„Ich glaube schon, dass die Musiker:innen und Künstler:innen dahingehend eine Vorreiterrolle einnehmen […]“- ANDREAS JANTSCH (Music Declares Emergency) im mica-Interview

Mit einem eindringlichen Appell, intensiver als bis jetzt gegen den Klimawandel anzukämpfen, präsentierte sich am 22. April – dem Earth Day – mit den Stimmen heimischer Musiker:innen und Vertreter:innen der Musikbranche der österreichische Ableger der Initiative „Music Declares Emergency” erstmals der Öffentlichkeit. Teil der gemeinsamen Erklärung war auch ein Commitment der Musikbranche, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern. Zu den Erstunterzeichner:innen gehören unter anderem Ina Regen, Hearts Hearts, Fred Owuso, Skero, Dorian Concept, PIPPA, Onk Lou und Sigrid Horn.Im Interview mit Michael Ternai erläutert der Las Vegas Records Labelchef und Mitinitiator von „Music Declares Emergency” in Österreich, ANDREAS JANTSCH, seine Beweggründe, Teil der Bewegung zu werden, und wie die Umsetzung grüner Projekte in der Musikbranche aussehen könnte.

Die „Music Declares Emergency”-Bewegung hat ihren Ursprung ja in England. Mittlerweile hat sie in mehreren Ländern Europas Fuss gefasst. In Österreich hat es etwas länger gedauert. Wieso?

Andreas Jantsch: Ehrlich gesagt, hatte ich von der Initiative eigentlich immer wieder etwas mitbekommen, nur bin ich von alleine nie auf die Idee gekommen, diese Initiative auch hier in Österreich hochzuziehen. Da hat es eine Freundin gebraucht, und zwar Hanna Simons vom WWF. Die hat mich darauf angesprochen und gefragt, warum denn in Österreich nichts in die Richtung gemacht wird, während in anderen Ländern da schon einiges passiert. Daraufhin habe ich mich selbst einmal hinterfragt und bin zum Schluss gekommen, ja, da muss man etwas machen. Im ersten Schritt bin ich zunächst einmal an die deutschen Initiator:innen von „Music Declares Emergency” herangetreten und habe gefragt, wie ihre Erfahrungen sind und was dafür nötig ist, so eine Initiative auf die Beine zu stellen. Anschließend haben wir dann hier in Österreich einen Rundruf gestartet und auch gleich viele Mitstreiter:innen gewonnen. Das ist alles relativ kurzfristig vonstattengegangen.

„Wir verstehen das ganze Projekt ja auch nicht als einen Sprint, sondern als einen Marathon.“

Das Klima-Thema ist aufgrund von Corona ja die letzten zwei Jahre etwas aus dem Fokus gerückt. Und jetzt läuft auch noch der Krieg in der Ukraine. Dennoch habt ihr euch nicht davon abbringen lassen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen.

Bild OSKA
OSKA (c) Music Declares Emergency

Andreas Jantsch: Wir haben auch überlegt, wie wir das am besten machen. Es gibt ja immer große Krisen, während dieser es schwierig ist, in den Vordergrund zu drängen und Aufmerksamkeit zu generieren. Als Launch-Day haben wir uns dennoch den 22. April gewählt, weil der Tag der Earth Day ist und die „Music Declares Emergency”-Bewegung um diesen herum eine Aktionswoche begangen hat. Wir haben uns angesichts der ganzen Geschichten, die gerade vor sich gehen, natürlich Gedanken darüber gemacht, ob es überhaupt genügend Fläche und Aufmerksamkeit für das Thema gibt, aber die haben wir relativ schnell beiseitegeschoben. Wir wollten einfach einmal starten und schauen, was passiert. Wir verstehen das ganze Projekt ja auch nicht als einen Sprint, sondern als einen Marathon. Es war uns wichtig, den ersten Schritt zu gehen von den vielen, die noch kommen.

Was sind die konkreten Ziele der Initiative neben der Schaffung von Bewusstsein für das Thema. Gibt es konkrete Maßnahmen, die sich aus dem Tun der „Music Declares Emergency”-Bewegung ableiten lassen?

