Die am Salzburger Mozarteum ausgebildete, aus Traunstein stammende und aktuell in Innsbruck unterrichtende Sängerin Elisabeth De Roo widmet sich mit ihrem „käuflichen“ Liederabend „Kein leichtes Mädchen“ dem Thema Sexarbeit und zeigt dabei wie klassische Kunstlieder mittels durchdachter Kontextverschiebungen nicht nur aktualisiert, sondern auch mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden können. Kongenial unterstützt durch Vyara Shuperlieva am Klavier und unter der Regie von Thomas Lackner präsentiert De Roo dabei ein Kaleidoskop an Gefühlen zwischen Tragik, (unfreiwilliger) Komik und melodramatischer Tiefe. Dabei ist es nicht nur die Kombination der Themen (Sexarbeit und Arbeit im Klassik-Bereich) sondern auch deren Umsetzung (zwischen Liederabend, Revue und Schauspiel) die fasziniert. Für mica hat sich Didi Neidhart mit Elisabeth De Roo zum Interview getroffen.
Wie bist du eigentlich zur Idee gekommen einen Abend mit Kunstliedern dem Thema Sexarbeit zu widmen?
Elisabeth De Roo: Kunstlieder erstrahlen im goldenen Glanz der klassischen Musik. Sie werden als etwas Besonderes eingeordnet, als hohe Kunst. Sexarbeit wird dagegen von einem Großteil der Gesellschaft als schmuddeliges Geschäft empfunden. Ich habe während meiner Recherche Menschen sagen hören: „Sexarbeitende Personen haben ihr Recht auf Mitgefühl verwirkt.“ Vielleicht war es dieser Kontrast? Ganz genau weiß ich es nicht. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass die Gedichte, sprich die Liedtexte, verschieden interpretiert werden können. Ich habe mir das zunutze gemacht.
Wie bist du bei den Interviews vorgegangen?
Elisabeth De Roo: Ganz klassisch: narrative Interviews. Allerdings mit dem Versprechen diese, damals 98 Interviews, niemals an Dritte weiterzugeben.
War das Format (quasi ein Mix aus Liederabend und One-Woman-Show) dann gleich mal da?
Elisabeth De Roo: Du stellst Fragen. Ich wollte den Liederabend anders bauen. Das war das eigentliche Ziel. Die Interviews mit den Sexarbeiter:innen, die waren erstmal da und ich fand diese Gespräche unheimlich interessant und teilweise auch sehr traurig.
Ich hatte ein gewisses Bild und nach und nach musste ich erkennen, dass viele meiner Vorstellungen nicht mit der Realität der von mir interviewten Menschen übereinstimmen. Lange wusste ich gar nicht, was ich mit den Interviews machen möchte. Bis mir eine Sexarbeiterin erzählt hat, dass auf die Geburtstagsfeier ihres Kindes niemand kommt, weil sie Sexarbeiterin ist und die anderen Kinder ihr Kind als „Hurenkind“ beschimpfen.
Die anderen Eltern hatten sogar eine Unterschriftenliste gestartet „Die Hure soll gehen“ (2018). Das hat mich hart getroffen. Ich habe dann beobachtet, wie ich selbst ÜBER Sexarbeiter:innen gesprochen habe und eine der größten Kritikpunkte von Sexarbeitenden in den Gesprächen war: „Es wird immer über uns, nie mit uns gesprochen.“.
Ich habe für mich festgestellt: wenn ich es ernst meine, dann darf ich nicht über Sexarbeitende sprechen, ich muss eine von ihnen werden. Das war die Geburt meiner Figur „Felicitas“.
„Für meine Figur Felicitas ist nichts gelöst, aber sie hat Hoffnung aus einer Ecke bekommen, die sie nicht erwartet hat.“
Wenn es u.a. auch darum geht, das Format „Liederabend“ bzw. das Genre „Kunstlied“ („Lieder-Zyklus“) aus einem (verstaubten) Kontext in einen anderen (weniger/noch nicht verstaubten) Kontext zu transferieren, wie wichtig ist dabei auch die jeweilige Örtlichkeit?

