„ES GIBT DIESEN MAGISCHEN MOMENT, WENN MAN SICH WIRKLICH ZUHAUSE FÜHLT – SANNA LU UNA IM MICA-INTERVIEW”

Zwischen Urwaldgeräuschen, Kurenti-Perchten und poetischen Loops erforscht SANNA LU UNA auf ihrem Debütalbum „Pierce the Ground“ Schichten von Klang, Körper und Erinnerung. Die Wiener Musikerin, Produzentin und bildende Künstlerin öffnet darauf nicht nur eine atmosphärische Klangwelt, sondern auch Fragen nach Verortung, Identität und dem, was bleibt, wenn man sich durch alles hindurch gehört hat. Im Gespräch mit Ania Gleich geht es um Sounddesign als Selbstermächtigung, Social Media als ambivalente Bühne – und um den Moment, wenn ein Song wie ein Wald wird, in dem man sich verlaufen will. „Pierce the Ground“ erscheint am 4. April. 

Mir ist aufgefallen, dass du auf Social Media sehr klar und ästhetisch auftrittst – gleichzeitig wirkt das aber nie aufgesetzt. Wie hast du deinen Umgang damit gefunden?

Sanna Lu Una: Social Media ist für mich so eine Hassliebe – oder eigentlich stimmt das auch nicht ganz. Es ist irgendwie eine Herausforderung, eine Community aufzubauen und auf natürliche Weise die Leute zu erreichen. Aber gleichzeitig muss ich sagen, ich sehe es mittlerweile auch positiv. Gerade für Leute wie mich, die kein Label haben und alles selbst machen – irgendwo muss man ja die Möglichkeit haben, an die Menschen heranzukommen.

Was meinst du damit genau – inwiefern positiv?

Sanna Lu Una: Man kann dadurch Leute finden, die ähnlich denken wie man selbst. Und das finde ich eigentlich richtig schön. Aber es hat definitiv gedauert, bis ich gelernt habe, das Negative herauszufiltern und mehr das Positive zu sehen. Dass es wirklich möglich ist, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck zu finden und so zu präsentieren, wie man sich wohlfühlt – und eben nicht mit dem Strom mitschwimmen zu müssen.

Ich frage auch deshalb, weil ich finde, dass deine Musik da irgendwie total dagegen steht. Also Social Media fühlt sich oft so konform und laut an – deine Musik aber überhaupt nicht. 

Bild der Musikerin und Produzentin Sanna Lu Una, fotografiert von oben
Sanna Lu Una © Olesya Parfenyuk

Sanna Lu Una: Voll. Ich selbst bin auf Social Media wahrscheinlich eher introvertiert, in meinem Freundeskreis aber eher extrovertiert. Es ist ja auch was ganz anderes, ob man mit Menschen interagiert, die man kennt, oder ob man sich in einem Raum bewegt, in dem man niemanden kennt.

Das ist ja fast die Definition von introvertiert: In vertrautem Umfeld laut, in der Fremde zurückhaltend. Und Social Media ist ja irgendwie wie ein ständiger Raum voller Fremder.

Sanna Lu Una: Total. Aber man kann eben auch herausfinden, wer dazugehört, wer auf der gleichen Wellenlänge ist – und das finde ich wiederum schön. Noch schöner ist es natürlich bei Konzerten, wenn das Ganze realer wird. Aber Social Media war nichts, was ich mir aktiv ausgesucht habe – das ist einfach etwas, das auf einen zukommt. Und dann muss man seinen Weg finden – oder eben nicht.

Und du hast deinen gefunden?

Sanna Lu Una: Ja, irgendwie schon. Wobei sich das jetzt gerade auch wieder ein bisschen aufbricht, wegen der politischen Lage und allem, was da gerade passiert. Ich weiß nicht, wie es mit Meta und Co. weitergeht …

Ja, stimmt.  Ich finde es trotzdem interessant zu sehen, wie Menschen, die sich nicht so mit dieser Welt identifizieren, trotzdem ihren Zugang dazu finden.

