"Es ist zur Verschmelzung gekommen" – KONEA RA im mica-Interview

KONEA RA geht bekanntermaßen einen eigenen Weg. Mit anspruchswollen Songs, künstlerisch-ästhetischen Musikvideos und ausgefallenen Bühnenperformances widersetzen sich Matthias Cermak und Stephanie Zamagna seit jeher der Versuchung des Mainstreams. Zwei Jahre nach dem erfolgreichen Debüt „Pray For Sun“ gehen die beiden nun mit ihrem neuen und nach der Band benannten zweiten Album den nächsten Schritt. Im Interview mit Michael Ternai plaudern sie über ihre musikalische Vita und die Branche allgemein.

Das Debüt ist jetzt zwei Jahre her. Was beim Durchhören der neuen Songs sofort auffällt, ist diese sehr starke Reduziertheit im Klang. Ich nehme einmal an, dass diese nicht unbeabsichtigt ist?

Matthias Cermak: Ja, sie ist auf jeden Fall beabsichtigt. Sie stellt eigentlich sogar eine logische Entwicklung dar. Wir beide stammen ursprünglich ja aus sehr verschiedenen musikalischen Ecken. Und aus diesen Gegensätzen heraus ist letztlich auch das erste Album entstanden. Nur habe ich zu diesem Zeitpunkt mein Ding gemacht habe und Stephanie ihres. Für unser neues  Album haben wir uns wirklich die Zeit genommen, zu schauen, was am besten zusammenpasst. Dabei ist es uns – glaube ich – gelungen, unseren ureigenen Bandsound zu finden, jenen, mit dem wir beide gleichermaßen zufrieden sind. Und der ist eben einer, der der Stimme viel mehr Platz und Raum lässt.

Darüber hinaus habe dieses Mal ich versucht, viel mehr aus den einzelnen Sounds herauszuholen.  Auf unserem Debüt haben wir beide noch sehr viel mehr mit Layerings und Ähnlichem gearbeitet, d. h. mit vielen Stimmen und vielen übereinander gelagerten Sounds. Was natürlich auch in Ordnung war, weil dieses Viel an Sound schon auch eine gewisse Dichte mit sich gebracht hat. Auf der anderen Seite habe ich es aber immer etwas schade empfunden, dass man oftmals genau diesen einen Klang oder diese eine Nuance in der Stimme, die man besonders gern hat, nicht mehr durchgehört hat. Und an diesem Punkt haben wir angesetzt. Es ging dieses Mal wirklich darum, den Kern herauszuarbeiten. Ich bin aber nach wie vor sehr happy mit unserem ersten Album. Wir haben für eine österreichische Band relativ viele Konzerte gespielt. Und wenn man die Sachen so oft live spielt, merkt man irgendwann auch, was einem mehr gefällt und was weniger.

Stephanie Zamagna: Wir haben zu Beginn gewusst, was der jeweils andere macht. Matthias hat sein musikalisches Projekt gehabt, ich meines. Und uns hat beiden die Musik des jeweils anderen gefallen. Ich glaube aber dennoch, dass wir zunächst  Zeit gebraucht haben, wirklich zueinanderzufinden. Nun sind wir doch um diesen Schritt weiter, sodass ich sagen würde, dass es jetzt auch zur Verschmelzung gekommen ist.

Matthias Cermak: Dahingehend ist auch die Wahl des Albumtitels, nämlich „Konea Ra“, zu verstehen. Wir wollten schon auch zum Ausdruck bringen, dass wir uns jetzt wirklich gefunden haben.

„Es wäre etwas komisch, würden wir jetzt mit einer Jeans und einem weißen T-Shirt auf der Bühne stehen“.

Es ist ja nicht nur alleine die Musik, die bei Ihnen einer sehr kunstvollen Richtung folgt. Auch das gesamte Auftreten, Ihre Performances samt Visuals, die Videos sowie der Style folgen einer bestimmten Ästhetik. Wie ist das entstanden?

Matthias Cermak: Das hat sich durch die Musik ergeben. Unsere Musik transportiert ja eine bestimmte Stimmung und die hat gewisse Leute angesprochen. Aus diesem Umstand heraus haben sich dann eben Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. Wie etwa die mit Andreas Waldschütz (produzierte unter anderem das Video zu dem Song „Boy“), die doch etwas Besonderes ist. Ihn kannst du nicht einfach so mir nichts dir nichts buchen, wenn du nur wenig Geld zu Verfügung hat. Aber ihm gefällt, was wir tun.

Ähnlich war es bei luma.launisch. Ich glaube, wenn man etwas macht, das die Leute anspricht, dann findet man auch diejenigen, die wirklich zu dem Projekt etwas beitragen können und das auch tun wollen. Aber letztlich ist es natürlich dann schon so, dass wir selbst auch wissen, was uns gefällt und daher zu guter Letzt auch die Richtung vorgeben.

