„Ich glaube, nur dann, wenn man auch über Sachen lachen kann, kann man sie auch ernst nehmen.“ – KLAUS LANG IM INTERVIEW

Abstrus und doch nicht unbedingt aus der Luft gegriffen wirkt die Ausgangssituation in „Umgraben“: In einem kleinen Dorf soll der Friedhof Platz für einen Parkplatz, eine Wohnhausanlage und ein Fachmarktzentrum machen – die Umwidmung dafür hat der Bürgermeister ohne Gemeinderatsbeschluss vorgenommen. Noch dazu ist der Pfarrer eben erst verstorben. Doch schnell regt sich Widerstand. Was daraus wird, kann man in der Kammeroper von KLAUS LANG nach einer Textvorlage von MICHAELA FRÜHSTÜCK verfolgen, die am 14. November 2025 im OFFENEN HAUS OBERWART zur Uraufführung gelangt. Über den humorvollen Umgang mit ernsthaften Themen und über seinen kompositorischen Zugang sprach Klaus Lang mit Elias Bierdel. Dieses Interview erschien zuerst in „Blattwerk. Zeitschrift für Kunst und Kultur am Ort“.

Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen, der ja eher ländlich-sittlich ist?

Klaus Lang: Die Grundidee war von Emanuel Schmelzer-Ziringer, dass man die Begriffe nimmt, „gefährliche Drohung“ und „Amtsmissbrauch“ – die beiden Delikte, die in Österreich am Häufigsten vor Gericht landen – und daraus wurde dann ein Libretto entwickelt. Für mich war noch wichtig, dem noch eine zweite, inhaltliche Ebene hinzu zu fügen, nämlich die Spiegelung in die Jenseits-Sphäre. Und so spielt das Stück eigentlich immer einerseits unter den handelnden Personen im Wirtshaus oder in der Leichenhalle, wo der tote Pfarrer aufgebahrt ist – und gleichzeitig sozusagen im Himmel. So wird die Welt, das, was im Burgenland geschieht, dem gegenübergestellt, was der Pfarrer im Himmel erlebt. Da ist so die Grundkonstruktion, die ich in einer musikalischen Struktur umgesetzt habe.

Sie sind ja selbst kein Burgenländer. Für wie realistisch halten Sie denn das, was in Ihrem Stück gezeigt und gesungen wird?

Klaus Lang: Stimmt, ich bin in Graz geboren! Aber andererseits ist das Burgenland auch nicht Timbuktu, wo man sich gar nicht mehr auskennt! Die Verhältnisse sind schon im Wesentlichen ähnlich, wie in anderen Teilen Österreichs auch. Ich verlasse mich da ganz auf das Libretto und ein paar Mal war ich ja auch schon selber da. [lacht] Dramaturgisch war es für mich dabei besonders interessant, da zwei maximal unterschiedliche Welten zu haben, einmal die ländliche, burgendland-dörfliche Welt und dann das Universum, das Paradies als Kontrast dazu aufzuspannen. Darum habe ich noch einige Textpassagen dazu genommen. Der Streit unter der Dorfbevölkerung hat ja auch etwas von einem großen Requiem! „Dies Irae“, der uralte Hymnus der katholischen Liturgie, also „Tage des Zorns“, passt ja sehr gut zu diesem Stoff. Das Libretto ist ja zunächst einmal sehr alltagssprachlich orientiert, deshalb habe ich bewusst versucht, Texte zu wählen, die sehr artifiziell und künstlerisch durchgestaltet sind, damit man eben diese maximale Distanz darstellen kann.

Also das ist ein Sittenbild, ein ländliches – wobei Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wohl ausdrücklich nicht zufällig sind. Der Text ist offensichtlicher aus tiefer Kenntnis der Verhältnisse entstanden …

Klaus Lang: Wobei die Librettistin in dieser Hinsicht sicherlich wesentlich tiefere Kenntnisse hat als ich! [lacht]

„Ich liebe das Dorfleben, aber als Komponist kann man nicht wirklich nur ein Landmensch sein.“

 … und er zeigt ja auch ein Dilemma, in dem reale Bürgermeister häufig stecken. Damit kann wohl Jeder etwas anfangen, der am Land lebt. Sie selbst sind aber Städter?

