„ICH ERKENNE MICH NOCH WIEDER” – Ary IM MICA-INTERVIEW

ARY ist eine Erscheinung. Das liegt nicht nur an den vielen Tattoos auf seiner Haut, eines unter seinem linken Auge. Sondern vor allem an der Musik, die der ursprüngliche Vorarlberger komponiert. Es sind Songs, in denen nicht viel übrig bleibt, weil er ihnen fast alles genommen hat. Zufrieden sei er damit aber noch nicht, sagt ARY über sein Debüt „Sina”. Eher mutig, um bald noch mehr wegzunehmen.

Wer ist Ary?

Ary: Das ist eine gute Frage. Ich gehe gerade durch viele Veränderungen und das tut mir gut. 

Durch die Veränderung zu gehen?

Ary: Ja, ich habe immer öfter das Gefühl, dass man von meiner Musik überrascht ist, wenn man mich sieht. Deshalb gehe ich durch Veränderungen. Es kommen Tattoos weg, es sind aber auch Beziehungen, die gehen. Und generell sortiert sich gerade einiges aus, das Platz macht für neues Chaos. 

Chaos?

Ary: Na ja, ich kann es nicht genauer benennen. Ich weiß nur, dass ich eine riesige Neugierde habe.

Eine Neugierde – deinem Leben gegenüber, deiner Kunst?

Ary: Kunst, ja, ja. Wobei: Ich tu mir schwer, das zu trennen. Ich tue mir aber auch schwer zu verstehen, dass Musik nicht im Zentrum aller Menschen steht. Das kann ich eigentlich gar nicht verstehen. 

Warum?

Ary: Weil sich darin eine Verletzlichkeit zeigt, weil ich mich in ihr verwundbar zeige. Die Musik, die ich mache, ist auch immer ein Abschied.

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Spiegeln sich diese Abschiede in deiner Kunst wider? 

Ary: Meine Musik ist mir voraus. Sie ist reifer als das Ich, das sie aufnimmt. Das empfinde nicht nur ich so. Das sagen Leute, die mich nicht kennen und meine Musik hören und nicht erwartet haben, dass sie von einem Mitte-20-Jährigen kommt.

Weil sie so still ist?

Ary: Musik gibt mir Stabilität, zumindest suche ich sie darin. Das ist eigentlich ein Widerspruch zu dem, was sie tatsächlich ist: nämlich sehr fragil. Aber es stimmt schon, meine Musik macht mich stabil.

Woher kommt das?

Ary: Es ist mein Wunsch, Stabilität zu finden und sie im Leben zu haben. Allerdings stimmt das nur halb. Ich suche die Stabilität zwar, aber auch nicht. Ich weiß schließlich, dass viel von Wechselwirkungen lebt. Also nehme ich das Stabile und verwende es für Momente des Instabilen.

Damit suchst du eigentlich … Balance?

Ary: Schon. Ich kannte bisher nur Extreme. Ich habe sie auch bewusst provoziert. Mittlerweile merke ich aber: Es muss nicht immer der maximale Ausschlag in eine Richtung sein.

Es kann auch …

Ary: Ein Schritt in die Natur sein. Hast du die Hintergrundgeräusche auf dem Album bemerkt? Ich habe sie alle in Vorarlberg aufgenommen – das ist so etwas wie Heimat für mich. 

Ja?

Bild des Musikers Ary
Bewusst unsicher, Ary © Massimiliano Corteselli

Ary: Die Natur, ja. Ich habe das Album auch dort aufgenommen. Mit den Geräuschen, die von außen eindringen, und die das Hören intim machen. Oder mit Field Recordings, die ich nachts aufgenommen habe – am Rhein, bei Vollmond. Oder auch während eines Gewitters, das man auf „In Your Heaven” hören kann. Ich musste nur noch das Fenster aufmachen und spielen.

Du hast vorhin deine Tattoos angesprochen. Was steht da unter deinem linken Auge?

Ary: Seele, auf Russisch. Ich habe mich früh tätowiert, mit 17 – weil ich Anschluss finden wollte zu Menschen, die älter waren als ich. So ist das losgegangen, die Arme, mein Körper, das Auge. Ich erkenne mich aber noch wieder.

