„Es liegt uns wirklich am Herzen, etwas für den Nachwuchs zu tun und ihn zu fördern.“ – CHRISTOPH ERTL und VINCENZ EDER (FIAKKA STUDIOS) im mica-Interview

Was als zwei parallele Musikerlaufbahnen in Salzburg begann, hat sich für Christoph Ertl und Vincenz Eder längst zu einem gemeinsamen kreativen Knotenpunkt entwickelt. Während der eine mit Gospel Dating Service und als Christoh aufhorchen ließ und der andere bei Olympique oder Yakata prägende Erfahrungen sammelte, wuchs bei beiden früh das Interesse für die Arbeit hinter den Reglern. Aus dem Bedürfnis heraus, eigene Ideen klanglich präzise umzusetzen, wurden Schritt für Schritt Produzenten, die zunehmend auch andere Künstler:innen begleiteten. 2020 bündelten sie ihre Wege und gründeten die Fiakka Studios – zunächst in einem kleinen Raum im 17. Wiener Bezirk, seit 2024 in einem weitläufigen Studio im Sechsten. Doch die Fiakka Studios sind weit mehr als ein Aufnahmeort: Die beiden schaffen hier einen offenen Treffpunkt für die österreichische Musikszene, mit Workshops, Songwriting-Camps, Residencies, einem Label und Raum für Initiativen, die voneinander lernen und miteinander wachsen wollen. Im Interview mit Michael Ternai sprechen die beiden über die Idee hinter den Fiakka Studios, ihre musikalische Offenheit und die Herausforderungen, die der Produzentenalltag mit sich bringt.

Ihr beide seid ja das klassische Beispiel von Musikern, die im Laufe der Zeit die Seiten gewechselt haben und Produzenten geworden sind. Wie hat das eigentlich angefangen – was hat euch dazu bewogen, Musik zu produzieren?

Christoph Ertl: Vincenz und ich kennen uns schon lange aus der Salzburger Musikszene. Wir sind seit vielen Jahren sehr gute Freunde und waren beide aktive Musiker. Wir haben ungefähr zur gleichen Zeit damit begonnen, uns intensiver mit Musikproduktion zu beschäftigen, und schon viele Jahre, bevor die Fiakka Studios gestartet wurden, darüber gesprochen, ob wir nicht einmal gemeinsam ein Studio eröffnen sollten. 2020 haben wir diesen Traum dann in die Realität umgesetzt.

Vincenz Eder: Unsere Entwicklung von Musikern zu Produzenten verlief sehr parallel. Während der Corona-Zeit 2020, als uns zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen ist und Produzieren in der eigenen Wohnung mühsam wurde, haben wir uns auf die Suche nach einem Raum gemacht, in dem wir beide arbeiten konnten.

War diese Suche nach einem größeren Studioraum von Anfang an mit dem Plan verbunden, nicht nur die eigenen Sachen, sondern auch die Musik anderer Bands zu produzieren?

Vincenz Eder: Ja, auf jeden Fall. Wir wollten von Anfang an mit anderen Künstler:innen arbeiten. Wir haben dann unseren ersten Studio-Space gefunden, in dem neben den Produktionen auch einige Workshops stattfanden. Durch den großen Raum hat sich das angeboten. Die Workshops waren auch eine Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, was bei uns alles passiert und möglich ist.

Christoph Ertl: Das war eine sehr natürliche Entwicklung. Wir haben immer darüber gesprochen, etwas für die Szene machen zu wollen, und wollten so viele Leute wie möglich ins Studio holen, damit sie hier zusammenkommen. Anfangs waren das die Workshops, jetzt sind es die „Question-me-and-Answer“-Residencies, die bei uns veranstaltet werden und in Zukunft sollen weitere Residencies folgen. Wie gesagt, das hat sich über die Jahre einfach so entwickelt. Unser Anspruch ist nach wie vor, so niederschwellig wie möglich zu sein, damit das Studio für Artists, Musiker:innen, Produzent:innen und Songwriter:innen ein  leicht zugänglicher Ort bleibt.

Bild eines Aufnahmeraums in den Fiakka Studios
Fiakka Studios © Paul Vincenth Schütz

Was war eigentlich der Grund aus dem alten Studio im 17. Bezirk hierher in den 6. Bezirk zu übersiedeln?