Sanna Lu Una: Ich komme ja eigentlich aus der bildenden Kunst – und ich glaube, deswegen habe ich auch eine sehr visuelle Herangehensweise an Musik. Das ist einfach mein Ursprung. Social Media – egal auf welcher Plattform – ist für mich auch eine Erweiterung. Eine Möglichkeit, eine ganze Welt zu zeigen. Und da ist das Visuelle einfach ein Teil davon.

„DAS WAR DIESER MOMENT, WIE IHN MALER:INNEN VIELLEICHT HABEN, WENN SIE SICH IM BILD WIEDERFINDEN.”

Da nehme ich gleich das Stichwort auf: Du hast gesagt, du kommst aus der bildenden Kunst – was genau hast du gemacht, und wie kam dann der Switch zur Musik? 

Sanna Lu Una: Also vor der bildenden Kunst war Mode mein Thema – ich war auf der Modeschule, da war Zeichnen ein großes Element. Und in meiner Familie gibt es viele bildende Künstler:innen, Maler:innen – also der Zugang war einfach da. Musik war immer ein großer Begleiter, eine Passion, aber es war nicht klar, dass ich das machen kann. Das Zweidimensionale war irgendwie das, was mir in die Wiege gelegt wurde – und es war ein schneller Ausdruck, der mir gut lag.

Warst du dann auch auf der Akademie der bildenden Künste?

Sanna Lu Una: Genau, ich habe gerade mein Diplom gemacht – in Malerei. Aber schon im zweiten oder dritten Semester habe ich gemerkt, dass Musik irgendwie mehr mit mir macht. Ich habe mich dort anfangs stark zurückgezogen, weil es einfach so viele talentierte Leute gab, mit denen man sich automatisch vergleicht. Und dann bin ich über so eine Loop-Maschine und ein Effektgerät für die Stimme zum Experimentieren gekommen – und hatte diesen einen Moment, wo ich dachte: Das ist es! Das ist mein Medium.

Also war das so ein Aha-Moment für dich?

Sanna Lu Una: Ja, total. Ich habe da allein in diesem Soundkeller gesessen, experimentiert – und plötzlich war da dieser eine Sound, der mich so klar gespiegelt hat. Da wusste ich: Das ist mein Weg. Kurz danach wurde ich für Performances und Sounddesign angefragt, auch für ein Tanzstück – und so habe ich mein Solo erarbeitet. Die Akademie war da auch ein super Ort, weil ich den Freiraum hatte, mich auszuprobieren.

Und das war vor wie vielen Jahren?

Sanna Lu Una: Ich mache jetzt seit etwa acht Jahren Musik. Also spät angefangen – aber das Album, das jetzt rauskommt, ist tatsächlich meine erste Sammlung an Songs, die ich je geschrieben habe.

Was hat dir die Musik gegeben, was die Malerei nicht konnte?

Sanna Lu Una: Freiraum – das ist wirklich das richtige Stichwort. Beim Zeichnen bin ich irgendwann an Grenzen gestoßen. Es war flach, zweidimensional. Beim Sound war da plötzlich Raum, Körperlichkeit. Mein Zugang ist oft über den Körper – und der Sound hat mich da abgeholt. Das war dieser Moment, wie ihn Maler:innen vielleicht haben, wenn sie sich im Bild wiederfinden. Das hatte ich beim Zeichnen nie. Aber in diesem einen Moment mit der Musik – da habe ich mich gehört. Und da wusste ich: Das ist es.

Aber gerade der Raum ist ja auch in der Malerei besonders wichtig – nur eben auf einer ganz anderen Ebene. Der musikalische Raum hat für mich etwas Magischeres als der, der Malerei. Kannst du das nachvollziehen?

Sanna Lu Una: Das kann ich gar nicht so genau beurteilen. Ich glaube, es gibt diesen magischen Moment, wenn man sich wirklich Zuhause fühlt – und gesehen fühlt. Und für mich war das eben die Musik, oder genauer gesagt: der Sound. Aber ich glaube, das ist auch eine Typfrage – was ein Mensch braucht, was ihm entspricht. Bei mir war’s jedenfalls der Sound.

