Ulrich Drechsler (c) Wolf-Dieter Grabner

„Es ging mir darum, schöne kleine Geschichten zu erzählen“ – ULRICH DRECHSLER im mica-Interview

ULRICH DRECHSLER und STEFANO BATTAGLIA – ein Duo, das auf wunderbare Weise die edle musikalische Sprache pflegt. Das im letzten Jahr erschienene Album „Little Peace Lullaby“ zeigt sich als ein fesselnder Versuch, dem Jazz mit dezent eingesetzten Mitteln eine ganz eigene Schwingung zu entlocken. Der in Wien lebende Komponist und Klarinettist mit deutschen Wurzeln sprach mit Markus Deisenberger über seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Pianisten, das gemeine Instrument Bassklarinette und den kleinen Frieden, den sich alle von uns wünschen.

„Sich zu reduzieren, sich zurückzunehmen, die Ambition als Musiker nicht zu ernst zu nehmen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren […] Die Musik, wird mir immer wichtiger.” Das haben Sie in einem Interview einmal zu mir gesagt. War es insofern ein logischer Schritt, sich mit einem ECM-Pianisten zusammenzutun?

Ulrich Drechsler [lacht]: Na ja, die beiden wichtigsten Parameter – das erzähle ich eh in jedem Interview – in der Musik sind für mich Ton und Emotion. Es ist, wie die Redewendung sagt: „Der Klang bestimmt die Musik. Der Klang macht die Musik.“ Und wenn jemand ins Konzert kommt, dann ist das Erste, woran sie bzw. er sich orientiert, der Klang. Das ist genau wie bei einer Unterhaltung: Es gibt Menschen, die haben eine angenehme Stimme, andere haben ein bisschen eine kratzige oder unangenehmere. Mit jemandem, der eine angenehme Stimme hat, fällt die Konversation gleich leichter. Man fühlt sich eher verbunden, und so ist es bei der Musik auch. Das heißt, sobald sie den ersten Ton hören, entscheiden die Zuhörenden eigentlich innerhalb von ein paar Sekunden, ob ihnen das Gehörte gefällt oder nicht. Deshalb ist mir der Ton so wichtig. Das zweite ist die Emotion. Was wünschen sich alle?

Was?

Ulrich Drechsler: A bissl a G‘spür.

Gehen die Leute deshalb lieber in Popkonzerte, weil das G‘spür dort direkter bedient wird?

Ulrich Drechsler: Auf jeden Fall. Viel direkter als in der Kunstmusik, wozu ich auch die improvisierte Musik zähle. Da werden jetzt vielleicht viele meiner Kolleginnen und Kollegen aufschreien, wenn ich das sage, aber Jazz ist einfach eine irrsinnig leistungsorientierte Form von Musik. Mit unglaublich vielen Regeln. Und über weite Strecken sehr, sehr kopflastig. Viele Menschen – und ich sehe das in meinem Freundeskreis – gehen einfach ins Konzert, weil sie gut unterhalten werden wollen. Die sind am Abend fix und fertig vom Alltag und wollen sich nicht anstrengen. Das heißt, wenn sie in ein Konzert gehen, wollen sie sich zurücklehnen und danach mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Und zeitgenössische Kunstmusik, egal ob es jetzt ernste Musik ist, ob es Jazz ist oder was es sonst noch alles gibt, ist natürlich in vielen Bereichen sehr, sehr fordernd. Das sind unglaublich viele Informationen, die da innerhalb kürzester Zeit auf die Zuhörenden einprasseln, und das ist für viele Leute einfach zu viel.

Ihre Musik hat sich im Laufe der Jahre sehr geändert. Denken Sie, es hat sich auch Ihr Ton geändert?