Christoph Ertl: Einer der entscheidenden Gründe war, dass wir dort nur einen Raum zur Verfügung hatten.Dadurch, dass wir zu zweit sind, war es irgendwie vorhersehbar, dass wir irgendwann an unsere Grenzen stoßen werden. Wir haben einfach mehr Platz gebraucht, weil wir auch parallel arbeiten mussten. Dann sind wir auf die Suche gegangen und sind dann nach ca. einem Jahr auch fündig geworden. Und das Studio ist auch ein echter Glücksgriff. Es ist sehr zentral, man kann 24/7 laut sein. Es gibt also keine zeitliche Beschränkung, so ein Ort ist normalerweise schon recht schwer zu finden.

Auf jeden Fall ist es hier sehr geräumig. Es gibt vier Studios, die auch von anderen Produzentinnen und Produzenten genutzt werden können, um an ihren Projekten zu arbeiten. Außerdem wird hier auch ein Podcast produziert. Ist diese Offenheit ganz bewusst Teil eures Konzepts?

Christoph Ertl: Ja, klar. Wenn ich zurückdenke, haben wir eigentlich immer schon darüber gesprochen, dass wir einen Space haben wollten, in dem man frei und kreativ arbeiten und so viel wie möglich ausprobieren kann. Ich denke, das ist auch die Richtung, in die sich das Ganze jetzt entwickelt – zu einem großen musikalischen Spielplatz.

Vincenz Eder: Genau. Und was wir über die Jahre immer mehr gemerkt haben, ist, wie wichtig so eine Studiogemeinschaft sein kann – um sich gegenseitig zu helfen, zu kooperieren und im Austausch zu bleiben. In der Musikbranche fühlt man sich ja oft auch mal etwas allein gelassen. Da ist es schön, andere Leute um sich zu haben, die dasselbe anstreben.

Wien ist eine große Stadt mit mehreren Studios. Inwieweit ist es schwierig, sich hier zu behaupten und einen Namen zu machen?

Christoph Ertl: Einfach ist es nicht. Aber ich glaube, dadurch, dass wir uns und unserer Idee treu geblieben sind – also, dass wir das Ganze auf unsere offene Art angegangen sind, ohne Ellbogen, war wichtig. Natürlich kann es passieren, dass man irgendwann jemandem nacheifern möchte, vielleicht einem anderen Studiospace. Aber dann ist es wichtig, sich zu sagen: „Hey, wir machen unser eigenes Ding, auf unsere eigene Art und Weise, in unserem Tempo.“ Wir lassen uns dahingehend nicht stressen. Und ich glaube, das ist für eine nachhaltige Entwicklung entscheidend.

Vincenz Eder: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, aber ich denke, den richtigen Ort für das Studio zu finden und sich dabei Zeit zu lassen, ist schon ein entscheidender Faktor. Das beeinflusst dann oft den weiteren Weg und jeder Ort bietet unterschiedliche Möglichkeiten. Dass wir es jetzt so machen, mit vier verschiedenen Räumen, die andere Produzent:innen anmieten können, wäre davor gar nicht Thema gewesen, hätten wir diese Immobilie nicht gefunden.

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Ihr als Fiakka Studios kooperiert auch recht viel mit anderen Vereinen und Organisationen. Mir fällt spontan Question Me & Answer ein. Ich nehme an, das ist der Versuch, noch mehr Leute auf euch aufmerksam zu machen?

Christoph Ertl: Ja, natürlich erweitern solche Kooperationen unsere Community – was super ist. An dem arbeiten wir auch aktiv. Es liegt uns wirklich am Herzen, etwas für den Nachwuchs zu tun und ihn zu fördern. Man muss ja auch fördern, sonst kommt weniger nach. Es muss weitergegeben werden. Das ist auch die Idee hinter den Songwriting-Camps, die wir veranstalten. Die bringen total viel, auch an Kontakten. Und deswegen ist es schön, wenn man so etwas selbst hosten kann.

Könnt ihr mir vielleicht einen Überblick geben, welche Musik hier in euren Studios entsteht? Können wirklich alle hierherkommen? Habt ihr schon eine Klassik-Produktion gemacht? Oder eine Hardcore-Jazz- oder Free-Jazz-Impro?

Vincenz Eder: Genremäßig gibt es bei uns überhaupt keine Grenzen. Es hat hier tatsächlich schon ein paar Klassik-Produktion gegeben. Und von Hip-Hop über Indierock bis hin zu R’n’B war auch schon alles dabei. Es passiert wirklich alles Mögliche hier und wir versuchen jedem Genre gegenüber offen zu bleiben.

