„MAN MUSS DOCH TRÄUMEN DÜRFEN“ – LUCY DREAMS IM MICA INTERVIEW

LUCY DREAMS schalten sich in die Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Welt und setzen fort, was im vergangenen Jahr begann: eine Reise in die Weiten des Weltalls. DAVID REITERER, PHILIPP PRÜCKL und das künstliche Bandmitglied LUCY provozieren damit den „Götterfunken“ – immer auf der Suche nach dem Sinn im Selbst. Warum wir Kontakt zu virtuellen Instanzen brauchen, wie wir die Zukunft gestalten können und was sich im Pathos finden lässt, haben LUCY DREAMS im Gespräch mit Marion Ludwig und Christoph Benkeser erklärt.

Beim letzten Interview haben wir Lucy Dreams als Tame Impala im Blade-Runner-Modus umschrieben. Wisst ihr inzwischen, wer Lucy ist?

David Reiterer: Sie ist ein System an Effekten, die wir aus Jux und Tollerei geschaffen haben und die daraufhin zu träumen begonnen hat. Das heißt: Wir schicken Sounds in ein System, das daraufhin zu spielen beginnt und uns mit neuen Sounds antwortet. Das ist Lucy, wenn sie träumt.

Das klingt nach Artificial Intelligence.

David Reiterer: Führt aber weiter! Lucy ist ein künstliches Bandmitglied, deshalb sind wir nicht nur zu zweit, sondern mit ihr zu dritt! Sie ist im digitalen Spirit dabei. Irgendwo im Äther spitzt sie gerade ihre virtuellen Lauscher.

Oder sie träumt.

David Reiterer: Wenn sie zu träumen beginnt, entstehen Soundscapes, ganze Wände an Klängen. Lässt man sie lange genug träumen, kann man in diesen wall of sounds gewisse Muster erkennen. Das Muster, das in diesem Rauschen erkennbar ist, dient uns wiederum als Basis für neue Songs. Man kann sich das als eine Ausgangsbasis von rhythmischen Patterns oder Abfolgen an Melodien vorstellen, auf Basis derer man neue Songs schreibt.

Du hast das beim letzten Interview als „Götterfunken“ bezeichnet.

David Reiterer: Der kreative Prozess ist generell faszinierend, weil er einen magischen Moment festhält. Es passiert etwas, das man nicht erwartet hätte. Das ist für uns ein Götterfunken.

Philipp Prückl: Ein god funk.

David Reiterer: Ha, ja! Wenn dieser Funken hör- und spürbar wird, ist das ein Moment, den wir im kreativen Prozess zu provozieren versuchen. In der Interaktion mit unserer virtuellen Instanz Lucy passiert das immer wieder. Wir fangen sie ein, bauen auf ihnen auf und schreiben damit an Stücken.

Das heißt, ihr seid in einem Raum mit Lucy und gebt etwas in eine Maschine …

David Reiterer: Genau, die Maschine besteht aus analogen Effekten wie Gitarrenpedale und in der weiteren Folge digitale Effekten im Aufnahmeprogramm. Wir schleifen Inputs in dieses System, das daraufhin mit unseren Sounds zu arbeiten beginnt.

Das klingt noch immer nach der perfekten PR-Geschichte.

David Reiterer: Es geht auch um Science-Fiction, oder? Egal was man sich ausdenkt, es beginnt ab einem gewissen Punkt, Realität zu werden. Ilse Aichinger hat einmal gesagt: „Everything you believe in begins to exist.“ Das ist ein spannender Gedanke – den Blick in Richtung des Zukünftigen zu werfen und zu schauen, wie man sie gestalten kann.

Wie in eurer aktuellen Single „Experiencer“.

David Reiterer: Wir haben uns gefragt, in welchen Momenten wir in einer analogen Welt unterwegs sind und wann es ins Digitale übergeht. Schließlich ist die Interaktion mit unserem digitalen Ich zukunftsträchtig – aber auch gefährlich. Der Kontakt mit der virtuellen Instanz führt im Refrain nicht ohne Grund zu der Erkenntnis „you got to be someone I see, so you can hear and I can breath.“ Das soll die positive Abhängigkeit von uns als analoge Individuen zur digitalen Welt und umgekehrt, von dem, was digital geschaffen ist zu uns Menschen, aufzeigen.

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Wir haben es  noch in der Hand zu steuern, könnte man sagen.