Ulrich Drechsler: Da bin ich vielleicht der Falsche, um das zu beantworten. Das können die Leute, die meine Musik hören, wahrscheinlich viel besser. Was ich in den letzten Jahren aber immer mehr begonnen habe, ist, bewusster zu üben und auch bewusster Musik zu machen. Das heißt, wenn ich zu Hause eine Tonleiter übe, dann liegt mein Fokus nur zu einem kleinen Teil auf der technischen Bewerkstelligung dieser Tonleiter, dass ich sie sauber greife, dass sie im richtigen Tempo gespielt wird, dass ich sie gleichmäßig spiele etc., sondern dass sie gut klingt. Weil auch eine doofe Tonleiter oder ein doofer Dreiklang oder was auch immer ist Musik. Ein Ton, der gespielt wird, ist Musik. Zwei Töne sind bereits eine Melodie. Erstmals so richtig bewusst ist mir das geworden, als ich vor zehn Jahren begonnen habe, mit Tord Gustavsen zusammenzuarbeiten. Der ist da wirklich ein Weltmeister darin. An guten Abenden drückt der eine Taste am Klavier und du denkst dir: „Danke. Ist genug Musik für heute Abend. Ich brauch nicht mehr.“ Und es ist mir auf alle Fälle immer bewusster geworden, dass ich den Dingen, die sich vielleicht auf meinem Instrument unangenehm anfühlen, nicht mehr aus dem Weg gehe, sondern auch da sage: „Ja, ich versuche, jetzt mein Bestes zu geben, damit ich den Ton so schön wie möglich spielen kann.“

Was ist unangenehm?

Ulrich Drechsler: Also Bassklarinette ist echt ein gemeines Instrument. Es gibt einfach Instrumente, die sind eigentlich technisch, physikalisch gesehen eine Katastrophe. Da gehört die Bassklarinette dazu: Die Intonation ist ungleichmäßig, einige Töne sprechen stärker an, andere schwächer. Dann gibt es Register, die einfach schön voll klingen, andere Register aber klingen dünn, scharf und metallisch. Und das muss man einfach üben. Dazu kommen noch die äußeren Komponenten, von denen diese Instrumente einfach unheimlich abhängig sind.

Vom Wettereinfluss?

Ulrich Drechsler: Ja. Vor allem die Luftfeuchtigkeit ist eine Katastrophe. Also wenn es schwülheiß ist, geht das Ding auf wie ein Germteig, und es wird quasi unspielbar. Ich habe das zuletzt wieder auf einem kleinen Jazz-Festival in Rumänien erlebt. Das war so ein schwülheißer Abend, ich bin mir vorgekommen wie der größte Dilettant, weil das Ding einfach nimmer spielen wollte. Das ist eine echte Diva. Wie ein launischer Mensch.

Kommen wir zum Album „Little Peace Lullaby“. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit dem Pianisten Stefano Battaglia? Wie kam es zur Albumidee?

Ulrich Drechsler: Die Idee ist eigentlich älter. Ich habe 2011 ein Album aufgenommen, „Beyond Words“, mit Benny Omerzell, Lukas König und der israelischen Sängerin Efrat Alony. Da waren die ersten drei „Little Peace Lullabies“ drauf. Um es kurz zu erklären: Die Lullabys sind ja eigentlich keine Schlaflieder, wie oft in der Presse geschrieben wird, sondern Reminiszenzen an unsere Gesellschaft. Denn was wünschen wir uns alle? Nichts anderes, als unser Ding zu machen, in Frieden zu leben und unsere Ruhe zu haben. Darum geht es eigentlich. Das ist der kleine Frieden, den sich jede und jeder von uns ganz individuell wünscht. Keiner von uns strebt jetzt die Weltherrschaft an oder sonst was. Einige von diesen Liedern sind bestimmten Personen gewidmet und so sind es im Laufe der Jahre immer mehr geworden. Mittlerweile sind es, glaube ich, 27.

Auf das Album hat es aber nur ein Bruchteil dessen geschafft.

Ulrich Drechsler: Zehn Lieder, und ich glaube davon sind nur sieben Lullabys. Aufgenommen haben wir vierzehn Lullabys. Also insgesamt haben wir, glaube ich, 23 Nummern aufgenommen. Davon wurden vier gleich mal ausgesiebt, weil sie nicht ins Programm gepasst haben. Dann war kurz im Gespräch, dass wir ein Doppelalbum machen. Aber das wäre logistisch zu aufwendig gewesen, und Doppelalben verkaufen sich einfach nicht so gut, weil sie ein paar Euro teurer sind. Da haben wir gesagt: „Nein, wir nehmen einfach die besten zehn Nummern.“ Und die restlichen Lullabys stelle ich so nach und nach auf meinen SoundCloud-Account, um sie den Leuten auch zugänglich zu machen, weil es wirklich schöne Stücke sind. Ja, also 2011 kam mir das erste Mal die Idee mit den Lullabys und einer Zusammenarbeit mit Stefano Battaglia.

