„Es passiert sehr oft, dass Frauen während Grenzerfahrungen, wie zum Beispiel Geburten, ihre Würde verlieren“ – LITHA im mica-Interview

LITHA ist das neue Solo-Projekt von LISA LURGER, die sich damit dem Genre Swag-Pop, einer Mischung von Pop und Hip Hop, verschrieben hat. Die Debütsingle „Mercy“, die im April 2021 erschien, ließ sofort aufhorchen – sowohl was den Sound angeht, als auch den Text. Inhaltlich werden Grenzerfahrungen einer speziellen Art thematisiert, nämlich die während einer Geburt. Warum das ein wichtiges Thema für LITHA ist, wie das großartige Musikvideo entstanden ist und wie gut es sich mit ANDREAS LETTNER zusammenarbeitet erzählt sie im Interview mit Itta Francesca Ivellio-Vellin.

Worum geht’s in deiner Debütsingle „Mercy“, was bedeutet der Song für dich?

Litha: Es geht um ein Thema mit dem ich persönliche Erfahrungen gemacht habe, nämlich die Fremdbestimmung von Frauen vor, während und nach Geburten im Krankenhaus. Wie da mit Frauen umgegangen wird. Sehr oft passiert es, dass Frauen während solcher Grenzerfahrungen ihre Würde verlieren, egal ob’s im Kleinen oder Großen ist. Es passiert Gewalt, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen, vor allem verbale Gewalt. Es wird über Grenzen gestiegen und Entscheidungen getroffen ohne Frauen miteinzubeziehen. Stress im Krankenhaus, Überforderung des Personals – es gibt einfach nicht genug Ressourcen und Kapazitäten. Der Übel dieser Umstände beginnt dabei allerdings ganz oben auf politischer Ebene.

Kann man sagen, dass du mit „Mercy“ einerseits auf dieses Thema aufmerksam machen wolltest und andererseits dein Trauma verarbeiten?

Litha: Es ist sicher Teil der Aufarbeitung meiner zwei Geburten, aber nicht der wichtigste Grund. Aber meine Verbindung zu dem Thema ist auf jeden Fall in erster Linie die persönliche. Es hat dann einfach ein Feld aufgemacht, wodurch ich in Berührung mit vielen Frauen und deren Geschichten gekommen bin. Geschichten, die so nebenbei erzählt wurden und von denen man geglaubt hat, dass das einfach zur Geburt dazugehört.

Also gab es auch eine sehr positive Resonanz auf „Mercy“?

Litha: Ja, wirklich sehr positiv! Viele Frauen haben mich auch darauf angesprochen und gemeint, dass sie mir sehr dankbar sind, dass ich dieses Thema anspreche. Viele Frauen meinten auch, dass sie nie über dieses Thema reden, weil sie eben dachten, dass solche Erfahrungen einfach dazugehören. Es ist schlimm, dass es da nicht viel mehr Aufstand gibt.

„Mercy“ ist ja deine Debütsingle. Wie bist du zur Musik gekommen? War sie schon immer Teil deines Lebens?

Litha: Ja, ich habe schon immer Musik gemacht, ich habe sehr früh begonnen. In der Jugend ist es dann intensiver geworden – ganz klassisch mit Schulband, und so. Mit Klavier habe ich ursprünglich begonnen. Ich hatte auch einen Opa, der 75 Jahre in einer Blasmusikkappelle gespielt hat, also war Musik immer da. Mit 18 bin ich dann nach Wien gegangen und habe Jazzgesang studiert. Und dann habe ich noch zwei Jahre Instrumental- und Gesangspädagogik angehängt.

Wo unterrichtest du?

Litha: Momentan in erster Linie selbstständig, aber ich habe auch am Jam Music Lab unterrichtet, was ich aber wegen der Kinder pausiert habe.

In welchen Formationen warst du vor deinem Solodebüt unterwegs?

Litha: Die wichtigste Band für mich war eigentlich SUPER CZERNY mit Sixtus Preiss und Georg Kostron.