Elisabeth De Roo: Da diskutiere ich bis heute mit mir selbst. Thomas, unser Regisseur, hat das Stück immer in einer wunderschönen Konzerthalle gesehen. Er wollte den Kontrast „Sexarbeit – klassische Musik” verdeutlichen. Es war aber gar nicht einfach, in einem solchen Saal auch spielen zu dürfen. Die Premiere vom Stück „Kein leichtes Mädchen. Käuflicher Liederabend“ fand 2023 im Innsbrucker Treibhaus statt, zum Glück. Der perfekte Ort, um dieses Thema dem Publikum zu präsentieren.
Das Treibhaus ist wie ein Bollwerk gegen das Böse, für mich zumindest. Im Treibhaus ist es den Menschen egal, wie du aussiehst, woher du kommst, ob du Geld hast oder nicht oder wen du liebst. Im Treibhaus ist es wichtig, dass du andere Menschen so sein lässt, wie sie sind, so nehme ich das Treibhaus und die Menschen dort wahr und so wurde auch mein Stück empfangen: liebevoll, liberal und voller Verständnis.
Das Stück und sein Thema wurden bisher an allen Spielorten vom Publikum freundlich, ja, begeistert aufgenommen. Was ich sehr interessant finde ist, dass das Publikum in Salzburg an anderen Stellen wie in Wien lacht und in Wien reagieren sie anders als in Innsbruck. So ist das Stück in jeder Stadt ein bisschen anders.
Eines bleibt aber immer gleich: Mein Publikum, ist ein Publikum, das genau wie ich, gegen Diskriminierung von Menschengruppen und für Menschenrechte steht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Der Schluss des Stücks könnte durchaus mit dem Satz „Die Möglichkeit des einzelnen Menschen, gut zu sein, triumphiert über die schlechte Wirklichkeit.“ von Georg Seesslen aus dessen Buch „Kino der Gefühle – Geschichte und Mythologie des Film-Melodrams“ (1980) beschrieben werden. Wie schwer war es bei diesem Thema zu einem Schluss zu kommen, der dann auch funktioniert?
Elisabeth De Roo: In Wahrheit ist es kein Schluss. Für meine Figur Felicitas ist nichts gelöst, aber sie hat Hoffnung aus einer Ecke bekommen, die sie nicht erwartet hat.
Mir ist den ganzen Abend über auch der Film „2 ou 3 choses que je sais d’elle“/„Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“ von Jean-Luc Godard aus 1966 durch den Kopf gegangen. Dabei geht es um die 24 Stunden im Leben einer verheirateten Frau und Mutter aus einer modernen Pariser Vorstadtsiedlung, die als Gelegenheitsprostituierte arbeitet, um das Haushaltbudget aufzubessern. Für Godard stellt die Prostitution dabei ein Grundprinzip des Kapitalismus dar. Da in seinen Worten wir alle im Grunde dazu gezwungen sind „uns auf die eine oder die andere Weise zu prostituieren“. Was würdest du knapp 50 Jahre nach Godard dazu sagen? Ist das unter neoliberalen Vorzeichen (wo wir uns alle ja de facto quasi täglich mit Haut und Haaren als Marke verkaufen müssen) nicht auch noch ärger geworden? Du nennst den Abend ja wohl auch nicht umsonst „käuflichen Liederabend”?
Elisabeth De Roo: In meinen Augen ist das so. Deshalb triggert mich die Doppelmoral so an. Ich sehe jeden Sommer Menschen bei 35 Grad in der prallen Sonne auf dem Feld stehen. Ich höre selten, dass sie sich auf Deutsch unterhalten. Es sind günstige Hilfsarbeiter:innen aus dem Ausland. Sie arbeiten bei uns (in Deutschland und Österreich), weil sie bei uns besser verdienen als zu Hause. Es ist sehr hart verdientes Geld. Bei der hohen Sonneneinstrahlung, oft direkt neben der Autobahn, auf den Kien über das Feld … auch nicht grade die gesündeste Tätigkeit, die man ausüben kann. Die meisten von uns sind froh, dass sie es nicht machen müssen. Das geerntete Gemüse kaufen wir dann im Supermarkt. Das ist eine Form des Kapitalismus, die uns allen bewusst ist und die viele täglich unterstützen (müssen) und die, die wenigsten von uns gutheißen.