Andreas Jantsch: Für mich gibt es zwei große Ziele. Das eine ist, wirklich in die Branche hineinzuwirken, Vorschläge zu machen und Projekte umzusetzen. Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich als Künstler:in, Label, Verlag, Veranstalter:in? Und da gibt es schon viele gute Ideen. Nur wie setzt man die über die ganze Branche hinweg um? In Deutschland ist man da schon einige Schritte weiter. Dort gibt es zum Beispiel Green Clubs, quasi mit einem Öko-Label zertifizierte Venues. Und es gibt sicher genügend Artists, die sagen: „Ich spiele nur in einem Green Club.“ Da geht es schlicht und einfach darum, eine Infrastruktur zu schaffen, die Green-Touring möglich macht. Das geht in Österreich aktuell noch nicht. Ein Aspekt von Green Clubs wäre zum Beispiel, dass solche eine Standard-Backline eingerichtet haben, auf die sich Artists verlassen können und die es ihnen erleichtert, ohne großes Gepäck mit dem Zug zu den Venues anzureisen. Wenn dort nahezu mein Schlagzeug, meine Keys oder Verstärker, die ich auch im Proberaum habe, stehen, dann setze ich mich einfach in den Zug und fahre dorthin. So easy könnte es gehen. Wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, muss ich alles in meinen riesen Van packen, dorthin fahren, alles dort aufbauen und auch wieder zurückkarren. Aus Klimasicht macht das nicht unbedingt Sinn. In dieser Richtung könnte man, glaube ich, sehr gut Projekte entwickeln.
Ein weiterer Punkt wäre, sich einmal die Förderstruktur genauer anzuschauen. Wenn ich klimafreundlich produziere, toure usw., habe ich da nicht auch Anspruch auf eine höhere Förderung? Es geht also darum, in die Branche hineinzuarbeiten und zu versuchen, kleine Dinge umzusetzen.

Das zweite große Ziel ist – und das ist vielleicht das noch wichtigere Ziel -, Artists, Labels, eigentlich die gesamte Branche zu Vorreitern zu machen. Die Musikbranche geniest große Aufmerksamkeit und kann das Thema Klimawandel wirklich an die Leute bringen. Nimm nur mal Coldplay her. Wenn die sagen, sie können aufgrund des Klimawandels keine Welt-Tourneen mehr spielen, dann wirkt das weit über die Grenzen der Friday For Future-Bewegung hinaus. Sie sprechen ja viele, viele Menschen an. Um etwas in dieser Frage zu erreichen, muss man neue Gesellschaftsschichten für dieses Thema gewinnen. Ich habe zwar das Gefühl, dass wir heute einen Schritt weiter sind als noch vor ein paar Jahren, aber es gibt immer noch Leute, die das Thema nicht interessiert bzw. die noch nie etwas davon gehört haben. Da ist es natürlich super, wenn Musiker:innen und Bands ihre Stimme erheben.

Bild Cari Cari
Cari Cari (c) Music Declares Emergency

Inwieweit schwingt auch der Gedanke mit auf die politischen Entscheidungsträger Druck auszuüben?

Andreas Jantsch: Das ist einer der wichtigsten Aspekte. Die Politik hat die Aufgabe, Strukturen zu schaffen, die klimafreundliches Agieren ermöglichen. Weder die „Music Declares Emergency”-Bewegung noch die Musikbranche werden etwas daran ändern, dass Zugfahren zu teuer ist und Fliegen zu billig. Da muss die Politik Regeln aufstellen.

Ihr bittet ja auch um Spenden …

Andreas Jantsch: Um genau zu sein, handelt es sich hier um ein Crowdfunding-Projekt der britischenMuttergesellschaft von „Music Declares Emergency”, welches auf unserer Seite implementiert ist und im Footer erscheint. Wir können diesen Aufruf aufgrund der Struktur der Homepage, die uns als Teil der Initiative zur Verfügung gestellt wird, nicht entfernen. Wir in Österreich bitten nicht um Spenden. Wir brauchen keine Spenden, da wir aktuell keine Ausgaben haben. Alle, die an Bord sind, tun das ehrenamtlich. Das Geld, das über dieses Crowdfunding-Projekt zusammenkommt, fließt auch in keinster Weise an uns weiter, sondern bleibt bei der Muttergesellschaft.

Bild Ina Regen
Ina Regen (c) Music Declares Emergency

Und die verwendet das für konkrete Projekte.

Andreas Jantsch: Ja, sicher. Vor allem die Infrastruktur, die es braucht, um die Initiative am Laufen zu halten, wird damit finanziert. Es handelt sich da aber eh um ein relativ überschaubares Spendenziel. Das Einzige, was wir hier in Österreich aber schon machen werden, ist, dass wir um öffentliche Förderungen ansuchen werden. Zudem werden wir in Zukunft versuchen, uns über den Verkauf unserer T-Shirts zu finanzieren. Es gibt ja diese „No Music On A Dead Planet“-Shirts, die On Demand nachhaltig ökologisch für jede/n Besteller:in einzeln angefertigt werden. Mit diesem Gewinn haben wir vor, unsere kleinen Ausgaben zu decken.

Ihr seid ja erst vor Kurzem an die Öffentlichkeit gegangen. Was sich aber nach der kurzen Zeit schon beobachten lässt, ist, dass der Zuspruch hoch ist. Lässt sich dieser Zuspruch aber auf die gesamte Musikszene übertragen? Wie sehr ist in der Szene der Klimawandel tatsächlich ein Thema?