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Und du hast ja auch erzählt, dass dein Vater Musiker ist. Hat er dich da auch unterstützt?

Sanna Lu Una: Ja, total. Ich bin zwar viel mit der Familie meiner Mama aufgewachsen, wo bildende Kunst immer ein Thema war. Aber mein Vater ist Musiker – und er hat mich auf diesem zweiten Lebensabschnitt begleitet. Gerade am Anfang, wenn’s um Technik ging, habe ich ihn oft angerufen, wenn ich nicht weiter wusste.

Ich finde das total schön, was du erzählst. Dadurch bist du dann auch in die Produktion reingewachsen?

Sanna Lu Una: Genau, durch diese Hilfestellung bin ich auch mehr in die Produktion gekommen. Ich habe letztlich alles selbst produziert.

Es wirkt fast so, als wärst du wie ein Gefäß, durch das Einflüsse deiner Eltern durchfließen.

Sanna Lu Una: Ja, voll. Das ist mir eigentlich erst im Nachhinein bewusst geworden – nach der Titelentscheidung fürs Album, nach dem ganzen Schreibprozess. Dass man diesen Einflüssen gar nicht so ausweichen kann, wie man vielleicht manchmal glaubt oder will. Meine Mutter ist Keramikerin, und deswegen passt „Pierce the Ground“ fast noch mehr: ich wurde sehr beeinflusst von einer Erziehung und dieser liebevollen Beziehung zur Erde. Die Materie war bei uns zu Hause ständig präsent. Und jetzt ist sie eben im Album sehr stark da. Darüber habe ich während des Schreibens nie wirklich nachgedacht – das kam erst später, als alles schon feststand. 

Das ist aber ein sehr schöner Gedanke.

Sanna Lu Una: Ja, ich habe das in den letzten zwei Jahren für mich akzeptiert – ganz unbewertet. Es ist einfach alles da. Und das darf auch so sein.

Ich finde, das ist eh ein schöner Akzeptanzmoment: zu merken, dass man immer ein Gefäß ist – für das, was man erlebt, wie man sozialisiert wurde. Und gleichzeitig wird es nie exakt die gleiche Kombination geben, wie du sie in dir trägst.

Sanna Lu Una: Ja, darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Auch nicht, dass sich irgendetwas wiederholt. Natürlich wird man oft verglichen als Musikerin oder Künstlerin. Aber wir sind alle Schwämme – wir saugen alles auf. Und das ist ja auch etwas Schönes.

Ich hätte dich sowieso gefragt, was für persönliche oder thematische Schichten in deinem Album eine Rolle spielen. Jetzt haben wir schon viel über Familie gesprochen – aber gibt es noch andere Schichten? 

Sanna Lu Una: Gute Frage. Es ist ja mein erstes Album – da war natürlich sehr viel aufzuarbeiten. Es ist durchzogen von großen Emotionen. Und es war auch eine nicht ganz einfache Zeit für mich persönlich, in der das Album entstanden ist. Musik war für mich immer ein Weg, Dinge zu transformieren – aus etwas Negativem, etwas Positives zu machen. Das liebe ich, und das gibt mir auch einen spielerischen Zugang. Ich mag es, Metaphern zu finden, um das Innen nach außen zu stülpen. Und ich sehe darin auch einen utopischen, politischen Akt: Dinge, die ich aus der Natur kenne, als Bild für meine inneren Zustände zu nutzen. Das ist für mich auch eine Form von Wertschätzung gegenüber der Außenwelt – und ein Hinweis darauf, wie sehr wir von der Natur abhängig sind.

„ICH GEHE GERN RAUS, LASSE MICH TREIBEN UND SCHAUE, WOHIN MICH DAS HÖREN FÜHRT.” 