Ich bin ein eifriger ECM-Hörer, weil das einfach meinen Klangvorstellungen in vieler Hinsicht sehr nahekommt, weil ich ein großer Fan von viel, viel Raum in der Musik bin: ein Ton, Pause, viel Atmosphäre, das liebe ich. Und so bin ich zum ersten Mal auf Stefano gestoßen. Ich bin sehr beeinflusst von diesem ECM-Sound und von orientalischer Musik, von Sufi-Musik und indischer Musik. Da geht es jetzt gar nicht um den musiktheoretischen Zugang – das Tonleitermaterial und so was –, sondern vor allem um den emotionalen Zugang. Gerade Sufi-Musik hat für mich, nachdem ich auch mit einigen traditionellen persischen Musikern spielen durfte, eine unglaubliche emotionale Tiefe. Stefano Battaglias Musik hat mich gleich mitgenommen, ich habe seine ersten drei, vier, fünf Alben mit Begeisterung gehört und habe mich irgendwann in diesen Klavierklang von ihm verliebt. Ich habe ihm also eine E-Mail geschrieben, dass er einen Fan in Österreich hat und es vielleicht ja irgendwann die Gelegenheit gibt, dass wir einander treffen und vielleicht auch mal miteinander spielen. Ja, und dann kam auch ganz schnell eine Antwort zurück, dass er sich so über meine E-Mail gefreut hat und wir uns mal treffen müssen. Gut, dann war die Frage: „Wo wohnst du?“ „Ich wohne in Wien. Wo wohnst du?“ „Ich wohne in Siena.“ Zwei Monate später habe ich mich mit meiner Frau ins Auto gesetzt, um da unten eine Woche Urlaub zu machen. Stefano und ich haben dann jeden Vormittag bei ihm zu Hause ein paar Stunden gespielt und nachmittags haben meine Frau und ich Urlaub gemacht. Das lief so gut, dass wir beschlossen haben: „Machen wir ein Projekt daraus!“ Wir haben dann ein Jahr lang Konzerte gespielt und 2014 im Wiener Musikverein dieses Album aufgenommen, „Little Peace Lullaby“.

Warum hat es bis zur Veröffentlichung so lange gedauert?

Ulrich Drechsler: Es hätte bereits vorletztes Jahr im Herbst erscheinen sollen, im Herbst 2015, nur da haben wir dann ein Überlappungsproblem bekommen, weil Stefanos neues Album auch im September erschienen ist. Wenn dann meines im Oktober erschienen wäre, dann hätte sich die Presse teilweise gegenseitig ausgeblendet. Da habe ich gesagt: „Na gut, dann warten wir halt noch ein halbes Jahr.“

Die Rezensentinnen und Rezensenten waren sich ziemlich einig, dass das Album erzählerisch und lyrisch ist. Aber sind es jetzt eigentlich unterschiedliche Geschichten oder ist es eine Geschichte in vielen einander ähnlichen, aber doch besonderen Variationen?

Ulrich Drechsler: Es ist eigentlich eine Geschichte. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass das ganze Ding im Zusammenhang funktioniert. Es war aber gar nicht so geplant. Es funktioniert wie ein Liederzyklus. So wie in der Romantik, Schuberts „Winterreise“ und was es da alles gegeben hat. Die tollen Kunstlieder. So sehe ich auch die Lullabys. Die Lullabys unterscheiden sich ja zu dem, was ich davor gemacht habe, vor allem in großem Maße darin, dass sie sehr durchkomponiert sind und wenig, relativ wenig Improvisation zulassen. Sie bewegen sich irgendwo zwischen zeitgenössischer klassischer Musik und einem klanglichem Jazz-Idiom. Aber es ist relativ wenig, für eine Jazzplatte relativ wenig Improvisation darauf zu finden. Es ging mir darum, schöne kleine Geschichten zu erzählen. Schöne Melodien, gute Akkorde und eine gute Atmosphäre, eine gute Soundlandschaft.

Bild Ulrich Drechsler & Stefano Battaglia
Ulrich Drechsler & Stefano Battaglia (c) Wolf-Dieter Grabner

Haben Sie gemeinsam komponiert, gleichberechtigt?

Ulrich Drechsler: Nein, das sind meine Stücke. Alle. Was der Stefano gemacht hat, ist, dass er vieles teilweise neu ausharmonisiert hat, darin ist er einfach viel besser als ich. Er hat viele Akkorde einfach umgeschrieben, damit sie für ihn besser passen und einfach noch ein bisschen mehr Ausdruck haben. Aber es sind meine Stücke.

„Ich habe, wenn ich ein Stück schreibe, immer ein dramaturgisches Bild.“

Haben Sie beim Komponieren bestimmte Bilder im Kopf?

