Mit ihrem dritten Studioalbum zeigen Heckspoiler einmal mehr, dass sie keinerlei Interesse daran haben, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. „Bock auf Stress“ (Noise Appeal Records; VÖ: 5.12.) knüpft nicht nur an die Direktheit der bisherigen Releases an, sondern schärft ihren kompromisslosen Zugriff noch einmal spürbar nach. Das Ergebnis ist eine Platte, die wie ein gezielter Startschuss zur kollektiv kontrollierten Entgleisung wirkt: voll roher Energie, die nach vorn drückt, Moshpits anheizt und eine anarchische Spielfreude freisetzt, der man sich kaum entziehen kann. Im Gespräch mit Michael Ternai erzählen Thomas Hutterer und Andreas Zelko von höheren Erwartungen an das eigene Songwriting, neuen musikalischen Impulsen und der Kunst, Humor und gesellschaftliche Beobachtung in ihren Texten miteinander zu verschrauben.
Viele harte Rock- und Metalbands haben irgendwann ein Album, das in puncto Energie, Radikalität und Kompromisslosigkeit heraussticht. Beim Durchhören von „Bock auf Stress“ hatte ich das Gefühl, dass das bei euch ähnlich sein könnte. Der Vergleich hinkt vielleicht ein wenig, aber mir kam sogar Slayers „Reign in Blood“ in den Sinn – schnell, kompromisslos, rasend, hart. Inwiefern trifft dieser Gedanke auf euer Album zu?
Andreas Zelko: Könnte natürlich zutreffen, allerdings entsteht das bei uns nie bewusst. Unsere Songs wachsen über Monate, manchmal sogar Jahre, und werden am Ende im Studio irgendwie zusammengestöpselt – da lässt sich im Voraus kaum etwas kalkulieren. Aber du bist mittlerweile nicht die erste Person, die das behauptet.
Aber dennoch: Gab es eine Art Grundidee, nach der ihr das Album ausrichten wolltet?
Thomas Hutterer: Die Dinge haben sich einfach ergeben. Wir hatten zwar schon früh den Albumtitel, weil „Bock auf Stress“ der erste fertiggestellte Song war, aber er war nicht der, an dem wir uns orientiert hätten. Wir wollten harte, livetaugliche Songs schreiben – viel mehr Hintergedanken gab es nicht.
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Der Härtegrad und das Energielevel sind auf „Bock auf Stress“ enorm hoch – ein mächtiges Riff reiht sich ans nächste. Ihr seid in den vergangenen Jahren extrem viel live unterwegs gewesen. Inwiefern hat diese Live-Erfahrung das Songwriting beeinflusst? Spielte dabei auch die Erkenntnis eine Rolle, welche Riffs und Energielevel auf der Bühne besonders gut funktionieren und das Publikum sofort mitreißen?
Andreas Zelko: Ich habe letztens einmal nachgezählt: Seit dem Release von „Tokyo Drift“ haben wir rund 170 Konzerte gespielt. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei. Man lernt schon einiges – vor allem, was live funktioniert und was nicht. Aber beim Schreiben fürs Album stand das gar nicht so im Vordergrund, weil die meisten Songs im Proberaum entstehen. Erst bei der Fertigstellung eines Songs oder spätestens in der ersten Pre-Production merkt man dann: Okay, der kommt ganz sicher ins Live-Set, während andere eher klassische Album-Songs bleiben, die man sich vielleicht eher einmal in Ruhe mit Kopfhörern anhört. Aber ich glaube schon, dass viel Live-Spielen entscheidend dafür ist, wie sich die kommenden Jahre gestalten.
Auch musikalisch?
Thomas Hutterer: Würde ich schon sagen. Wir haben beim neuen Album wieder neue Elemente einfließen lassen, mit denen wir uns selbst herausfordern – auch im Hinblick darauf, das live sauber zusammenzubringen. In dieser Hinsicht haben wir durchaus einen Ehrgeiz entwickelt.