Klaus Lang: Ja. Ich lebe jetzt zwar auch am Dorf, bin aber eigentlich Stadtmensch. Das heißt, ich wohne am Land und habe da schon gewisse Einblicke, aber meine berufliche Existenz als Musiker, Komponist und Hochschulprofessor ist eigentlich nicht vollständig mit dem Landleben kompatibel. Meine Aufträge, meine Konzerte sind ja immer in Städten, meine Lehrtätigkeit an der Uni logischerweise auch. Ich liebe das Dorfleben, aber als Komponist kann man nicht wirklich nur ein Landmensch sein.

„Ich wollte hier keinen Klamauk veranstalten, denn es geht ja um ernste Dinge!“

Nun könnte man ja erwarten, dass Sie die Ebene der Dörfler zum Beispiel durch Anklänge an die populäre Volksmusik kenntlich machen. Aber dieser naheliegenden Versuchung haben Sie musikalisch an keiner Stelle nachgegeben?

Klaus Lang: Nein, das kam für mich nicht in Frage! Da ist die Sphäre des toten Pfarrers, der Himmel – das sind große, statische Klangflächen. Und die Welt vom Dorf, die ist sehr sprachorientiert. Das ist eine Art Sprechgesang, da hat jede der handelnden Personen ihren eigenen Zentralton und es ergeben sich gewisse Dissonanzen, wo die Dörfler in Konflikt geraten. Wenn der Pfarrer auftritt, stehen der Klang und die Musik im Vordergrund. Bei den Szenen im Dorf, im Wirtshaus, in der Leichenhalle tritt die Musik dagegen zurück und lässt den Text sich entfalten. Und es sind kleine harmonische und rhythmische Veränderungen, die Spannung erzeugen und das ganze Geschehen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Ich wollte hier keinen Klamauk veranstalten, denn es geht ja um ernste Dinge!

Ihre Musik legt daher eher Wert auf eine gewisse Gravität und Würde?

Klaus Lang: Ja, das sind ja letztlich schwere Themen, die hier verhandelt werden. Und dann muss die Musik das auch transportieren, finde ich. Und in den anderen Szenen, wenn wir uns im Dorf befinden, dann geht ja die Musik auch ins absolute Minimum zurück, da dominieren Repetitionen auf einem Ton und ganz leichte rhythmische Beschleunigungen und Verlangsamungen. Das entspricht ja letztlich auch traditionellen Vorstellungen von Arie und Rezitativ: In der Arie steht die Zeit still, das ist ein musikalischer Raum, und im Rezitativ wird die Handlung vorangetrieben. Das ist eigentlich wie in einer Barockoper, die Trennung zwischen sprachlichen, inhaltlichen, psychologischen Teilen und dann diesen entrückten Passagen, wo es um den Klang an sich geht. Im Himmel befindet man sich im ewigen, zeitlosen Raum und auf der Erde spielt die Zeit eine Rolle. Deshalb haben die Dorf-Szenen rhythmische Strukturen, im Gegensatz zu den Klangräumen, wo sich die Zeit mehr oder weniger auflöst.

Das Werk wirkt überraschend harmonisch, fast wie eine tonale Komposition?

Klaus Lang: Nein, es ist keine tonale Musik. Ich verwende Terz-Schichtungen und Intervalle, aber es gibt keine Grundtöne, keine Kadenzen und was wir sonst noch mit Tonalität verbinden – auch wenn man natürlich manche Akkorde erkennt. Anfang des 20. Jahrhunderts haben Komponisten wie Edgar Varèse das Geräusch als gleichberechtigtes musikalisches Material etabliert. Wir haben uns also rund einhundert Jahre lang mit verschiedenen Formen der Geräuschhaftigkeit beschäftigt und das war auch ein wichtiger, musikalischer Prozess. Aber ich finde gerade deswegen, dass die Fragen von Intervallstrukturen, von Tonhöhen heutzutage wieder total interessant sind, weil wir irgendwie befreit sind von diesem Jahrhundert, in dem sich die Musikgeschichte in anderen Sphären bewegt hat. Wir sind heute frei, Intervalle wie Terzen oder Quinten ganz neu zu hören.

Sie beziehen sich in ihren Kompositionen ganz bewusst auch auf die „Alte Musik“ von Palestrina zum Beispiel. Welche modernen Komponisten haben Sie beeinflusst?