Ulrich Drechsler: Immer. Keine konkreten Bilder, aber immer ein Gefühl dafür. Mir ist in der Musik die Dramaturgie unheimlich wichtig. Ich bin sehr stark von Filmmusik beeinflusst, höre sie gerne und achte auch immer genau darauf, wie die Musik im Film funktioniert. Wie unterstützt sie die Dramaturgie? Ich habe, wenn ich ein Stück schreibe, immer ein dramaturgisches Bild: Soll das jetzt einfach nur auf einer Ebene dahinfließen oder soll das unterschiedliche Höhepunkte haben? Soll die Klarinette das Klavier unterstützen oder das Klavier die Klarinette? Schon bei Café Drechsler habe ich immer versucht, diese Hierarchie zwischen Soloinstrument und Begleitinstrument aufzulösen. Für mich sind alle Instrumente wirklich gleichberechtigt. Auf dem Album gibt zum Beispiel ein schönes Beispiel dafür: Das ist das Lullaby Nummer 10. Dieses ganz minimalistische Stück, wo wir nur einzelne Töne spielen, mit riesigen Pausen. Da habe ich mich ganz nah zum Klavier gestellt und habe meinen eigenen Ton, soweit es ging, unterdrückt. Ich habe ganz, ganz gepresstes Piano gespielt, weil ich eigentlich wollte, dass der Klarinettenton Bestandteil vom Klavier wird. Ich wollte, dass das Ganze wie eine Stimme klingt, die über ein paar Schattierungen verfügt, die man sonst nicht hört oder nicht erwartet. Das sind immer so meine Zugänge.

Würden Sie sagen, dass sich Ihre – metaphorisch gesprochen – musikalische Reise, die sich doch in Richtung Emotionalität und Reduktion entwickelt, jetzt mit diesem Album abgeschlossen ist? Oder geht sie weiter?

Ulrich Drechsler: Die geht weiter, immer weiter. Ich habe letzten Sommer angefangen, die Musik für das Nachfolgeprojekt zu schreiben.

Wird das noch stiller?

Ulrich Drechsler: Nein, es wird nicht still. Aber es wird in einer gewissen Hinsicht noch reduzierter. Es wird ein Quartettprojekt werden, in dem Stefano und zwei tolle junge Österreicherinnen mitspielen, Judith Ferstl und Judith Schwarz. Das sind zwei hochbegabte junge Damen, auch menschlich ganz entzückend, mit denen ich jetzt im Trio spiele und eben auch im Quartett. Und die Musik, die ich dafür schreibe, ist zum Beispiel ganz stark geprägt von so unterschiedliche Inspirationen wie Max Richter, den manche banal finden, ich aber halte das, was er macht, für hohe Kunst, weil ich es super finde, den Menschen mit so wenigen Mitteln in so einer kurzen Zeit in eine derartige Tiefenentspannung versetzen zu können. Gleichzeitig hat es immer einen unglaublichen hohen qualitativen Anspruch. Richter höre ich sehr viel. Dann höre ich dazu ganz viel die britische Trip-Hop-Band Lamb. Da liebe ich einfach dieses symphonische Pathos. Also das neue Projekt wird, wenn man das so sagen kann, eine Art Surrogat aus Lamb, Charles Lloyd und Max Richter.

Schwer vorstellbar.

Ulrich Drechsler [lacht]: Ja. Strukturell wird es noch klarer werden und vielleicht sogar noch weniger Improvisation beinhalten, noch mehr durchkomponiert sein. Aber es wird jetzt nicht noch stiller werden.

Die Essenz des Albums haben Sie eigentlich schon zusammengefasst. Würden Sie auch sagen, dass es das ehrlichste Album ist, das Sie jemals gemacht haben?

Ulrich Drechsler [überlegt]: Gute Frage.

Oder das nachdenklichste?

Ulrich Drechsler: Also, ich glaube, es ist sicherlich eines der besseren Alben, die ich gemacht habe.

