FIVA ist eine der erfolgreichsten, weil wortgewaltigsten und sympathischsten Rapperinnen des deutschsprachigen Raums. Im Interview mit Markus Deisenberger verrät sie, weshalb sie sich als Zwangsoptimistin sieht, wie sie zu Frauenfeindlichkeit im Rap steht, und was das Schönste und Wichtigste in ihrem Leben ist.
Was hältst Du davon, wenn wir das Interview mit einem Kompliment beginnen?
Fiva: [lacht] Unbedingt.
Ich war zwar nie ein großer HipHop-Fan, Deine Musik habe ich aber immer gemocht. Einerseits ist es der Groove, der mich so ein bisschen an die gute alte Zeit des HipHop erinnert, an Jazzmatazz und De la Soul. Und dann ist da noch dieser untrügliche Optimismus, den deine Musik ausstrahlt. Das bist einfach Du, oder?
Fiva: Ich bin gar nicht so optimistisch, wie das vielleicht rüberkommt. Ich bin eher Zwangsoptimistin. Aber weil ich von meinem Naturell her eher dem Pessimismus anhänge, habe ich keine andere Lösung. Ich bemühe mich, eher positiv zu denken. Was Du als Optimismus bezeichnest, ist für mich eine Form des Trosts. Ich denke sehr viel darüber nach, was ich Menschen geben kann, die das Leben so finden wie es ist: Manchmal eben schwierig. Das, was ich mit Songs wie „Das Beste ist noch nicht vorbei” oder “Einen Sommer lang tanzen” ausdrücken möchte, könnte man auch ganz anders ausdrücken. Man könnte sagen, dass …
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…alles den Bach runtergeht?
Fiva: Ja, tut es ja auch teilweise, und das sehe ich ja auch. Ich habe ja keine verzerrte, naive Vorstellung von der Welt. Aber was ich mir wünsche, was ich hören möchte – denn ich muss die Songs ja auch Jahre lang spielen – ist etwas, das mir und auch den anderen Mut macht. Mut und Trost sind wichtige Wörter, die sich für andere hoffentlich in meinen Liedern wiederfinden.
Offensichtlich gelingt Dir das. Unter deinen Videos auf Youtube finden sich jede Menge Kommentare wie „Deine Musik hilft mir im Moment sehr über die Runden zu kommen.” Eine schöne Bestätigung, oder?
Fiva: Absolut. Ich bekomme sehr viele, auch lange Mails von Menschen, die sich inspiriert fühlten, Dinge vielleicht auch zu ändern, oder sich beruhigt fühlen. „Dein Lächeln verdreht Köpfe” ist irrsinnig beliebt auf Hochzeiten, was absurd ist, weil mir diese romantische Ader persönlich ja total fehlt. Und „Das Beste ist noch nicht vorbei” wird viel auf Beerdigungen gespielt.
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Das heißt, es bereitet Dir Freude, andere Leute aufzuheitern?
Fiva: Es geht weniger ums Aufheitern als ums Aushalten. Ich habe die Möglichkeit, das Leben, das grundsätzlich ja alles hat, auf unterschiedliche Arten zu sehen. Je nach Veranlagung gibt es die, die sagen: „Alles super”. Oder die, die sagen: „Alles Scheiße”. Eine Wahl aber, wie man die Dinge sehen will, gibt es immer. Ich finde es ganz wichtig, dass man sich dieser Wahl stellt. Diese Selbstverantwortung möchte ich tragen. Meine Musik ist authentisch. Sie ist so, wie ich versuche, die Welt zu sehen.
Wie stehst du zu all dem sexistischen Kram, der auch unter HipHop firmiert und Frauen hauptsächlich als “Bitches” bezeichnet?
Fiva: Wenn man auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung schaut, tut sich schon was. Und es gibt auch viele erfolgreiche Frauen im HipHop: Shirin David, Juju oder Nura. Aber trotzdem gibt es immer noch strukturellen, systemimmanenten Sexismus. Gerade in Rap-Texten ist das Alpha-männliche Gehabe weit verbreitet. Das ist einfach so. Ich bin damit konfrontiert, seit ich angefangen habe zu rappen. Aber weil es das Schönste und Wichtigste in meinem Leben ist, lass ich mir das nicht kaputt machen. Die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, sind anders. Ich kann gegen diese sexistischen Strömungen nichts tun, außer zu zeigen, dass es Alternativen gibt.

Wenn Du siehst, wie ein Rapper in einem Video die Kreditkarte durch die Pofalte einer leicht bekleideten Tänzerin zieht, macht dich das nicht wütend?
Fiva: Ich schaue mir so was nicht an. Es gibt auch keinen Grund, weshalb ich mir so was anschauen sollte. Was wir immer vergessen ist, welch unfassbare Macht das Publikum hat. Ich muss das nicht hören, ich muss es nicht unterstützen. Ich muss es nicht kaufen und ich muss nicht auf solche Konzerte gehen. Die Menschen, die so etwas machen, sind so erfolgreich, weil sie Publikum haben. Das lässt mich verzweifeln.
Du bist sehr vielseitig, arbeitest nicht nur als Musikerin, sondern auch als Moderatorin, und Radio-DJ, betreibst ein Label und warst zuletzt auch als Jurorin bei Starmania tätig. Was bleibt da auf der Strecke?
