Wandl (c) Christian Stantchev

„Ich denke, dass mir mit dem Album wirklich etwas Schönes gelungen ist“ – WANDL im mica-Interview

Den Status des Geheimtipps hat WANDL längst hinter sich gelassen. Zahlreiche Singles und aufsehenerregende Kollaborationen haben den 22-jährigen Produzenten zu einem Gesprächsthema in der europäischen Elektronik-Szene werden lassen. Mit „It’s All Good Tho“ (Affine Records) erschien nun das langerwartete Debütalbum des gebürtigen St. Pölteners. WANDL sprach mit Michael Ternai über seine musikalischen Einflüsse, seine Arbeitsweise und die Zweifel, die ihn plagen.

Sie haben in den letzten Jahren mit einigen Singles Aufmerksamkeit erregt. Auch manche Ihrer Kollaborationen haben einiges an Staub aufgewirbelt. Warum hat es trotz der zahlreichen Aktivitäten dann doch etwas länger mit Ihrem Debüt gedauert? Haben Sie sich für dieses bewusst viel Zeit genommen?

Wandl: Ich weiß gar nicht, ob ich mir so sehr bewusst Zeit gelassen habe. Es war vielleicht mehr so, dass ich mich noch nicht wirklich für ein Full-Length-Album bereit gefühlt habe. Natürlich dachte ich mir immer, ein Soloalbum wäre super. Nur war ich mir unsicher, ob ich vom Umfang und der Länge, überhaupt vom gesamten musikalischen Bogen her, eines zusammenbringen würde. Erst mit „Geld Leben“ merkte ich dann, dass ich das Zeug dazu habe, ein Album zu füllen, etwas über eine dreiviertel Stunde zusammenzustellen, das im Gesamten – auch wenn es in den Tracks in relativ verschiedene Richtungen geht – Sinn ergibt. So viel Arbeit habe ich davor auf jeden Fall noch in kein Projekt hineingesteckt. Ich habe wirklich sehr viel herumprobiert und bin sehr perfektionistisch an die Sache herangegangen.

Was beim Durchhören von „It’s All Good Tho“ auffällt, ist, dass es stilistisch sehr vielfältig geworden ist. Was beeinflusst Sie, woher beziehen Sie ihre Inspiration?

Wandl: Meine größten Einflüsse beziehe ich – vor allem, was die Ästhetik betrifft – aus dem Hip-Hop, aus dem ich musikalisch ja ursprünglich komme. Aber klar, es beeinflussen mich auch andere Sachen. Allein schon auf der Suche nach geeigneten Samples bekomme ich viel mit. Manchmal höre ich mich nur an einem Tag durch 40, 50 Alben, um ein passendes Sample zu finden. Und da höre ich mich vom 1970er-Jahre-Soul bis 1980er-Jahre-Pop querbeet durch. Auch Chicago House und viele andere Sachen mag ich gerne. Mein einziges Kriterium ist, dass ein Sound in mir etwas auslöst, mich in irgendeiner Art bewegt.

„Es gilt halt immer, die richtige Balance zu finden, zwischen dem, was man will, und dem, was auch hörbar ist.“

Inwieweit hören Sie auch auf die Meinung anderer? Oder ziehen Sie von A bis Z ihr ganz eigenes Ding durch? Zu ihren „Mentoren“ zählen Sie ja auch Dorian Concept. Gibt er Ihnen manchmal auch hilfreiche Ratschläge? 

Wandl: Ich bin, was meine Ideen betrifft, meistens sehr stur. Das liegt vielleicht daran, dass ich schon eine sehr genaue Vorstellung davon habe, wie etwas klingen soll. Und ich will es eben eher dreckig und verstörend haben. Es gilt halt immer, die richtige Balance zu finden, zwischen dem, was man will, und dem, was auch hörbar ist.

Aber ja, gerade Dorian gibt mir immer wieder tolles Feedback. Was mich zum Teil aber auch manchmal ein wenig verunsichert hat. Vor allem dann, wenn die Kritik etwas härter ausgefallen ist. Auf der anderen Seite bin ich aber jemand, der Kritik schon auch annimmt und sich mit ihr intensiv auseinandersetzt.

Wenn wir schon beim Schlagwort Kritik sind. Wie kritisch sind Sie mit sich selbst? Wie lange arbeiten Sie an einem Track, bis Sie wirklich zufrieden mit dem Ergebnis sind?

Wandl: Das ist ganz verschieden. Auf „It’s All Good Tho“ finden sich Tracks, die quasi in einem durch entstanden sind. Zumindest sind deren Skizzen schon nach wenigen Stunden festgestanden. Ich habe an diesen eigentlich dann nur noch wenig herumgefeilt. Dazu muss ich sagen, dass ich jemand bin, der es gerne hat, wenn etwas in einem Take aufgenommen wird. Ich versuche, die Dinge relativ schnell aufzunehmen, damit ich die in diesem Moment vorherrschende Stimmung auch direkt einfangen kann. Aber natürlich gibt es auch die Tracks, an denen ich ewig tüftle und die mich nahe an die Verzweiflung bringen. Bei denen ich Ideen und ganze Teile nach mehrmaligem Herumprobieren wieder verwerfen muss, weil sie einfach nicht passen. Aber ich denke, das gehört dazu.