„Es geht nie darum, dass sich jetzt einer von uns beiden in Szene setzt.“

Wobei wir jetzt nicht darüber sprechen wollen, was die schlechten sind …

Ulrich Drechsler: Nein, aber ich bin da einfach sehr selbstkritisch, weil ich bei vielen Alben – wie es auch vielen anderen Musikerinnen und Musikern passiert – mit einer irrsinnigen Erwartungshaltung ins Studio gegangen bin und dann zwangsläufig nicht das rauskam, was ich mir erhofft habe. Das ist mir bei diesem Album ganz gut geglückt. Ich habe mit dem Stefano aber auch einen ganz tollen Partner gefunden, mit dem ein Musizieren auf absoluter Augenhöhe stattfindet, mit großer gegenseitiger Achtung. Es geht nie darum, dass sich jetzt einer von uns beiden in Szene setzt. Es ist wie in einem guten Gespräch. Da wir schon zwei, drei Tage vorher im Musikverein proben und uns an das Klavier und an den Raumklang des Gläsernen Saals gewöhnen konnten, waren wir auch sehr entspannt bei den Aufnahmen. Aufgenommen haben wir dann eigentlich nur an zwei Tagen. 23 Stücke. Der Output war gewaltig. Und wir sind dabei nie an den Punkt gekommen, an dem wir das Gefühl hatten, dass wir feststeckten, dass wir eine Pause machen müssten.

Wieso haben Sie sich überhaupt für den Musikverein als Aufnahmeort entschieden?

Ulrich Drechsler: Zum einen hat das einen ganz pragmatischen Hintergrund, weil es natürlich nicht so viele Studios in Österreich gibt, die über einen guten Flügel verfügen. Und wenn, dann meist zu horrenden Preisen. Und dann habe ich zu der Zeit ein paar Konzerte im Musikverein gegeben und auch der Intendantin der neuen Säle ein paar Vorschläge bezüglich der Programmierung gemacht. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, den Gläsernen Saal, der normalerweise ein Vermögen kostet, zu wirklich sagenhaften Konditionen zu bekommen. Da habe ich mir dann gesagt: „Wenn wir da schon reindürfen, dann probieren wir das einfach aus.“ Das hat auch für diese Duo-Konstellation ganz gut funktioniert. Mit einem Quartett wäre das undenkbar gewesen.

Das bringt mich zur nächsten Frage: Welches Setting – Sie haben die Lullabys ja schon mehrfach live aufgeführt – braucht man konzertant?

Ulrich Drechsler: Es steht und fällt mit dem Flügel. Und es braucht einen intimeren Rahmen. Es funktioniert toll in Kammermusiksälen, auch in größeren. Es funktioniert auch in richtig guten Clubsituationen. In Wien hat es z. B. im Berio-Saal im Konzerthaus oder im Muth im Augarten besonders gut funktioniert. Da ist es perfekt. Aber es steht und fällt mit dem Flügel. Wenn man einen mittelmäßigen Flügel hat, kommt man schon ins Schwimmen, weil es eben auch von der Intonation her ein sehr heikles Programm ist.

„In den letzten Jahren haben sich meine Hörgewohnheiten sehr stark geändert.“

Wie sind Sie eigentlich zur Bassklarinette gekommen? In den Café-Drechsler-Tagen war es ja das Saxofon, das Sie vorrangig gespielt haben.

Ulrich Drechsler: Ich wollte eigentlich klassische Klarinette studieren. Und während meines Saxofonstudiums mit Pflichtfach Klarinette habe ich dann festgestellt, dass ich ja doch Klarinettist bin. Also das war dann so mit Mitte zwanzig, dass ich erstmalig mit der Bassklarinette in Kontakt gekommen bin und festgestellt habe, dass das eigentlich ein tolles Instrument ist. Und dann bin ich schrittweise dazu übergegangen, das Saxofon gegen die Bassklarinette auszutauschen. In den letzten Jahren haben sich meine Hörgewohnheiten sehr stark geändert. Vor drei, vier Jahren etwa habe ich in einem Anfall von Wahnsinn die Klassikabteilung bei Saturn und Media Markt leer gekauft, das heißt, ich habe mir dreißig, vierzig Gesamtaufnahmen von Komponistinnen und Komponisten, die ich gerne höre, gekauft. Ich habe die letzten zwei Jahre wie ein Wahnsinniger Klassik gehört, weil ich einfach merkte, dass ich vom Schönheitsideal, vom Klangideal her der Klassik näher bin als dem Jazz.

Ulrich Drechsler (c) Wolf-Dieter Grabner

Sehen Sie „Little Peace Lullaby“ als einen weiteren Schritt in diese Richtung, was den Ausdruck anbelangt?