Einige Menschen wünschen sich eine Welt ohne Prostitution, ich sage bewusst nicht Sexarbeit. Ich verstehe diesen Wunsch, denn es geht hier um das Ausbeuten von anderen Menschen, und ich füge hinzu, dass es sich bei dieser Form der Prostitution in der Regel um Armutsprostitution handelt. Jetzt könnten wir Stunden darüber diskutieren, ob Sexarbeit sofort verschwinden würde, wenn wir Armut verbieten würden und niemand auf der ganzen Welt mehr unter Armut leiden müsste. Gäbe es keine Sexarbeitenden mehr, wenn alle Menschen genug Geld hätten? Ich glaube, viele der Menschen, die ich interviewt habe, die würden ihren Job trotzdem noch ausüben, vielleicht nicht mehr täglich. Unter den tausenden Sexarbeitenden wird es sicher viele geben, die ihren Job sofort an den Nagel hängen würden, hätten sie genug Geld. Aber das geht doch vielen von uns so, oder?
Allein in meinem Bekanntenkreis kommen mir ein Haufen Personen in den Sinn, die sich täglich ins Büro quälen. Sie machen es nur, weil sie dafür bezahlt werden. Hätten sie Geld, würden sie ihre Jobs nicht mehr ausüben.
„Wenn ich mir Fotos von Kolleginnen und Kollegen ansehe, auch teilweise meine eigenen und die mit Fotos von Sexarbeiter:innen vergleich sehe ich ehrlicherweise gar keinen Unterschied.“
Godard schlägt dabei ja auch Analogien zum Filmemachen und zum Kino an sich. Jetzt vergleichst du ja auch Sexarbeit mit, sagen wir es mal so „Kunstarbeit“. Wo siehst du dabei genau die Parallelen und wo gibt es dann doch Unterschiede?
Elisabeth De Roo: Also wenn ich mir Fotos von Kolleginnen und Kollegen ansehe, auch meine eigenen und die mit Fotos von Sexarbeiter:innen vergleich, sehe ich ehrlicherweise gar keinen Unterschied, alles Menschen.
„Wir“ Sänger:innen/Schauspieler:innen haben einen Hang zur Selbstdarstellung und das beobachte ich bei sexarbeitenden Menschen. Zur Perfektion der Selbstdarstellung haben es, meiner Meinung nach, einige der sogenannten Influencer auf den Social Media Plattformen getrieben. Ganz ehrlich, keine der von mir interviewten Personen aus der Sexarbeit zeigt öffentlich so viel Haut auf Social Media, wie das Influencer gerne tun und das ist vollkommen in Ordnung. Jede Person soll das so machen, wie es sich für sie gut anfühlt. Aber hier sind wir wieder bei der Doppelmoral. Viel Haut auf Social Media zu zeigen ist ok, aber nur wenn du nicht in der Sexarbeit tätig bist?
Zum Vergleich Sexarbeit/darstellende Künste in Zusammenhang mit der Selbstdarstellung: Natürlich trifft das nicht auf alle Personen zu, aber ich würde sagen auf einen großen Teil. Das liegt an unseren Berufen. Wir verkaufen (auch) unsere Körper. Die Schauspieler:innen geben in ihren Portfolios Kleidergröße, Körpergröße, Augenfarbe, Haarfarbe usw. an. Passen sie nicht in die Vorstellung der Regie, werden sie gar nicht eingeladen.
Auch auf uns Sänger:innen trifft das zu. Es ist nicht so krass wie bei den Schauspieler:innen, aber auch wir werden nicht nur nach unserem Können beurteilt. Das wir unser Handwerk beherrschen ist Voraussetzung. Der Regisseur/die Regisseurin hat ein Bild im Kopf, das sie auf der Bühne erzeugen möchte. So ist der Beruf. Die Regie möchte eine Stimmung erschaffen und hat dafür Menschentypen, Bühnenbilder, Lichtstimmung etc. im Kopf. Das ist die Aufgabe der Regie, ein Gesamtkunstwerk zu erschaffen, das die Geschichte erzählt. Alles muss stimmig sein.