Auf deinem Bauch steht „Stranger”, habe ich gesehen.

Ary: Damals war es die Unsicherheit, die mich das tätowieren hat lassen. Die eigentliche Bedeutung ist mir erst später bewusst geworden. Heute weiß ich, dass es für die Ausgrenzung stand, die ich in meiner Jugend wahrgenommen habe. Nur: Diese Unsicherheit kann ich jetzt bewusst zulassen.

Du hast vorhin fragil gesagt. Entsteht dieses Fragile aus der Unsicherheit?

Ary: Es ist das Produkt einer Flucht.

Aus Vorarlberg? Dort kann man ja – ich spreche aus eigener Erfahrung – schnell lost sein.

Ary: Ja, stimmt. Dort ist man schnell allein, wenn man ein Streben hat nach etwas, das einen – ich sag es fies – fordert. Mein Schritt nach Wien war aber keine Flucht. Sicher ein Wunsch nach Veränderung, aber keine Flucht, weil das voraussetze, dass man woanders angekommen ist. 

Das bist du in Wien nicht?

Ary: Hier tut man sich schwer, wirklich allein zu sein. Ich höre zwar immer von schnelllebigen Beziehungen und der Tendenz zur Vereinzelung. Allerdings fehlt der echte Rückzugsraum. Deshalb musste ich dieses Album in Vorarlberg aufnehmen. 

„WENN ICH MORGENS FRÜH AUFWACHE, HÖRE ICH DIE VÖGEL.”

Weil man dort allein sein kann?

Ary: Ja, wenn ich morgens früh aufwache, höre ich die Vögel. Sonst nichts. Eine Wohltat!

Für die man …

Ary: Auch mal weggegangen sein muss. 

Du meinst: Man schätzt die eigene Heimat anders, wenn man sie verlassen hat?

Ary: Ja, man hat ein Außen kennengelernt. Etwas, von dem die Kunst profitiert, genauso wie von der Beobachtung, der Neugierde zum Anderen. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass mein Alltag nur aus dem Eigenen besteht und das Andere gar nicht zulässt. Selbst wenn das ein Schicksal ist, auf das man zusteuern kann, wenn man in Vorarlberg aufwächst.

Sobald man die Heimat verlässt, verlässt sie einen auch. Das merkt man gerade dann, wenn man zurückkehrt.

Ary: Mir fällt dazu eine Stelle aus dem Film „Aftersun” ein. Der Protagonist erzählt seiner Tochter, dass man nicht mehr dazugehöre, sobald man von Zuhause wegzieht. In das kann ich mich sehr einfühlen. 

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Also, das Nicht-Dazugehören?

Ary: Ja, auch weil ich mich in dieser Bubble von „Freak Folk” einordnen wollte und will. Das hat mich automatisch in Nischen geführt und weg von meiner Heimat.

Wir haben viel vom Weggehen gesprochen. Zu Beginn meintest du, ein Tattoo muss noch verschwinden. Welches?

Ary: Mein Gesichts-Tattoo. Die Entscheidung, dass es verschwinden soll, war aber beängstigend. Einfach weil ich nicht wusste, was ich da fühle. Eine Identitätskrise? Ein anderes Ich? Jedenfalls fühle ich mich nicht mehr wohl, wie ich damit bin. Das Tattoo war eine Entscheidung, die ich mit 18 getroffen habe. Seitdem hat sich viel verändert. 

Wirst du damit anders behandelt?

Ary: Sicher. Es überschattet mich. Andere sehen das Tattoo und nicht den Menschen. Allerdings habe ich diesen Menschen auch lange nicht gesehen. Das hat sich geändert. Ich will mich neu erschaffen. 

Gehört dazu auch ein letzter Satz?

Ary: Ja, ich bin nicht zufrieden mit dem, was ich gemacht habe, aber: Es ist wichtiger, mutig zu sein als zufrieden.

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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Links:
Ary (Instagram)
Ary (Bandcamp)