„Für mich ist es wichtig, immer wieder neue Wege zum Einfachen zu finden“ – Elsa Steixner (ELSA) im mica-Interview

Das zweite Album „JUMP!“ der Band ELSA (Elsa Steixner, Jakob Lang, Julian Bazzanella, Daniel Louis) erscheint am 25. April und es ist keines, das sich in Schubladen stecken lässt. ELSA bewegen sich auf dem Album zwischen Mut und Angst sowie Neugier und Zweifeln. Gefühle, die allesamt mit einem Sprung ins Ungewisse enden. Mit freien Soundstrukturen und einer Vielzahl an Instrumenten kreiert die Band Melodien, die sich dem Jazz mit einer eigenwilligen Moderne annähern, ohne seine Zeitlosigkeit in Frage zu stellen. Sängerin und Head of Project Elsa Steixner erzählt im Interview vom Mut zu Veränderung, dem Komponieren als Gefühlskompass und ihrem gespaltenen Verhältnis zur Ukulele.

Euer neues Album „JUMP!“ erscheint Ende April. Und ich finde, es klingt sehr nach Frühling. Wie ein New Beginning.

Elsa Steixner: Echt? Ich finde es immer total spannend, solche Wahrnehmungen von außen zu hören. Über die New Beginnings habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber es kann schon sein, dass das drinsteckt. Das erste Album ist so ein bisschen eine Sammlung an Songs, die ich bzw. wir zu der Zeit geschrieben und mehr oder weniger unter Eigenregie aufgenommen haben. Das jetzige Album ist zum ersten Mal mit einem Produzenten gemeinsam aufgenommen, DAVID FURRER, dadurch war das schon etwas Neues. Und im Gegensatz zum letzten Album habe ich bei diesem die Songs nicht fertig mitgebracht, sondern Einige sind auch einfach beim gemeinsamen Jammen entstanden.

Wie ist das eigentlich, ihr seid ja nicht alle aus Wien, oder?

Elsa Steixner: Nein. Wir leben alle seit Anfang unserer Bandgeschichte in einer Fernbeziehung. (lacht) Als wir die Band gegründet haben, haben drei von uns in den Niederlanden gewohnt und einer in Wien. Mittlerweile wohnen drei in Wien und einer in den Niederlanden. Wir haben also noch nie alle am selben Ort gewohnt. Julian und Daniel kommen aus Deutschland, wir drei haben uns beim Studium in Holland kennengelernt. Der Jakob ist aus Wien und wir kannten uns noch von früher. Das ist alles sehr organisch entstanden.

Wie funktioniert diese Band, wenn ihr an unterschiedlichen Orten lebt?

Elsa Steixner: Wir touren zum Glück relativ regelmäßig, und da ist es meistens so, dass wir uns treffen und proben, bevor wir auf Tour gehen, entweder in Wien oder in den Niederlanden. Danach fahren wir direkt auf Tour. Wir sehen uns und proben in Blöcken. Da sieht man sich mal sechs Wochen nicht und dann sieht man sich wieder eine Woche sehr intensiv, wo dann einfach sehr viel entsteht.

„UNSER PUBLIKUM IST IRGENDWIE ALTERSLOS, WAS MICH SEHR FREUT“

Bild der Musikerin Und sängerin ELSA
ELSA © Clara Grillmaier

Ihr seid gigtechnisch sehr weit vertreten, neben Österreich spielt ihr eben auch viel in Deutschland und den Niederlanden. Wie unterscheidet sich da das Publikum?

Elsa Steixner: Man kann es nie so pauschalisieren, aber ich bin oft angetan vom holländischen Publikum. Ich habe das Gefühl, da ist eine sehr große Offenheit und Begeisterungsfähigkeit da. Grundsätzlich haben wir eine sehr offene und interessierte Fanbase, die sich unabhängig von der Herkunft als solche zeigt. Ehrlich gesagt, so groß sind die Unterschiede gar nicht. Was mir aber auffällt, zum Beispiel in Holland, wo es halt klarer ist, dass alle sehr gutes Englisch sprechen, wird auf die Texte teilweise noch mehr eingegangen. Das merke ich in der Reaktion des Publikums, dass da oft mehr zurückkommt.