Diese Angaben machen Sexarbeitende auch. Sie beschreiben genau, wie sie aussehen und was sie anbieten und was nicht.
Unterschiede gibt es in der Bezahlung. Sexarbeitende werden oft besser bezahlt als die Künster:innen. Nein, das war nicht ganz ernstgemeint und trotzdem ist ein Fünkchen Wahrheit in meiner Aussage, wenn ich einige Preise der von mir interviewten Sexarbeitenden mit denen Gagen in der Kunstszene vergleiche.
Der Unterschied ist natürlich, dass ich bei keiner Person sexuelle Dienstleistungen erbringe, sondern meine Dienstleistung erbracht ist, wenn ich auf der Bühne gesungen oder gespielt habe. Was mir sehr wichtig erscheint ist, dass eine professionelle sexarbeitende Person viel von sich gibt, und damit meine ich nicht körperlich, sondern emotional. Diese Menschen hören ihrem Gegenüber zu, nehmen es in den Arm und haben Verständnis für dessen Wünsche, wenn wir Sänger:innen singen, sind wir extrem verletzlich, jede Person im Saal hat die Möglichkeit, uns zu zerstören. Wir entscheiden uns für diese Verletzlichkeit, weil wir uns Nähe zum Publikum wünschen. Ich gebe anderen Menschen meine Nähe. Ich habe mein Publikum ehrlichen Herzens gern und ich bin jedesmal so dankbar, dass sie sich alle auf den Weg in unsere Vorstellung gemacht haben.
Meine Interviewpartner:innen sprechen sehr ähnlich über ihre Kund:innen, wie ich über mein Publikum. Das hat mich sehr überrascht. Das sind manchmal jahrelange Kontakte und freundschaftliche Beziehungen.
Daran anknüpfend noch eine Frage. Historisch gesehen war der Ruf von Frauen, die früher (also im 19. Jahrhundert) im sogenannten „Unterhaltungsgewerbe“ tätig waren, ja auch nicht wirklich besser als jener von damaligen Sexarbeiterinnen. Im Laufe des Abends arbeitest du (oder erkennt die Protagonistin) dann ja auch immer mehr Zusammenhänge zwischen all jenen, die gleichsam eine gewisse Art von Nachtarbeit leisten, wobei dann jedoch eher jene Aspekte nochmal genauer unter die Lupe genommen werden, wo es quasi um eine Art Nightlife-Sozialarbeit geht. Was dann ja neben den Sexarbeiter:innen auch Barbedienstete sowie Künstler*innen jeglicher Coleur (vom Schauspiel bis zur Disco) betrifft. Waren dir diese Zusammenhänge schon immer irgendwie klar, oder ist das alles erst im Rahmen des Stücks entstanden bzw. klar geworden? Gehts also im Grunde auch um einen erweiterten Begriff von Care-Arbeit?

Elisabeth De Roo: Mir war das in dieser Form nicht bewusst. Viele der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, arbeiten mit Menschen die körperlich beeinträchtigt sind. Wir hatten bei der Podiumsdiskussion am 15.05. eine Person zu Gast, die uns erzählt hat, dass der Bruder auf Grund einer Behinderung keine körperlichen Kontakte hat und das sehr vermisst und deshalb regelmäßig von einer Sexarbeitenden besucht wird. Dem gegenübersteht, dass man bis vor einigen Jahren eine Sexarbeiterin in Österreich aus dem Erbe entfernen konnte.
Mit welchem Recht, frage ich? Weil sie den falschen Beruf hat? Diese Stigmatisierung reicht weit zurück. Albert Neissner, ein preußischer Arzt, infizierte absichtlich hauptsächlich Sexarbeiterinnen mit der damals unheilbaren Syphilis, angeblich wollte er die Krankheit erforschen. Das war vor etwa 100 Jahren. Im 2. Weltkrieg wurden Sexarbeitende in die KZ deportiert. Das liegt nicht mal 100 Jahre zurück. Dass die Eltern der anderen Kinder eine Sexarbeitern und ihr Kind aus dem Kindergarten ausschließen wollten, dass liegt sieben Jahre zurück.
