„Ein Teil, die Essenz meines Lebens, ist auf dieser Platte“ – WILFRIED im mica-Interview

Zurzeit läuft in Wien das Musical „Liebe Hoch 16“, zu dem WILFRIED die Songtexte beigesteuert hat. Im Interview von Jürgen Plank erzählt WILFRIED von seinen musikalischen Wurzeln, über das Theater und sein neues Album „Gut Lack“, für das sein Sohn HANNIBAL SCHEUTZ von der Band 5/8ERL in EHR’N und der Bassist CARLOS BARRETO-NESPOLI die Musik geschrieben haben.

Welche Ausgangspunkte sehen Sie für Ihre Musik?

Wilfried: Ich habe mehrere Ausgangspunkte, etwa die Rolling Stones und den Blues. Was die Stones aus Blues gemacht haben, war eine gute Rutsche, aber mehr nicht. Die Stones haben natürlich einen eigenen Stil entwickelt, vor allem durch Keith Richards. In weiterer Folge kam die Beeinflussung durch den Jazz, das hört man auf meinem neuen Album, diese Beeinflussung kam auch durch Blues-Leute, das war weißer Blues, gemischt mit Big Band-Sound und durch Bands wie Blood Sweat & Tears und Chicago.

Dann kommen wir jetzt zu Ihrem neuen Album „Gut Lack“, wie ordnen Sie das selbst ein? Ist es der Beginn des Alterswerkes?

Wilfried (c) Astrid Knie

Wilfried: Ich bin mittendrin im Alterswerk. Das für mich Feine und Schöne und Faszinierende ist, dass ich diese Texte geschrieben habe und ich hätte es kompositorisch nicht geschafft, mein Leben so zusammen zu fassen, wie mein Sohn Hannibal und wie Carlos. Ich habe den beiden kommentarlos, ohne Vorgaben, die Texte gegeben und habe ihnen vertraut, dass sie etwas daraus machen. Sie haben etwas Interessantes gemacht: mit Carlos bin ich ja seit rund 5 Jahren auf Tournee und er hat mir einfach zugehört, was ich so über meine musikalischen Wurzeln erzähle, wenn der Tag lang ist. Hannibal weiß das genetisch, er hat meinen Werdegang mitgekriegt, von Blues bis Jazz. Mich prägt auch das Theaterleben, denn ich habe ja in über 80 Theaterstücken gespielt. 

Was haben die beiden musikalisch gemacht?

Wilfried: Beim Lied „Wenn man sich ändern will“ hat Carlos einen Text, den ich vor mehr als 10 Jahren am Strand von Goa geschrieben habe, instinktiv Indien zugeordnet und hat das Lied mit Sitar arrangiert. Ich habe ihm aber nicht gesagt, dass ich den Text in Indien geschrieben habe. Das war ein Gespür von ihm und das hat mich sehr gefreut. Dass das Lied mantraartig ist, freut mich als alten Indien-Fan sehr, ich bin ja mehrere Jahre lang nach Indien gefahren.

Haben Sie bei der Musik mitgesprochen oder komplett freie Hand gelassen?

Wilfried: Ich habe eine einzige Komposition abgelehnt und eine nicht gemacht, obwohl sie mir irrsinnig gut gefallen hat, aber sie war nicht meins. Das hätte ein bisschen geklungen wie: Wilfried macht die Jetzt-Zeit nach. Das wollte ich nicht.

„Dass Österreich das Schlimmste ist, kann nur jemand behaupten, der noch nirgendwo war“ 

Im Eröffnungstrack des neuen Albums „A bissl was geht immer“ singen Sie davon, dass alles immer schlimmer wird, etwa dass das Gemüse aus Holland kommt. Ist das ein pessimistisches Lied?

Wilfried: Nein, es ist eine Abrechnung mit denen, die ewig jammern. Ich mag das Jammern überhaupt nicht, wenn man in Österreich lebt, ist das meiner Meinung nach komfortabel. Ich bin nicht der Meinung, dass das ein herunter gewirtschaftetes Land ist, wie man es täglich aus den Medien hört. Es ist ein wunderbares Land. Dass viel korrigiert gehört, ist eine andere Kiste. Dass Österreich das Schlimmste ist, kann nur jemand behaupten, der noch nirgendwo war. In diese Richtung geht das Lied. 

Inwiefern repräsentiert die Platte Ihr bisheriges musikalisches Leben?

Wilfried: Ein Teil, die Essenz meines Lebens, ist auf dieser Platte. Es gibt eine Nummer, „17 Grad“, die ein bisschen nach The Kinks klingt. Man könnte auch sagen, es klingt nach Lee Hazelwood und Nancy Sinatra: These boots are made for walking.

„Otto Gründmandl hat das Land in einer sehr subtilen Weise betrachtet, indem er Kleinigkeiten überzeichnet hat“

Im Lied „Marmelade“ nehmen Sie Bezug auf den Kabarettisten Otto Gründmandl, Sie zitieren seinen Satz: Politisch bin ich zwar ein Trottel, aber privat kenn’ ich mich aus. Warum haben Sie sich auf Gründmandl bezogen?

