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„Generell ist Kunst ja auch Fake […]“– APNOA im mica-Interview

Vom 13. bis zum 18. März findet heuer in Salzburg wieder das DIGITAL SPRING FESTIVAL statt, welches diesmal unter dem Motto „Transhumanism“ steht. Die breit aufgestellte Kooperation von ARGEKULTUR, FS1 – FREIES FERNSEHEN SALZBURG, dem SALZBURGER KÜNSTLERHAUS, SUBNET und dem CENTER FOR HUMAN-COMPUTER INTERACTION (HCI) der UNI SALZBURG konnte diesmal auch erstmals ein Arbeitsstipendium des Landes Salzburg für Medienkunst in Höhe von 5.000 Euro ausschreiben, welches an das Medienkunst-Duo APNOA (SEBASTIAN DRACK und TOBIAS FELDMEIER) vergeben wurde. Didi Neidhart hat ein Interview mit den beiden geführt.

APNOA versteht sich als eine 2013 gegründete „Audiovisual Collaboration“. Worum geht es dabei konkret und wie ist das Verhältnis zwischen dem Visuellen und dem Auditiven in Ihren Arbeiten?

APNOA: Wir haben uns während des Studiums in Salzburg kennengelernt und nach kurzer Zeit festgestellt, dass viele sich überschneidende Interessen, Ideen und potenzielle Konzepte vorhanden sind. Wir experimentierten in dieser Zeit mit Ambisonic-Kompositionen [„Multichannel Sound“; Anm.] in Verbindung mit generativen Visuals. Das Ergebnis war dann unsere erste gemeinsame Performance: APNOA Synesphere. Während wir beide bei Praktika in München bzw. Berlin waren, beschlossen wir – angeregt durch die Möglichkeit bei einer Ausstellung in München [„Big Data Art“; Anm.] mitzuwirken – eine konkrete Kollaboration, namentlich APNOA ins Leben zu rufen.

Die Prämisse hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem Visuellen und dem Auditiven bestand von Anfang an darin, eine dialogische Interaktion zwischen den beiden herzustellen. Das ist per se natürlich noch keine besonders innovative Idee. Das Besondere an dieser Art von kreativer Zusammenarbeit ist jedoch die Manifestierung der individuellen Persönlichkeiten und ästhetischen Präferenzen in einer multisensorischen „Sprache”, die sich im besten Falle verselbstständigt.

Das heißt, dass die Visuals nicht als ergänzendes nice to have zum Sound wahrgenommen werden – oder umgekehrt –, sondern dass beide Ebenen existentiell miteinander verwoben sind. Wenngleich es für uns definitiv ein AV-Projekt ist, bleibt „audiovisuelle Kollaboration“ trotzdem irgendwie ein Unwort und greift bei manchen Projekten von uns auch zu kurz. Vor allem in unseren installativen Arbeiten spielen Konzept, Research und eine Herangehensweise, die an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt ist, wesentliche Rollen.

So kooperieren wir fallweise auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wie zum Beispiel mit Herbert Formayer vom Meteorologischen Institut der BOKU Wien bei unserer Performance/Installation „Xenotopia“ [Uraufführung: ISMAR Festival for Augmented Reality, Fukuoka, 2015; Anm.], deren numerisches Ausgangsmaterial im Wesentlichen ein wissenschaftlich einwandfreier klimatologischer Datensatz ist. Des Weiteren arbeiten wir oft mit Tänzerinnen und Tänzern, Schauspielerinnen und Schauspielern, Kameraleuten etc. Im Kern geht es aber immer um audiovisuelle/ multisensorische Narration.

Installative „Medienkunst“, wie sie von APNOA gemacht wird, gibt es grob gesagt seit Fluxus und hat mit Leuten wie Valie Export, Peter Weibel und Station Rose ja auch seit den 1960ern international bekannte Vertreterinnen und Vertreter aus Österreich. Dabei geht es auch immer um künstlerische Interventionen mit, anhand oder wegen neuer Technologien. Wie schwer ist es eigentlich, dabei technisch-technologisch up to date zu bleiben? Oder ist es gar nicht so wichtig zu wissen, ob es nun neben Twitter oder Tinder noch andere Kommunikationsplattformen im Netz gibt?

