Keine österreichische Band träumt ihre künstlerische Vision so cybertruckmäßig wie Lucy Dreams. DAVID REITERER und STEPHAN PAULITSCH (als binäre Bindeglieder Zero und One) pinseln dafür neben Lichtkugerlenergie Lucy an einer neuen Welt, die nicht nur Angstschweiß und Algorithmus kennen soll. Am 6. Februar 2026 (VÖ: SonicWaveArtPop) erschien deshalb das neue Album „VVVVV”. Es klingt nach der guten Pet-Shop-Boys-Perlage. Und will, ja, ja, in die fünfte Dimension vorstoßen. Ein Gespräch mit Christoph Benkeser.
Damit wir auf derselben Wellenlänge sind: In welcher Dimension starten wir heute?
Zero: Wir sind im Raum und haben die Zeit, also in der … vierten Dimension?
One: Quasi, äh, intergalaktisch!
Zero: Oder wie bei Interstellar! Einer der besten Filme! Christopher Nolan hat extra mit Physiker:innen zusammengearbeitet, um alles richtig darzustellen. Heute verwenden sie den Film in der Wissenschaft, weil er die optisch beste Darstellung eines schwarzen Lochs bietet. Kennst du das Interview vom Hauptdarsteller Matthew McConaughey mit Tim Ferriss – der ist ja mein absoluter Obergott.
One: Du hast doch nur einen Gott!
Es geht ja um den Obergott.
Zero: Na ja, Ferriss ist wirklich großartig! Und McConaughey erzählt ihm vom Film. Persönlich. Wissenschaftlich. Sein Charakter gibt sich ja selbst auf und landet in einer größeren Dimension. Das ist unfassbar.
Ist das auch der Zugang von Lucy Dreams, die Selbstaufgabe für etwas Größeres?

Zero: Als menschliche Wesen haben wir über Jahrmillionen eine Entwicklung durchgemacht, die unsere Sinne auf das schiere Überleben reduziert hat …
One: Na ja, ich denke nicht so oft ans Überleben.
Zero: Unser Unterbewusstsein schon. Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass sich Körper und Geist beruhigen, wenn ich die Augen langsam hin und her bewege.
One: Deine Umgebung wird sich deshalb nicht beruhigen. Sie wird glauben, du bist ein Creep.
Zero: Wie gesagt, es geht um das Unterbewusstsein.
One: Dir ist aber nicht andauernd bewusst, dass du sterben kannst. Dir ist auch nicht andauernd bewusst, wie alt du werden kannst. Es gibt nur die Wissenschaft, die sagt, dass es wahrscheinlich so kommt, wenn man sich gesund ernährt und Sport betreibt. Also macht man sich das zur Aufgabe. Nimmt sich vor, drei Mal in der Woche laufen zu gehen, gesund zu essen, brav zu arbeiten und trotzdem genügend soziale Kontakte zu haben. Weil das ja alles gesund sei. Die Sache ist: Vor zehntausend Jahren hat man nicht gewusst, ob man stirbt, wenn man diese Beere isst, bis sie jemand gegessen hat. Heute wissen wir alles. Und sind komplett überfordert.
Zero: Jedenfalls wollen wir in die fünfte Dimension.
Dafür müssten wir erst einmal die dritte Dimension absichern.
Zero: Wir sind in der vierten Dimension. Wir bewegen uns im Raum über die Achse der Zeit.
One: Aber das kann man ja nicht verstehen.
Zero: Na, Raum und Zeit kann man realisieren. Das menschliche Bewusstsein ist in der Lage, das zu kontextualisieren. Die fünfte Dimension geht weiter, indem der Mensch die Technologie in sein Wesen integriert. Das heißt nicht, dass wir alle Cyborgs sind. Aber die Technologie ist dann eine Selbstverständlichkeit im Wesen des Menschen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Wir verwenden ja schon die ganze Zeit Technologie, für manche ist das schon ein selbstverständlicher Teil …
One: Viele junge Leute wollen deshalb wieder analoger leben. Einfach weil sie uns sehen – die nicht damit aufgewachsen sind, es aber in ihr Leben integriert haben und davon abhängig sind – und also nicht so sein wollen, wie wir. Sie treffen sich dann zum Stricken.
Oder Töpfern.
One: Ja, die Leute haben tausende Follower auf Social Media, aber sie vermissen den sozialen Kontakt.
Zero: Allerdings ist Social Media nicht Technologie, zumindest nicht generell. Technik ist in vielen Bereichen eine Hilfestellung. Eine Bereicherung. Aber sie hat auch ihre Schattenseiten.
One: Deshalb integrieren wir die Technologie, aber sie nimmt uns die Arbeit nicht ab. Das ist auch gar nicht unser Anspruch an sie.
Zero: Der Mensch kann nicht nur am Pool liegen und nichts tun. Jedenfalls nicht für immer. Er will Dinge tun, die ihn erfüllen. Nur so ist er im Hier und Jetzt. Hat er das nicht, beginnt er sich zu betäuben.
One: Ja, die Technologie sollte uns den Spielraum geben, wieder mehr zu uns selbst zu finden.
Zero: Die letzte Nummer auf dem Album heißt nicht umsonst „Be Here Now”. Egal, wie sehr wir uns durch Technologie verbessern – am Ende zählen die Momente, an denen man zusammenkommt und sich Gedanken über Gemeinschaft macht.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
One: Es geht um die Verbesserung?
Zero: Verbesserung hat für mich einen qualitativen Charakter. Sie ist der nächste Schritt.
Derweil muss man schon heute immer alles besser machen. Besser schlafen, besser arbeiten, besser …
Zero: Wir rasen gerade auf der Timeline durch den Raum. Das Ding ist: In der fünften Dimension löst sich alles auf, es bleibt nur weißer Bliss zurück. Es gibt keine Seite mehr, auf der man steht. Wir sind wir: eine Gemeinschaft.
Es braucht also keine Möglichkeit mehr, falsch zu liegen, um richtig zu liegen?

