Fast zehn Jahre ist es her, seit KAYO sein erstes Soloalbum „Des sogt eigentlich ois“ veröffentlicht hat. Zuvor hat er sich zum Beispiel einen Namen mit der Linzer Dialektrap-Supergroup MARKANTE HANDLUNGEN gemacht. Auf seinem zweiten Album „Reunion“ (Tonträger Records) hat er den Battlerap gegen persönliche Geschichten und Pop-Beats getauscht. Im Interview mit Benji Agostini erzählt er, welche Ereignisse zu diesem persönlichen Album geführt haben, warum er das Album selber produziert hat und ob es nochmal zu einer Markante-Handlungen-Reunion kommen kann.
Was gab dir den Anstoß, nach neun Jahren dein zweites Soloalbum zu veröffentlichen?
Kayo: Eigentlich kam das durch die kreative Phase, die mich Ende 2019 überkommen hat. Ich hatte immer wieder Ideen für Solo-Songs, aber meistens kam nicht genug zusammen, um einen Release anzudenken. Ich habe mich in den letzten Jahren als Teamplayer sehr wohl gefühlt. Das war auch schon in den Markante-Handlungen-Zeiten so. So etwas wie das Soloalbum entsteht nicht, weil ich es mir als Ziel gesetzt habe, sondern weil mich die Kreativität überkommt.
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„[…] in den Wochen, bevor ich zu schreiben begonnen habe, habe ich jeden Tag vom Musikmachen geträumt.“
Gab es einen Auslöser für die kreative Phase?
Kayo: Nein, nicht wirklich. Die Monate davor war ich ein wenig deprimiert, weil ich wenig Muse hatte. Aber – und das klingt jetzt ein wenig mystisch – in den Wochen, bevor ich zu schreiben begonnen habe, habe ich jeden Tag vom Musikmachen geträumt, es hat sich irgendwie angekündigt. Zuvor habe ich immer gemeint, dass ich nicht weiß, ob ich jemals wieder etwas solo veröffentliche, weil ich von der Inspirationsflaute frustriert war und nicht die Muse hatte, Strophen dafür zu schreiben. Für das kommende TTR-Allstars-Album [TTR steht für Tonträger Records, das Linzer HipHop-Label unter der Leitung von Flip von Texta, Anm.] allerdings schon. Parallel zum Soloalbum habe ich fast alle Parts dafür geschrieben und aufgenommen. Es müssen bei mir einfach ein paar Faktoren zusammenpassen: Die geistige Fitness, um über das alles nachdenken zu können, die Inspiration und natürlich die Zeit, um das alles umzusetzen. Glücklicherweise ist das einen Monat lang sehr gut gegangen. Es ist auch dazugekommen, dass ich beim Musikmachen etwas lockerer geworden bin. Auch wenn mir mal eine Zeile nicht so gefallen hat, habe ich einfach weitergeschrieben und nicht wie früher alles zerdacht und mich selber zensiert.
Warst du sonst immer eher ein Perfektionist?
Kayo: Genau. Mein üblicher Zugang war, dass ich erst zur nächsten Zeile überging, wenn die vorige Zeile die ultimative Punchline hatte. Dafür haben mich sicher auch viele Leute geschätzt, aber das hat mich auch oft behindert. Jetzt nehme ich es einfach, wie es kommt. Ich schaue jetzt mehr auf den ganzen Song und das Musikalische und dementsprechend breit ist mein Stilrepertoire geworden.

„Ich habe mich irgendwann gefragt, was ich mit 41 Jahren zur Jugendkultur HipHop noch beitragen will.“
Diese Selbstakzeptanz spiegelt sich jetzt ja auch in deinen Texten jetzt wider.
Kayo: Stimmt, das kann man so ganz gut zusammenfassen. Darum habe ich auch den Albumtitel „Reunion” letztlich gewählt. Im gleichnamigen Song sage ich in der letzten Zeile: „Hob tramt, i geh auf a Reise und du kummst net mit. Hob tramt i geh auf a Reise und dort find i mi.” Das geht auch mit einem gewissen Alter einher, in dem man sich mit den Themen noch intensiver auseinandersetzt. So etwas ist ein Prozess, der sich über Jahre zieht. Ich fand es spannend, meine Persönlichkeit ungefiltert einfließen zu lassen. Ich habe mich irgendwann gefragt, was ich mit 41 Jahren zur Jugendkultur HipHop noch beitragen will. Eine Rolle zu spielen, die ich nicht bin – das wäre zum Scheitern verurteilt. Mich an zu modernen Sounds anzubiedern – auch wenn ich sie selbst gerne höre -, passt auch nicht zu mir und dann dachte ich mir, dann lass ich erst recht das einfließen, was ich gerade bin und was mich beschäftigt. Wem es gefällt oder nicht gefällt, überlege ich mir im Schaffensprozess aber noch nicht.
Also hast du das Album hauptsächlich für dich als Verarbeitungsprozess geschrieben?
Kayo: Nicht nur. Fast jeder Musiker müsste lügen, wenn er sagt, dass er sich nicht freut, wenn es positive Resonanz gibt oder man viele Leute mit der Musik erreicht. Natürlich ist mir das auch ein Anliegen, sonst bräuchte ich es nicht veröffentlichen. Aber beim Schaffensprozess war es mir zuerst wichtig, meiner Vision gerecht zu werden und erst danach zu schauen, wen das interessiert.