APNOA: Das Rad wird ja bekanntlich nicht alle zwei Jahre neu erfunden und ich glaube, manche praktisch-künstlerischen Konzepte, in etwa die Auseinandersetzung mit und die kritische Analyse von Implikationen von Technologie bezüglich der Konstruktion von individuellen und kollektiven Realitäten, ändern sich im Wesentlichen nicht wirklich. Was sich allerdings ändert, sind technologiespezifische Gegebenheiten, und das führt zwangsweise auch zu einer Anpassung der künstlerischen Fragestellungen.

Zum Beispiel hat Brecht im Aufkommen des Radios ein dialogisches Potenzial gesehen, was allgemein mit einem gesellschaftlichen Mehrwert in Zusammenhang gebracht wurde. Diese These hat sich historisch betrachtet wohl als künstlerische Utopie herausgestellt. Dialogische Aspekte können heute in den erwähnten (a)sozialen Netzwerken beobachtet werden, ich bin mir aber nicht so sicher, ob diese Ausformungen Brechts Gedanken widerspiegeln.

Die Installation „RealFakeFakeNewsBot“ ist jedenfalls Teil eines mehr oder weniger dialogischen Netzwerks. Uns interessieren mehr diese grundlegenden Veränderungen in Kommunikationsstrukturen, als ob nun diese oder jene Internetplattform aus diesem oder jenem Grund aktuell Zulauf hat. Twitter kann man heute allerdings wohl als eines der einflussreicheren Netzwerke im politischen Sinne betrachten. Es ist für uns jedoch viel wichtiger, digitale Strukturalität an sich zu verstehen und auch darin eingreifen zu können.

Für unsere Arbeiten, die sich wohl auch unter dem Sammelbegriff „digitale Kunst“ subsumieren lassen, sind die Kenntnis von diesen digitalen Infrastrukturen und die Möglichkeit, durch Programmierung eingreifen zu können, von substanzieller Bedeutung.

mora Teaser from APNOA on Vimeo.

Neben Performances in Salzburg, Hallein, Graz und Linz wurden Installationen bisher auch in Fukuoka, München, Lausanne, Prag und Krakau gezeigt. Wie kam es zu diesen internationalen Auftritten?

APNOA: Diese wertvollen Erfahrungen auf internationalen Festivals kamen durch einen individuellen Mix aus persönlicher Motivation, Arbeitseifer und Vertrauen von Mentorinnen und Mentoren, Kuratorinnen und Kuratoren sowie Veranstalterinnen und Veranstaltern zustande. Nach und nach kann man natürlich auch gewisse Erfahrungen und Projekte vorweisen, was tendenziell die Chancen erhöht, zu spezifischen Events eingeladen zu werden.

Ihr Projekt nennt sich „a robotic audiovisual installation“. Was kann bzw. soll man sich darunter vorstellen?

APNOA: Das roboter- bzw. bothafte Naturell der Installation erschließt sich aus den prozessindividuellen Eigenschaften des Systems, die – zumindest – eines gemeinsam haben: in charakteristisch algorithmischer Art und Weise sowohl in der physischen als auch in der virtuellen Ebene prozessual Task für Task abzuarbeiten, und das mit einer durch und durch emotionslosen Methodik, welche technischen Systemen dieser Art immanent innewohnt. Grundsätzlich reiht sich diese Installation in eine Serie ein, die man auch als talking sculptures bezeichnen kann. Wie auch in der Arbeit „bias“ [2013, 2017; Anm.] liegt textuelles Ausgangsmaterial vor und die Installation „spricht“, was sie „denkt“.

Ein Ansatz ist ja, aus Fake News durch eine „Poetic Methodology“ neue Inhalte bzw. „Real Fake Fake News“ zu generieren. Wie geht diese Transformation vonstatten und wie erkenne ich dann den Unterschied zwischen „Fake“ und „Real Fake Fake News“?