Ich hatte auch das Gefühl, dass du eine Balance schaffst zwischen konkreten Bildern und einer gewissen Abstraktion. Ist das bei dir intuitiv entstanden oder hattest du da eine konkrete Herangehensweise beim Schreiben?

Sanna Lu Una: Also grundsätzlich: Ich habe keine Herangehensweise. Wirklich nicht. Es ist alles ganz impulsiv entstanden. Deshalb ist es auch kein Konzeptalbum, sondern eher ein Prozess. Es haben sich einfach Stück für Stück Puzzleteile gezeigt, und irgendwann erkennt man das große Ganze – erst im Nachhinein versteht man wirklich, was man gemacht hat.

Also war der Zugang emotional?

Sanna Lu Una: Ja, meistens steht die Emotion am Anfang. Manchmal ist es ein Satz, der mir nicht aus dem Kopf geht. Oder ich setze mich ans Klavier, produziere digital, höre Klänge – und dann entstehen Bilder. Aber die Emotion ist oft der Auslöser.

Das heißt, jeder Song ist ein bisschen anders entstanden – auch in der Reihenfolge?

Sanna Lu Una: Genau. Es war ein Austesten. Ich bin ja relativ spät in die Musik eingestiegen und musste erst herausfinden, wie ich eigentlich schreibe. Das Album war so eine Art Selbstversuch – wie floatet es, was funktioniert für mich?

Aber obwohl du sagst, es ist kein Konzeptalbum, finde ich, dass sich die Songs sehr gut zusammenfügen.

Sanna Lu Una: Ja, das war dann ab der Hälfte so. Wenn man fünf Lieder geschrieben hat, merkt man: Da gibt es vielleicht ein Thema, eine gewisse Obsession. Und dann wird man sich dessen bewusster – ab da schreibt man nicht mehr blind. Dann sieht man den roten Faden.

Was ist dein roter Faden?

Sanna Lu Una: Inhaltlich sicher meine Art zu texten – und die Stimme. Das ist so der Kleber. Und klanglich sind es zum Beispiel die Streicher, die wiederkehren. Aber das Textliche und die Stimme tragen vieles zusammen.

Bild der Musikerin und Produzenton Sanna Lu Una
Sanna Lu Una © Kathrin Hanga

Hast du die Field Recordings alle selbst aufgenommen?

Sanna Lu Una: Ja, genau. Field Recordings sind ein wichtiger Teil für mich. Ich sehe sie als dokumentarische Elemente – so eine Art akustisches Tagebuch. Ich gehe gerne raus, lasse mich treiben und schaue, wohin mich das Hören führt. Manchmal habe ich auch bestimmte Orte im Kopf, die ich aufnehmen will. Und auf Reisen habe ich fast immer ein Aufnahmegerät dabei. Das ist mir total wichtig – dass ich die Sounds selbst aufnehme und nicht aus irgendeinem Online-Archiv hole. Ich will einen Bezug dazu haben.

Das heißt, du warst schon viel unterwegs?

Sanna Lu Una: Geht so. Aber Reisen ist definitiv etwas, das ich liebe – wenn ich Zeit und Geld habe, mache ich das sehr gerne. Auch als Kind war ich viel mit meiner Mama unterwegs. Dieses Fernweh ist etwas, das ich total spüre – wenn ich zu lange an einem Ort bleibe, muss ich einfach raus.

Du bist in Wien aufgewachsen?

Sanna Lu Una: Ja, ich bin Wienerin.

Die Aufnahmen, die man jetzt auf dem Album hört – sind die alle in Österreich entstanden?

Sanna Lu Una: Zum größten Teil ja. Ich war einmal in Sri Lanka, da habe ich die ganze Reise lang versucht, Fledermäuse in Höhlen im Dschungel zu finden. Das hat nicht ganz geklappt – aber dafür habe ich ganz tolle Vogel- und Dschungelgeräusche aufgenommen. Die sind in einem Song gelandet. Und in Slowenien habe ich Kurenti-Perchten aufgenommen.