Wenn man nicht mit dieser Musik aufgewachsen ist, wirkt vieles vielleicht ähnlich – aber auf „Bock auf Stress“ höre ich ein breites Spektrum: Motörhead-Vibes, Death-Metal-Anklänge in den Riffs, Punk, Hardcore, stellenweise sogar Black-Metal-Elemente …
Andreas Zelko: Das ist tatsächlich sehr bewusst so gemacht. Ich würde sagen, dass wir diese Motörhead-Metal-Punk-Grundverständnis-Phase auf unseren ersten beiden Alben schon durchlaufen haben. „Bock auf Stress“ ist deutlich metal-lastiger geworden, weshalb wir das Ganze mittlerweile eher als Metal-Punk deklarieren.
Das Kalkül dahinter war aber gar nicht so bewusst. Ich schreibe die meisten Riffs, höre seit meinem zwölften Lebensjahr extrem viel Punk und Metal – diese offensichtlichen Einflüsse kommen daher ganz natürlich rein. Wenn wir Songs schreiben, wissen wir genau: Ah, das ist der Thrash-Metal-Part, das der Black-Metal-Part, das der System-of-a-Down-Part, das der Motörhead-Part – oder eben der Metallica-Part, den du wahrscheinlich auch gehört hast. Das ist also durchaus bewusst gesetzt. Ich denke, wir hätten das früher auch schon gemacht, wenn wir gewusst hätten wie. Aber durch das viele gemeinsame Spielen in den letzten zwei, drei Jahren hat sich das einfach so herauskristallisiert.
Ich habe auch das Gefühl, dass das Songwriting bei diesem Album anspruchsvoller geworden ist. Habt ihr euch diesbezüglich die Messlatte bewusst höher gelegt?

Thomas Hutterer: Ich würde sagen, wir sind da einfach hartnäckiger geworden. Die Messlatte ist definitiv höher angesetzt. Wir greifen dabei auf verschiedene Genres zurück, picken uns nach unserem Verständnis die besten Elemente aus jedem heraus und versuchen, das zusammenzufassen und daraus einen Hit zu formen.
Andreas Zelko: Dieses Mal haben wir uns tatsächlich mehr Gedanken darüber gemacht, Songstrukturen zu schaffen, die in der Rockmusik – und auch in anderen Genres – funktionieren. Das heißt: ordentliche Mainriffs, gepaart mit Versen und Texten, die etwas aussagen. Und dann der ultimative, catchy Refrain, den man beliebig verdoppeln oder verdreifachen kann. Wir haben diese Songstrukturen jetzt vermehrt eingebaut – früher war uns das noch egal. Es macht das Hörerlebnis einfach angenehmer. Man lernt eben mit der Zeit, was funktioniert und was nicht.
Ihr seid eine Band, die ihre Songs immer noch im Proberaum ausarbeitet – etwas, das heute ja immer seltener passiert. Wie wichtig ist es für euch, eure Stücke so zu entwickeln, ganz „oldschool-mäßig“?
Thomas Hutterer: Wenn man gemeinsam probt, merkt man schnell, dass Songs reifen. Die Nummer „Bock auf Stress“ gab es schon ein paar Monate, und wir haben sie immer wieder gespielt. Dabei sind wir immer wieder auf neue Möglichkeiten gestoßen, wie man etwas besser machen kann. So ist es bei vielen unserer Songs – sie haben eine lange Reifezeit.
Andreas Zelko: Wir haben noch nie einen Song direkt über eine DAW geschrieben. Die Riff-Ideen schicken wir oldschool-mäßig mehr oder weniger übers Handy hin und her. Und Drums haben wir auch noch nie programmiert. Das könnten wir vielleicht irgendwann mal ausprobieren, aber der fertige Song entsteht zu hundert Prozent im Proberaum.
Ihr habt ja generell eine sehr interessante Mischung aus Dialekt, Musik und Texten. Eure Texte verbinden Humor, Witz und spitze Zunge, gehen aber oft auch ins Sozialkritische oder hinterfragen gesellschaftliche Zustände. Wie sehr arbeitet ihr an den Texten im Vergleich zur Musik? Sind die Texte eher Beiwerk, oder wollt ihr damit bewusst etwas transportieren?