Fiva: Eigentlich gar nichts. Wenn man sich für viel interessiert, kann man auch viel machen. Ich habe viel Spaß dabei. Es ist die Dosis. Und: Immer ist was anderes wichtig. Jetzt gerade schreibe ich an neuer Musik. Das ist gerade wichtig, und dann mach ich das auch.
Das heißt, es wird bald ein neues Fiva-Album geben?
Fiva: Jetzt kommen erst mal ein paar Nummern. Die nehme ich gerade mit David Raddish in Wien auf, was wirklich super ist. Ob das ein ganzes Album oder nur eine EP wird: Mal sehen. Derzeit trau ich mich da noch keine Vorhersagen zu machen. Das liegt auch an der pandemischen Situation. Wer weiß, was noch alles kommt. Wir wollen ja live spielen.
Du gestaltest auf fm4 seit Jahren die vielgehörte und nicht nur in HipHop-Kreisen vielgeschätzte Sendung Fivas Ponyhof. Wie ist Deine Beziehung zu Wien?
Fiva: Wien ist meine große Liebe. Es ist wirklich verrückt: Ich kam das erste Mal in die Stadt und es war um mich geschehen. Ich krieg Ruhe und Inspiration in dieser Stadt. Ich habe meinen Freundeskreis. Ich mag Österreich. Und Wien ist mein Ort.
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Deine Heimatstadt München hast Du in „Frühling” besungen. „Geh gern weg und komm gern wieder” klingt nach einer schwierigen, aber dennoch liebevollen Beziehung.
Fiva: Schwierig nicht. Es sind ganz andere Qualitäten. In München lenkt mich nichts ab. Ich bin hier geboren und lebe schon seit vielen, vielen Jahren hier, kenne gefühlt jeden Winkel dieser Stadt. Das ist gut, um zu arbeiten. Wien ist gut, um die Arbeit auszuleben, um aufzunehmen, mich inspirieren zu lassen. Ich habe da ganz großes Glück, dass beides geht. Ich könnte in keiner der beiden Städte für immer wohnen. Das habe ich noch nie gemacht und das könnte ich mir auch nicht vorstellen. Dass man nur wohnt und nie weggeht. Ich hatte vor Corona 180 Reisetage im Jahr, wohin auch immer. Dementsprechend hat sich das drastisch geändert, und das war nicht das Beste für mich.
Das heißt, es hat Dich unsanft runtergestoppt?
Fiva: Ja, und der ganze Flow war beim Teufel. Ich hatte Pläne, Zugtickets, wusste: Heute bin ich hier, morgen dort. Auf einmal ist man hier. Nur hier. Das war schon eine Herausforderung.

Wie war die Teilnahme als Jurymitglied bei Starmania für Dich? Warum hast Du überhaupt zugesagt?
Fiva: Es war Pandemie, und ich hatte so viel Zeit wie noch nie. Der ORF fragte mich, was mich sehr gewundert hat, denn eine Casting-Show war so ziemlich das letzte, wo ich mich – von meinem Profil und meiner Vita her – gesehen hätte. Und dann habe ich beschlossen: Ja, das probiere ich. Einmal so eine große Show um viertel nach acht abends live zu machen, war toll. Das hat Riesenspaß gemacht. Da ging es um was.
Gab es niemanden, der meinte, dass man das als Rapper nicht machen könne, weil es die Credibility zerstört?
Fiva: Auf mich als Künstlerin kam tatsächlich wenig Negatives. Es kam Negatives per Mail, ja, aber das hat sich mehr mit mir als Frau beschäftigt.
Wie fandest Du das Niveau?
Fiva: Mich hat echt fasziniert, wie krass professionell die Teilnehmer*innen waren. Die haben in den leeren Walfischbau reinperformt, als ob sie in Wembley vor 50.000 Fans sängen. Erst nachher habe ich gecheckt, dass manche schon drei, vier Castingshows hinter sich hatten.
Selber Kunst machen und dann die Kunst anderer zu kritisieren, stelle ich mir schwierig vor. Siehst Du da einen Widerspruch oder hast Du es locker genommen?
Fiva: Das hat sich gar nicht so schlecht angefühlt, weil ich schon so lange die Radiosendung mache. Wenn man sich so lange als Radio-DJ betätigt, bekommt man ein Gefühl für Musik. Ich kann mittlerweile aus verschiedensten Genres verstehen, ob und warum etwas gut gemacht ist. Was noch lange nicht heißt, dass es mir dann gefällt und ich es mir zuhause auflege.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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Fiva, vormals Fiva MC, wurde als Nina Sonnenberg 1978 in München geboren. Seit 1999 steht die Musikerin, Moderatorin und Autorin mit ihrem Rap auf der Bühne. Sie hat sieben Alben veröffentlicht, darunter bekannte Singles wie „Die Stadt gehört wieder mir“, „Das Beste ist noch nicht vorbei“, „Alles leuchtet“ oder „Dein Lächeln verdreht Köpfe“. Zusammen mit DJ Radrum gründete sie 2005 das Label Kopfhörer Recordings. Fiva macht nicht nur Musik, sie ist auch selbst Fan. Davon kann man sich in ihrer Radiosendung Fivas Ponyhof auf fm4 überzeugen. Ihre All-Time Favourites: Lauryn Hill und DeLa Soul. Aktuell steht sie auf Little Sims, aber auch andere starke Frauen wie Florence & the Machine und Sophie Hunger.
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