Im mica-Interview 2023 hast du gesagt, dass du noch herausfinden möchtest, wo genau es die Leute gibt, die eure Musik gerne hören. Hast du das mittlerweile herausgefunden?

Elsa Steixner: Wir verändern uns und probieren aus, deshalb findet auch beim Publikum Veränderung statt, glaube ich. Unser Publikum ist irgendwie alterslos, was mich freut. Wenn man die Musik grob mit Jazz betiteln würde, würde man wahrscheinlich davon ausgehen, dass es eher ein älteres Publikum anspricht. Aber ich habe 18-Jährige gesehen, die sich damit identifizieren können, genauso aber auch 80-Jährige, die davon sehr begeistert sind. Vom Marketing-Aspekt her braucht es ja immer eine Target-Audience – die könnte ich jetzt tatsächlich nicht klar benennen. Was mich als Künstlerin allerdings eigentlich eher freut – denn ich finde jede*r der/die das möchte, sollte einen Zugang dazu finden können. Ich will keine Musik für eine bestimmte Menschengruppe schreiben. Man braucht einfach eine Offenheit zum Hinschauen und Hinhören. Das ist etwas, wo ich denke, das eint die Menschen, die unsere Musik hören.

„MUSIK VERRÄT MIR, WIE ES MIR GERADE GEHT“

Ihr bearbeitet auf diesem Album eine Vielzahl an Gefühlen – Mut, Neugier, Sehnsucht, Zweifel. Arbeitet ihr in diesem Kontext die Gefühle ab oder kommen sie im Laufe der Musik eher dazu?

Elsa Steixner: Ich habe eigentlich immer das Gefühl, Musik verrät mir, wie es mir gerade geht. Es ist nicht unbedingt so, dass ich was spür und dazu dann aktiv Musik schreibe. Ich schreibe eher Musik, höre mir das nachher an und bin dann so “Ah, okay, so geht es mir gerade”. Für mich ist es etwas total Wertvolles, dass, egal wie chaotisch es gerade ist, ich bei der Musik merke, welche Stimmung da ist und raus muss. Es gibt Gefühle, für die gibt es gute Ventile im Alltag – Spaß, Freude, Wut, alles, was so ein bisschen lauter und gesellschaftlicher ist. Die introspektiven Dinge, die vielleicht für mich selber nicht so klar einzuordnen sind, die finden dann ihren Ort in der Musik. Auch das Eingeständnis, dass da auch Gefühle sind, vor denen man vielleicht Angst hat. Da muss man dann auch mutig sein, das zu akzeptieren und quasi die Welt daran teilhaben zu lassen.

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„JUMP!“ steht für den Sprung ins Ungewisse. Was waren deine persönlichen letzten Jumps?

Elsa Steixner: Ich glaube, ich habe kurz vor der Matura und in den Anfängen meiner 20er sehr viele solcher Jumps gemacht. Ich bin direkt nach der Matura ohne Plan ins Ausland gezogen, war für ein paar Monate in Tel Aviv und habe dort gejobbt. Im Nachhinein denke ich mir, mutig, dass ich das gemacht habe. Ich bin dann zurückgekommen, habe Politikwissenschaften studiert, wollte aber eigentlich gerne Musik machen. Ich wollte Musik studieren und bin dann nach Leipzig gegangen, um dort einen Vorbereitungskurs zu machen, auch ganz ohne Netzwerk. Von dort bin ich nach Holland gezogen und war dort vier Jahre, also das waren alles große Unbekannte in meinem Leben, denen ich gefolgt bin, ohne da groß was anzuzweifeln. Ich finds schön, dass ich diese Freiheit da so gespürt hab. Ehrlich gesagt, wenn du mich so fragst, muss ich für mich selbst zugeben, dass es vielleicht ein bisschen her ist, dass ich so einen Jump gemacht habe. Vielleicht ist das gerade ein kleiner Aufruf an mich selbst, mal wieder so einen Jump zu machen – was auch immer das dann bedeutet. Aber sich irgendwie drüber zu trauen und etwas zu machen, was Veränderung mit sich bringt.

