 20. Geburtstags spricht er mit Theresa Steininger über dessen Gründung, Entwicklung und Vielseitigkeit.

Eine Kombination aus Vivaldi und Arabic Jazz, Musik von Arvo Pärt, Beethoven, Opernarien mit hochkarätigen Sängern und Beatles-Songs – wie geht das alles, was im Repertoire des Morphing Chamber Orchestra ist, zusammen?

Tomasz Wabnic: Das, was das Morphing Chamber Orchestra ausmacht, ist die große Qualität und die riesige Freude beim Spielen, egal, um welche Art Musik es sich handelt. Als wir beispielsweise in unserem Konzert mit Bobby McFerrin Barockmusik und Jazz zusammenbrachten, ging es mir nicht um den ersten Eindruck, den das Publikum vom Orchester hatte, und das zweite Bild, das die Zuhörer von dieser Ikone der Jazz-Musik hatten, sondern um das dritte, das aus dem Gemeinsamen kreiert wurde. Oft entsteht bei unseren Konzerten eine ganz besondere Atmosphäre, etwa, als wir zuletzt in der Mozart-Wohnung in der Domgasse gespielt haben – und Ludovic Tézier spontan aufstand und mit uns sang. Mir ist pure Klassik genauso wichtig wie die Verbindung zu heutigen Strömungen. Egal, um welchen Stil es geht – und wir haben hier eine sehr große Bandbreite: Das Wichtigste ist immer der Enthusiasmus, mit dem die Musikerinnen und Musiker dabei sind.

Wie kam es 2006 zur Gründung des heuer 20 Jahre alten Orchesters?

Tomasz Wabnic: Ich war damals ein junger Bratschist – und wollte, als sich mein Quartett nach einem Wettbewerb auflöste, wirklich mein eigenes Ding machen. Das Morphing Chamber Orchestra ins Leben zu rufen, war eine sehr spontane Idee. Mir war es wichtig, selbst zu steuern, wohin die musikalische Reise geht. Labels und Agenturen geben da ja oft sehr stark die Richtung vor – und zerstören dabei im schlimmsten Fall die Natürlichkeit in der Musik. Wir haben über die Jahre verschiedenste Projekte aufgebaut, derzeit sind es 24 verschiedene, von Jazz bis Oper. Manchmal haben wir Besetzungen mit bis zu 60 Musikerinnen und Musikern, dann treten wir wieder im Quartett oder in Kammerorchester-Formation auf.

Im Orchester gibt es Stammgäste, aber auch wechselnde Musikerinnen und Musiker. Was ist Ihnen bei der Auswahl wichtig?

Tomasz Wabnic: Wir möchten, dass man die Liebe zur Musik in jeder Sekunde hören und spüren kann. Technik hat jeder ausgebildete Musiker, wobei es für uns jene der Wiener Schule sein muss. Aber diese Loyalität zu Kolleginnen und Kollegen und diese starke emotionale Bindung zur Musik bewirkt eine besondere Art des Spielens, die wir gemeinsam anstreben. Über die Jahre habe ich wohl an die 1.000 Musikerinnen und Musiker engagiert, alle mit einem großen Herzen für die Musik. Aber ich bin auch nicht böse, wenn jemand ein Fix-Engagement hat und nicht mehr für die Projekte zur Verfügung steht. Es gibt Konstanten, unter anderem mich an der Bratsche und als „Papa“ des Orchesters, der versucht, für es zu sprechen und das Beste für es zu erreichen.

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Wenn Sie dann für die Projekte zusammenkommen, wie gelingt es, sich rasch zusammenzufinden?

Tomasz Wabnic: Wir proben nur wenig vor den Konzerten oder Aufnahmen, weil ich finde, dass zu viele Proben das Orchester „töten“. Ich möchte, dass Projekte wie Streichhölzer angezündet werden und pur klingen. Ich spreche im Vorfeld mit allen, jeder kommt perfekt vorbereitet in die Proben. Und dann lasse ich die Euphorie laufen und wirken. Und die Erfolge sprechen für sich: Wir haben uns noch nie irgendwo beworben, aber Künstler wie Ludovic Tézier und ein Komponist wie Arvo Pärt sind von sich aus auf uns zugekommen. Auch mit Andreas Scholl, Angel Blue, Alexandra Kurzak und weiteren Stars mehr haben wir zusammengearbeitet – und im Livestream-Format der Metropolitan Opera New York gespielt.

Von Arvo Pärt haben Sie mehrere Werke aufgenommen. Wie beschreiben Sie die Beziehung zwischen ihm und dem Orchester?

Tomasz Wabnic: Arvo Pärt hat uns über YouTube entdeckt und uns angeschrieben. Er meinte, unsere Art zu spielen entspreche genau seinen Wünschen zu Tongebung und Tempofindung. Wir haben unter anderem zu seinem 80. Geburtstag zusammengearbeitet und eine CD von „Stabat Mater“ aufgenommen. Auch die Aufnahmen seiner Werke „Fratres“ und „Summa“ mit uns sind besonders stark nachgefragt. Pärt wollte einen Sound, der direkt vom Herzen kommt. Das klingt kitschig, ist aber bei uns die oberste Prämisse.

Wie wichtig ist zeitgenössische Musik für Sie – bei all den unterschiedlichen Projekten?

Tomasz Wabnic: Sehr wichtig. Einige lebende Komponisten schreiben extra für uns. Arvo Pärt eben sagte, dass er unseren Klang mystisch und passend für seine Kompositionen fand. Ein wunderschönes Erlebnis für mich war, als er bei einer Feier zu seinem 80. Geburtstag beim Essen aufstand, seinen Sessel zu mir trug und wir mehr als eine Stunde über das vorangegangene Konzert sprachen. Alle anwesenden internationalen Journalisten waren verblüfft.

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Im September kommen Sie mit dem Pianisten, Komponisten und Arrangeur Tim Allhoff ins Mozarthaus in Wien.

Tomasz Wabnic: Wir haben schon eine CD mit ihm gemacht und wir freuen uns sehr auf dieses vielseitige Konzert „Von Bach bis Beatles“. Es verbindet Klassik auch mit Radiohead und Depeche Mode. Davor haben wir in Quartett-Formation noch eine Tournee nach Australien auf dem Kalender. So vielseitige Programme sind unser Markenzeichen. 20 Jahre sind eine lange Zeit, aber sie sind sehr schnell vergangen. Ich möchte unbedingt auf dem bewährten Weg weitermachen, aber doch anders.

Inwiefern?

Tomasz Wabnic: Ich spiele Bratsche, ich arrangiere viel, und gerade, seit mir hier Peter Gelb für die MET-Übertragungen so vertraut hat, immer noch mehr für das Orchester; ich bereite alle Musikerinnen und Musiker schon vor den Proben minutiös vor. Ich mache die Programme. Es wäre nicht schlecht, sich hier für Organisatorisches Unterstützung zu holen.

Wohin führt die Zukunft des Orchesters?

Tomasz Wabnic: Meine Vision ist es, pure Klassik mit Technologie zusammen zu bringen, so wie wir beispielsweise schon heute im gleichen Konzert Kompositionen von Beethoven mit Schöpfungen des DJs Avicii aus Schweden verbinden. Oder wie wir letztes Jahr Musik von Johann Strauß mit solcher aus Japan, Brasilien und mit Swing „gemorpht“ haben. Unser Programm ist bunt – aber immer von der gleichen Liebe zur Musik und vom gleichen Enthusiasmus gekennzeichnet.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Theresa Steininger

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