Auf „Reunion” hast du dich fast ganz der poppigen Seite des HipHop verschrieben. Wie kam es dazu?
Kayo: Das steckt einfach in mir. Ich habe in den Neunzigern schon Pop gehört und bin schnell auf einprägsamen Melodien hängen geblieben. Melodien hatte ich beim ersten Album auch schon mehr im Kopf, aber ich habe mich noch nicht getraut, sie umzusetzen. Ich hatte noch nicht das Selbstbewusstsein, mit meiner Stimme in verschiedene Oktaven zu gehen. Es war ein Reifungsprozess, mich mehr zu trauen. Ich habe auch Gesangsunterricht genommen, um zu sehen, ob es nur ein Hirngespinst ist, dass mir coole Melodien einfallen oder ob man mehr daraus machen kann.

Man hört dich auf „Reunion” gar nicht mehr fluchen. War das eine bewusste Entscheidung?
Kayo: Nein, das war nicht bewusst. Ich habe auch beim ersten Album viele Nachrichten von Leuten bekommen, denen es gefallen hat, dass ich nicht so viel schimpfe wie andere Rapper. Ich schätze, dass ich einfach so bin.
„Ich sehe es nicht mehr als primäres Ziel, wacken MC’s zu sagen, wie wack sie sind.“
Es passt zu deinem „weicheren” Rapstil.
Kayo: Das hat damit zu tun, dass ich weniger Battlerap-Songs mache. Das war aber auch keine bewusste Entscheidung, es spiegelt einfach nicht mehr meine Lebensrealität wider. Ich sehe es nicht mehr als primäres Ziel, wacken MC’s zu sagen, wie wack sie sind. Das ist beim ersten Album noch stärker ausgeprägt gewesen, aber es beschäftigt mich nicht mehr im Alltag.
Im Interview mit The Message erwähnst du, dass du nicht mehr so verkopft bist wie früher. Welche persönliche Entwicklung hast du da durchgemacht?
Kayo: Gute Frage. Das sind Prozesse, die sich über viele Jahre ziehen. Da gehört auch die von dir erwähnte Selbstakzeptanz dazu. Je mehr man selber akzeptiert, wie man ist, desto mehr verliert man Ängste, wie andere über einen denken. Man traut sich dann mehr zu zeigen, wie man ist und was man denkt. Dann ist man auch nicht mehr so verkopft und mehr im Sein als im Denken. Zumindest war es bei mir so ein Prozess. Ich bin nicht mehr in der Neurose, sondern mehr im Moment, wie er gerade ist.
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Du hast das Album alleine produziert. War dir das wichtig, weil es so ein persönliches Werk geworden ist?
Kayo: Es war die Konsequenz vieler Dinge, die ich gerade erwähnt habe. Ich bin etwa zur Zeit des ersten Albums aufs Produzieren gestoßen und wie ich gesehen habe, dass ich dabei auch meinen Ansprüchen gerecht werde, war das für mich die logische Konsequenz. Das hat sich über viele Jahre entwickelt. Ehrlich gesagt, habe ich auch die Art der poppigeren Beats, auf die ich gern rappen würde, nicht so viel in meinem Umfeld gesehen. Darauf habe ich mir gedacht, dass ich mir die Beats selber auf den Leib schneidern muss. Darum hat es auch zehn Jahre für das zweite Album gebraucht. Weil meine Produktionen jetzt so weit sind – vor allem auch mit der Hilfe von Flip bei der Hälfte der Songs -, dass ich sagen kann, es ist ein rundes Ding.
Was ist die Geschichte zum Albumcover?
Kayo: Das Album ist sehr schnell entstanden mit vielen Bauchentscheidungen, so auch beim Foto. Der Song „Reunion” stand als erstes und hätte auch ein Song übers Loslassen werden sollen. Der Refrain war schon fertig und ich dachte, dass ich auch die Beziehung, die nach zehn Jahren ein Ende gefunden hat, darin verarbeiten muss. Mit dem fixierten Albumtitel wurde mir dann klar, dass es ein sehr persönliches Album wird und es cool wäre, ein Kinderfoto von mir zu nehmen. Die Entscheidung, das Foto zu verwenden, war auch eine spontane. Das auf dem Foto bin ich und mein Lieblingsonkel aus Belgien – ich bin halb Belgier -, der bis heute noch ein sehr guter Freund ist. Früher war ich alle zwei Jahre in Belgien und ich habe mich über jede Reunion mit ihm gefreut. Darum hat das Foto für mich so gut gepasst.
„In ganz verrückten Momenten, denke ich, wie es wäre, wenn wir jetzt ein zweites Markante Handlungen Album droppen würden.“
Beeinflusst dich deine Zeit bei Markante Handlungen heute noch?
Kayo: Ja, alleine schon, weil ich heute so ziemlich das Gegenteil davon mache, ist es immer noch ein Bezugspunkt. Es beeinflusst mich also indirekt. Abgesehen davon, bekomme ich immer noch Feedback von Leuten, die das sehr geprägt hat. Es poppt immer mal wieder auf, dass ich Bestandteil dieser Gruppe war und in ganz verrückten Momenten, denke ich, wie es wäre, wenn wir jetzt ein zweites Markante Handlungen Album droppen würden. Ich trau mir zwar viel zu und halte viel für möglich, aber das steht dann doch über dem, was realistisch ist. Da trau ich mir noch mehr zu, dass ich mit dem Kroko Jack irgendwann nochmal was mach.
Danke für das Gespräch!
Benji Agostini
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