Christoph Ertl: Wir haben das Konzept von Anfang an sehr breit angelegt. Sich auf ein einziges Genre zu fokussieren, macht, denke ich, auch nicht wirklich Sinn – vor allem in einer so großen Stadt wie Wien, wo musikalisch so viel passiert. Aber ja, manchmal gibt es Phasen, in denen zum Beispiel mehr Hip-Hop-Produktionen stattfinden. Es wechselt sich immer wieder ab.

Vincenz Eder: Moderne Produktionen nehmen sich auch oft Elemente aus unterschiedlichsten Genres und packen sie in einen Song, da macht es als Produzent:in schon auch Sinn sich generell mit verschiedenster Musik auseinanderzusetzen.

Würdet ihr sagen, dass die Fiakka Studios für einen bestimmten Sound oder eine bestimmte Art von Musik stehen?

Vincenz Eder: Ich glaube, wir beide als Produzenten haben schon unseren eigenen Sound. Aber bei den Fiakka Studios im Allgemeinen – da wird es schwieriger das festzulegen. Mittlerweile arbeiten hier fast 15 Produzent:innen, die oft schon über lange Zeit bei uns eingemietet sind und jede und jeder hat ihren bzw. seinen eigenen Zugang und Stil. Deshalb würde ich sagen, dass die Fiakka Studios insgesamt sehr breit aufgestellt sind.

Christoph Ertl: Ich mache zum Beispiel eher R’n’B-, Hip-Hop- und elektronische Produktionen, während Vincenz in den letzten Jahren mehr im Alternative- und Indie Rock-Bereich gearbeitet hat. Das sind so die Schwerpunkte, die wir beide derzeit abdecken.

Bild eines Aufnahmeraums in den Fiakka Studios
Fiakka Studios © Paul Vincenth Schütz

Was waren für euch die spannendsten Produktionen – nicht unbedingt von den Namen her, sondern jene, bei denen ihr euch selbst herausgefordert gefühlt habt? Oder begegnet ihr jeder Produktion eher pragmatisch?

Christoph Ertl: Der Anspruch ist immer, am Ende das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Auch wenn eine Vorproduktion, die man bekommt, noch unausgereift ist, bleibt das Ziel, soundmäßig einen internationalen Standard zu erreichen.

Vincenz Eder: Was mir spontan einfällt, ist eine Jazz-Produktion mit Matthew Halpin und Veronika Morscher, die wir vor kurzem aufgenommen haben. Das war etwas ganz Neues. In drei Tagen haben sie 20 Songs eingespielt – am ersten Tag noch geprobt, am zweiten und dritten Tag dann aufgenommen. Da musste alles sehr schnell gehen.

Christoph Ertl: Ich habe letztes Jahr das Album von Evan Park gemischt und mitproduziert. Das war für mich etwas Besonderes, weil ich schon lange Lust hatte, etwas mit diesem American-Hip-Hop-Style zu machen. Der Sound war eine echte Herausforderung – das Ziel war, etwas zu schaffen, das international mithalten kann.

Vincenz Eder: Ich glaube, jede Band oder jeder Artist bringt eigene kleine Herausforderungen mit sich. Man ist immer gefordert, das Beste herauszuholen. Oft sind es auch Dynamiken innerhalb einer Band, die man als Produzent:in bewältigen muss.

Anspruchsvolle Dynamiken – das heißt, ihr spielt auch ein bisschen Mediatoren?

Vincenz Eder: (lacht) Ja man muss schon immer wieder Produzent und Mediator gleichzeitig sein.

Christoph Ertl: Genau. Und dann gibt es wieder andere Artists, denen man einfach ein bisschen Sicherheit geben muss – das kann genauso herausfordernd sein.

Ihr orientiert euch qualitativ also am internationalen Sound. Wie schwer ist es, da Schritt zu halten – vor allem technisch? Du hast vorhin gesagt, ein Studio ist ja nie wirklich „fertig“. Was ist die größte Herausforderung, immer am neuesten Stand zu bleiben?

Bild der beiden Produzenten Vincenz Eder & Christoph Ertl in den Fiakka Studios
Vincenz Eder & Christoph Ertl © Paul Vincenth Schütz

Christoph Ertl: Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung – auch deshalb, weil der Markt in Österreich weder besonders groß noch besonders ertragreich ist. Das muss man ehrlich sagen. Das beginnt schon bei den Einnahmequellen der Künstler:innen. Das ist für uns immer wieder ein Thema – zum Beispiel die Radioquote.