Andreas Zelko: Nein, die Texte sind kein Beiwerk. Wichtig ist, dass sie weder zu sehr ins Moralische noch ausschließlich ins Humoristische driften. Bei uns gibt es eine gute Portion Humor gepaart mit Selbstironie. Natürlich enthalten die Texte auch sozial- und systemkritische Elemente. Aber, wie gesagt, die Balance ist entscheidend – die Texte sind schon wichtig.
Wie wir schon öfter erklärt haben: Wir sind nicht die großen Geschichtenerzähler à la Sven Regener, die wirklich Geschichten entfalten können. Wir bewegen uns in den Genres Punk, Metal und Rock, wo sich alles meist auf eine Hook und 8 bis 12 Zeilen reduziert. Das man in kurzgefasster du gereimter Form, ein bissl was zu sagen hat.
Was man auch hört, ist, dass du, Thomas, dich gesanglich weiterentwickelt hast. Du hast eine bemerkenswerte Range – von tief und aggressiv bis hin zu ordentlich hohen Passagen.
Thomas Hutterer: Ich glaube, was sich wirklich entwickelt hat, ist die Ausdauer. Bei einer Plattenaufnahme hat man mehrere Versuche – manchmal singt man etwas zwanzig Mal ein, bis es passt. Livekonzerte sind da anders: Man muss die Energie gut einteilen, Pausen bewusst setzen und sich beim Gesang ein bisschen abwechseln. Das hat sich sicher positiv entwickelt. Die Range hatte ich eigentlich schon immer, aber bei diesem Album kann ich mir selbst zuhören – das war bei den alten Alben nicht so.
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Ihr sprecht ja oft davon, dass sich bei euch vieles über Jahre entwickelt hat und vieles routinierter abläuft. Kann man das auch aufs Album übertragen? Ist „Bock auf Stress“ euer bisher geplantestes Album, das am meisten von Routine geprägt ist?
Andreas Zelko: Das würde ich schon so sehen. Beim ersten Album befanden wir uns noch in den Kinderschuhen. Es wurde während der Corona-Phase veröffentlicht, in der wir kaum live spielen konnten. In Sachen Songwriting, Sound, Gesang etc. war es unser erster Gehversuch – wir haben noch nicht viel live ausprobieren können.
Wenn wir uns in den letzten Jahren nicht weiterentwickelt hätten – gesanglich, songwriterisch und soundtechnisch – hätten wir etwas falsch gemacht. Die Ansprüche an uns selbst steigen mit der Zeit. Je mehr Anklang findet, was wir tun, desto motivierter sind wir, weitere Schritte zu gehen, auch wenn es nur Mini-Schritte sind. Luft nach oben gibt es immer, das ist klar.
Ein Album ist immer auch ein Zeitdokument. „Bock auf Stress“ haben wir 2025 aufgenommen – musikalisch kann es 2026 oder 2027 schon wieder ganz anders aussehen.
Wie schon erwähnt, habt ihr in den letzten Jahren sehr viele Konzerte gespielt – und mittlerweile spielt ihr sogar mehr in Deutschland als in Österreich. Auch im kommenden Frühjahr steht dort wieder eine Tour an. Ihr singt ja im Dialekt – verstehen die Leute das eigentlich?
Andreas Zelko: Wir stoßen in Deutschland auf sehr viel Anklang. Auch in der Schweiz, wo wir zuletzt ein Festival gespielt haben. Dass nicht alle den Text verstehen, ist mir völlig klar. Aber es ist ja auch so, dass ich bei einer englisch- oder französischsprachigen Band live auch nicht 100 % der Texte verstehe. Da geht es um die Gesamtkomposition. Und ich habe das Gefühl, dass die Deutschen diese Dialektgeschichte sogar spannend finden. Die Sprachbarriere macht bislang kaum bis gar keine Probleme. Anfangs dachten manche, das könnte ein Hindernis sein – aber das trifft überhaupt nicht zu. Wir spielen sogar in Hamburg, und die Leute dort versuchen dann oft, das Österreichische ein bisschen nachzuahmen. Das ist immer sehr nett.
Thomas Hutterer: Dort sind wir irgendwie Exoten. Und außerdem kommen in unseren Songs immer wieder Schlagwörter vor, die jeder versteht. Das Wort „Party“ muss man niemandem erklären – das ist international.
Michael Ternai
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