Die Veröffentlichung des neuen Albums von MONSTERHEART mit dem Titel „The New“ (Polkov Records) nahm Itta Ivellio-Vellin zum Anlass, mit der Wiener Sängerin ANNA ATTAR, die hinter MONSTERHEART steht, ein Interview zu führen. Im Gespräch verriet die Musikerin mehr über die Veränderung, die sie selbst durchlebt hat und die auch das neue Album stark beeinflusst hat.
Dein neues Album, „The New”, ist auf Platz 1 der Charts! – Zumindest bei den Austrian Indie Charts (Stand KW3). Noch dazu in interessanter Gesellschaft, nach dir kommen Paul McCartney, The White Stripes, und noch mehr alte weiße Männer. Was sagst du dazu?
Anna Attar: Ja, es ist ur random. Ich habe mich sehr gefreut und fands sehr lustig, vor allem, weil es irgendwie nicht wirklich Sinn macht. Aber trotzdem freue ich mich natürlich.
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„Ich habe jetzt auch viel mehr Reibungspunkte mit Menschen.“
Früher hast du ja dazu tendiert, in deinen Liedern nicht unbedingt eine menschliche Perspektive darzustellen, sondern alle möglichen Kreaturen sprechen zu lassen. Auf diesem Album hat sich das geändert, nicht wahr? Wie kam’s?
Anna Attar: Ja, das hat sich geändert. MONSTERHEART ist jetzt auch eigentlich schon 10 Jahre alt und am Anfang war es für mich so ein kindliches Phantasiekonzept. Ich wollte einfach immer nur Songs mit Charakteren machen, aber ich als Mensch habe mich in der Zwischenzeit einfach weiterentwickelt. Das war halt damals so meine innere Welt. Jetzt bin ich, glaube ich, viel mehr nach außen gegangen und deshalb ist dieses Menschliche ein bisschen mehr mein Ding. Ich habe jetzt auch viel mehr Reibungspunkte mit Menschen. Früher war ich viel auf Friedhöfen und in meinem Kopf, und jetzt bin ich unter Menschen.
Magst du Menschen mittlerweile mehr?
Anna Attar: Ja! Viel mehr. Als Kind habe ich ur viel Universum und so geschaut, und Menschen waren für mich immer so unfair, weil sie bei Tierdokus nicht eingegriffen haben, wenn den Tieren etwas passiert ist. Da war ich halt sehr klein. Aber ich glaub, das kommt eben von da, dass ich diese innere Schutzwand vor Menschen aufgebaut habe. Aber mittlerweile denke ich mir, ist halt Natur.
Natur ist Natur und Menschen sind auch irgendwie legitim. Und teilweise nett.
Anna Attar: Ja [lacht]. Mittlerweile finde ich Menschen auch ur wichtig. Eigentlich das Wichtigste in meinem Leben. Erwachsen werden und so.
Ja? Bist du jetzt erwachsen?
Anna Attar: Erwachsener, vielleicht. Ich glaube, in Wahrheit ist niemand wirklich erwachsen, das ist nur so ein altes Konstrukt. Was heißt auch schon Erwachsensein? Ich habe ein Kind und einen Mann und habe trotzdem nicht das Gefühl, dass ich jetzt angekommen bin. Das Leben ist halt Entwicklung, man ist ja eh nie angekommen. Vielleicht war ich auch nie ein Kind, wer weiß?!
Vielleicht warst du einfach schon immer erwachsen!
Anna Attar: [lacht] Ja, vielleicht!
Bist du stolz auf deine Entwicklung? Musikalisch und menschlich?
Anna Attar: Ja. Ja, ich bin ur stolz. Ich arbeite halt auch viel daran, aber ich habe mich eben sehr entwickelt. Ich war schon ein ziemlich asozialer Mensch und jetzt sehr sozial und das ist eine wichtige Veränderung. Alles ist irgendwie anders.

Aber gut anders.
Anna Attar: Ja, gut anders. Ich bin schlauer geworden, nicht blöder, das hat schon was.
Welche Rolle spielt mittlerweile das Morbide und der Tod?
Anna Attar: Immer noch eine große Rolle. Aber anders. Es ist mittlerweile eher das Bewusstsein. Es geht weniger darum, konkret darüber zu reden, im Sinne von „der Tod ist da blablabla“, sondern es geht eher in die Richtung „Nutz den Tag, mach das Beste draus, sei positiv“. Das ist für mich irgendwie das Resultat, wenn man sich so bewusst mit dem Tod auseinandersetzt, man ist einfach dankbar. Und das ist auch in das neue Album eingeflossen. Auch wenn ich gerade wieder etwas düsterere Lieder schreibe. Das ist halt so der Zyklus im Leben.
„Put a dress on and feel welcome” ist eine Zeile aus dem Titeltrack deines neuen Albums „The New“. Warum ein Kleid?
Anna Attar: Der Punkt war dieses Mann/Frau-Ding und dass Frauen Hosen tragen, aber Männer tragen kaum Kleider, zumindest bei uns. Und für mich ist es so ein Symbol dafür, dass man diese Mann/Frau-Sachen ablegt, also diese Normen ablegt. Man fühlt sich so frei in Kleidern, deshalb „put a dress on and feel welcome“.
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„Ich lasse den Liedern ihre Freiheit und wenn sie so rauskommen, dann kommen sie so raus.“
Auf dem Album gibt es einige Titel, die aus Abkürzungen bestehen – EOTW, LIP und KY – was hat es damit auf sich?
Anna Attar: Ich glaube, die Titel wären mir sonst zu kitschig. Also „End of the World“ ist einfach zu lang, aber „Kiss You“ und „Love is pain“… [lacht]. Es nervt mich tatsächlich schon im Lied selbst, aber irgendwie konnte ich nicht anders. Ich lasse den Liedern ihre Freiheit und wenn sie so rauskommen, dann kommen sie so raus. Aber es ist mir halt ein bisschen unangenehm. LIP ist mir da lieber als „Love is pain“.
GO DIE BIG CITY ist lange her, aber damals warst du eben im Kollektiv, dann solo und jetzt eigentlich mit Band – wie war da die Entwicklung?
Anna Attar: Ich war ja nicht freiwillig allein. Ich hatte schon oft Leute, die mit mir live auf der Bühne standen, für 1, 2 Konzerte. Früher habe aber einfach Musik so produziert, dass sie nur schwer in Bandformat umzusetzen war. Jetzt habe ich bei dem Album absichtlich einen Band-Sound verwendet, also Schlagzeug und Gitarre. Das habe ich auch deshalb gemacht, weil ich endlich live mit Band spielen möchte. Meine frühere elektronische Musik zu „übersetzen“ und für eine Band zu adaptieren funktionierte nicht so gut. Ich wollte aber schon immer eine Band haben. Jetzt habe ich, glaube ich, die ideale Besetzung, aber wir konnten es noch nicht austesten, aber ich bin schon sehr gespannt.
Vielen lieben Dank für das Gespräch!
Itta Ivellio-Vellin
++++
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