„ICH BIN MIT MUSIK AUFGEWACHSEN, MUSIK HAT IMMER EINE GROSSE ROLLE GESPIELT“ – ANNA MAURER IM MICA-INTERVIEW

Im Jahr 2019 ist ihr Debütalbum erschienen, jetzt legt die Sängerin und Komponistin ANNA MAURER ihr zweites Album vor: „On Her Mind“. Im Gespräch mit Jürgen Plank geht es etwa um die Weiterentwicklung ihrer Musik, die nun mehr Einflüsse von Pop bis Klassik miteinander verknüpft. Außerdem erzählt die Musikerin von der bereichernden Zusammenarbeit mit ihrem Vater, dem Saxofonisten CHRISTIAN MAURER, der unter anderem Teil von SAXOFOUR ist. Das Line-Up ergänzen THOMAS MILACHER am Bass und HARALD TANSCHEK am Schlagzeug. Überhaupt spielen ANNA und CHRISTIAN MAURER miteinander in der Band ZWEIMAURER.Die Texte auf „On Her Mind“ handeln von Zusammenhalt, Freundschaft und Freiheit und thematisieren auch schwierige Phasen im Leben. Ein Lied hat ANNA MAURER für ihre beste Freundin geschrieben: „Being Teresa (Sugarbee)“.

Dein erstes Album ist im Jahr 2019 erschienen, dein aktuelles Werk trägt den Titel „On Her Mind“. Was ist in den letzten sieben Jahren musikalisch bei dir passiert?

Anna Maurer: Das Wichtigste ist, glaube ich, dass die gesangliche Komponente in den Vordergrund gerückt ist und einfach einen größeren Teil einnimmt. Ich würde sagen, das Verhältnis zwischen Gesang und Instrumenten ist jetzt ausgeglichener. Rein stilistisch hat sich auch ein bisschen etwas verändert. Es ist jetzt einfach ein breiteres Spektrum an musikalischen Mitteln drinnen, mehr Stile, die einen Einfluss auf meine Musik haben. Und es geht ein bisschen mehr in Richtung Pop. Es gibt eine Verschmelzung von Jazz, Pop und verwandten Stilen.

Inwiefern ist das Titelstück „On Her Mind“ ein Lied über dich selbst? Die Textzeile „Now she’s begging for someone to listen“ scheint ja auf eine Musikerin hinzudeuten.

Anna Maurer: Das stimmt allerdings, ja. Es war mein Versuch, im Song und am Album meine Gedanken festzuhalten. Nicht nur positive Gedanken. Es gab in den letzten zwei Jahren auch immer wieder schwierige Zeiten und dadurch hat das Album auch ein bisschen etwas Schwermütiges. Aber auch etwas Hoffnungsvolles. Musik bietet immer auch die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen und Emotionen einzufangen. Und das habe ich versucht: mit dem Album verschiedene Emotionen musikalisch darzustellen.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Alle Lieder auf „On Her Mind“ stammen von dir, außer: „The Crocodile Song“ wurde von Janis Ian geschrieben, sie ist zweifache Grammy-Preisträgerin.

Anna Maurer: Ich habe letztes Jahr ein Tribute-Programm für Janis Ian geschrieben und versucht, ihre Musik auf meine Art zu interpretieren. Ihr Lied „The Crocodile Song“ ist bei mir hängen geblieben, das Lied hat sich in mein Programm sehr gut eingefügt. Vor allem musikalisch, finde ich, war das dieser eine Song, der gefehlt hat. Und ich habe bemerkt, dass der Song bei Konzerten immer besonders gut angekommen ist und so fiel dann die Entscheidung, den Song auf mein Album zu geben.

Interessant an der Biographie von Janis Ian ist: sie war ziemlich erfolgreich als Musikerin und Interpretin ihrer eigenen Songs. Aber auch als Songwriterin – sogar Cher hat einen Song von ihr interpretiert. Inwiefern wäre so ein Weg für dich vorstellbar?

Anna Maurer: Grundsätzlich ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass es auch immer spannend ist, Kollaborationen zu haben, bei denen man gemeinsam Musik schreibt. Das mache ich immer wieder mit meinem Vater, wir komponieren sehr gerne miteinander. Für andere zu schreiben, stelle ich mir besonders spannend vor, weil man natürlich Rücksicht auf die stilistischen Eigenheiten der Personen nimmt und dann vielleicht noch konkreter schreiben kann. Ich schreibe ganz gerne Songs über Personen. Das gefällt mir besonders und ich versuche dabei den Charakter einer Person in Musik zu fassen.