Kurenti – also diese lustigen Perchten?

Sanna Lu Una: Genau. Die sind positiv besetzt, tragen Glocken und laufen durch die Stadt. Nicht wie die Krampus-Figuren, die man hier kennt. Mich interessieren generell diese alten, oft keltischen Traditionen – wie sie mit der Natur, mit Zyklen, mit Übergängen umgehen. Das war auch schon beim Zeichnen ein Thema von mir: Perchten aus ganz Europa.

Also auch diese ursprünglichen spirituellen oder jahreszeitlichen Bezüge?

Sanna Lu Una: Genau. Diese anderen Herangehensweisen und Inspirationsquellen – wie man mit der Natur in Beziehung tritt. Das finde ich total spannend. Ich habe zum Beispiel ein Buch von einem Fotografen, der verschiedene Perchten dokumentiert hat – das war sehr inspirierend.

„DAS KLAVIER IST EIN SCHÖNES GEGENSTÜCK ZUM COMPUTER – MAN FOKUSSIERT SICH MEHR AUF DAS HIER UND JETZT”

Ich habe dich auch deshalb nach deinem Aufwachsen gefragt, weil du in deinem Album so einen starken Fokus auf Natur legst. Und als Wienerin denkt man sich ja manchmal: Wie kommt dieser starke Naturbezug zustande?

Sanna Lu Una: Ich verstehe das sehr gut. Ich hatte aber tatsächlich immer sehr viel Natur um mich herum. Ich bin im 14. Bezirk aufgewachsen – mit Garten. Und wir waren auch sehr viel unterwegs. Meine Eltern hatten zwei VW-Busse, mit denen wir oft verreist sind. Ich war viel draußen, viel unterwegs.

Das klingt sehr idyllisch.

Sanna Lu Una: Ja, das war auch wirklich schön. Und ich bin auch in Südburgenland geboren, da leben meine Großeltern. Dort gibt es dieses eine Haus, wo ich im Sommer immer war. Das ist für mich so ein Ort der Stabilität – mein Seelenhaus, würde ich sagen. Wir sind in Wien sehr oft umgezogen, aber dieses Haus war immer da.

Okay, zurück zum Album: Wir haben schon über Elemente gesprochen, aber noch nicht so konkret über Technik. Du hast erzählt, dass du dir alles selbst beigebracht hast. Welche Instrumente haben dich besonders geprägt?

Sanna Lu Una: Also zuerst mal: Ich bin mit keinem Instrument aufgewachsen. Ich hatte vielleicht ein halbes Jahr Klavierunterricht – das war’s. In meiner Familie wurde auch nicht gesungen. Aber ich hatte immer das Bedürfnis zu singen. Das ist definitiv mein Ursprung – die Stimme. Damit habe ich auch begonnen, Songs zu schreiben. Melodien summen, aufnehmen – so hat das alles angefangen.

Ich dachte nur, weil dein Vater Musiker ist, vielleicht gab es da mehr musikalischen Input?

Sanna Lu Una: Eher technisch, aber nicht so, dass ich mit Instrumenten groß geworden wäre. Wie gesagt, die Stimme war mein Zugang. Und seit letztem Jahr schreibe ich auch vermehrt am Klavier. Das ist ein schönes Gegenstück zum Computer – man fokussiert sich mehr aufs Hier und Jetzt, lässt sich vom Klang leiten.

Also siehst du dich auch als Produzentin?

Sanna Lu Una: Ja, absolut. Ich sitze viel am Computer, arbeite in Projekten, schneide meine Field Recordings, spiele mit MIDI-Instrumenten oder Plug-ins. Ich probiere einfach aus. Es gibt keinen fixen Ablauf – kein „Zuerst kommt der Text“. Es ist ein intuitiver Prozess.

Und du hast auch mit anderen Musiker:innen zusammengearbeitet, oder? Vor allem wegen der Streicher?

