Aivery (c) Tina Bauer

„Für uns war auf jeden Fall klar, was wir nicht machen wollen“ – AIVERY im mica-Interview

Eine Band, die auf ganz nostalgiebefreite Art dem Grunge-Sound der alten Tage auf aufregende Weise neues Leben einhaucht. AIVERY – das sind die Sängerin und Gitarristin JASMIN MARIA RILKE, die Drummerin DORIS ZIMMERMANN und die etwas später zur Band gestoßene Bassistin und Sängerin FRANZISKA SCHATZ – zeigen sich auf ihrem Full-Length-Debüt „Because“ (Siluh Records) als ein Trio, dem es auf überaus spannende Weise gelungen ist, den eigenen Sound fern des Pop zu finden. Die Band im Interview über die eigenen musikalischen Vorstellungen, die Entwicklung des eigenen Stils und die Art, wie die Songs entstehen. Die Fragen stellte Michael Ternai.

Anfang September erschien mit „Because“ das Full-Length-Debüt von Aivery. Musikalisch beschreiten Sie in Ihren Nummern einen Weg, der irgendwo zwischen Grunge, Noise und Punk durchführt. Das Schöne ist, dass Sie dabei weder oldschool oder irgendwie nostalgisch verklärt klingen und wirklich eine eigene authentische Note in die Geschichte hineinbringen. Wie würden Sie selbst Ihre Musik beschreiben?

Aivery: Vielschichtig und durchdacht. Ein wenig dark. Wir sind alle drei verschieden und es kommt regelmäßig vor, dass ausgehandelt werden muss, in welche Richtung bestimmte Teile in einem Song verändert werden. Das hört man im Endeffekt auch. Musikalisch orientieren wir uns nicht an irgendwem anderen. Wir wollen nicht so klingen wie irgendetwas, was schon 20 Jahre alt ist. Wir machen einfach das, was wir selbst spannend finden. Das heißt jetzt aber auch nicht, dass wir das Rad neu erfinden wollen. Wir machen einfach unser eigenes Ding.

Man kann sagen, dass wir schon alleine instrumental eine klare Antiposition zum kommerziellen Pop praktizieren“

Gegründet hat sich die Band in den frühen 2010er-Jahren. War Ihnen von Anfang an klar, wohin es musikalisch gehen soll? Oder haben Sie Ihren Sound erst finden müssen?

Aivery: Für uns war auf jeden Fall klar, was wir nicht machen wollen. Man kann sagen, dass wir schon allein instrumental eine klare Antiposition zum kommerziellen Pop praktizieren. Beim Gesang kann man darüber aber schon auch streiten. Franziska, die auch singt, hat ja immer schon auch viel Pop gehört. Und zwar auch die peinlichen Sachen von heute, einfach weil sie sich gerne wirklich alles anhört. Und das hört man wahrscheinlich schon etwas durch. Ihr war das zu Beginn aber auch etwas unangenehm, weil sie nicht wirklich wusste, wie man sich in einer „harten“ Band verhält. Sie wurde auch immer wieder darauf angesprochen, meist von Typen. Sie hat ein bisschen gebraucht, um in diese Rolle hineinzuschlüpfen. Heute ist ihr das aber total egal. Mittlerweile zeichnet es uns als Band auch aus, dass der Gesang so off dem ist, was man erwarten würde, wenn man die Intros der Songs hört.

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration?

Aivery: Inspiration ist irgendwie ein schwieriges Wort. Man kann vielleicht sagen, dass das, was da in Form von Songs aus uns entsteht, ganz einfach genau die Musik ist, die wir alle drei selbst gern hören würden. Unsere Nummer passieren halt einfach so.

War die Liebe zum Grunge-Sound der frühen 1990er-Jahre eigentlich immer schon da?

Aivery: Ja, auf jeden Fall. Wir tauschen uns über diesen Sound auch viel aus. Franziska ist als die Jüngste von uns etwas später zum Grunge gestoßen. Der Rest der Band hat ihr diesbezüglich doch einiges gezeigt. Im Endeffekt ist es so, dass wir diesen Sound eigentlich immer gemocht haben.

„Der Entstehungsprozess gestaltet sich bei uns schon ein bisschen langwierig“

Wie und wie schnell entstehen bei Ihnen die Songs? Wie lange haben Sie an Ihrem Debüt gearbeitet?

Aivery: Lang. Ein Teil der Songs war schon länger fertig, aber es gab auch ein paar, die erst in der Woche, in der wir aufgenommen haben, fertig geschrieben wurden. Für das Album haben wir auf jeden Fall alles überarbeitet. Der Entstehungsprozess gestaltet sich bei uns schon ein bisschen langwierig. Aber das ist auch gut so. Zwei von uns, Jasmin und Franziska, sind ja große Fans von vielschichtigen Strukturen. Und solche wirklich gut hinzubekommen, nimmt halt eine gewisse Zeit in Anspruch.

Etwas, was auf „Because“ durchwegs spür- und hörbar ist, ist eine gewisse rebellische und unangepasste Haltung gegenüber dem nicht nur musikalischen Mainstream. Es wirkt, als ob Sie, ohne irgendwie nach links oder rechts zu blicken, einzig und allein Ihr Ding durchzögen und es Sie nicht wirklich kümmern würde, was andere sagen. Trifft das zu?

Aivery: Schön, dass das so rüberkommt. Wir wollen sicher nicht total naiv wirken, wie viele es tun. Auf so ein „durchinszeniertes“ Image, das vor allem in den sozialen Medien von vielen praktiziert wird, wollen wir eigentlich ganz verzichten. Die Musik ist uns da dann doch das bedeutend Wichtigere.

Aivery (c) Tina Bauer

Welche Themen, machen Sie in Ihren Texten zum Inhalt? Was beschäftigt Sie? 

Aivery: Die Texte stammen eigentlich von uns dreien, wobei für das Album die meisten Texte Franziska geschrieben hat. Ihr ist es wichtig, dass sie nicht nur irgendwelchen anderen Menschen ihre Texte „widmet“. Da ist sie sehr nach innen gekehrt. In ihren Texten geht es viel um Angst und ein bisschen um Realitätsverlust, also um Dinge, die sie versucht, mit den Texten zu verarbeiten.

Spielt bei Ihnen auch Politisches eine Rolle?

Aivery: Natürlich!

Im September ging es mit dem Debüt auf eine ausgedehnte Tour durch Deutschland und Österreich. Das hört sich sehr fein an. Eine Tour aufzustellen, stellt vermutlich kein leichtes Unterfangen dar, oder?

Aivery: Ganz ehrlich: Das ist für eine so kleine Band super anstrengend. Niemand hilft dir. Und wenn du die Leute fragen würdest, wieso sie dich nicht unterstützen, würden dir viele wahrscheinlich sagen, dass du eigentlich einfach damit aufhören sollest, weil es nichts bringt und es eh schon sooo viele Bands gibt. Aber man macht es dann einfach, weil zumindest eine Person so vertrottelt ist und das unbedingt durchziehen möchte. 

Michael Ternai

Aivery live
13.10. Sargfabrik, Wien

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Siluh Records