Ich habe manchmal den Verdacht, dass es ungerne gesehen wird, dass es Menschen gibt, die für den Beruf Sexarbeit berufen sind. Das kann es eigentlich nicht geben, warum eigentlich nicht? Menschen, die dann anderen Menschen etwas Gutes tun, egal ob psychisch oder physisch. Das ist für mich Care-Arbeit, ja. Ich glaube, Sexarbeit ist weit mehr als die Befriedigung von Lust.
Rainer Werner Fassbinder hat einmal über die legendären Film-Melodramen von Douglas Kirk folgendes gesagt: „Das intensive Empfinden des Zuschauers kommt nicht aus der Identifikation (mit den Protagonist:innen), sondern aus Montage und Musik“. Wie und nach welchen Kriterien hast du eigentlich die einzelnen Lieder ausgesucht?
Elisabeth De Roo: Nach drei Kriterien: a) Purer Egoismus, b) die Inhalte, c) die Musik
Purer Egoismus, weil es Lieder gibt, die ich immer schon singen wollte. Endlich hatte ich die Gelegenheit.
Die Inhalte, weil natürlich mussten die Texte zu meinem Monolog passen.
Und die Musik, weil sie in Menschen unweigerlich Gefühle auslöst.
„Sexarbeit ist weit mehr als die Befriedigung von Lust.“
Bilden diese Lieder von Schubert, Schumann, Grieg, Mahler, Berg, Strauss und Rachmaninov nicht auch eine gewisse Zeit, eine Ära ab? Ich hatte bei einigen Liedern den Eindruck, sie würden auch gut in eine zwielichtige Bar (so zwischen Marlene Dietrichs „Der Blaue Engel“ oder dem „Gasthaus zur Themse“ von Edgar Wallace) passen, wo zwei im Sinne von Adorno „herabgesunkene“ Protagonistinnen der Ernsten Kunst zwischen den eigentlichen Tätigkeiten (also z.B. zwischen Sexarbeit und dem Intonieren von Gassenhauern) hin und wieder zur vorgerückten Stunde der eigentlichen Profession und den damit verbundenen Leidenschaften nachgehen können. Würdest du sagen, dass es auch darum geht, also um ein Aufbrechen des doch sehr strengen Korsetts „Klassischer Liederabend“?
Elisabeth De Roo: Ich wollte beweisen, dass die Inhalte der Kunstlieder immer noch aktuell sind. Ich glaube, ich wollte es vor allem mir selbst beweisen, weil ich Kunstlieder von allen Musikstilen am meisten liebe. Eines möchte ich aber doch zu den Filmen sagen. Ich hätte niemals Musik aus „der Blaue Engel“ genommen, weil dieser Film Sexarbeitende stigmatisiert und genau davon wollte ich wegkommen.
Es gibt eine Menge Filme in denen Schauspieler:innen Sexarbeiter:innen darstellen. Zum Beispiel im Tatort sieht das Fernsehpublikum dann die „einschlägige Rotlichtszene“. In der Regel gibt es zwei Modelle wie Sexarbeitende dargestellt werden. Entweder sind sie Opfer, oder sie sind Täterinnen/Verräterinnen.
In der Oper findet man das übrigens auch, denken wir nur an Carmen. Carmen ist eine lebenshungrige, unabhängige, sexuell umtriebige Frau, dafür wird sie am Ende ermordet, und zwar von einem Mann, der sie liebt, der aber ihren Lebensstil nicht akzeptiert.
Sexarbeitende Personen sieht man in den meisten Filmen immer in ihrem Beruf und dort ist es meistens „schmuddelig“. Wir sehen sie aber nicht beim Spaziergang mit ihrem Hund, beim Hausaufgaben machen mit den Kindern, beim Kochen, beim Plaudern mit einer Freundin und so weiter. Ich finde die klassische Musik passt genauso gut zu einer Sexarbeiterin, wie zu einer Ärztin, beides haben eines gemeinsam, sie sind Menschen.