Besonders kritisch bin ich auch hinsichtlich meiner Stimme. Ich versuche, so gut es geht, den Akzent rauszubekommen, dieses Österreichische in meinem Englisch. Das nimmt dann doch recht viel Zeit in Anspruch.

Sie haben auf „It’s All Good Tho“ viel mit selbst eingespielten Samples gearbeitet. Zumindest viel mehr als bisher. Was hat Sie dazu veranlasst, gerade diese Arbeitsmethode zu wählen?

Wandl: Ich habe schon seit einigen Jahren die Idee gehabt, in diese Richtung zu gehen. Nur habe ich mich lange ein wenig davor gedrückt, da ich das Gefühl hatte, dass ich es nie so zusammenbekommen würde, wie ich es mir vorstelle. Für das Album habe ich mir aber einen Rhoads gekauft und gemerkt, dass ich doch nicht so hundertprozentig tight spielen muss. Ich kann die Sachen ja im Nachhinein immer noch bearbeiten und zurechtrücken.

Die Technik des Resampling – also, dass ich einen Jam aufnehme, aus dem dann Sachen herausschneide, dann aus diesen Teilen eine Loop mache, die dann wieder raufspiele und etliche Male durch Effekte durchlaufen lasse und mit Tape-Verzerrungen bearbeite – habe ich vor Jahren, und das auch eher unbewusst, bei dem Track „Drones“ angewandt. Und das war ein Track, zu dem ich in den darauffolgenden Jahren immer wieder zurückgekehrt bin und den ich immer wieder gehört habe. Es ist vor allem der sehr organische Sound, der diesen Track ausmacht. Und genau diesen organischen Sound wollte ich auch auf „It’s All Good Tho“ erreichen.

Schon die Titel ihrer Tracks lassen erkennen, dass Sie inhaltlich nicht unbedingt die positiven Themen des Lebens thematisieren. Spiegeln die nachdenklichen Texte in gewisser Weise auch Ihre persönliche Seite wider?

Wandl: Ja, schon. Ich bin auf jeden Fall ein eher melancholischer Mensch, auch wenn ich manchmal recht goofy sein kann und auch viel herumblödle. Diese Nachdenklichkeit, diese Zweifel über das, was ich mache, dieser Drang, alles immer zu hinterfragen, begleiten mich eigentlich schon seit meiner Pubertät. Und all diese Dinge führen im Endeffekt eben dazu, dass ich nie wirklich ganz zufrieden bin mit dem, was ich mache, und ich mich daher auch immer ein wenig getrieben fühle.

Dieser Drive zieht sich klarerweise auch ins Private hinein. Gerade letztes Jahr hatte ich das Gefühl, mich doch mehr zurückziehen zu müssen. Ich habe mich von Leuten in meinem engen Umfeld ein wenig entfernt und das auch in meinen Tracks thematisiert. Ich sage auf dem Album manche Dinge, die ich mich mir damals vielleicht so offen nicht zu sagen getraut habe.

Weil sie gerade gesagt haben, dass Sie nie wirklich zufrieden sind mit dem, was sie machen. Wie zufrieden sind Sie dann mit dem Album?

Wandl: Natürlich sehr. Ich denke, dass mir mit dem Album wirklich etwas Schönes gelungen ist. Wobei ich dazu sagen muss, dass vor allem die letzte Phase der Produktion noch einmal richtig heftig und intensiv war. Beim Durchhören der Tracks habe ich noch einmal alle Gefühle durchlebt und mir bei manchen Dingen gedacht: „Das kann man doch so nicht rausbringen.“ Da sind eben wieder Zweifel aufgekommen und ich habe tatsächlich noch einmal ein paar Sachen verworfen und andere hinzugenommen. Den Track „Window Colour“ zum Beispiel habe ich zwei Tage vor dem Mastering aufgenommen. Dafür ist eine andere Nummer rausgeflogen. Und auch bei manchen anderen Stellen denke ich mir jetzt, dass ich diese vielleicht noch etwas besser hätte machen können. Aber was soll‘s, so ist das eben. Mit dem Ergebnis bin ich in Summe auf jeden Fall sehr zufrieden.

Und wie sehen Ihre Erwartungen nun bezüglich des Albums aus? Was steht als Nächstes an?

Wandl: Jetzt habe ich erst einmal meinen ersten Solo-Gig in Frankreich. Mit Okmalumkoolkat war ich dort zwar schon einmal auf Tour, aber als Solokünstler ist es doch noch einmal etwas anderes. Darauf freue ich mich auf jeden Fall schon sehr. Was ich mir sonst ein wenig erhoffe, ist, dass ich mit dem Album jetzt auch vermehrt außerhalb des deutschsprachigen Raums Shows spielen kann. Generell bin ich schon ganz zuversichtlich, dass das Ding ganz gut funktionieren kann. Konzerte spielen, vielleicht wieder mal etwas mehr Geld haben und weiterhin Musik machen, so in etwa würde ich meine nächsten Ziele definieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Ternai

Wandl live
03.06. WUK Foyer, Wien (Album Release Party)
14.06. ARGE Kultur, Salzburg
30.06. Europavox Festival, Clermont-Ferrand (FR)

Links:
Wandl (Facebook)
Affine Records