Stephanie Zamagna: Man muss schon sagen, dass wir das Auditive und das Visuelle mittlerweile ja auch schon als Eins begreifen. Diese Vermischung ist eine wichtige Komponente unserer gesamten künstlerischen Ästhetik geworden. Es wäre etwas komisch, würden wir jetzt mit einer Jeans und einem weißen T-Shirt auf der Bühne stehen. Ich denke, das würde auch nicht wirklich zu uns passen.

Sie haben vorher erwähnt, dass Sie beide eigentlich aus verschiedenen Ecken stammt. Wo liegen Ihre musikalischen Wurzeln? Und wie bilden sich die im Konea Ra-Sound ab?

Stephanie Zamagna:
Meine liegen im Soul, Jazz und Funk. Ich war auch in einer elektronischen Pop-Jazzband, die tanzbare Sachen gemacht hat.

Matthias Cermak: Wir waren ja beide beim gleichen Label, dem von Karl Möstl. Und im Rahmen einer gemeinsamen Release-Party sind Stephanie und ich uns dann begegnet. Ich habe sie mit ihrem Projekt auch auf der Bühne gesehen und war vom ersten Moment an wirklich angetan. Ich selber habe davor ein Album unter dem Namen „Mangara“ gemacht. Stilistisch war das eine Art deutschsprachiges Singer/Songwriter-Album, mit dem Unterschied, dass ich eigentlich am Schluss alle Gitarren weggelassen habe. So ist die ganze Sache dann auch mehr in eine elektronischere Richtung gegangen.

Eigentlich wollte ich ursprünglich aus diesem Projekt heraus etwas entwickeln, das nicht nur für mich relevant war, sondern auch mehr Leute ansprechen sollte.  Ich hatte aber irgendwie das Gefühl, dass die Themen bei mir etwas zu eng gesetzt waren und ich mich öffnen müsste. Daher habe ich mich auf die Suche nach jemanden begeben, der dieses gewisse Extra, diese spezielle Note mit einbringen kann, und habe verschiedene KünstlerInnen, die ich sehr gefunden cool habe, kontaktiert. Unter ihnen war eben auch Stephanie. So hat die ganze Geschichte begonnen.

Zunächst haben wir an bereits bestehenden Songs von mir gearbeitet, bevor wir dann mehr und mehr gemeinsame Tracks gemacht und unsere Richtung definiert haben. Mir war es auf jeden Fall von Beginn an auch sehr wichtig, Stephanie den Raum zu geben, sich stimmlich zu entfalten.

Haben Sie, Stephanie, eigentlich Gesang studiert?

Stephanie Zamagna: Ja, ich habe am Konservatorium Gesang studiert und nehme jetzt auch noch Gesangunterricht bei Monika Ballwein. Sie ist übrigens der Gesangscouch von Conchita Wurst.

Matthias Cermak: (lacht). Dann wird unser nächstes Albumwohl  definitiv etwas anders werden…

„Das Schöne ist ja, dass man erkennt, was funktioniert und wo die eigenen Stärken liegen“.

Ihre Tracks leben sehr von ihrer Stimmung und Tiefe. In so eine richtig partytaugliche Richtung gehen sie ja nicht.

Matthias Cermak: Wir versuchen schon auch hin und wieder, einen Track zu machen, von dem wir denken, der könnte doch ein wenig ins Partytaugliche gehen. Nur funktionieren die nie so gut, dass wir beide mit dem Ergebnis wirklich zu hundert Prozent zufrieden sind. Da gibt es mit Sicherheit Leute, die das besser können. Catekk zum Beispiel, der unseren Song „Boy“ geremixet hat. Er macht diese geraden Beats und diese schnellen Sachen einfach perfekt. Der könnte im Umkehrschluss aber wahrscheinlich keinen Konea Ra-Track produzieren. Was ich damit sagen will, ist, dass wir uns vor allem auf das fokussieren wollen, was uns ausmacht.

Stephanie Zamagna: Ich glaube, die meisten Leute sind in der Lage, genau das produzieren, was in ihnen steckt. Vielleicht ist das bei den Oberprofis anders. Ein Dieter Bohlen wird die Sache wahrscheinlich ganz gut steuern können (schmunzelt). Bei uns haut das halt nicht hin.

Matthias Cermak: Aber gerade das ist ja das Schöne, zu erkennen, was funktioniert und wo die eigenen Stärken liegen. Ich denke, dass viele Leute unseren Sound mittlerweile auch erkennen und sagen: „Ah, das ist Konea Ra“. Das hat auch einen Wert.

Wie lange hat die Arbeit an dem Album gedauert?


Stephanie Zamagna:
Wir haben eigentlich schon vor zwei Jahren damit begonnen, neue Sachen zu machen. Nur haben wir vieles aus dieser Zeit auch wieder verworfen. Der Großteil der neuen Tracks ist eigentlich erst letztes Jahr entstanden.

Haben Sie sich beim neuen Album ein bestimmtes Ziel gesetzt?