Ulrich Drechsler: Auf jeden Fall. Rachmaninow, den ich momentan sehr viel höre, ist ein gutes Beispiel: Der hat auch Filmmusik geschrieben und chansonartige Lieder, qualitativ hochwertvolle Musik, für alle verständlich, hochemotional und mit wunderschönen Klängen. Oder seine Klavierkonzerte: ganz großartige Musik. Gerade bei den osteuropäischen Komponistinnen und Komponisten gibt es immer diesen großen emotionalen Faktor. Bei uns in der westlichen Musik – dafür werden mich jetzt auch viele ans Kreuz nageln wollen – geht es bei vielen Komponistinnen und Komponisten sowie Musikerinnen und Musikern vor allem auch um Leistung. Es geht in der zeitgenössischen ernsten Musik vielfach darum, die Musikerin bzw. den Musiker, das Instrument an die Grenzen des Machbaren zu bringen. Wo man sich dann denkt: „Was ist das jetzt? Worum geht‘s da eigentlich? Was will mir die Musik sagen? Was ist da die Geschichte dahinter?“ Und dann gibt es die großen osteuropäischen Komponistinnen und Komponisten, die sich sehr stark auf die Romantik und Spätromantik beziehen. Die haben da einen anderen Zugang. In meinen Ohren – aber das ist natürlich sehr subjektiv – haben die einen viel musikalischeren Zugang. Ein tolles Beispiel ist Arvo Pärt, bei dem alle darüber rätseln, wie jemand, der so minimalistische Musik schreibt, die eigentlich allen Faktoren, die in der Kunstmusik gang und gäbe sind, widerstrebt, so erfolgreich sein kann.

Würden Sie sagen, dass diese Begeisterung für osteuropäische Musik Einfluss auf die eigene Musik genommen hat?

Ulrich Drechsler: Großen. Arvo Pärt, György Ligeti und Walentyn Sylwestrow: Was die in vielerlei Hinsicht von westeuropäischen zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten unterscheidet, ist in meinen Ohren – aber ich bin ja auch nur ein dilettantischer Zuhörer –, dass sie einfach nie das Gefühl für Melodie und Emotion aus den Augen verloren haben. Arvo Pärt sagte, sein Ziel sei es, dass in seiner Musik der eine schöne Ton gespielt wird. Das sei der wichtigste Inhalt seines Schaffens. Genau da hole ich mir sehr viel Inspiration. Der Kompositionsstil von Arvo Pärt ist, wenn man ihn genau betrachtet, unglaublich einfach: Es gibt nur drei Klänge, die übereinandergeschichtet werden und in unterschiedlichen zeitlichen Abfolgen gespielt werden. Dabei hält die eine Stimme die Terz von einem Dreiklang doppelt so lange wie die darüberliegende Stimme und so entsteht ein fließender Auf- oder Abstieg, dieses Schwebende. Es gibt also immer einen statischen Part und einen, der sich bewegt, wobei es sich ändert, welcher Part sich bewegt und welcher statisch ist. Das ist auch etwas, was ich an der Musik von Stefano sehr liebe: Dass er vor allem bei seinen Trio-Platten – er hat ein sagenhaftes Trio – sehr großflächig denkt, sich in großen klanglich atmosphärischen Landschaften bewegt, wo zwar eigentlich wahnsinnig viel passiert, aber man das Gefühl hat, als ob nichts passierte. Es fließt einfach nur dahin. Das habe ich sehr an seiner Spielweise zu schätzen gelernt.

Möchten Sie zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft riskieren? Was bewegt Sie?

Ulrich Drechsler: Mittlerweile habe ich immer mehr das Gefühl, dass – egal was man im Leben macht – alles immer eine Balance haben muss. Wenn man was mit zu großer Intensität betreibt, hat das auch Einfluss auf den Rest des Lebens. Wenn ich mal Tage habe, an denen ich es wieder mal wissen will und dann vier, fünf Stunden sitze und übe, bin ich hinterher richtig weltfremd. Dann muss ich kurz wieder die Kommunikation mit meiner Frau lernen oder mal kurz um den Block gehen, damit ich wieder am normalen Leben teilnehmen kann. Und: Ich gehe jetzt auf die fünfzig zu. Ich muss nicht mehr alles machen. Es gibt ein paar Sachen, die kann ich. Es gibt ein paar Sachen, die ich noch lernen möchte, und es gibt ein paar Sachen, die kann ich nicht. Das muss ja auch nicht sein. Aber die Sachen, die ich kann und die mir wichtig sind, und die Aspekte in meinem Leben, die mir wichtig sind, die will ich weiterpflegen und ausbauen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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