Klaus Lang: Iannis Xenakis ist zum Beispiel ein Komponist, den ich unglaublich schätze, ganz toll finde, auch wenn seine Werke nicht unbedingt so ähnlich klingen wie meine. Das trifft natürlich auch auf Musiker der amerikanischen Tradition zu, wie John Cage oder Morton Feldman. Wenn ich heute versuche, diese Tonhöhenstrukturen zu entwickeln, heißt das ja nicht, dass ich mich von den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts distanziere. Musikgeschichte entwickelt sich immer weiter und ich kann ja nicht nochmal das Gleiche schreiben, was Andere schon vor 50 Jahren geschrieben haben. Meine Aufgabe als heutiger Komponist ist es, heraus zu finden, in welche Richtung sich die Musik weiter entwickeln könnte.

„Wenn wir in die Musikgeschichte schauen, verläuft die Entwicklung der Instrumente als langsamer, evolutionärer Prozess – aber revolutionäre „Neuerfindungen“ haben sich eigentlich nie durchgesetzt.“

Braucht eine neue Musik nicht auch neue Instrumente?

Klaus Lang: Ich glaube das nicht. Ich beschäftige mich ja auch wissenschaftlich mit historischen Stimmungssystemen. Und da habe ich festgestellt, dass praktisch alle neuen Instrumente, die in diesem Zusammenhang entwickelt wurden, auch wieder verschwunden sind. Ich selbst spiele auf meinen Konzerten zum Beispiel ein Cembalo mit 19 Tönen pro Oktave statt der üblichen 12 Töne, aber das ist ja nicht wirklich ein neues Instrument, sondern die Erweiterung eines bestehenden. Und von der Spieltechnik unterscheidet es sich nicht grundsätzlich von einem normalen Cembalo. Wenn wir in die Musikgeschichte schauen, verläuft die Entwicklung der Instrumente als langsamer, evolutionärer Prozess – aber revolutionäre „Neuerfindungen“ haben sich eigentlich nie durchgesetzt.

„Umgraben“ enthält viele komische Szenen. Welche Rolle spielt in Ihrem Werk der Humor?

Klaus Lang: Das ist ein schwieriger Punkt. Ich bin ja der Meinung, es gibt eigentlich keine lustige Musik per se. Vielleicht leichte, oder beschwingte, aber lustig? Das glaube ich eher nicht. Allenfalls ist es Musik zu einem lustigen Geschehen auf der Bühne. Aber sogar in der Opera buffa, der Tradition der komischen italienischen Oper, ist es nicht wirklich die Musik selbst, die Komik generiert, sondern es ist allenfalls eine lustige Geschichte, die mit Musik untermalt ist. Die Arien folgen aber in der komischen Oper denselben Regeln wie sonst auch.

Aber Sie selbst haben Humor, sondern hätten Sie sich nicht gerade für diesen Stoff entschieden?

Klaus Lang: Ich glaube, nur dann, wenn man auch über Sachen lachen kann, kann man sie auch ernst nehmen. Das ist eine Wechselwirkung. Wenn man total verklemmt ist und Angst hat vor Allem, dann kommt die Ernsthaftigkeit auch nicht aus dem Inneren, sondern sie entsteht eher durch einen Zwang, der einem auferlegt wird. Man braucht die innere Freiheit. Deshalb habe ich den derben Humor, der im Text ist, auch nicht einfach kompositorisch nachgezeichnet, sondern den Szenen sozusagen mit den Mitteln der Musik den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ist „Umgraben“ ein politisches Stück?

Klaus Lang: Was betrachten wir als politisch? Wenn sich Menschen auf Musik fokussieren, wenn sie zuhören, wenn sie Sinnlichkeit durch den Klang erfahren und sich als Hörer:innen darauf einlassen und die nötige Zeit mitbringen … das ist doch auch schon ein politisches Statement, finde ich. Wenn man sich einer Sache ganz widmet, sich nicht ständig von tausend anderen Dingen ablenken lässt und das dann mit der höchstmöglichen Qualität. Diese Räume möchte ich mit meiner Musik öffnen. Insofern ist „Umgraben“ – vielleicht auf einer Meta-Ebene – durchaus auch ein politisches Stück.

Dieses Interview erschien zuerst in „Blattwerk. Zeitschrift für Kunst und Kultur am Ort“.

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Termine:

Umgraben
Ein burgenländisches Singspiel

Eine Kammeroper für drei Sänger:innen, Streichquartett, Holzbläser und Harmonium
Freitag, 14. November 2025, 19:30 Uhr, Uraufführung
weitere Termine: Samstag, 15. und Sonntag, 16. November 2025

Eine Veranstaltung von KIBu in Kooperation mit dem Offenen Haus Oberwart

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Links:
Offenes Haus Oberwart
Klaus Lang
Klaus Lang (music austria Datenbank)