Wir fordern eine 50-Prozent-Quote für österreichische Musik im Radio. Darüber möchte ich eigentlich gar nicht mehr diskutieren, weil ich das nicht einsehe. Das hängt nämlich direkt mit dem gesamten Marktvolumen zusammen. Radio ist nach wie vor eine relevante Einnahmequelle – ganz im Gegensatz zu Streaming, das finanziell kaum eine Rolle spielt.

Das ist also schon die erste große Herausforderung: In einem kleinen Markt mitzuhalten. Natürlich kann man versuchen, in anderen Ländern neue Kund:innen zu gewinnen. Aber mit unserem Konzept, das stark darauf ausgerichtet ist, die lokale Szene zu pushen, stoßen wir da an gewisse Grenzen. Die finanziellen Ressourcen sind definitiv ein Thema – vor allem, wenn man unabhängig bleiben und sich nicht von größeren Stellen fremdfinanzieren lassen möchte.

Und dann ist da natürlich auch das Know-how. In den letzten Jahren hat sich da sehr viel getan. Zum Glück gibt es immer mehr Leute, die sich technisch gut auskennen und auf dem neuesten Stand bleiben. Die Kommunikation und der Austausch zwischen Produzent:innen werden auch stetig besser.

Das sind auf jeden Fall zwei große Herausforderungen. Aber es bleibt spannend – gerade weil sich die Technik und die gesamte Musikszene so schnell entwickeln. Man muss immer gut abwägen, welche Investitionen sich wirklich lohnen. Es bringt nichts, wenn man in etwas investiert, das nach zwei oder drei Jahren schon wieder obsolet ist. Und spannend wird es sicher auch, zu sehen, wie sich das alles mit der KI-Entwicklung weiterverändert.

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Christoph, du hast gerade den Begriff KI erwähnt. Wie seht ihr dieses Thema?

Vincenz Eder: Wir tauschen uns viel darüber aus. Wenn man sich keine Gedanken darüber macht, wird man es in der Zukunft wahrscheinlich schwer haben. Man merkt ja jetzt schon, dass immer mehr Tools auf den Markt kommen, die einem im Arbeitsprozess helfen – Dinge, die einem abgenommen werden, Mausklicks, die man nicht mehr selbst machen muss. Und das ist grundsätzlich ja super. Warum nicht?

Aber wenn ich höre, dass manche Leute sich komplette kreative Prozesse von KI abnehmen lassen – also Melodien, Harmonien, Lyrics oder ganze Arrangements vorschlagen lassen – dann frage ich mich schon, wofür man eigentlich Musik macht. All die Dinge, die nach dem Musikmachen kommen – also das Releasen, Social Media betreiben, eine Fanbase aufbauen – ist ohnehin schon extrem schwierig.
Deshalb kann ich es nur bedingt nachvollziehen, wenn man sich kreative Entscheidungen komplett von einer KI abnehmen lässt. Gleichzeitig werden durch KI aber auch völlig neue kreative Tools entstehen – Dinge, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.

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Christoph Ertl: Ich würde mir persönlich den Kern der kreativen Arbeit auch nicht abnehmen lassen. Ich denke, der ideale Einsatz von KI liegt darin, Arbeitsschritte zu übernehmen, die einem Zeit sparen – damit man mehr Zeit für die eigentliche kreative Arbeit hat. Das wäre der Idealfall.
Wahrscheinlich wird sich das alles zunehmend vermischen, und es ist jetzt noch schwer zu sagen, was letztlich wegfallen und was bleiben wird. Ich glaube aber, dass es immer Details geben wird, die eine KI nicht übernehmen kann – einfach, weil man dafür das eigene Gefühl braucht.

Zum Abschluss vielleicht, was sind so die nächsten Produktionen bzw. Releases, die bei euch im Haus stehen?

Christoph Ertl: Bei mir ist gerade das neue Aunty-Album ein großes Thema. Wir haben ja ein kleines Label mit einem sehr überschaubaren Repertoire – im Grunde mit Releases von uns beiden – und eben jetzt auch mit der Künstlerin Aunty. Sie ist im Moment auf jeden Fall eines unserer Fokusthemen. Neben anderen Produktionen natürlich.

Vincenz Eder: Außerdem arbeiten wir gerade intensiv an Produktionen für Romc und ich an Songs von Ro Bergman, da kann man 2026 auch mit neuen Veröffentlichungen rechnen.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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