Andreas Jantsch: Wir sind ja erst relativ am Beginn, aber es stimmt, wir haben von vielen Seiten sehr positive Reaktionen bekommen. Spannend fand ich auch zu erfahren, dass manche großen Player, wie etwa der vtmö, der Austrian Musicexport oder der Österreichische Musikfonds schon verschiedene Projekte zu dem Thema am Laufen haben. Es gibt unter anderem diesen Carbon-Calculator für Labels, den wir von Las Vergas Records mitfinanziert haben, und der es einem ermöglicht, den eigenen unternehmerischen Fußabdruck zu messen.

Bild Mewem
MEWEM (c) Music Declares Emergency

Im Moment wird auch an einem Nachhaltigkeitskonzept für die Musikindustrie gearbeitet, welches dann österreichweit anwendbar sein soll. Es geschieht in der Richtung eh schon einiges. Und das Interesse, etwas zu tun, ist auch da.
Aber ja, ich glaube auch, dass die Hauptaufgabe in der Zukunft die sein wird, diejenigen zu überzeugen, die das Thema zwar kennen, aber bislang zum Beispiel noch nicht auf die Idee gekommen sind, ihre Konzertreisen mit dem Zug zu absolvieren. Solche Leute gilt es mit an Bord zu holen.

„Man sollte sich die Frage stellen, braucht es das, ist das nötig.“

Es dreht sich alles um Nachhaltigkeit. Aber lass uns einmal einen Gedanken zu Ende spielen. Wenn Green Clubs und Green Festivals die Idee der Nachhaltigkeit konsequent durchsetzen und Musiker:innen und Bands der Idee folgend zum Beispiel aufs Fliegen vollkommen verzichten, bedeutet das nicht gleichzeitig, dass man irgendwann auch keine amerikanischen Acts mehr zu sehen bekommen wird? Oder lässt sich ein Festival so greenfit machen, dass der ökologiosche Fußabdruck auf einem akzeptablen Level bleibt?

Andreas Jantsch: Das ist mit Sicherheit ein Problem. Da wird man sich in Zukunft auf jeden Fall überlegen müssen, was man umstellen kann. Ich finde diesbezüglich ein ganz wichtiger Punkt ist das Routing, das von vielen aus wirtschaftlichen Gründen aber ohnehin betrieben wird. Eine Band für einen einzelnen Gig einzufliegen, ist ja absoluter Schwachsinn. Aber wenn man „nur“ einmalig über den Teich fliegt und sich hier in Europa mit dem Zug klimafreundlich bewegt, ist das auch eine Möglichkeit. Mir persönlich geht es darum, auf das Problem aufmerksam zu machen und die Leute dazu zu bringen, die Dinge kurz einmal zu hinterfragen. Man sollte sich fragen, braucht es das, ist das nötig? Und da gehören die großen Headliner eines Festivals genauso dazu, wie die vermeintlich kleine Indie-Band, die sich den Haxn ausfreut, weil sie zwei Shows in Mexiko spielen darf. So etwas muss man sich klarerweise überlegen. Macht es Sinn, dorthin zu fliegen?

Bild Hearts Hearts
Hearts Hearts (c) Music Declares Emergency

Aber nicht falsch verstehen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, jemanden etwas verbieten zu wollen, aber was ich schon erwarte, ist, dass man sich diese Dinge überlegt. Und damit wäre, glaube ich, schon viel geholfen.

Weil du vorher Deutschland erwähnt hast und gemeint hast, dort wäre man schon mit der Umsetzung der Projekte schon weiter. Gibt es in Österreich dennoch schon ein, zwei Projekte, die als Beispiel herhalten können, wie man es richtig anstellt?

Andreas Jantsch: Ganz ehrlich gesagt noch nicht. Zumindest ist mir keines bekannt. Ich habe schon das Gefühl, dass recht intensiv Konzepte erarbeitet werden, aber von einer Umsetzung wüsste ich jetzt nichts. Die Green Club Zertifizierungen oder Ähnliches gibt es auf jeden Fall noch nicht. Das ist anscheinend noch nicht so ein großes Thema. Ich glaube, da muss zuerst wirklich Bewusstsein geschaffen werden. Auch hinsichtlich wirtschaftlicher Aspekte. Es muss einfach die Nachfrage da sein. Ich glaube, wenn einer dieser großen internationalen Bands einmal sagt, ich spiele nur noch bei euch, wenn ihr ein grüner Club oder ein grünes Festival seid, dann wird sich etwas bewegen. Und das gilt für lokale Bands genauso. Ich glaube schon, dass die Musiker:innen und Künstler:innen dahingehend eine Vorreiterrolle einnehmen und etwas erreichen können. Man muss die Anliegen nur formulieren und fordern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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