Sanna Lu Una: Ja, das war ein großer Wunsch von mir. Ich habe zuerst digitale Streicher aufgenommen – aber ich wollte unbedingt echte. Und dann haben sich durch viele schöne Zufälle tolle Musiker:innen gefunden, die bereit waren, ins Studio zu kommen und meine Melodien aufzunehmen. Es waren Bratsche, Geige, Cello, Kontrabass – und sogar ein Trompeter war da. Ich habe sogar ein sogenanntes Geofon verwendet, das ich auf einer Tuba angebracht habe, um ganz tiefe Frequenzen einzufangen. Das sind jetzt so richtig nerdige Details – aber ich liebe das!

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Ich liebe Nerd-Sachen!

Sanna Lu Una: Ja, das sind Dinge, die nicht alle sofort verstehen – aber ich bin sehr detailverliebt. Wenn ich an etwas arbeite, dann mache ich es zu tausend Prozent.

Ich mag es, wenn Musik Resonanzen hat, die über den Track hinausgehen – ein Gefühl, das bleibt. Nicht bloß ein Ohrwurm, sondern etwas Tieferes.

Sanna Lu Una: Ja, voll. Ich glaube stark an Prozesse – und ich glaube auch, dass Prozesse hörbar sind. Mein Wunsch ist, dass man die Lieder öfter als nur einmal hört. Dass man immer mehr darin findet. So wie in einem Urwald, in den man eintaucht – je mehr du dich hineinbegibst, desto mehr entdeckst du.

Wie viel hast du eigentlich schon live mit dem Projekt gespielt?

Sanna Lu Una: Also ich habe schon in anderen Bands gespielt – zum Beispiel war ich in der Live-Band von Sophia Blenda.

Was hast du da gemacht?

Sanna Lu Una: Backing Vocals und Sampling – also genau das, worin man sich gut verlieren kann. Sie hat mich gut für diese Aufgabe ausgewählt. 

Und mit deinem Solo-Projekt – gab es da schon Auftritte?

Sanna Lu Una: Ja, schon. Ich habe 2020 mit dem Projekt begonnen – aber dann kam Corona, was natürlich alles verlangsamt hat. 2021 kam dann die erste Single „The Gate“. Und trotzdem habe ich einige Konzerte gespielt – hauptsächlich in kleineren Locations, wie dem Rhiz. Ich konnte mich durch solche Auftritte austesten. Zum Beispiel habe ich die Single „The Gate“ live gespielt, lange bevor sie fertig war – und der Text hat sich erst durch die Live-Performances entwickelt. Am Anfang habe ich einfach irgendwas gesungen. 

„ALS FRAU HABE ICH OFT DAS GEFÜHL, MICH BESONDERS BEWEISEN ZU MÜSSEN.”

Gibt es auch andere Locations, wo du dir vorstellen könntest, zu spielen? 

Sanna Lu Una: Zum Beispiel die Breitenseer Lichtspiele finde ich super. So Kino-Locations könnten gut passen.

Würde deine Musik das tragen? Ich finde sie ja teilweise sehr cinematisch.

Sanna Lu Una: Ja, das denke ich auch. Es gibt da auch ein paar Projekte, die noch unter der Oberfläche arbeiten…

Ah, okay – geheim?

Sanna Lu Una: Ein bisschen. Vielleicht mit Visuals, Film, sowas in die Richtung. Und ab Sommer habe ich mit Angelo, einem Cellisten, auch einen Bandkollegen. Es weitet sich gerade sehr aus.

Schön. Das klingt nach einem nächsten Schritt – von allein auf der Bühne zu mehr Zusammenarbeit.

Sanna Lu Una: Ja, total. Die Lieder sind inzwischen so verinnerlicht – jetzt kann sich wieder etwas öffnen, etwas brechen. Und ich glaube, es ist auch an der Zeit, sich zu erweitern. Als Frau habe ich oft das Gefühl, mich besonders beweisen zu müssen. Besonders laut, besonders stark zu sein. Und das ist natürlich auch eine Art Maske, die man aufsetzt, um gesehen zu werden.