Erzähle ein wenig über den Song „Being Teresa (Sugarbee)“: ist das Lied eine Hommage an eine Freundin, eine Schwester, eine andere Bezugsperson?

Anna Maurer: Genau, das ist meine beste Freundin Teresa. Die kenne ich mittlerweile seit 30 Jahren. Und ich habe eine Reihe von Songs, die Personen gewidmet sind. Da gibt’s „Being Ali“, „Being Otto“, „Being Michael“, „Being Norbert“ und eben „Being Teresa“. Und das ist aber der erste Song, zu dem ich auch einen Text geschrieben habe. Und den Song hat sie letztes Jahr zu ihrem Geburtstag bekommen, als Ode an unsere Freundschaft.

Bild Anna Maurer
Anna Maurer © Vic Schwarz

Und wie hat sie auf das Lied reagiert?

Anna Maurer: Sie war natürlich gerührt. Es gibt auch ein kleines Video dazu, das derzeit nur in privaten Kreisen kursiert. Aber ich würde eventuell gerne einmal ein öffentliches Video daraus basteln, mit Videoaufnahmen aus unserer Kindheit. Teresa hat sich auf jeden Fall sehr über das Lied gefreut.

Ein Aspekt im Leben von Janis Ian ist so ähnlich wie bei Leonard Cohen: Sie wurde finanziell betrogen, in ihrem Fall von ihrem Buchhalter. Sie war daraufhin fast mittellos, hat ein eigenes Label (Rude Girl) gegründet, die Rechte zurückgekauft und fast alle ihrer eigenen Alben nochmals veröffentlicht. Wie schützt du dich vor solchen Entwicklungen?

Anna Maurer: Naja, natürlich ist es wichtig, sich im Musikbusiness gut auszukennen. Zu wissen, wie man sich bewegt, worauf man achten muss. Natürlich ist es wichtig, seine Werke einfach bei der AKM anzumelden, damit das geistige Eigentum geschützt ist. Und ich habe zum Glück auch meinen Vater, der mir immer beratend zur Seite gestanden ist und steht. So habe ich schon als Jugendliche mitbekommen, wie das Musikbusiness so läuft.

Als Gastmusiker ist auch dein Vater, der bekannte Saxofonist Christian Maurer, auf dem Album zu hören. Wie fühlt sich die musikalische Zusammenarbeit zwischen Vater und Tochter im Studio an?

Anna Maurer: Mein Vater und ich haben ja gemeinsam eine Band, Zweimaurer. Dadurch sind wir die Zusammenarbeit schon gewohnt. Bei Zweimaurer läuft es ein bisschen anders, da ist es ausgeglichen. Wir beide schreiben, wir schreiben gemeinsam, wir schreiben getrennt, aber es ist ausgeglichen von der Bandleading-Perspektive her. Beim Projekt Anna Maurer bin ich die Bandleaderin, aber natürlich ist mein Papa eine große Unterstützung und bringt sich kreativ und musikalisch ein. Aber wir sind die Zusammenarbeit gewohnt, wir haben einfach unseren Umgang miteinander, der super funktioniert. Das ist auf jeden Fall eine sehr bereichernde Zusammenarbeit. Musikalisch sind wir uns oft einig, wir haben einen ähnlichen Geschmack und ein großes Maß an Wertschätzung.

Inwiefern hat dein Vater deinen musikalischen Werdegang mitgestaltet?

Anna Maurer: Na ja, er hat mich von Anfang an gefördert. Es gibt ein lustiges Video, da bin ich zirka zwei oder drei Jahre alt und er spielt mir mit dem Xylophon Töne vor und lässt sie von mir nachsingen. Also, wir haben uns immer sehr viel mit Musik befasst. Ich bin mit Musik aufgewachsen, Musik hat immer eine große Rolle gespielt. Ich war immer auf seinen Konzerten und dann mit elf oder zwölf Jahren hat er mein erstes Ensemble gegründet, mit dem wir zum ersten Mal miteinander Jazz gespielt haben, mit gleichaltrigen Kindern. Das war natürlich eine Erfahrung, die meinen musikalischen Weg geprägt hat. Und da ist für mich klar geworden, worum es in der Musik geht: miteinander zu spielen und darum, spontan Kreatives entstehen zu lassen. Da hat er natürlich eine große Rolle gespielt.

Bild Anna Maurer Band
Anna Maurer Band © Vic Schwarz

War es für dich immer klar, dass du in diese jazzige Richtung gehen möchtest oder hast du bereits andere Richtungen versucht?

