Bild Son of the Velvet Rat
Son of the Velvet Rat (c) Marija Kanizaj

„Ich hoffe, ich habe den besten Song noch nicht geschrieben“ – SON OF THE VELVET RAT im mica-Interview

Seit einigen Jahren pendeln GEORG und HEIKE ALTZIEBLER als SON OF THE VELVET RAT zwischen Graz und Kalifornien, längst sind die beiden bei einem amerikanischen Label gelandet. Jetzt erscheint auf MONKEY MUSIC eine Kompilation, die auf ihre Zeit in Österreich zurückblickt – Grund genug für ein Gespräch über das Aufbauen neuer Kontakte, das Lernen neuer Instrumente und darüber, wo es die beiden demnächst hinziehen könnte, welches Jürgen Plank mit den beiden geführt hat.

Die aktuelle Kompilation mit Son Of The Velvet Rat-Liedern blickt ungefähr 10 bis 15 Jahren zurück. In dieser Zeit ist viel passiert, ihr seid inzwischen in den U.S.A., war dieser Schritt auch der Versuch noch mal richtig Gas zu geben, anstatt die Karriere hier weiter laufen zu lassen?

Georg Altziebler: Es geht um Inspiration, es geht nicht um die Karriere. Man versucht sein Leben so zu gestalten, dass man künstlerisch und menschlich inspiriert bleibt und das war unser Ziel. Wir wollten weg, um etwas Neues zu sehen und zu erleben und es war klar, dass dieser Schritt das Künstlerische miteinschließt.

Hat sich die Suche nach etwas Neuem auch erfüllt?

Georg Altziebler: Das hat sich erfüllt. Wir mussten ja auch die künstlerischen Kontakte neu aufbauen, wir haben jetzt ein Label in den U.S.A., das zu finden ist normalerweise nicht so einfach. Wir mussten also die persönliche und die musikalische Infrastruktur neu aufstellen. Das ist gut gelungen, weil wir sehr nette Menschen kennen gelernt haben, die uns toll aufgenommen haben.

Was war trotzdem schwierig?

Bild Son of the Velvet Rat
Son of the Velvet Rat (c) Marija Kanizaj

Georg Altziebler: Wir hatten das Glück, dass ich als Songwriter einen Riesenrespekt genossen habe. Da helfen natürlich Namen wie Lucinda Williams oder Joe Henry, mit denen wir gearbeitet haben, denn die kennen und schätzen alle anderen Songwriter auch. Von den Kollegen und Kolleginnen ist mir großer Respekt entgegengebracht worden. Das hat geholfen, die Vernetzungen in Gang zu bringen.

Heike Altziebler: In den U.S.A. haben wir jetzt viel mehr gleich gesinnte MusikerInnen um uns. Kürzlich haben wir bei einem Essen festgestellt, dass von den anwesenden 16 Leuten jeder ein Instrument spielen konnte. Und plötzlich haben alle zu spielen begonnen, ein einziger Gast war bildender Künstler.

Georg Altziebler: In Österreich kennen wir nicht so viele Bands.

„Ich finde den Begriff Americana eher beschränkend“

Inwiefern habt ihr in den letzten 10 bis 15 Jahren eure eigene musikalische Reise in Richtung Americana begonnen?

Georg Altziebler: Es war nicht so geplant. Ich finde den Begriff Americana eher beschränkend. Ein englischsprachiges Land war natürlich gut, weil ich in englischer Sprache singe, aber wir wollten nicht das Americana-Klischee verfestigen.

Wie war die Begegnung mit Lucinda Williams?

Heike Altziebler: Wir haben in Los Angeles im Hotel Cafe gespielt, vor zirka 15 bis 30 Leuten. Im Publikum war eine Frau mit Kappe und Brille, die sehr begeistert war. Wir haben sie beide nicht erkannt, nach dem Konzert habe ich Georg mit Lucinda reden gesehen und sie hat mich zum Abschied umarmt und gemeint, dass wir auf jeden Fall in Kontakt bleiben werden.

Georg Altziebler: Lucinda ist vor mir gestanden, mit so einem Biker-Kapperl und hat gesagt: i am Lucinda Williams. Das habe ich ihr zuerst gar nicht geglaubt, aber sie war es wirklich! Das war lustig. Dann haben wir uns zum Essen getroffen und sie hat bei zwei Stücken mitgesungen. Die Aufnahmen im Studio hat sie selbst bezahlt.

Was kann man sich von jemandem wie Lucinda Williams abschauen?

Georg Altziebler: Nur, dass Leute, die man selbst schätzt auch das schätzen, was wir machen. Das ist das Einzige. Sonst kann man sich nicht viel abschauen, man macht im Prinzip eh dasselbe, nur auf einem anderen Level. Die Arbeit ist dieselbe.

Was sagt so eine Best-Of-Veröffentlichung für euch aus, so etwas gibt es ja üblicherweise von ABBA oder The Beatles. Hat man’s dann geschafft?

Georg Altziebler: Wir haben’s geschafft, noch immer Musik machen zu dürfen.

Heike Altziebler: Genau, so sehen wir das. Wir haben es geschafft, für lange Zeit Musik zu machen und tun das nach wie vor mit Freude. Und im Herbst kommt ja schon die neue Platte, es macht jetzt eigentlich mehr Spaß als früher. Ich musste erst in meine Rolle hineinwachsen.

Aber du bist doch schon lange dabei?

Georg Altziebler: Aber sie lernt jedes Jahr ein neues Instrument. Wir haben vorhin nachgezählt: auf der Bühne spielt Heike sieben Instrumente.

Was lernst du gerade?