Zero: Es ist ein neues Level unseres Gehirns. Ein Kurzschluss, der uns realisieren lässt, wie wir mit Technologie die nächsten Schritte gehen können.
One: Das macht vielen Leuten auch Angst. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Deshalb soll den Leuten bewusst sein, dass wir unsere Musik nicht von der KI schreiben lassen, sondern mit der Hand machen. Wir spielen nur mit den Möglichkeiten, probieren sie aus.
Zero: Genau. Wir bieten einen Zukunftsentwurf an und wollen Menschen inspirieren, positiv auf diese Entwicklung zu blicken. Die Technologie ist nämlich here to stay. Und sie kann uns verbessern.
Ich denke gerade an diese neue Serie, Pluribus. Darin sind fast alle Menschen auf einmal ein kollektives Bewusstsein, das Gutes tun will.
Zero: Ich spreche zu dir, aber eigentlich spreche ich zu allen Menschen gleichzeitig, ja.
Auch ein bisschen spooky, nicht?
Zero: Wir wollen das Individuum nicht aufgeben, aber ein kollektives Bewusstsein entwickeln.
Als wir das erste Mal sprachen, wolltest du noch zum Mond.
Zero: Stimmt!
Jetzt sind wir viel weiter. Wir müssen nicht mehr auf dem Mond landen. Da waren wir ja schon.
One: Gleichzeitig sind wir durch die bestehenden Möglichkeiten so weit gekommen, dass wir es nur noch schwer verstehen können. Lucy Dreams ist nämlich kein Movement, wir beschäftigen uns nur mit diesen Themen. Wir haben die sweaty Hautkontakt-Momente, die man nur live erleben kann und die die AI nicht kopieren kann. Die integrieren wir in das Storytelling, das Lucy Dreams umgibt.
Zero: Deshalb haben wir bei „Be Here Now” auch Alan Watts in die Live-Version gepackt. Wir freezen auf der Bühne. Bringen den Alltag zum Stillstand. Dann erzählt Watts uns vom Im-Moment-Sein. Es verstärkt sich, weil wir realisieren, dass wir durch die Musik – aber auch durch die technischen Möglichkeiten – zurück in den Bliss finden können. Und damit zu uns.
Ihr habt vorhin vom „Spiel mit dem Feuer” gesprochen. Ist der Gedanke – also durch Technik zu uns zurückzufinden – nicht auch so ein Spiel?
Zero: Doch! Die Wissenschaft spricht von der prometheischen Kränkung. Der Mensch steht einer radikalen Entwicklung immer skeptisch gegenüber, weil er Angst davor hat. Buchdruck? Moralischer Verfall! Dampfmaschine? Keine Arbeit mehr! KI? Noch schlimmer! Wir sind also von Natur aus vorsichtig, wenn etwas Neues kommt.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
One: Zurecht, oder? Wir können dem Neuen noch nicht vertrauen.
Zero: Je mehr man deshalb versucht, diese Entwicklung positiv zu framen, desto mehr Menschen können sich damit identifizieren. Anders gesagt: Wir könnten Lucy einfach als Lichtball bezeichnen. Aber man kann so viel Hoffnung und positive Zukunftsenergie hineinprojizieren, dass es eben doch mehr ist als ein Lichtball.
One: Ja, wir öffnen so etwas wie ein Portal und porträtieren das Neue. Denken wir einfach kurz zurück, wie sich die Leute früher das Jahr 2000 vorgestellt haben. Nicht alles ist wahr geworden, natürlich nicht. Und es hat Kollateralschäden gegeben. Aber viele Dinge, die man porträtiert hat, sind heute – 2026 – möglicher, als man vielleicht gedacht hätte.

An der Stelle verschränkt sich das Spiel mit dem Feuer mit der Neugierde am Feuer, oder?
One: Ja, mit dem Unterschied, dass wir künstlerisch Dinge ausprobieren können, ohne zu viel Risiko eingehen zu müssen.
Zero: Wir bringen kein autonom fahrendes Auto auf die Straße, das bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch benachteiligt. Wir schürfen auch keine seltenen Erden, um den gesteigerten Bedarf nach Ressourcen zu decken. Wir malen einfach eine Zukunftsvision, die aus einem kreativen Gedanken rührt.
Ihr macht es ja gescheid und sagt: Das ist die fünfte Dimension, das sind: unendlich viele Realitäten, in der das alles möglich sein könnte.
One: Auf der Bühne spiele ich trotzdem nur Bass.
Alles andere wäre schwierig, nein?
One: Ja, genau. Wir Menschen sind keine Überspezis, die die Dinge verstehen. Wir verstehen gar nichts, wir spielen nur damit. Und verstehen sie danach vielleicht ein bisschen besser.
++++
Lucy Dreams live:
06.03.2026 New York
11.03.2026 Vienna
03.04.2026 Gothenburg
24.04.2026 London
01.05.2026 Paris
++++
Links:
Lucy Dreams (Homepage)
Lucy Dreams (Bandcamp)
Lucy Dreams (Instagram)
Lucy Dreams (YouTube)
Lucy Dreams (TikTok)