Ich brauche keine spezielle Musik, um Sexarbeit zu untermalen, ganz im Gegenteil, ich möchte zeigen, dass eine sexarbeitende Person genauso ein Mensch ist mit Stärken und Schwächen, wie du und ich.
War die Auswahl der Lieder eigentlich schwer? Mir kommt der Mix ja ein bisschen wie eine Art „deadly“ Kunstlied-Jukebox/Playlist vor.
Elisabeth De Roo: Darüber habe ich nie nachgedacht, ob es schwer war. Ich mag meine Arbeit sehr und deshalb fühlt sich selten etwas nach Arbeit an (außer die Buchhaltung, das ist einfach nur schrecklich. Ich kann nicht verstehen, wie mein Steuerberater seinen Beruf mit so viel Leidenschaft und Freude ausüben kann. Er sagt, das sei sein Traumberuf.) und ist deshalb auch nicht schwer für mich. Es hat aber viel Zeit gebraucht.
Ich habe über ein Jahr Interviews geführt und den Monolog geschrieben und dann Musik ausgewählt. Die Texte sind von den Sexarbeitenden und den Beratungsstellen immer wieder gegengelesen worden. Es sind alles wahre Geschichten. Ich lese ihre Kundenanfragen vor. Ich erzähle auf der Bühne ihre Geschichten.
Es war mir sehr wichtig, dass ich diese Menschen, die mir so viel ihrer Zeit geschenkt haben, richtig zitiere und das für sie die, von mir ausgewählte, Musik stimmig ist.
Du hast in einem Vorgespräch mal erwähnt, dass das „Herausreißen“ von Liedern aus einem Lieder-Zyklus im Klassikbetrieb eigentlich nicht so üblich ist, bzw. solche Zusammenstellungen mitunter auch sehr negativ gesehen werden. Wie sind jetzt, nach den bisherigen Live-Auftritten deine Erfahrungen damit? Wie reagiert das (klassische) Publikum?
Elisabeth De Roo: Ja, man macht es inzwischen schon öfter, dass man Zyklen zerreißt, aber es ist keine Normalität. Bisher habe ich noch niemanden so verärgert, dass die Person das Bedürfnis hatte es mir zu sagen oder zu schreiben. Ich glaube, dass es in diesem Zusammenhang niemandem als relevant erscheint. Die Botschaft des Abends ist nicht die Musik, der Liederabend, so wie von mir ursprünglich gedacht, sondern die Geschichten der von mir interviewten Menschen.
Fungieren die Lieder vielleicht ja auch eher wie ein Soundtrack zu einem Film-Melodram? Also weniger als einfache Illustration zum gerade gezeigten (oder den damit assoziierten Gefühlen), sondern als quasi Kontrapunkt, oder als etwas, was sich – cineastisch gesprochen – jenseits der Leinwand abspielt? Also eine Art Subtext, dem dann auch nicht mehr entkommen werden kann?
Elisabeth De Roo: Ja, auch, würde ich sagen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Publikum sich während der Lieder vom gesprochenen Wort „ausrastet“ und der Musik zuhört, die Stimmung meiner Figur mitfühlt. Ob das so stimmt, da müsste ich natürlich mein Publikum fragen.
Ich hab einmal zur Frage der Verständlichkeit der Wörter bei Opern-Arien in einem Buch von Slavoj Zizek gelesen, dass es eigentlich gar nicht darum geht, wortwörtlich zu verstehen, was da gerade gesungen wird, weil erst dort, wo der Gesang zum reinen Klang wird, sich das Begehren manifestieren kann. Würdest du sagen, dass die Dramaturgie des Abends auch damit spielt? Also mit dieser Dialektik zwischen dem Gesagten (dem Schauspiel) und dem Gesungenen (der Musik)?
