Fontarrian im mica-Porträt "Gleichberechtigung im Vordergrund"

Sein Debutalbum „vlv“ veröffentlicht Fontarrian auf dem Berliner Label Antime. Das Werk selbst stellt sich mit repetitiven Schlägen auf die Hi-Hat und einer auf drei Töne reduzierten Baseline vor und lässt den Hörenden im Ungewissen. Sind es die ersten Takte eines Jazzalbums? Kann man demnächst mit einer Stimme rechnen? Wird es noch ein Rocksong oder doch eine Singersongwriter-Nummer? Zwanzig Sekunden später haben sich die Fragen erledigt und man selbst findet sich in einer auditiven Spirale wieder, schließt die Augen, beginnt zu träumen und beugt sich den oszillierenden, synchronitätsverweigernden Sounds, die längst Überhand genommen haben. Denken wird auf später verschoben. Die nächste Stunde gehört der Reduktion, Entschleunigung und Miniaturveränderungen, die das auditive Mikroskop herausfordern.
Sounds für das Ohrenmikroskop

Sounds aus dem Hintergrund schrauben sich langsam aus der Verborgenheit. Dass sie sich, wenn auch nur scheinbar, im Takt geirrt oder in der Time vertan haben, lässt sie ebenso sympathisch wie selbstständig erscheinen. Jeder Song zeigt durch sein redundantes Verhalten Konstanz und suggeriert Geborgenheit in der Unsicherheit fremder Klangästhetik, unbekannter Songstruktur und bunt, wenn auch bewusst, zusammengewürfelter Sounds. Jede einzelne Nummer öffnet Gefühlswelten, setzt Kopfbilder frei und stellt die Summe der Klänge in den Vordergrund. Die Ruhe liegt in der Gelassenheit, darin, nicht nach der nächstem Kick zu suchen, Erwartungen sein zu lassen und anzunehmen, was sich an klanglichem Material an den Ohren vorbeischiebt. So, als würde man sich durch die warmen, von bedrohlich tiefen Frequenzen befreiten Gewässer spülen lassen, immer an der Oberfläche mit der Sonne im Gesicht. Gerade “(d)ou(b)tsider” vermittelt diese Weite und Getragenheit.

Musik, die aus der Schublade springt

Fontarrian komponiert Musik, die der klassischen Definition ihrer selbst geschickt das Bein stellt, indem sie sich als Musik, nicht Noise, nicht Sound gebärdet ohne tradierten Regeln zu folgen. Musik, die aus jeder Genreschublade springt, die Laden selbst öffnet und herauszieht, vermischt, komponiert, was und wie es ihr gefällt. Fontarrian hat sich entschieden, Musik zu machen, die seine ist, die man so schnell nicht wieder findet, ohne den arroganten Anspruch, etwas anderes sein zu wollen. Weder ist sie Unterhaltungsmusik noch eine, die zum Tanz auffordert. Hintergrundmusik kann sie nicht sein, da sie die Hierarchien der Spuren aufbricht und jeder ihren Platz im Vordergrund zuspricht. Als anspruchsvoll lässt sich dieses Album allemal bezeichnen, ein Anspruch allerdings, der sich mit der nötigen Aufmerksamkeit und Offenheit jedem zu erschließen und in jedem viel auszulösen vermag.

Wer Fontarrian live begegnen will, trifft und hört ihn in regelmäßigen Abständen auf den Partys von RDMH, ein Kollektiv, das er gemeinsam mit den Grazer Elektronikurgesteinen M.A.R.S. und Cheever 2013 ins Leben rief. Darüber hinaus kooperiert er mit Letztgenanntem in Purple Kaddish, einem weiteren, ausgesprochen hörenswerten Projekt.

Text: Lucia Laggner

Fotocredits: Zanshin, Paul Pibernig

https://soundcloud.com/fontarrian
http://www.antime.de/fontarrian/
https://itunes.apple.com/at/album/vlv/id826574281