Matthias Cermak:
Es sollte dieses Mal auf keinen Fall ein Kompromissalbum werden. Die Tracks, bei denen wir beide zu viele Kompromisse eingehen hätten müssen, haben es nicht auf die Platte  geschafft. Wir haben schon sehr lange an den Tracks herumgefeilt und auch sehr viel ausprobiert. Wir haben uns immer gefragt: „Geht es nicht auch noch besser?“ Es ist nicht selten vorgekommen, dass wir manche Ideen verworfen und die Sachen von Grund auf neu gestaltet haben. Aber ich finde, diese Extra-Meter haben sich wirklich ausgezahlt.

Wir haben uns darüber hinaus auch, wie  schon beim letzten Album, bei ausgewählten Songs noch beim Finishing Hilfe geholt.  So hat uns Patrick Pulsinger bei einigen Songs beim Mixing unter die Arme gegriffen.

Die Texte sind dieses Mal sehr persönlich. Inwieweit ist dieser Umstand auch Ausdruck Ihrer vorher erwähnten Verschmelzung?

Stephanie Zamagna: Ich weiß nicht. Vielleicht traut man sich mit der Zeit auch, einfach offener zueinander zu werden. Es war vielleicht auch einmal mal Zeit, ein paar Dedications auszusprechen. Daher wahrscheinlich auch diese persönliche Note in den Texten. Ein Lied ist meiner verstorbenen Großmutter gewidmet, ein anderes den Vätern, die gegangen sind. Auch über einen Ex-Freund und meine zehnjährige Nichte gibt es Songs.

„Man muss unterscheiden, welche Wahrnehmung eine Band in der Szene hat und welche wirklich durch die Decke gegangen ist“.

Wenn Sie jetzt nochmal zwei Jahre zurückblicken, habt Sie sich vorstellen können, dass Sie mit Ihrer Musik so gut ankommen würden?

Matthias Cermak: Also für mich war das nicht absehbar. Wir haben ja zu Beginn eine EP mit drei Tracks, die ich selbst sehr schätze, herausgebracht. Und die ist einfach mal so durchgefallen. Da ist nichts passiert, gar nichts. Umso mehr überrascht war ich, als FM4 plötzlich einen dieser Tracks dann doch auf ihre „Soundselections“ genommen hat. Ich denke, ganz ohne FM4 geht es in Österreich nicht. Und es ist eine schöne Sache, dass der Sender uns ab diesem Zeitpunkt auch sehr unterstützt hat. Das empfinde ich als etwas Besonderes und nichts Selbstverständliches.

Stephanie Zamagna: Die eigene Wahrnehmung ist aber eh immer eine andere. Man arbeitet schon viel dafür, um sich ein bisschen Gehör zu verschaffen. Aber das ist nicht so leicht.

Matthias Cermak:
Das Musikbusiness ist ein wenig ein „The Winner takes it all“-Business. Wie auch in jedem anderen Business unterliegt man dort einer bestimmen Kurve. Wir mit Konea Ra sind wir jetzt dort, wo ganz, ganz viele andere Bands auch sind. Man kennt unseren Namen, wir haben gute Kritiken bekommen und auch tolle Konzerte gespielt usw. Lauter Sachen, von denen Externe annehmen könnten, dass es bei uns läuft. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es läuft eben nicht. Und das nicht nur bei uns, sondern bei fast allen. Nur eben bei diesem ganz kleinen Prozentsatz. Aber bei dem läuft es so richtig. Parov Stelar ist so ein Beispiel. Der hatte plötzlich 800.000 Facebook-Fans und spielt weltweit Konzerte. Und selbst der hatte jahrelang nicht einmal FM4-Airplay.

Ich glaube, man muss mit der Beurteilung immer ein wenig vorsichtig sein. Man sollte unterscheiden, welche Wahrnehmung eine Band in der Szene hat und welche wirklich durch die Decke gegangen ist. Wir selber sehen uns selbst daher eigentlich immer noch als am Start.

Aber auf der anderen Seite können nicht viele österreichische Acts von sich behaupten, schon eine Tour in Mexiko gespielt zu haben. Also dürfte doch schon so einiges in Bewegung geraten sein? Ich denke, Sie haben nicht wenige Leute für euch begeistern können.


Stephanie Zamagna:
Das auf jeden Fall. Vor allem das in Mexiko war ein echt spezielles Erlebnis. Es war unglaublich, vor Leuten zu spielen, die unseren Sound überhaupt nicht gekannt haben, aber so offen und begeisterungsfähig waren, wie man es hier in Österreich eigentlich selten erlebt.

Matthias Cermak:
Es war schon eine Art View, wie es wäre, wenn man ein Superstar oder zumindest eine erfolgreiche große Band wäre. Wenn man plötzlich auf der Hauptbühne des Festivals Cervantino vor 7.000 Leuten spielen darf, was man als österreichische Band normalerweise nicht macht, dann gibt das natürlich einen besonderen Kick.

Danke für das Interview.

Michael Ternai

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