Elisabeth De Roo: Also ich würde jetzt gerne mit „ja“ antworten, weil das bedeuten würde, dass ich mir darüber Gedanken gemachte habe. Ich bekomme vom nicht klassischen Publikum manchmal die Rückmeldungen, dass die das gesungene Wort so schwer verstehen und ich sollte doch zumindest die Texte ins Programmheft abdrucken. Davor scheue ich mich aber, weil ich nicht möchte, dass am Abend ständig wer mit seinem Programmheft raschelt und dann mit der Handytaschenlampe den Text mitliest und weil ich davon ausgehe, dass das Mitlesen die Menschen aus der Emotion ins Intellektuelle zieht. Ich glaube, wenn jemand die Inhalte der Texte wirklich wissen möchte, dann googelt er sie später im Internet. Vielleicht packe ich die Lieder auf meine Homepage, dann können sich die Menschen vorher oder nachher darüber informieren. Das wäre eigentlich ein Kompromiss.
„Ich wollte beweisen, dass die Inhalte der Kunstlieder immer noch aktuell sind.“
Geht es bei all dem nicht auch immer wieder um die Frage, was, angesichts von Unheil, Elend, Diskriminierungen, etc., Kunst eigentlich bewirken kann? Und wo sie dann dazu verdammt ist zu scheitern?
Elisabeth De Roo: Wenn wir scheitern, dann scheitern wir als Gesellschaft. Jede Person trifft täglich unzählige Entscheidungen. Auch zu schweigen und nichts zu tun ist eine Entscheidung.
Musik wird ja (u.a. wenn es um ihre Funktionen am Theater oder beim Film geht) auch immer wieder gerne als „ideale Verführerin“ bezeichnet. Also als jene Ebene, die einen erst so richtig in die jeweilige Story reinzieht (speziell wenn ich zuvor schon mit ihr vertraut bin, oder sie mag). Das macht uns aber auch schutzlos gegen sie.
Ich fand es sehr spannend, wie die Auswahl der Lieder (bzw. der Musik an sich) zwischen den Polen so ist es, aber auch so sollte es sein, hin und her gependelt sind. Da wird auf musikalischer Ebene gleichsam der „Bigger Than Life“-Appeal klassischer Pop-Songs mittransportiert, dann jedoch auf narrativer Ebene gezeigt, was passiert, wenn dem nicht so ist. Also was passiert, wenn das vermeintliche (musikalische) Heilmittel erst jene Wunde schlägt (oder wieder aufbrechen lässt), an der dann zugrunde gegangen wird.
Würdest du in diesem Zusammenhang nicht auch sagen, dass Musik hier gleichsam die gemeinste, hinterhältigste, gefährlichste Kunst ist? Deine Protagonistin zerbricht ja auch wortwörtlich an einem Lied.
Elisabeth De Roo: Absolut. Musik hat eine Macht, die wir alle immer gern vergessen. Wenn ich traurig bin und die richtige Musik wähle, werde ich noch trauriger, oder ich werde glücklicher. Das ist sehr spannend. Felicitas verschlägt es die Stimme, weil sie nicht mehr in der Lage ist, den Liedtext weiterzusingen. Er stimmt nicht mehr mit ihrem Leben überein. Musik als „ideale Verführerin“? Musik wurde oft missbraucht. Denken wir nur an die Musikpropaganda aus der Nazizeit. Kriegsverherrlichende Lieder, Propagandamusik und auch heute wird Musik verwendet, um zu hetzen.
Es geht soweit, dass ein Lied sogar wohl auf dem Oktoberfest 2024 verboten wird, weil die Veranstalter die Befürchtung haben, dass auf dem Oktoberfest „Ausländer raus!“ gesungen werden könnte. Gruselig. Musik ist ein mächtiges Instrument und das wussten und wissen die Nazis damals und heute genau. In meinem Stück habe ich versucht, das Publikum mit Hilfe der Musik in die Geschichte meiner Figur zu ziehen. Ob das gelungen ist, muss das Publikum entscheiden.
Jetzt geht es bei dem Stück sehr wohl auch um die Darstellung einer „starken Frau“ (bzw. von „starken Frauen“), aber das Elend ist ja einerseits Männer gemacht (der untreue Ehemann) und befriedigt dann eigentlich auch wiederum ein männliches Begehren. Das sind Aspekte, die durch das Stück zirkulieren (ähnlich den Kreisläufen von Geld, Käuflichkeit und Körpern), ohne dass sie dann wirklich aufgelöst werden. Gab’s da Versuche zu einer Lösung, oder ist es gerade die Offenheit, die erst Debatten ermöglicht?