Albumcover Monkey Years
Albumcover “Monkey Years #2”

Heike Altziebler: Hauptsächlich spiele ich natürlich Keyboard und Akkordeon, aber ich übe gerade am Theramin. Wir setzen das hauptsächlich als Effekt ein, aber man muss trotzdem wissen, wo die Töne sind. Omnichord spiele ich auch und ich mache einfach das, was der jeweilige Song braucht.

Das Omnichord ist ein elektrisches Musikinstrument, mit vorprogrammierten Rhythmen, ähnlich einer Heimorgel. Wie seid ihr auf das gekommen?

Heike Altziebler: Eine befreundete Musikerin ist solo damit aufgetreten und mir hat es getaugt, weil sie es sehr fein eingesetzt hat und einige Effekte dazu verwendet hat. Da habe ich mir gedacht, dass man das vor allem bei unseren Duo-Auftritten gut integrieren könnte.

„Ich versuche immer einen Song zu schreiben, der mich selbst überrascht“

Es gibt ja die Theorie, dass Bands in Wahrheit immer nur an einem Lied schreiben. Sodass jedes neue Lied der Versuch ist, mit den eigenen Mitteln einen noch besseren Song zu machen. Wie seht ihr das?

Georg Altziebler: Ich versuche immer einen Song zu schreiben, der mich selbst überrascht. Mich selbst fesselt und inspiriert. Natürlich hat man sich da selbst eine gewisse Latte gelegt. Ich hoffe, ich habe den besten Song noch nicht geschrieben.

Seid ihr auf eurem musikalischen Weg angekommen oder habt ihr eine Zwischenstation erreicht und plant schon die nächsten Schritte?

Georg Altziebler: Ich habe das Gefühl, dass wir heute viel bessere Musiker sind als noch vor ein paar Jahren. Und das ist ein gutes Gefühl. Es entwickelt sich, auch wenn wir das jetzt schon eine Zeitlang machen. Das lässt es spannend bleiben. Man lernt auch handwerkliche Dinge, etwa beim Songwriting.

Ein aktuelles Video von euch wurde in der Wüste gedreht, wo ihr zurzeit lebt. Wollt ihr in Kalifornien bleiben oder plant ihr weiter zu ziehen?

Heike Altziebler: Ich mag die Wüste wirklich gerne, das ist ein guter Platz zum Leben.

Georg Altziebler: Aber wir haben schon wieder überlegt, ob wir nicht woanders hinziehen sollen.

Euer Label ist aus Portland, zieht ihr vielleicht dorthin?

Georg Altziebler: Dort möchte ich nicht sein, das ist eine große Stadt mit schlechtem Wetter.

Wärme wäre es in Austin, dort gibt es auch eine große Musikszene.

Heike Altziebler: Ja, das haben wir schon recherchiert. Austin ist leider zu teuer.

Georg Altziebler: Wir haben an Spanien gedacht. In Spanien und in Frankreich gibt es eine Szene für unsere Musik.

Die Tour zur neuen Kompilation beginnt ihr – wie es sich gehört – in der Provinz, in Bruck an der Mur in der Steiermark. Geht es da für euch sozusagen zurück zu den Wurzeln?

Georg Altziebler: Unsere ganze Konzertaktivität steht und fällt damit, dass wir Leute kennen, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten. Wenn wir unterwegs sind, schreiben wir die an und dann spielen wir wieder dort.

Bild Son of the Velvet Rat
Son of the Velvet Rat (c) Marija Kanizaj

Heike Altziebler: Wenn sich das Konzert gut in die Reiseroute einfügt. In Bruck an der Mur waren wir immer wieder im Dachbodentheater, das ist eine kleine Location und die Leute dort sind cool. Unser Publikum entscheidet eigentlich, wo wir spielen: dort, wo es gut klappt, kommt man wieder hin.

Wie ist die Songauswahl für die neue Kompilation geschehen?

Georg Altziebler: Ich wollte einen Querschnitt von Songs, die mir am Nächsten sind. Das war meine Auswahl, auch in dieser Reihenfolge.

Was macht die Zufriedenheit mit einem älteren Lied aus?

Georg Altziebler: Dass diese Momentaufnahme, die damals passiert ist, noch immer Gültigkeit hat und spannend ist. Viele Lieder halten das nicht, die spiele ich zwar noch immer live, weil ich sie da neu interpretieren und erfinden kann.

Heike Altziebler: Wir hören unsere eigenen Platten ohnehin nicht an!

Wenn wir noch ein paar Jahre zurückdenken: könnten von Bloom 05, einem frühen Bandprojekt von dir, auch Lieder dabei sein, die noch gelten?

Georg Altziebler: Ich glaube nicht, glaubst du das?

Heike Altziebler: Songs auf jeden Fall, ich kann mich an „Pauline“ erinnern oder an „Burn“ – das war noch mit Pure Laine. Das sind gute Nummern, die Umsetzung von damals kann ich aber nicht mehr abrufen.

Georg Altziebler: Das müsste man sich anhören.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

 

“Monkey Years #2” erscheint am 6.3.2020 auf Monkey Music.

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Son of the Velvet Rat live
06.03. Dachbodentheater, Bruck/Mur
07.03. Vinyl & Music Festival Vienna, Ottakringer Brauerei, Wien
13.03. Blue Garage, Frauental
27.03. Smaragd, Linz
28.03. Blue Note, Dresden
16.04. Rockhouse, Salzburg
23.04. Kofferfabrik, Fürth
24.04. Laboratorium, Stuttgart
25.04. Zone, Wörgl
07.05. Kulturzentrum St. Barbara, Zwickau
08.05. Wunderbar Weite Welt, Eppstein
09.05. Kino Ebensee, Ebensee
15.05. Postgarage, Graz
16.05. Rhiz, Wien

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