Wilfried (c) Astrid Knie

Wilfried: Das ist einer der klügsten Sätze! Otto Gründmandl erkennt immer die Ironie, wenn du die Sache überzeichnest. Das mache ich auch, nur leider nicht in seiner Qualität. Ein Tattoo ist etwas Schönes, wenn jemand wie ein Fleckerlteppich tätowiert ist, ist es lächerlich. Ich glaube, man muss aufpassen, dass man sich nicht im Pathos verliert.

Es würde nicht schaden, wenn wir alle ein bisschen trainieren, weil wir alle einen schlappen Körper haben, aber zu trainieren, bis einem die Halsmuskeln zehn Zentimeter aus dem Körper stehen, ist lächerlich. Das hat etwas von Sucht und ist in sich blödsinnig. Otto Gründmandl hat das Land in einer sehr subtilen Weise betrachtet, indem er Kleinigkeiten überzeichnet hat.

Die politischste Aussage ist: ich interessiere mich nicht für Politik. ‚Ich interessiere mich nicht für Politik’ gibt es nicht, denn du bist Politik. Wenn das die Leute wüssten, würden sie sich ein bisschen darum kümmern.

Im Lied „Mir reichts“ nehmen Sie Bezug auf Wutbürger. Inwiefern ist „Gut Lack“ ein zorniges Album?

Wilfried: Es ist schon ein zorniges Album. Ich hätte gerne, dass wir uns darauf besinnen, was wir sind und nicht darauf, was nicht klappt.

„Es ist einfach angenehm im Dialekt zu singen. Die Hochsprache an sich gibt es gar nicht, nur am Theater“

Aktuell gibt es in Österreich eine Hinwendung zum Dialektgesang. Wie erleben Sie dieses Revival? Ist das ein Rückbezug auf den Austropop der 1970er und 1980er-Jahre?

Wilfried: Ich glaube das passiert gar nicht bewusst, sondern: es ist einfach angenehm im Dialekt zu singen. Die Hochsprache an sich gibt es gar nicht, nur am Theater. Die Hochsprache ist eine künstliche Festlegung. Wenn die Norddeutschen sagen, sie würden die Hochsprache sprechen, ist das eine komplette Erfindung.

Sie stammen aus Goisern, aus dieser Region kommen viele MusikerInnen wie die Ausseer Hardbradler, Hubert von Goisern oder Sibylle Kefer. Ist diese Gegend wegen der Volksmusik so fruchtbar?

Wilfried: Ja! Ich betrachte es als besonderes Geschenk, dass ich von dort komme und dass ich das mitbekommen habe. Die Volksmusik ist eine wichtige Basis für sehr viel Musik. Auch für Wolfgang Amadeus Mozart, seine wahnsinnige schönen Melodien orientieren sich zum Teil an Jodlern aus den Alpen.

Sie haben auch sehr viel Theater gespielt. Wie wichtig ist Ihnen das Theater?

Wilfried: In Wien kenne ich viele Leute, die sagen: das geht sicher nicht. Dagegen habe ich immer angekämpft. Wenn die Leute gesagt haben: was? Du spielst in einem Stück im Theater an der Wien mit, in dem getanzt wird und bist ja gar kein Tänzer? Na, dann lerne ich halt ein bisschen Tanzen. Dass ich dann kein Ballett-Tänzer werde, ist ja wohl eh klar. Das ist überhaupt ein Geheimnis des Theaters, dass man bei jedem Stück etwas lernt, was man davor nicht gekonnt hat. 

Was haben Sie bei der Mitwirkung an der Operette von Ringsgwandl, „Die Tankstelle der Verdammten“, gelernt?

Wilfried: Ich habe ganz liebe MitstreiterInnen kennen gelernt. Wie zum Beispiel Nadja Maleh, ein zauberhaftes Wesen und eine wunderbare Künstlerin, die wahnsinnig viel kann. Ich habe zum ersten Mal im Stadtsaal gespielt, das ist ein wunderbarer Platz. Die Band war irrsinnig inspirierend und der Ringsgwandl ist einer, der aus scheinbar derber Sprache etwas extrem Poetisches macht, das ist ein Brachial-Künstler.

Was wünschen Sie dem neuen Album „Gut Lack“?

Wilfried: Ich bin eine Figur, die in diesem Land eine Zeitlang an der Öffentlichkeit war. Und ich bin ein kreativer Mensch und wenn ich etwas mache, drängt es auf den Markt. Zu welchem Behufe kann ich gar nicht sagen. Weil es mich gibt, einen anderen Grund gibt es nicht. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass ich das Album auch live aufführen kann, aber ich weiß nicht, ob sich das noch ausgeht. Ich würde es mir wünschen, weil ich so ein Live-Viech bin. Es macht mir aber auch Spaß wie beim Musical „Liebe Hoch 16“ im Hintergrund zu arbeiten. Vielleicht kann ich noch einige solche Arbeiten machen, das würde mir auch große Freude machen.

Danke für das Gespräch.

Jürgen Plank

 

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