Fehlt dir das ein bisschen, dieses „Ich“ vor ein paar Jahren?

Elsa Steixner: Das ist hart sich das einzugestehen, aber ich glaube manchmal ja. Diese “Einfach machen”-Mentalität, das ist etwas, was ich in diesen Jahren sehr stark hatte. Eigentlich ist das ein großer Teil von mir und hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Vielleicht muss ich sowas mal wieder tun. Ich sehe sowas oft erst ein paar Jahre später, wo ich mutig war und wo nicht. Vielleicht dauert es auch jetzt wieder ein paar Jahre, dass ich sehe, was das für einen Mut erfordert hat, etwas Neues zu machen und auszuprobieren. Aber diese Jahre der Reflexion sind genauso wichtig wie das Machen per se, also das passt schon.

„ES IST EIN SCHMALER GRAT FÜR MICH ZWISCHEN EINER NEU GEWONNENEN OFFENHEIT UND DES TROTZDEM BEI-SICH-BLEIBENS“

Wenn du sagst, du hast in den letzten Jahren Veränderungen durchlebt – empfindest du die auch in deiner Musik? 

Elsa Steixner: Ja, definitiv. Es ist ein schmaler Grat für mich zwischen einer neu gewonnenen Offenheit und des trotzdem bei-sich-Bleibens. Es ist ein großer Wunsch von mir, offen für Neues zu sein, dann gibt es aber trotzdem Momente, wo ich mich frage: “Habe ich mich jetzt zu weit von mir selber entfernt?”. Früher gab es sowas wie Post Production für mich nicht, es gab Instrumente, die man vor Ort spielen kann, und die Stimme – das wird aufgenommen, that’s it. Jetzt durch die Arbeit mit dem Produzenten und so eröffnen sich für mich neue Welten. Das ist für jede/n, die/der so etwas länger macht, ganz klar und logisch, und wenn man von einem Pop/Elektro-Approach ausgeht, sowieso. Für mich – weil ich eben aus dieser akustischen Ecke komme – ist es was Neues gewesen. Aber ich finde es spannend, das dann live zu rekreieren.

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Du spielst ja Ukulele. Kein klassisches Jazz-Instrument.

Elsa Steixner: Absolut nicht. Ich habe überhaupt nichts gegen die Ukulele, aber hätte man mir erzählt, dass ich mal mit Ukulele auf der Bühne stehe, ich hätte gelacht. Das hat sehr wenig mit der Musik zu tun, die ich immer konsumiert habe. Für mich war es einfach ein sehr praktisches Tool. Ich habe mal eine geschenkt bekommen und dann in den Urlaub mitgenommen, weil ich halt kein Klavier mitnehmen kann. Also dachte ich mir “Praktisch, da hat man trotzdem was, worauf man spielen kann”. Man kann damit ja komponieren und das dann auch auf andere Instrumente übertragen. Turns out – viele Dinge, die ich darauf geschrieben habe, haben sich auch am besten auf diesem Instrument bewährt. Mittlerweile settle ich gerade auf die Gitarre um, weil die dann doch mehr kann und mir auch vom Klang besser gefällt, muss ich ehrlich sagen. (lacht) Aber es war sehr schön für mich, durch dieses sehr dankbare Instrument der Ukulele einen Zugang zu Saiteninstrumenten zu bekommen. Die Ukulele war also ehrlicherweise einfach nur meine Annäherung zur Gitarre. Aber die Ukulele hat mir auch insofern Spaß gemacht, weil sie mich zum Experimentieren eingeladen – oder gezwungen – hat. Da gibt es ja vier Saiten und irgendwann haben sich die ausgeklimpert. Dann habe ich angefangen, an den Stimmmechaniken herumzudrehen und die umzustimmen, was einen spannenden Sound ergibt, weil das eigentlich nicht mehr zum Sound der Ukulele passt, aber auch noch immer keine Gitarre ist. So ist das auch bei “Clouds Are Clouds” passiert. Plötzlich war es wieder spannend. Auch, wenn die Harmonien, auf denen das Stück dann basiert, total simpel sind. Aber für mich ist es wichtig, immer wieder neue Wege zum Einfachen zu finden. Ich liebe simple Musik und ich muss mich da immer wieder ein bisschen austricksen, um das auch zuzulassen.