„‚Mercy‘ ist das, was aus mir aktuell herauskommt […]”

Das war allerdings Techno und Rock – Litha ist da schon ein bisschen anders. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Litha: [lacht] Ja, das ist schon was anderes jetzt! Durch SUPER CZERNY habe ich eigentlich erst zum Songschreiben begonnen. Rückblickend ist die Entwicklung schon spannend. Soul und R’n’B hat mich schon immer sehr interessiert, vor allem, als ich mit meinem Studium begonnen habe. D’Angelo, Jill Scott, Alicia Keys und so, die waren alle meine Heldinnen und Helden. So ist irgendwie die Hip-Hop-Kiste bei mir aufgegangen und ich habe mich da ein bisschen durchprobiert. So hat sich mein Songwriting auch verändert. „Mercy“ ist das, was aus mir aktuell herauskommt – genauso wie die zweite Single, „Tired“.

Bild Litha
Litha (c) Bianca Magenta

Das Genre, in dem du dich bewegst, nennst du ja Swag-Pop. Was verbindest du damit?

Litha: Ich weiß gar nicht, ob es das wirklich gibt, aber das, was ich mache, ist einfach Swag-Pop. Swag war ja einmal so ein Jugendwort, Swagger und so. So ein bisschen Poser-Style [lacht]. Damit beschreibe ich den Hip-Hop-Touch meiner Musik.

Worum geht’s in „Tired“?

Litha: Darum, schwere Entscheidung zu treffen, um aus der Dürre in den Saft zu kommen. Muster aufzubrechen, damit man wieder wachsen kann.

Es ist eine EP in Planung, stimmt das?

Litha: Ja, es entwickelt sich gerade zu einem Album. Ich gehe mal davon aus, dass es Anfang 2022 erscheint.

Bei „Mercy“ hast du ja mit Andreas Lettner zusammengearbeitet. Wie habt ihr euch gefunden?

Litha: Zusammengekommen sind wir so, dass Eva Klampfer [Lylit; Anm.] und ich gemeinsam bei einem Workshop von Kristian Nekrasov waren. Ina Regen war da auch dabei. Da habe ich eben mit Eva gesprochen, dass ich meine Lieder schreibe, aber viel länger brauche, als ich will, um sie in die Form zu bringen, die ich haben möchte. Es ist ein Ziel von mir, mal alles selber zu produzieren, aber ich bin noch nicht so weit. Und Eva sagte dann zu mir: „Naja, frag doch den Andi!“ – und so kam das dann zustande. Eigentlich haben wir mit „Tired“, also der zweiten Single begonnen. Und da habe ich gleich gemerkt, dass er ein extrem toller, wertschätzender Mensch ist. Er hat auch so schöne Ideen und unser Geschmack ist sehr ähnlich.

Wieso wolltest du zuerst „Mercy“ veröffentlichen?

Litha: Es war gerade so aktuell, irgendwie. Es hat sich richtig aufgedrängt. Dann habe ich mir gedacht, dass es eh schön ist, gleich mit einem gesellschaftspolitischen Lied an die Öffentlichkeit zu gehen. Es war mir einfach das größere Anliegen, und dann war eben auch die Idee für das Video da.

Wo wurde das Video gedreht? Wie ist die Idee dazu entstanden?

Litha: Entstanden ist es in der alten Sargfabrik in Wien. Ich habe mich mit der Thematik von „Mercy“ sehr lange und sehr intensiv beschäftigt, weil ich wissen wollte, von welcher Perspektive ich das Thema angehen möchte. Im Text ist die politische Ebene nämlich gar nicht da, da spreche ich in erster Linie das Krankenhauspersonal an. Da fehlt auch die Empathie für das Personal, dass extrem gestresst ist und wesentlich mehr Kolleginnen und Kollegen benötigen würde. Es hat mich dann sehr schnell zum Tanzen als Ausdruck meiner Selbstbestimmung hingezogen. Denn darum geht es ja, dass Frauen selbstbestimmt Geburt erleben. Es hat schon Mut gekostet, ich bin nämlich eigentlich keine Tänzerin. Ich habe es aber gut geschafft, den Kopf einfach auszuschalten. Und die Klebebänder waren dann einfach das Symbol für die Fremdbestimmung, also, dass ich mich in einem Rahmen, der von jemand anderem vorgegeben ist, bewegen muss.

Wird es zu „Tired“ auch ein Video geben?

Litha: Ja! Ein schönes aus dem Schmetterlingshaus.

Vielen Dank für das Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

 „Tired“ erscheint am 25. Juni 2021.

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