Elisabeth De Roo: Ich vermute deine Frage zielt auf den Menschenhandel und die Gewalt gegenüber sexarbeitenden Personen. Menschenhandel und Gewalt muss ich ausklammern, weil es schwere Straftaten und keine Berufe sind. Mich traf während meiner Recherche die Erkenntnis, dass es übergriffige Kunden und miese Bordellbetreiber gibt, aber dass die gesellschaftliche Doppelmoral und der damit einhergehende Ausschluss von bestimmten Personengruppen die eigentlichen Probleme sind.
Wir Menschen sind soziale Wesen, wir wollen mit anderen Menschen in Verbundenheit leben. Werden wir systematisch ausgegrenzt, dann macht uns das krank. Dazu gibt es viele Studien. Mobbing macht krank und kann Menschen sogar in den Suizid treiben. Ich glaube, dass das das eigentliche Problem ist. Menschen urteilen gerne über andere Menschen. Das ist nicht nur im Bereich der Sexarbeit so, sondern trifft auf ganz viele Bereiche zu.
Wenn ich Angst habe, anderen zu erzählen, WAS ich arbeite, wie soll ich dann Schwierigkeiten und Probleme in meiner Arbeit offen ansprechen? Wir alle wissen, wie schwer es ist, Missstände im eigenen Beruf anzusprechen, weil wir alle Angst vor den möglichen Konsequenzen haben. Werden wir aber bereits nur für die Ausübung unseres Berufes stigmatisiert, wird das Darlegen von Problem fast zur Unmöglichkeit.
Ob das Elend in Bezug auf Sexarbeit “Männer gemacht“ ist: ich weiß es nicht. Mir kommt vor, dass es ein wirtschaftliches Ungleichgewicht gibt, zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht. Christine Nagl, Fachberatungsstelle PIA in Salzburg, forderte bei unserer Podiumsdiskussion am 15. Mai, dass Luxus verboten gehört. Damit meinte sie nicht, dass wir aufhören sollen, unser Leben zu genießen und mit Kleinigkeiten zu verschönern, damit meinte sie, dass dieses ungerechte Ungleichgewicht zwischen Superreichen und uns „normalen“ Menschen so auseinanderklafft, dass das ein moralische Dilemma ergibt. Dieses moralische Dilemma, dass wenige Prozent der Bevölkerung mehr besitzen als der gesamte Rest der Bevölkerung, das gehört in ihren und auch in meinen Augen verboten, und das ist, wenn man sich nun genauer ansieht, WER das Vermögen in den Händen hält, ein Männerproblem. Nun würden aber weder sie, da bin ich mir sicher, noch ich die Schuld allen Männern in die Schuhe schieben. Im Gegenteil, wir mögen Männer und ich möchte salopp hinzufügen: eine talentierte Sexarbeiterin verteilt das Vermögen, welches zu etwa 75% in männlicher Hand liegt, um.
Wie wird es mit dem Stück in Zukunft weitergehen?
Elisabeth De Roo: 2025 sind wir zu Gast am Theater in Ingolstadt und so wie es aussieht, geht es dann weiter nach Graz. Ich liebe das Stück. Ich hoffe, dass wir es noch lange, lange, lange spielen dürfen.
Gibt es vielleicht auch schon Ideen für neue Themenabende, die sich womöglich auch aus den aktuelle ergeben können?
Elisabeth De Roo: Ideen gibt es, aber ich glaube, die Ideen muss ich erst noch mit mir selbst besprechen.
Vielen Dank für das Interview.
Didi Neidhart
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Weitere Aufführungen:
Die, 04.06.2024 – 19:30
Sam, 08.06.2024 – 19:30
Mit, 12.06.2024 – 19:30
Die, 18.06.2024 – 19:30
Sam, 22.06.2024 – 19:30
Ort:
Schauspielhaus Salzburg
Erzabt-Klotz-Str. 22
5020 Salzburg