Ich verstehe das total. Gerade als Solokünstlerin, ohne Label oder großes Team.

Sanna Lu Una: Ja, und es ist auch auslaugend. Man verdient ja heutzutage hauptsächlich durch Live-Auftritte Geld – und ein bisschen durch Merch. Das ist echt schwer. Deshalb habe ich jetzt für mich beschlossen: Ich mache das alles in meinem Tempo. Es soll Spaß machen. Und entweder ich finde so meinen Weg – oder eben nicht.

Klingt nach einer gesunden, burnout-präventiven Haltung.

Sanna Lu Una: Ja, ich musste auch mal an diesen Punkt. Es ist nicht so, dass mir das nicht schon passiert wäre – dass ich komplett an meine Grenzen gekommen bin. Ich mache halt den Job von zehn Leuten.

Hast du schon ein Debütkonzert fürs Album oder einen kommenden Live-Termin?

Sanna Lu Una: Das Einzige, was bisher fix ist, ist das „Blechsonne“-Festival in der Nähe von Berlin. Vieles andere ist im Schwebemodus. Die meisten Sachen passieren erst im Herbst.

Aber das klingt doch gut. Es muss ja nicht immer sofort alles passieren.

Sanna Lu Una: Ja, genau das habe ich für mich gelernt. Nicht alles muss sofort, nicht alles muss nach dem „richtigen“ Schema laufen. Vielleicht funktioniert’s gerade dann, wenn man es anders macht.

Ich habe gelesen, das Vinyl ist auf recyceltem Material gepresst?

Sanna Lu Una: Ja! Es ist sogar klimaneutral produziert – das Presswerk heißt duophonic. Das ist in der Nähe von Augsburg. Die bieten recyceltes Vinyl an – was ja mittlerweile viele machen. Aber sie sagen auch, dass ihre Produktion klimaneutral ist. Ich habe sogar eine Urkunde bekommen. 

Bild der Musikerin und Produzentin Sanna Lu Una
Sanna Lu Una © Ronja Elina Kappl

Vinylpressung ist ja auch nicht gerade günstig.

Sanna Lu Una: Nein, überhaupt nicht. Ich habe aber eine SKE-Förderung bekommen – relativ spät, aber es war schon lange mein Wunsch, eine kleine Auflage zu produzieren. Und durch die Förderung ist es dann möglich geworden. Ich hab mir gedacht: Lieber weniger Platten, aber dafür ein gedrucktes Inner Sleeve, recyceltes Vinyl – einfach so, wie ich selbst glücklich damit bin. Nicht nur, damit ich eine Platte habe, sondern eine, bei der sich alles stimmig anfühlt.

Wenn du jetzt mit Pierce the Ground all diese verschiedenen Schichten durchstochen hast – was liegt am Ende unten? Oder oben? Oder überall?

Sanna Lu Una: Der Körper. Ganz klar: der Körper.

Was sind deine nächsten Schritte? Gibt es noch ein anderes Projekt, von dem wir gar nichts wissen?

Sanna Lu Una: Nein, gerade ist es ganz klar die Musik. Ich produziere zwar manchmal auch Sounddesign-Sachen – zum Beispiel neulich für ein kleines Video, das Teil einer Installation war. Ich liebe Kollaborationen, aber am wohlsten fühle ich mich gerade wirklich in der Musik und im Sound. Sounddesign ist voll mein Ding. Und das alles fängt für mich gerade erst an – ich sehe mich gerade in nichts anderem.

Also kein neues Sideprojekt?

Sanna Lu Una: Das wär so typisch Teenager-Me. Aber nein, im Moment bleib ich dabei. Ich finde es auch schön, verschiedene Talente in einem Medium zu vereinen. Und jetzt probiere ich diesen Weg einfach mal aus – und schau, wohin er mich führt.

Das ist ein schönes Schlusswort.

Sanna Lu Una: Ja, schön. Danke dir auf jeden Fall für das Gespräch.

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Ania Gleich 

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