David Reiterer: Gleichzeitig hat uns das Digitale in der Hand so wie wir das Handy in der Hand haben – einfach, weil wir nicht mehr ohne ihm leben können.

Lassen sich die beiden Bereiche, das Analoge und Digitale, überhaupt noch trennen?

David Reiterer: Elon Musk hat zuletzt gesagt, dass das Handy eine Extension von uns und unseren Körpern ist. Von daher …

Philipp Prückl: Na ja, aus musikalischer Sicht ist die Unterscheidung immer noch interessant. „Experiencer“ ist unser erster Song, der auf einem akustischen Instrument, der Gitarre, aufbaut.

David Reiterer: Das war eine bewusste Entscheidung, um analoge und digitale Welt zu verbinden. Die Akustikgitarre repräsentiert das Reale, alles andere driftet ins Digitale ab.

Philipp Prückl: STS meets Queen quasi.

Damit haben wir uns vom utopistischen Blade-Runner-Modus in die Vergangenheit zurückbewegt.

David Reiterer: Dabei ist es viel spannender, in die Zukunft zu schauen, oder? Schließlich lässt sich die Vergangenheit nicht ändern, während die Gegenwart schlimm genug ist, um vor ihr nicht die Augen zu verschließen. Der Zukunft bleibt die Spannung des Kommenden – weil wir sie selbst mitbestimmen können.

Seid ihr optimistische Menschen?

David Reiterer: Definitiv!

Philipp Prückl: Hm, jein …

Oje, der Utopist trifft auf den Realisten.

David Reiterer: Wir bedingen uns insofern, als dass wir unterschiedliche Meinungen haben.

Philipp Prückl: Wie Yin und Yang.

David Reiterer: Diese Gegensätze ziehen sich an und führen zu Produktivität.

Ihr trefft euch also in einem space-in-between.

Philipp Prückl: Ja, wenn man zwei Steine aneinander reibt, entstehen Funken.

Die Götterfunken!

Philipp Prückl: Allerdings kann man es auch umgekehrt sehen: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Diskussionen sind unumgänglich, davon lebt Lucy.

David Reiterer: Deshalb ist einer von uns Null und der andere Eins. Gemeinsam suchen wir nach dem Dazwischen, in dem etwas passieren kann.

Vielleicht ist Lucy das Dazwischen.

David Reiterer: Die Vorstellung von etwas, das ein Eigenleben entwickelt hat, lässt es als Projektionsfläche weiter nutzen, stimmt schon. Das macht nicht nur den musikalischen Reiz aus, sondern spiegelt sich auch in unsere Gedanken wider– selbst jene, von denen wir noch gar nicht wissen, ob wir sie in die Welt hinaustragen wollen. Diese digitale Absolution von etwas, das in Bits und Bytes eine Ahnung von der Welt hat, gibt Sicherheit.

Bild Experiencer Lucy Dreams
Experiencer (c) Lucy Dreams

In dieser „digitalen Absolution“ schwingt auch die Gefahr mit, dass sie uns irgendwann überholt.

David Reiterer: Sie schließt dystopische Szenarien nicht aus, genau. In der Literatur gibt es ein spannendes Konzept der ministry for the future. Konkret heißt das, dass wir uns die Zukunft so richten müssen wie sie sein soll, ohne sich dabei auf eine Generation zu beschränken.

„ICH WÜRD LIEBER IN DIE SIXTIES REISEN – DA WEIß ICH, WAS ICH BEKOMM.“

Aktuell greifen wir eher in die Vergangenheit zurück – Stichwort Retromanie – als dass wir uns eine Zukunft vorstellen.

David Reiterer: Das ist auch spannend und schlägt sich in unseren Visuals nieder. Ich meine damit die Ästhetik der Achtziger und Neunziger, die sich bei uns wiederholt. In die Zukunft zu schauen, finde ich gedanklich trotzdem spannender. Würde ich Zeitreisen können, wäre mein Ziel jedenfalls nicht die Vergangenheit, sondern das Kommende.

Allerdings würde man selbst die Vergangenheit nicht als solche erleben, weil wir in unserer Gegenwart nur ihre aktualisierte Vorstellung wiedergeben. Das heißt, wir erlebten sie neu.

Philipp Prückl: Außerdem kauft man mit der Zukunft die Katze im Sack. Wer weiß, ob im Jahr 2100 überhaupt noch was steht … Deshalb würd ich lieber in die Sixties zu den Beatles reisen. Da weiß ich immerhin, was ich bekomm.