APNOA: Diese „Poetisierung“ von Fake News ist nicht als romantisch verklärter Transformationsprozess mit Fokus auf der „schönen Sprache“ zu verstehen, sondern vielmehr als radikale Dekonstruktion des linguistischen Ausgangsmaterials und einer anschließenden Konstruktion der zu generierenden Inhalte – und potenziellen Bedeutungsebenen – nach strukturell-poetischen Gesichtspunkten.

Der Transformationsprozess findet in mehreren Schritten statt. Das Ausgangsmaterial wird mit entsprechenden Textanalyse-Tools ausgelesen und nach Methoden der Wahrscheinlichkeitsaussage – wie u. a. von Markov Chains vorgestellt – und der Einbeziehung von poetischen Strukturen neu zusammengesetzt, durch Text-to-Speech-Synthese ausgelesen und auf das RealFakeFakeNews-Twitter-Profil [https://twitter.com/rffnbot; Anm.] hochgeladen.

Ein Grundthema der Installation ist ja die Manipulation der öffentlichen Meinung. Wie sehr können hierbei Medienkunst bzw. audiovisuelle Installationen jenseits von Gemeinplätzen – wie „Alle Kunst ist politisch“ – Resonanzräume eröffnen, in denen sich jenseits des Ästhetischen das „Politische“ im Sinne eines über die Gesellschaft Reflektierenden/Handelnden überhaupt ereignen kann? Braucht es da gewisse Vorkehrungen, Einbettungen etc.?

APNOA: Es braucht natürlich einen umfassenderen gesellschaftlichen Diskurs bzw. den – persönlichen – Einsatz von Fachleuten aus verschiedenen Professionen und vor allem zivilgesellschaftliche Bemühungen, um so etwas wie „Politik“ zu generieren. Eine Installation oder auch Kunst im Generellen kann da allein wenig ausrichten. Was Kunst leisten kann, ist, einen Diskurs anzuregen, etwa mit dem Mittel der Übertreibung, wie in diesem Fall. Darüber hinaus können mitunter wenig beachtete Perspektiven in den Mittelpunkt gestellt werden.

Für uns ist es wichtig, dass diskursives Potenzial zwischen den Zeilen einer übergeordneten Message oder Thematisierung einer Arbeit versteckt ist. Populistische Analysen und idealisierende Manifeste sind Teil des alltäglichen politischen Geschehens. Dieser Rhetorik kann sich die Kunst entledigen. Wir wollen einen demokratischen Zugang zum Inhalt eröffnen und unser künstlerisches Schaffen eben als Katalysator für gesellschaftliche Diskurse nutzen. Das impliziert vor allem eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Akteurinnen und Akteuren aus Bereichen der empirischen, intellektuellen und phänomenologischen Wissenschaften und dem öffentlichen Geschehen.

Das bedeutet nicht, dass wir uns vor einer politischen Meinung, Stellungnahme oder Positionierung drücken. Aber lebt ein konstruktiver Dialog von diplomatischer Kommunikation? Medienberichte zeigen uns tagtäglich, wie uns die Welt um die Ohren fliegt, und zeitgenössische politische Kunst greift eben diese Themen gern auf und will Lösungen bieten in Form eines „RESIST“-Banners über dem Weißen Haus oder einem Drucker in einem Hotel in Istanbul. Die inhaltliche Diskussion in der Öffentlichkeit endet meist mit ihrer Medienpräsenz. Das bloße Empören mündet also in einer Sackgasse. Die politisch motivierte documenta in Athen beispielsweise ändert offensichtlich auch nichts an der politischen Lage in Griechenland in all ihren Facetten.

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„F for Fake“ ist der letzte, 1974 fertiggestellte Film von Orson Welles, dessen Radio-Adaption von „War of the Worlds“ aus dem Jahr 1938 ja auch in Ihrer Projektbeschreibung erwähnt wird. Jetzt sind die Fake News von Welles ja von anderer Beschaffenheit und stellen auch andere Fragen als jene von z. B. Donald Trump. Würden Sie sagen, dass Diskurse um „Fakes“ im Kunstkontext mitunter auch positive Effekte – à la „Was ist echt, original etc.“ – haben können?