Anna Maurer: Naja, mit acht Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt, ich möchte Popsängerin werden. Sagen wir mal, im Alter zwischen 14 und 17 Jahren war mir noch nicht ganz klar, ob ich Klassik-Klavier studieren möchte. Ich habe aber mit Klassik begonnen. Und da war dann einfach die Entscheidung für Jazz, obwohl ich auch diesen Klassik-Schwerpunkt dazu gemacht habe, der immer eine große Rolle gespielt hat. Aber ich bin sehr glücklich über meine Ausbildung im Jazz-Bereich und über die Möglichkeiten, die diese bietet, einfach stilistisch und in verschiedenen Formationen. Da hat man gerade am Klavier viele Möglichkeiten.

„DEN WERT UNSERER EIGENEN MUSIK UND UNSERES GEISTIGEN EIGENTUMS MÜSSEN WIR NOCH MEHR IN DEN VORDERGRUND RÜCKEN“

Verstehst du das akustische Klangkonzept des Albums als Entscheidung für Authentizität und ein Stück weit als Gegenposition zu digitalen Überproduktionen und insbesondere zu KI-generierter Musik?

Anna Maurer: Ich glaube wir müssen als Musiker:innen, die auf der Bühne stehen, eine Gegenposition einnehmen, weil die KI natürlich auf verschiedenen Ebenen eine große Gefahr darstellt. Ich merke jetzt mittlerweile, dass immer mehr die KI herangezogen wird, vor allem von Laien oder von Personen, die gar nichts mit Musik zu tun haben, die sich dann ihre Stücke von KI schreiben lassen. Oder sich für die Hochzeit auf einmal KI-Stücke wünschen, die wir dann umsetzen müssen. Das ist natürlich eine ganz schwierige Sache und ich glaube, dass halt einfach genau dann die Live-Musik relevanter wird und wir uns einfach dort dagegenstellen müssen. Den Wert unserer eigenen Musik und den Wert unseres geistigen Eigentums müssen wir noch mehr in den Vordergrund rücken.

Wie hast du das vorhin gemeint? Bei einer Hochzeit sagen die Feiernden: wir haben hier einen von KI generierten Song, bitte spiele den Song?

Anna Maurer: Das ist schon vorgekommen, ja genau.

Und wie schwierig ist das?

Anna Maurer: Das ist dann schwierig, wenn der Anspruch ist, dass es genauso klingt wie von der KI. Stimmlich hat die KI Möglichkeiten, die wir Menschen einfach physisch nicht haben.

Wie dein Debüt-Album ist auch das neue Album beim Label ATS Records erschienen. Hattest du komplette künstlerische Freiheit? Auch dein Vater hat bei ATS bereits veröffentlicht.

Anna Maurer: Genau, ja. ATS Records, das ist der Reinhard Brunner, der mit uns immer aufnimmt. Das ist ein Tontechniker, mit dem ich meistens zusammenarbeite. Er ist auf jeden Fall sehr unterstützend, er hat die Musik, unser Album veröffentlicht, aber ansonsten liegt alles Kreative bei mir.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Was habt ihr geplant, wie werdet ihr das Album auf die Bühne bringen?

Anna Maurer: Ja, wir haben jetzt im Herbst ein paar Termine, sowohl in Wien als auch in Oberösterreich. Wir haben Auftritte am Attersee, dort gibt’s einen neuen Jazzclub, in Lambach werden wir als Duo auftreten. Bei meiner Musik ist es praktisch, dass ich in verschiedenen Formationen auftreten kann. Ich kann das Programm sowohl solo als auch im Quartett aufführen. Ich hoffe, dass dann im neuen Jahr noch einige Termine dazu kommen.

Was erhoffst du noch? Wann wird das Album ein Erfolg?

Anna Maurer: Ich glaube, das Album ist momentan auf einem guten Weg: in der Hinsicht, dass ich positive Rückmeldungen von Medien kriege. Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass ich für den Deutschen Schallplattenpreis nominiert bin. Das freut mich sehr und natürlich freue ich mich über Nominierungen für Preise und über Auftrittsmöglichkeiten. Vielleicht sogar außerhalb von Österreich und ich bin einfach gespannt, wie sich all das weiterentwickelt.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

++++

Anna Maurer live:
13.10.2026, Andreas See, Musikwerkstatt Wels
20.11.2026, Zweimaurer, Ruby Marie, Wien
26.11.2026, Anna Maurer Trio + Christian Maurer, IG Jazz Wien
03.12.2026, Zweimaurer, ProDiagonal, Lambach

++++

Links:
Anna Maurer
Anne Maurer (Facebook)
Anna Maurer (Instagram)