Also simpel bleiben, ohne, dass es langweilig wird.

Elsa Steixner: Ja, vor allem, dass mir selber nicht langweilig wird. Das ist eben spannend, wenn man Zugänge findet durch Instrumente, die man nicht kennt, oder Stimmungen, die man nicht kennt. Plötzlich fühlt ich was, was ich am Klavier, wo ich ja immer sehe, was ich mache, vielleicht langweilig fände. 

Deine Songs könnten auch in den 70ern aufgenommen worden sein. Identifizierst du dich musikalisch mit dieser Zeit?

Bild der Band Elsa
ELSA Band © Jasper Benning

Elsa Steixner: Ich würde jetzt lügen, wenn ich “Nein” sagen würde. Ich weiß aber gar nicht so sehr, woher das kommt. Irgendwann mit 12, 13 habe ich mich hinter YouTube geklemmt und Motown entdeckt und mir gedacht: “Wow, das ist Musik!”. In Wien gibt es die Fledermaus, den Club, und in meiner Teenager-Zeit war ich wirklich jeden Sonntag dort. Da spielt’s halt 60er und 70er Musik und für mich war das damals ein ganz eigenes Universum, in dem man da drin war. Mittlerweile höre ich auch viel mehr Musik, die nicht nur damals stattgefunden hat, aber es ist trotzdem etwas, worauf ich immer wieder zurückkomme. Eben vielleicht auch, weil ich damit meine Jugend verbinde. Weil das Musik ist, die mich schon so früh abgeholt hat. Von Motown ist es dann nicht weit zum Jazz, oder zum Folk/Pop. OTIS REDDING, NINA SIMONE, NICK DRAKE, JANIS JOPLIN All das habe ich einfach wahnsinnig viel gehört. Manchmal versuche ich dagegen zu steuern im Sound, aber ich kann mir vorstellen, dass das trotzdem hörbar ist. (lacht)

„WENN MAN AUS DEM JAZZ KOMMT, HAT MAN EIN BISSCHEN RESPEKT DAVOR, IN SO EINE VERALTETE, VERSTAUBTE ECKE GESTELLT ZU WERDEN“

Wieso möchtest du da dagegen steuern?

Elsa Steixner: Man bekommt immer ein bisschen vermittelt, alles muss ganz „modern“ sein. Am Puls der Zeit. Aber die Dinge wiederholen sich sowieso und etwas zu schaffen, was es so vorher nie gegeben hat, ist kein Anspruch von uns. Und irgendwie kommt grad eh alles wieder hab ich das Gefühl, auch in anderen Genres. Das ist genau das gleiche wie jetzt die Neue Deutsche Welle, die jetzt wieder so am Start ist, das gab es ja auch alles schon mal. Aber gerade, wenn man aus dem Jazz kommt, hat man ein bisschen Respekt davor, in so eine veraltete, verstaubte Ecke gestellt zu werden. Vielleicht muss ich mich dem auch einfach entledigen und sagen “I don’t care”. 

Danke für das schöne Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

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Live:
23.04. Wuppertal, LOCH (DE)
24.04. Pinneberg, Jazz im Foyer (DE)
25.04. Berlin, Panda Platforma (DE)
26.04. Dortmund, Domicil (DE)
27.04. Witten, Jazzclub (DE)
01.05. Nijmegen, Brebl (NL)
02.05. Amsterdam, Teatro Munganga (NL)
03.05. Bielefeld, Bunker Ulmenwall (DE)
06.05. Wien, Porgy&Bess (AT)
13.07. Jazzfestival Regensburg (DE)

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Links:
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