APNOA: Die Frage der Echtheit oder der Wahrheit ist wohl eine durchaus konstruktivistische, an deren Ende man wohl Platos Höhlengleichnis findet. In einer nicht ganz so weitgehenden Analyse sind wir uns nicht so ganz sicher, welche positiven Effekte durch Kunst bedingt zutage treten können. Es ist wohl zumindest auch eine Frage der Rezeption. Generell ist Kunst ja auch Fake, sie ist künstlich, artifiziell, die allerdings ebenfalls Potenziale aufweist, Implikationen auf Realitäten haben zu können.

Digital Spring ist ja quasi ein Nachfolgeprojekt des Salzburger Medienfestivals basics. Sie beide haben ja auch auf der FH Puch-Urstein „MultiMediaArt“ studiert. Wie sehen sie die Situation von Medienkunst in Salzburg? Gibt es neben solchen Festivals Möglichkeiten für Präsentationen oder zum gegenseitigen Austausch?

APNOA: Es gibt in Salzburg einige gute Netzwerke, die uns in dieser Hinsicht sehr geholfen haben. Die Schmiede Hallein war für uns so was wie ein Ausgangspunkt und wir haben dort viele gute Kontakte kennengelernt, von denen viele zu Freundinnen und Freunden sowie und Weggefährtinnen und -gefährten wurden. Die Medieninitiative subnet bietet mit vier residencies im Jahr Zeit und Raum zur Entwicklung von Projekten, auch die Kooperationen mit dem Center for Human-Computer Interaction (HCI) der Uni Salzburg sind interessant.

In unseren Tätigkeiten wurden wir auch von unserer Hochschule [FH Puch-Urstein; Anm.] unterstützt. Mit dem jährlichen Festival Creativity Rules in Hallein gibt es von dieser Seite eine attraktive Möglichkeit der öffentlichen Präsentation. Außerdem gibt es immer wieder Initiativen von Studierenden, wie etwa das Masterprojekt „disposed“, welches sich der Leerstandnutzung von interessanten Lokalitäten verschrieben hat und unserer Meinung nach sehr erfolgreich war bzw. ist.

Man könnte natürlich vonseiten der Stadtregierung noch einige weitere Optionen eröffnen, Potenzial wäre vorhanden. Nicht minder erwähnenswert ist die Galerie 5020, die neben dem regulären Ausstellungsbetrieb mit 5020 Performing Sound auch ein innovatives, mittlerweile über Salzburg hinaus bekanntes Veranstaltungsformat etabliert hat.

Wie finanzieren Sie eigentlich Ihr Projekte?

APNOA: Die Finanzierung der Projekte ist individuell recht unterschiedlich. Vor allem Installationen sind in unserem Fall meist kostenintensiv und langwierig in der Vorbereitung. Wir sind sehr dankbar für das Arbeitsstipendium für Medienkunst des Landes Salzburg, welches in diesem Fall auch die Arbeitszeit finanziell abdeckt. Dies ist allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Wir wurden in der Vergangenheit von verschiedenen Institutionen und Einrichtungen finanziell und/oder strukturell unterstützt, darunter Creative Europe (EU), UNESCO, Austrian Culture Forum. Natürlich ist auch ein politischer Wille vonnöten, öffentliche Mittel für diskursive Medienkunst bereitzustellen. Subjektives Sicherheitsgefühl entsteht ohnehin durch eine kulturelle Gemeinschaft und nicht durch noch mehr Polizistinnen und Polizisten auf Pferden.

Gibt es schon Überlegungen für Zukünftiges?

APNOA: Das wohl umfangreichste Projekt für 2018 ist unser Debütalbum, dessen Release für Ende des Jahres geplant ist. Wir haben über die Jahre einiges an Material angesammelt und dieses gilt es nun in Form zu bringen. Darüber hinaus sind bereits einige Festivals fixiert, wobei wir uns in nächster Zeit vorrangig auf performative Arbeiten konzentrieren werden und ein neues Live-Set-up entwickeln wollen.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Didi Neidhart

digital spring festival 2018 „Transhumanism“
13.-18.3.2018
Programm

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ARGEkultur Salzburg
digital spring 2018