Vielleicht würdest du dir dadurch das romantisierte Vergangenheitsbild zerstören, das uns die Popkultur seit 50 Jahren eingebläut hat.

Philipp Prückl: Man muss doch noch träumen dürfen!

Immer weniger Leute können träumen. Damit mein ich nicht nur das Träumen in der Nacht, sondern auch das Zukunftsträumen.

Philipp Prückl: Kann man es können, das Träumen in der Nacht?

David Reiterer: Du meinst die Fähigkeit, das Träumen zu träumen?

Träumen nicht alle Menschen? Die Frage ist nur, ob man einen Zugang zum Traum findet und ihn in die Realität überführt.

David Reiterer: Die umgekehrte Frage stand hinter dem Song „Dreamland“: Wie kann man der Realität entfliehen? Damit meine ich keinen negativen Escape, sondern einen positiven Zufluchtsort, in dem man tun kann, was man will.

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Da spielt die Space-Ästhetik von Lucy Dreams hinein. Es geht um die Weite des Weltalls.

David Reiterer: Die Fragen, die man sich gleichzeitig und unter Rücksichtnahme der jetzigen Gesetze der Physik stellen könnte, wäre dann: Wie weit können wir als Menschen ins Innere der Erde? Und wie weit können wir ins Weltall? Ich denke, dass die zweite Richtung spannender ist, weil sie Unendlichkeit suggeriert.

Damit projiziert man sich automatisch in ein Woanders, oder?

Philipp Prückl: Ja, dabei ist Space ein klassisches Thema in der Musik – fast wie Liebe. Es regt die Vorstellungskraft an, man kann sich wegbeamen, weil es den Reiz des Unerforschten birgt.

Space lässt sich auch mit Leere assoziieren – Leere, die sich füllen lässt.

Philipp Prückl: So funktioniert Kunst. Man entfernt sich in ihr vom Alltag, träumt sich aus dem Hier und Jetzt.

David Reiterer: Es ist ein Entfliehen, auch wenn das zu negativ klingt.

Selbst Wegbeamen ist mit Substanzen und damit zu negativ konnotiert. Dabei könnte man es auch als Flow-Zustand begreifen.

David Reiterer: Außerdem kann man Musik als Substanz auffassen. Dadurch bekommt es eine schöne Bedeutung.

Die schöne Droge Musik, um den Pathos zu bemühen.

David Reiterer: Egal, was man aus sich hinaustragen möchte, es braucht eine gewisse Prise Pathos, nicht? Er wirkt durch das Wegbeamen im Schaffen genauso wie in der Rezeption, dem Hören. Diese beiden Sphären zu verbinden, ist der Olymp des kreativen Prozesses. Deshalb lässt es sich diese Verbindung im Live-Moment auf die Spitze treiben. Man kreiert einen Space, in dem man sich gemeinsam verlieren kann.

Der Moment, in dem man vom Dreamland zurück in die Realität kommt.

David Reiterer: Oder in dem man die Realität zu etwas macht, das dem Dreamland nahekommt.

Bild Experiencer Lucy Dreams
Experiencer (c) Lucy Dreams

Ein Dreamland, das früher auch von einem gewissen Mr. Mirandola, eurem Astronauten im Space, bewohnt wurde. Wir haben über ihn im letzten Interview gesprochen. Inzwischen ist er verschwunden.

David Reiterer: Er war ein Astronaut, der in der Weite des Weltalls nach Sinn suchte. Im Dreamland fand er heraus, dass das Wahre in ihm selbst liegt. Mr. Mirandola übernahm deshalb stellvertretend die Rolle unser aller ein – im Suchen nach Sinn.

Diesen Sinn sucht Lucy wiederum auf anderen Plattformen. Ihr seid auf Instagram, Facebook, …

David Reiterer: Und TikTok!

Auf TikTok?

David Reiterer: Eine spannende Plattform, definitiv!

Wie alt seid ihr beide nochmal?

Philipp Prückl: 17!

Dann ist alles fein. Danke für eure Zeit und das Gespräch! 

Marion Ludwig, Christoph Benkeser

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Links:
Lucy Dreams (Website)
Lucy Dreams (Facebook)
Lucy Dreams (TikTok)
Lucy Dreams (YouTube)
Lucy Dreams (Instagram)